Der kleine Unterschied   Teil I

Freyja die Schöne und Odin der Schreckliche, der starke Thor und die Schicksal webenden Nornen... Das sind sie doch: die typischen Gestalten aus dem germanischen Götterhimmel? Nicht wahr? Nun jein: als typisch mögen sie gelten. Aber ob wir sie germanisch nennen dürfen – das steht in offener Frage.

Im Voraus: me too

Da auf einer Plattform wie dieser (vielleicht ja im Medium Internet überhaupt) häufig erstmal wüst geblökt wird, und erst dann gelesen – nachgedacht aber so gut wie überhaupt nie, stelle ich meiner Überlegung einen... nennen wir´s... Conclaimer voraus: mein Bekenntnis, dass ich eigenen kritischen Gedankengangs allererstes Opfer selber bin.
Und auch bestes Beispiel, mit Verlaub: denn ich bin nicht weniger Ásatrú dadurch, dass ich vermeintliche Selbstverständlichkeiten meines mythologischen Überbaus in Frage stelle. Ganz im Gegenteil. Ich stelle sie in Frage, weil ich Ásatrú bin. Genügsames Nachtrotten (wem oder was eigentlich hinterher, und weswegen?) ist was für Schafsgemüter,  vorgekautes Wiederkäuen aber ein Merkmal von Rindviechern. Mein Donnergott wirft nicht mit Wattebäuschchen. Warum sollte ich verhehlen, wo der Hammer hängt?
 
Also Honig auf mein Haupt (oder -wein in meine Kehle: Asche ist mir zu christlich für den Zweck) – ich gebe zu und bekenne:
Ja, auch ich bin im Bann der schrecklichen Freyja, stärke mich an Odins Beispiel, finde Thor wunderschön und mein Schicksal im Netz der Nornen gut verwoben. Ich höre auf Heimdalls Rat und lasse mir meine Sehnsüchte von Lofn auf Erlaubnis freischalten. Ich vertraue Tyr – und wenn auf geradem Weg gar nix mehr geht, hilft mir sogar Loki aus der Patsche (in eine manchmal größere, aber es ging ja sonst nix). Ich opfere sogar einer Frühlingsgöttin Óstara – obwohl die gar nicht "in der Edda steht".
Und – schon mal was von Támfana gehört? Aber ich will nicht vorgreifen...

Ich gehe davon aus, dass ich niemals nach Valhall komme. Zum einen, weil da nur diejenigen Krieger hinkommen, die in der Schlacht fallen. Es ist ungeklärt, ob das auch für Krieger der Waffengattung Zunge gilt... vielleicht wären Fragensteller zu gefährlich für die Hausordnung Valhalls (die aus der späteren Völkerwanderungszeit stammt: und was bitt´ schön hab ich mit vormittelalterlichem Hauen und Stechen am Helm?)? Sollte ich dennoch "fallen", vulgo eines unnatürlichen Todes sterben, habe ich schreckliche Hoffnung, dass ich eher im Gefolge der Großen Sau lande: wie auf Erden, so in Folkvang (auch wenn es von diesem "Jenseits", im Gegensatz zu Valhall, keine Beschreibung gibt. Das lässt mehr Raum für eigene Phantasie...). Schließlich hat die Göttin der nassen Schenkel die erste Wahl vor dem Rabengott und Speerschüttler. Auch wenn der mein Chef ist und bleibt. Er mag mir den Speer brechen dereinst – aber Freyja wäre keine Frau, wenn sie nicht auch in diesem Phall das letzte Wort behielte. Küss die Hand, gnä´ Sau. Es mag Schlimmeres geben, als erste Wahl zu sein. Unten wie oben.

Sollte aber zum andern nix weiter oder anderes passieren – was als wahrscheinlich gelten darf –, lande ich (laut Edda zumindest) bei Hel. Was mich dünkt wie eine Art Reset, da ich eh den Eindruck habe, dort herzukommen. Aber das nächste Mal schau ich mir das Kleingedruckte genauer an... (Lassen Sie sich ins späte 20. Jh. gebären, hieß es. Da gibt´s Parties und Telefon und später sogar E-Mails, da können se schwadronieren, bis den Mädels der Saft tropft, hieß es. Da haste freie Berufswahl, Waschmaschinen und mehr als eine Hose, die Musik brauchste nimmer selber machen und sogar den Wein gibt´s fertig im Supermarkt, ohne dass du ihn erst mühsam und risikoreich – Valhall! – den blöderweise viel besser bewaffneten und obendrein unsäglich arroganten Amis, äh, Römern klauen musst. Angeblich könne man sogar Könige und Fürsten einfach abwählen, ohne sie selber köpfen zu müssen. Hieß es. Aber das keineswegs – oder höchstens sehr bedingt auch – Party gewesene 20. Jh. ist vorbei, und einer wie Ackermann steht immer noch der Deutschen Bank vor, ohne auf irgendeinem Wahlzettel aufzutauchen – um hernach unterhalb fünfprozentigen Bevölkerungsapplauses in wohlverdienter Vergessenheit zu vergurgeln...). Hel verhehlt den ihren halt so manches.

Conclaimer Ende. Ich habe hier also hoffentlich ausreichend dargelegt, dass ich ein ganz gewöhnlicher Anhänger ásatrútypischer Mythen, Gott- und Frechheiten bin – und es liegt mir weißtyr fern, auch nur eine einzige meiner Gottheiten als solche anzuzweifeln: wer wäre ich denn? Ich erlaube mir nur einen Blick auf die Grundlage, auf der ihre Mythen beruhen – mit der aber bricht leider ein Großteil dessen ein, was wir über sie wissen... was man uns überlieferte... und woraus der/die Ásatrú gewöhnlich wesentliche Teile ihrer/seiner Identidings schnitzt.


Es steht geschrieben

Was steht alles fest? Die historischen Kulturen, die wir heute als germanische bezeichnen, waren weitgehend schriftlos. Im Gegensatz zu Römern und Griechen machten sich Germanen nicht die geringste Mühe, ihre möglichen Gedanken späteren Generationen einigermaßen nachvollziehbar mitzuteilen. Auf Runensteinen stehen eher knappere bis knappste Botschaften... über z.B. Schiffsunglücke, zudem in häufig vielschichtiger Deutungsunsicherheit – wobei das halbe Quantum der Nachricht noch aus dem umständlichen Copyright-Sermon des beauftragten Érilar, des Runenritzmeisters bestehen mag. Wo aber doch mal mehr Worte zusammenhängend in Stein gehauen wurden, war die Motivation der dann so titulierbaren Textinhalte nicht selten schon christlich. Nahezu alles frühere Geritze – auf Waffen, Brakteaten oder Knochen – gibt deutlich mehr Rätsel auf, als es erklärt. Noch auf dem nächstbeliebigen einzelnen römischen Popel-, äh, Patriziergrab finden wir mehr Inschriften vulgo ausdeutbare Info über die Kultur, die den Betreffenden unter die Erde brachte, als in den Hinterlassenschaften ganzer germanischer Stämme zusammen. Der germanische O-Ton, soweit überhaupt als solcher verifizierbar, hinterlässt uns, Inschriften betreffend, also eher unbefriedigt.

Was haben wir noch? Längliche – und womöglich aufschlussreiche – Aufzeichnungen von Plinius dem Älteren, welcher ein Römer war, aber sich doch nicht zu schade, Zusammenstöße seiner zivilisierten Zeitgenossen mit den (auch germanischen) Barbaren aus dem Norden wortreich zu schildern, hätten wir beinah überliefert gekriegt. Leider musste sich der antike Gelehrte mit dem fortschrittlichsten Medium seiner Zeit begnügen, welches Papyrus war. Dieses Speichermedium ist zwar haltbarer als die CD – aber im Laufe der unerbittlichen Zeit doch nicht haltbar genug: was bereits die römischen Zeitgenossen bemerkten. Die, als sie gewahrten, dass der Schmodder noch zu ihren Lebzeiten verrottet, das Zeugs flugs abschrieben. Natürlich nicht die ganzen öden Details, die eh niemanden interessierten. Sondern nur knuffige Zusammenfassungen. Und so weiter und so fort: immer etwas weniger. Am Ende blieb eigentlich vor allem der Umstand überliefert, dass Plinius der Ältere unheimlich viel aufgeschrieben hatte: nicht weniger als 20 Bücher sollen es gewesen sein, der er über die "germanischen Kriege" verfasste. Das wissen wir heute noch: Sein Neffe Plinius der Jüngere war so freundlich gewesen, das in seinem Nachruf auf den Onkel mit zu erwähnen. Nur was jener da zu schildern wusste, das wissen wir leider nicht mehr. Das ist verrottet. Pech aber auch –  umso mehr, als dass es Berichte aus erster Hand gewesen wären: denn Plinius der Ältere war fünf Jahre lang als römischer Offizier in niedergermanischen Gefilden stationiert gewesen. Zwar darf man nicht davon ausgehen, dass er Interesse an der germanischen Kultur gehabt hätte: kein antiker Autor hatte das. Aber als Augenzeugenberichte hätten diese Aufzeichnungen Seltenheitswert gehabt. 


Ende Teil I


Eibensang


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