Die "alten Germanen" hatten keine Religion   Teil I

Angeregt durch die Bertelsmann-"Studie" zur Religiösität, die wunschgemäß siebzig Prozent "religiöse" Menschen in Deutschland ausmachte, stieß ich wieder einmal auf die grundsätzlichen Fragen, was Religion eigentlich ist. Konkret: ist Ásatrú, bzw. "nordisch-germanisches Neuheidentum" - also die "spirituelle Richtung", der ich (unter anderem!) angehöre, eine Religion? Was automatisch die Frage nach sich zieht, ob die "alten Germanen" eine Religion hatten.

Ich neige zu der (vielleicht überraschenden) Antwort: Die "alten Germanen" hatten keine Religion. Die "alten Griechen", "alten Römer", "alten Ägypter" und andere vor-christliche Polytheisten übrigens auch nicht.


Dazu muss man zunächst wissen, was "Religion" überhaupt bedeutet

Im Sinne der Umfrage der Bertelsmann-Stiftung wäre auch einer von Armins Cheruskern, dem man den Fragebogen (in entsprechender Übersetzung) vorgelegt hätte, "religiös" gewesen. Genau so wie die meisten Römer, die sich, mit der lateinischen Fassung konfrontiert, wohl als "hochreligiös" erwiesen hätten. Aber das liegt daran, dass der Fragebogen so konzipiert ist, dass er einerseits nicht zwischen "Religiösität" und "Spiritualität" (zwei durchaus verschiedene Dinge) unterscheidet, andererseits auch das Einhalten alltäglicher religiöser Bräuche, unabhängig von der Motivation der Befragten, als Zeichen von "Religiosität" sieht. Ein Atheist, der seiner Familie zuliebe Weihnachten in die Kirche geht, zeigt also laut Fragebogen "religiöses Verhalten". Auch Meditation wird als religiöses Verhalten, ähnlich dem Gebet, gesehen. Aber - auch Atheisten meditieren, denn Meditation kann als reine Entspannungsübung praktiziert werden.
Schon der Wikipedia-Artikel "Religion" und mehr noch "Religionsdefinition", wie naiv (und "christozentrisch") der Ansatz der Bertelsmann-Stiftung ist.

Interessant ist, dass die heidnischen Römer das, was wir heute üblicherweise die "altrömische Religion" nennen, nicht mit dem Wort religio bezeichneten. Nach Cicero (De Natura Deorum 2, 72; 1. Jh. v. u. Z.) geht religio zurück auf relegere, was wörtlich "wieder auflesen, wieder aufsammeln, wieder aufwickeln", im übertragenen Sinn "bedenken, Acht geben" bedeutet. Der Bezug zu religio in der späteren Bedeutung  von "Frömmigkeit" oder "Gottesfurcht" entstand dadurch, dass Cicero dabei an den Tempelkult dachte, den es sorgsam zu beachten galt. Aber vor allem bedeutete religio für ihn und seine Zeitgenossen "Rücksicht", "Bedenken", "Skrupel", "Pflicht", "Gewissenhaftigkeit". Ein gewissenhafter Mensch war im altrömischen Sinne "religiös", auch wenn er vielleicht nie im Leben einen Tempel aufsuchte. 

Erst der im 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung lebende christliche Apologet Lactantius führte das Wort religio zurück auf religare: "an-, zurückbinden". Damit bereitete er der noch heute üblichen Bedeutungen von "Religion" im Sinne von "Rückbindung" des Gläubigen an einen universellen göttlichen Ursprung oder an sonstige Auffassungen von Transzendenz den Weg.

Eine interessanten Ansatz vertritt Peter Möller in seinem Aufsatz: "Religion und Philosophie"
Nach der Einschätzung Möllers hat Religion sechs analytisch trennbare Aspekte:
- Dogmatismus:  Über das empirisch und rational Erkennbare hinaus werden bestimmte Glaubenssätze aufgestellt, von deren Richtigkeit ohne jeden Zweifel ausgegangen wird.
- Unkompliziertheit: In der Regel handelt es sich dabei um eine sehr einfache, dem Auffassungsvermögen der großen Mehrheit der Bevölkerung angepaßte, mythenhafte, märchenhafte Seinsdeutung und Voraussagen, was mit dem Menschen bzw. seiner Seele in Zukunft passieren wird.
- Trostpflasterfunktion: Mit dem Glauben an eine jenseitige Vergeltung, ewiges Leben, Wiedergeburt etc. tröstet die Religion viele Menschen über die z. T. gewaltigen Lebensprobleme hinweg.
- Ethik: Verbunden mit den religiösen Glaubenssätzen sind Angaben darüber, was  gut und böse ist und damit verbunden die Aufforderung zu einem bestimmten Verhalten.
- Kulthandlungen: Verbunden mit diesen Glaubenssätzen werden bestimmte Kulthandlungen durchgeführt, wie zum Beispiel Gottesdienste, Gebete, Rituale etc.
- Kirche: In der Regel gibt es eine Organisation, in der die Gläubigen zusammengefaßt sind, und die über die Reinhaltung der Lehre und über die Kulthandlungen wacht.

Gemäß Möller - und da schließe ich mich seiner Auffassung an - machen nur diese sechs Punkte zusammen Religion aus. Würde man z. B. bereits das Aufstellen nicht nachprüfbarer Glaubenssätze Religion nennen, wäre auch ein politischer Fanatiker religiös und eigentlich schon jeder etwas beschränkte, sture Mensch. Dann verlöre der Begriff Religion seinen Erklärungswert.

Zieht man die historischen Quellen und die archäologischen Befunde über die "germanische Kultur" vor der Christianisierung zusammen (was nebenbei gesagt eine gewagte Verallgemeinerung ist), dann wird klar, dass es so etwas wie eine "heidnisch germanische Kirche" nicht gab und ein Priesterwesen im römischen Sinne nicht nachweisbar ist, gar nicht zu reden von einem Klerus im Sinne der monotheistischen Großreligionen. Ebenfalls sicher sein kann man in Fragen des Dogmatismus: die Mythologie geht zwar über das  empirisch und rational Erkennbare hinaus, stellt aber keine Glaubenssätze auf, es können verschiedene, sich inhaltlich widersprechende Mythen nebeneinander stehen. (Das war übrigens auch bei den Römern, Griechen, Ägyptern, Kelten usw. so.)
Nicht ganz so einfach ist die Entscheidung hinsichtlich der "Unkompliziertheit": zwar herrschte eine mythenhafte, "märchenhafte" (viele Märchen sind "gesunkene Mythen")   Seinsdeutung vor, es gab auch Voraussagen, was mit dem Menschen bzw. seiner Seele in Zukunft passieren wird. Andererseits sind heidnische Weltdeutungen in der Regel eher kompliziert - es ist nicht zuletzt die relative Einfachheit des monotheistischen Christentums, die die Missionierung erleichterte und erleichtert. Hinsichtlich der Unkompliziertheit ist übrigens der Islam dem Christentum mit seinem schwer verständlichen Trinitäts-Konstrukt klar überlegen. So, wie die christliche Dogmatik, jedenfalls für den Normalgläubigen, unkomplizierter ist als die ausgeklügelte und hochabstrakte jüdischen Gesetzesgelehrsamkeit. Wäre ich PR-Fachmann, ich sähe  im Islam die Religion mit dem "größten Verbreitungspotenzial". Vielleicht ist es dem Einfluss der PR-Fachleute auf die Politik zu verdanken, dass so viele "westliche" Politiker so viel Angst vor einem "übermächtig werdenden" Islam haben ...
Die "Trostpflasterfunktion" ist im germanischen Heidentum, nach allem, was wir wissen, eher schwach ausgeprägt. "Jenseitige Vergeltung", etwa in dem Sinne, dass "böse Menschen" in die Hölle kämen und ein rechtschaffender und frommer Armer ins Paradies,  gibt es noch nicht einmal in den schon vom christlichen Denken beeinflussten Eddas. (In denen allerdings schon für eine "Strafbehandlung" für Meineidige die Rede ist.) Und auch Walhall ist kein "Paradies für gefallene Krieger", wie es oft heißt, sondern ein jenseitiges Trainingslager für Ragnarök. Allerdings mit zugegeben guter Verpflegung und einigem Komfort. Wobei Odin nur die zweite Wahl unter den toten Kriegern hat, die erste Wahl hat Freyja, die "Besten" kommen also nicht nach Walhall, sondern nach Folkwang. Übrigens deutet vieles darauf hin, dass sich die Vorstellung von Walhall erst nach der Völkerwanderung ausgebildet hat und auf den "Adel" und seine Krieger-Gefolgschaften beschränkt war.
Eine ethische Funktion hat die "alte Sitte" schon gehabt, wobei sich "weltliche" und "göttliche" Gesetze und Gebote nicht voneinander trennen lassen. Die klare, dualistische Unterscheidung zwischen "gut" und "böse" fehlt. Kein Zweifel kann daran bestehen, dass es Kulthandlungen, Rituale usw. gab.

Also treffen zwei der sechs möllerschen Kriterien auf das "germanische Heidentum" überhaupt nicht zu, drei weitere allenfalls teilweise, nur einer, das Ausüben von Kulthandlungen, voll und ganz. So gesehen wäre das germanischen Heidentum keine Religion. Aber auch nichts völlig Anderes.


Noch ein Definitionsversuch

Eine andere Religionsdefinition geht auf Clifford Geertz zurück. Religion ist, folgt man Geertz, ein Symbolsystem, dessen Ziel es ist, starke, umfassende und dauerhafte Stimmungen und Motivationen im Menschen zu erzeugen, indem Vorstellungen einer allgemeinen Seinsordnung formuliert werden, die mit einer solchen Aura von Faktizität ("Tatsächlichkeit") umgeben werden, dass die Stimmungen und Motivationen vollkommen der Realität zu entsprechen scheinen. Ein Vorteil von Geertz Ansatz ist, dass er auch "Politreligionen" und ähnliche zur universellen metaphysischen Glaubenssystemen geronnene Ideologien abgedeckt. Das Entscheidende ist, dass Religion beim Gläubigen den Anschein erweckt, die einzige und universelle Wahrheit zu sein.
Es lässt sich, etwas vergröbert, sagen, dass in der der Religion an etwas geglaubt wird, und zwar dergestalt, dass sich "Glauben" und "Zweifel" aneinander ausschließen. Ein Zweifel an den Aussagen der Religion - zum Beispiel an einem heiligen Buch, an der Offenbarung eines Propheten, den Worten eines charismatischen Führers - wird nicht geduldet.
Das trifft auf Heiden - offensichtlich - nicht zu: keine heiligen Bücher, keine göttlichen Offenbarungen, die nur auserwählten Propheten (und sonst niemandem) zuteil werden, keine "unfehlbaren" Religionsführer.

An dieser Stelle ließe sich einwenden, dass es zumindest im griechischen Heidentum den Vorwurf der Asebie, der "Gottlosigkeit", gab. Allerdings hatte dieser Vorwurf, wie man an den Asebie-Prozessen z. B. gegen Sokrates oder Protagoras erkennt, einen politisch-gesellschaftlichen Konnex. Die "Götter Athens" zu leugnen war gleichbedeutend mit einem Verstoß gegen den "Geist" der Polis (und umgekehrt). Die "Asebie" ist nicht mit der "Gotteslästerung" gleichzusetzen - Komödiendichter wie Aristophanes durften ausgesprochen deftig über die Götter spotten, ohne der Asebie verdächtig zu werden. Außerdem gibt es - außer einer Bemerkung über die Bestrafung "Gottloser" bei Tacitus - keine Hinweise, dass es bei den Germanen Vergleichbares gegeben hätte.

Wie dem auch sei: es gibt offensichtlich metaphysische Auffassungen, die zwar keine Religion im Sinne etwa des Christentums sind, aber ihnen in mancher Hinsicht ähneln.

Der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann prägte die Begriffe "primäre und sekundäre Religion", die hier vielleicht weiter helfen.


Ende Teil I


Martin Marheinecke


Gestaltwandler in der nordisch-germanischen Mythologie Teil I 22.07.2017
Runenstellen  17.06.2017
Naturreligion = Germanische Religion oder Heidentum? 06.05.2017
Aus dem Vergessen 25.02.2017
"Nazi-Druide" "Burgos" alias "Hasspredix" und die "Heidenszene" 04.02.2017
"Irminsul" auf den Externsteinen - kein harmloser Streich! 14.01.2017
Wo gehörst Du hin? - Teil II 16.07.2016
Wo gehörst Du hin? - Teil I 05.06.2016
Der Sonnenglanz - Teil XII 23.01.2016
Hass, Solidarität und Strukturen 01.08.2015
Gedanken zur APA-Meldung: Inspirierte heidnischer Götterglaube die NSU-Morde? 20.06.2015
Baldrs und Lokis Geschichte - Teil IV 14.03.2015
Baldrs und Lokis Geschichte - Teil III 14.02.2015
Baldrs und Lokis Geschichte - Teil II 24.01.2015
Baldrs und Lokis Geschichte - Teil I 17.01.2015
Der Sonnenglanz - Teil XI 22.11.2014
Der erste Merseburger Zauberspruch als Lösezauber zur Geburt? 04.10.2014
Anders und doch nicht: eine interreligiöse Erfahrung - Teil III 24.05.2014
Anders und doch nicht: eine interreligiöse Erfahrung - Teil II 17.05.2014
Anders und doch nicht: eine interreligiöse Erfahrung - Teil I 10.05.2014
Der Sonnenglanz - Teil X 07.12.2013
Der Sonnenglanz - Teil IX 03.08.2013
Der Sonnenglanz - Teil VIII 28.04.2013
Der Sonnenglanz - Teil VII 02.02.2013
Der Sonnenglanz - Teil VI 27.10.2012
Der Sonnenglanz - Teil V 21.07.2012
Der Sonnenglanz - Teil IV 21.04.2012
Der Sonnenglanz - Teil III 21.01.2012
Der Sonnenglanz - Teil II 15.10.2011
Der Sonnenglanz - Teil I 25.06.2011
Als die Sau noch Göttin war - Teil VI 19.03.2011
Als die Sau noch Göttin war - Teil IV 25.12.2010
Alter Sagen neue Sicht - Teil II 18.09.2010
Alter Sagen neue Sicht - Teil I 21.08.2010
Als die Sau noch Göttin war - Teil IV 05.06.2010
Als die Sau noch Göttin war - Teil III 06.02.2010
Als die Sau noch Göttin war - Teil II 08.11.2009
Als die Sau noch Göttin war - Teil I 22.08.2009
Germanische Schöpfungsgeschichte - Teil II 10.05.2009
Germanische Schöpfungsgeschichte - Teil I 03.05.2009
Gods of War 07.02.2009
Der kleine Unterschied - Teil IV 15.11.2008
Der kleine Unterschied - Teil III 08.11.2008
Der kleine Unterschied - Teil II 25.10.2008
Der kleine Unterschied - Teil I 18.10.2008
Goden ohne Boden - Teil III 21.06.2008
Goden ohne Boden - Teil II 14.06.2008
Goden ohne Boden - Teil I 07.06.2008
Die "alten Germanen" hatten keine Religion - Teil II 01.03.2008
Die "alten Germanen" hatten keine Religion - Teil I 23.02.2008
Schuld – die Rückkehr ins Paradies - Teil II 17.11.2007
Schuld – die Rückkehr ins Paradies - Teil I 10.11.2007
Entmystifizierung 11.08.2007
Loki – der umstrittene Gott 21.04.2007
Weihnachten - Spot an - Teil IV 03.02.2007
Weihnachten - Spot an - Teil III 20.01.2007
Weihnachten - Spot an - Teil II 13.01.2007
Weihnachten - Spot an - Teil I 30.12.2006
Heil - Teil III 14.10.2006
Heil - Teil II 07.10.2006
Heil - Teil I 30.09.2006
Achten oder ächten – vom Umgang mit Ahnen - Teil II 08.07.2006
Achten oder ächten – vom Umgang mit Ahnen - Teil I 01.07.2006
Wer erleuchtet das Meer? - Teil V 25.03.2006
Wer erleuchtet das Meer? - Teil IV 18.03.2006
Wer erleuchtet das Meer? - Teil III 11.03.2006
Wer erleuchtet das Meer? - Teil II 04.03.2006
Wer erleuchtet das Meer? - Teil I 25.02.2006
Weihnachtsmärchen - Teil II 26.11.2005
Weihnachtsmärchen - Teil I 19.11.2005
No future! Warum das Germanische keine Zukunft hat - Teil III 20.08.2005
No future! Warum das Germanische keine Zukunft hat - Teil II 06.08.2005
No future! Warum das Germanische keine Zukunft hat - Teil I 30.07.2005
Müssen wir dran glauben? - Teil III 30.04.2005
Müssen wir dran glauben? - Teil II 23.04.2005
Müssen wir dran glauben? - Teil I 09.04.2005
Runen – wirklich das „Uralphabet“? 05.03.2005
Tolkien und die nordische Mythologie 18.12.2004
Die Frau bei den Germanen 09.10.2004
Freyja 12.06.2004
Das Runenrad 20.12.2003
Das Raunen der Runen 01.11.2003
Erste Schritte zum Verständnis der Edda 13.09.2003
Gastfreundschaft bei den alten Germanen 26.07.2003
Germanenbilder 28.06.2003






               
                   
                   



    

© WurzelWerk · 2001-2017