Der kleine Unterschied   Teil II

Freyja die Schöne und Odin der Schreckliche, der starke Thor und die Schicksal webenden Nornen... Das sind sie doch: die typischen Gestalten aus dem germanischen Götterhimmel? Nicht wahr? Nun jein: als typisch mögen sie gelten. Aber ob wir sie germanisch nennen dürfen – das steht in offener Frage.

Später. Ein Römer namens Tacitus. Redner, Politiker, Gelehrter. Nahm sich die zivi´sierten Hauptstadtbewohner seiner Zeit vor. Um 100 nach Christus war das. Hört mal, guckt mal, schrieb er. Ihr verlotterten Saubären. Meinte er. Seine Landsleut´ meinend – die urbanen vor allem: Ihr solltet euch schämen, einander heimliche Liebesbriefchen zuzustecken, wenn ihr nicht mal verheiratet seid miteinander, insistierte er (den Umstand ignorierend, dass Ehen in aller Regel der Menschheitsgeschichte alles Mögliche provozieren: wozu eheinterne Liebesbriefe erkennbar nicht gehören. Denn Liebesbriefe scheinen eine Ausdrucksart Verliebter zu sein: schon immer...). Nehmt euch ein Beispiel, sagte der sittenstrenge Tacitus, an Winnetou, dem edlen blonden Häuptling der Germanen. (Die ganz bestimmt keine Liebesbriefchen schreiben konnten, schon weil sie der Schriftkunst als solcher unkundig waren, Anm. d. Verf.)

Tacitus weiter, in einer überzeugenden Mischung aus Schwärmerei und Befremden, über die (von ihm an den Haaren herbeizitierten) Germanen: Das sind wetterharte Recken jenseits der Alpen, wisst ihr. Die laufen den ganzen Tag oben ohne herum (die Männer zumindest), obwohl´s da oben schneit, und bevor sie nicht mindestens 20 Jahre alt sind, kommen diese edlen Wilden überhaupt nicht auf Ideen von wegen Blümchen und Bienchen und so... Tacitus schrieb eine Menge. Nicht das meiste davon, sondern schlichtweg alles hatte er von andern gehört: von Leuten, die dort oben gewesen waren, im Norden. Im Gegensatz zu ihm selber. Zudem lässt sich heute schwerlich bestimmen, welche germanischen Götter irgendein Römer meinte, wenn er im Zuge der so genannten "Pax Romana" ganz selbstverständlich römische Götternamen benutzte, um die Gottheiten ihm fremder Kulturen zu beschreiben... Tacitus ist ein typisches Beispiel dafür.
Zu seiner Zeit wurde abgeschnittenes Blondhaar aus dem dust´ren Norden als teure Exotik auf Roms Märkten verkauft. Zivilisierte träumen gern von etwas Unwissbarem, das sie für "ursprünglich" halten mögen. Worin ihre zumeist frustrierten Phantasien orgiastisch (und folgenlos) kulminieren können. Das gilt damals wie heute. Typische Beispiele: die angebliche "Naturnähe" (wenn nicht gar unterstellte Naturliebe) archaischer Naturreligiöser, einfachere Lebens-Organisationsformen, Freie Liebe, Matriarchat... bis hin zur emotionsberuhigend anschaulichen Es-war-einmal-Show des romantisch-verrußten Freizeit-Schmiedes aufm pest-, aber nicht abgas- oder feinstaubfreien Mittelaltermarkt. Spätestens sein Beispiel lässt vergessen, für Momente des Staunens, Schauderns oder scheinüberlegenen Gähnens zumindest: den zickenden Ticketautomaten, der deinen sauer erworbenen und gerade noch aus der Manteltasche gekramten Knittergeldschein beharrlich wieder ausspuckt, während der heute ausnahmsweise pünktliche Zug zehn Gleise fern von dir abzufahren droht.


Heilige Schriften?

Soweit, so fraglich. Aber wir haben ja noch was. Die Edda! Die nordischste aller Überlieferungen über die nordeuropäischen Kulturen! Tatsächlich wird gerade diese zusammenhängendste aller literarischen Quellen von manchem gerngläubigen Neuheiden als eine Art "nordische Bibel" gesehen – oder zumindest so behandelt. Ich beobachtete auf einem Vortrag über Core-Schamanismus, der auf einer Neuheiden-Veranstaltung gehalten wurde von einem Gastredner, wie sich hernach ganze Trauben von Germanengläubigen um ihre Wortführer (oder die Belesensten halt) scharten, um zu erfragen, was denn nun von dem – inhaltlich kompetenten und hochinteressanten – Stoff für sie anwendbar sei: ob da irgendwas durch die Edda "abgedeckt" sei oder darin stünde. Man gewann den Eindruck, dass vom Vortragsthema nur solche Aspekte brauchbar oder relevant sein könnten, von denen die Filterung durch die Edda irgendetwas übrig ließ – für jene Germanengläubigen halt. Nur ein besonders krasses Beispiel. Aber die persönliche kulturelle Identität von den Wortwörtlichkeiten bestimmter literarischer Quellen abhängig zu machen, scheint ein typisch neogermanisches Syndrom (wenn nicht gar Symptom) zu sein: so häufig, wie es auftritt!

Das Problem ist dabei, wie ich meine, noch weniger die recht unterschiedliche Qualität und inhaltliche Ausdeutung der verschiedenen Übertragungen aus der Originalsprache. Das Problem ist ebenfalls nicht, dass sich, wer auch nur ein paar Brocken Altnordisch parat hat, unter germanengläubigen Neuheiden recht leicht und billig zur Scheinautorität mit entsprechender Deutungshoheit angeblichen "alten Wissens" aufschwingen kann. Wer sich solchen Pfeifen als Gefolge andient, sich ergo als Mensch benimmt wie ein Lamm, erklärt zumindest mir vergeblich, was daran bitteschön "Ásatrú" sein soll. Aber vielleicht ist das mit ein Grund, warum Lämmer Hirten brauchen (die das dann für sie erklären): hier nicht unser Thema.

Dem Problem schon etwas näher kommen wir bei der Untersuchung der Quellen selbst. Spätestens ihre zahllosen Widersprüchlichkeiten, Ungereimtheiten und Lücken müssten bei jedem halbwegs intelligenten Primaten Fragen aufwerfen: Woher "quellen" die denn? Und wieso quillt da überhaupt was? Bei der Edda ist das ziemlich klar: Es gibt die Ältere Edda und die Jüngere, wobei die jüngere historisch älter ist als die ältere. Bongi? Nein, das ist keine germanische Version von Dialektik – diese kleine Begriffsverwirrnis hat sich nur im Laufe der Zeit ganz banal ergeben. Schließlich kam der Kram im Original nicht als Hardcover oder Taschenbuch heraus. Die handschriftlichen Urfassungen sind von einem isländischen Gelehrten namens Snorri Sturluson. Er schrieb auf einzelne Blätter. Die Vollständigkeit der Hinterlassenschaft darf angezweifelt werden, die Reihenfolge der verbliebenen Teile, oft sogar einzelner Verse, ist umstritten. Ebenso die Frage von Snorris Quellen. Besonders interessant an der Edda sind aber zwei Aspekte: der Zeitpunkt ihrer Entstehung, und die Motivation dahinter. Als Snorri das niederkratzte, was wir heute fast ausschließlich über altgermanische Mythologie wissen (bzw. für solche halten), war Island schon seit über zwei Jahrhunderten christlich. Die Absicht des Gelehrten war zudem keineswegs, irgendeinen alten Glauben zu bewahren, sondern seinen Schülern eine bestimmte Form der damaligen Dichtkunst beizubringen, die so genannte Skaldik.

Selbstverständlich darf davon ausgegangen werden, dass der Lehrer tief in die heidnische Mottenkiste griff: und so manche Sagen, Mären und Lieder vor dem endgültigen Vergessen bewahrte. Wofür wir ihm auch unendlich dankbar sind. Nur muss man sich darüber klar sein, dass schon jener allererste nordische Mythenaufschreiber und -nachdichter verfuhr wie ein heutiger Theater- oder Filmregisseur mit Autorentexten: Da werden weite Passagen gestrichen, Kapitel umgebaut, Personen und Handlungsstränge neu gruppiert – und wo was fehlt, wird flugs was eingefügt, dazuerfunden: von einzelnen Figuren bis ganzen Aktionssequenzen. "Based on the novel of..." steht dann im Nachspann. Das ist ein ganz normaler, konsequenter Vorgang: Filme bedienen das Auge, Bücher die Phantasie, Theater bemüht sich um beides. (Dies ist keine Aussage über etwaige Qualitäten oder Mängel, sondern ergibt sich geradezu zwingend aus der unterschiedlichen Natur der Vermittlungsformen und deren spezifischen Anforderungen.)
Warum aber soll Snorri – der ja kein Theater machte – vergleichbar verfahren sein mit dem von ihm überlieferten Mythenstoff? Sehr einfach: weil nach irgendeiner Authentizität der Inhalte damals kein Hahn mehr krähte, und der Verwender des Stoffes schon gar nicht. Um Dichtkunst ging´s. Ein Manual hat er verfasst, wie ein ordentlicher Skalde ordentliche Skaldenverse zu schmieden hat. Für die Veranschaulichung seines schriftlichen Workshops nahm er alte Sagen und Erzählungen heran: oder schöpfte nur aus ihnen, ließ sich von Altem inspirieren... wobei ihn nichts gebremst haben braucht, da beliebig hineinzukreieren, herumzumixen oder wegzulassen. Ein Interesse an diesem Stoff will ich ihm bestimmt nicht absprechen: ist doch schon fast herzig, wie er die Asen auf eine knuffige Anzahl von Zwölfen zu trimmen versucht, sich aber schon dabei in Widersprüche verstrickt. Egal! Der Stoff war public domain, frei verfügbarer Fundus, seine Niederschrift aber Mittel zu einem ganz anderen Zweck. Inhaltlich brauchten die Nacherzählungen keinen genaueren Ansprüchen genügen als etwa Disneys Zeichentrick-Verwurstung des Herkules-Mythos. Hie wie dort griff man auf "noch irgendwie Bekanntes", auf "mal Gehörtes" zurück: Hollywood zur kommerziellen Unterhaltung, Snorri zur fachlichen Nachwuchsdichter-Belehrung.
Nun kennen wir Heutigen die älteren und originaleren Fassungen des antiken Herkules-Mythos ziemlich genau – die bis dato ausschließlich mündlich überlieferte Mythenschatzkiste aber, aus der Snorri die Edda schöpfte, leider überhaupt nicht. Weshalb sich auch nicht mehr feststellen lässt, was vielleicht des Dichters ureigener Anteil war. Überall dort, wo seine Figuren, Handlungen oder Erwähnungen keine anderweitigen Entsprechungen anderswo haben, wo es keine analogen Funde oder hinweisende weitere Quellen gibt: besteht genau der Verdacht.


Ende Teil II


Eibensang


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