Betreut von Eibensang


Schuld – die Rückkehr ins Paradies   Teil II
Ein mehr als prägendes Konzept in unserer Gesellschaft beleuchtet und in Frage gestellt.
www.nornirsaett.de

Nun erzähle ich die ganze Zeit, dass diese zweite Reaktionsmöglichkeit keine Lösungsstrategie ist. Das will ich nun auch noch kurz belegen.


Das Problem mit der Schuldfrage

Das Problem, die Schuldfrage aufzustellen liegt nämlich darin, dass man nicht nur mit dem Finger von sich weg sondern auch noch woanders hin zeigen muss: ein Schuldiger außerhalb der eigenen Person muss her. Und das bedeutet immer eines: die eigene Scham, die eigene Verletzung, die man sich beigebracht hat, die irgendwo doch im Hinterkopf nagende Erkenntnis, das so gern “schlechtes Gewissen” genannt wird, muss woanders hin.
Das bedeutet: ich muss, um unschuldig sein zu können, die Verletzung jemandem anderen beibringen. Jemandem Schuld einreden. Jemandes Gewissen ansprechen, auf dass dieser sich schuldig fühlt, die Schuld übernimmt, sich schämt.
Aber wozu gibt es Freunde – oder man macht sich halt schnell mal einen Feind, dann helfen einem Freunde sogar noch dabei, diese Mechanismen umzusetzen, denn die wollen ja auch nicht schuld sein, und wenn nur daran, dass sich ein Freund schlecht fühlt.

Da die Natur der Schuld eine Internalisierung ist, ist sie immer etwas höchst persönliches. Lösungen, Ausgleiche, Korrekturen betreffen aber nun mal immer Dinge, Sachen, Umstände – Schuld auf einer sachlichen Ebene gibt es deshalb nicht.
Um die Schuldfrage dennoch stellen zu können, muss deshalb jegliche Sachform vermieden werden und die Dinge, der Fehler, das Problem auf eine persönliche Ebene gebracht werden – nur dort kann man die Sache verdrängen und die Schuld zuweisen. Dann ist das Ganze eben ein “persönlicher Streit” oder “Beleidigungen” oder ähnliches – und das Problem der Verantwortung für eine Sache ist gelöst – keine Sache, keine Verantwortung.


Eine Gesellschaft, die auf einen solchen Mechanismus aufbaut löst freilich keine Probleme mehr,

keine Aufgaben – denn die Aufgabe ist gelöst: es ist ein Schuldiger gefunden, mehr braucht es nicht. Keine Alternativen. Kein Lernen. Kein Denken. Kein Hinterfragen der Normen. Die Eckwerte der Gesellschaft in Form seiner Normen und Werte sind absolut sicher.
Und zu mehr ist dieser Kategorienkomplex auch gar nicht gedacht: er dient zur Sicherung der Normen und Regeln. Deshalb ist die Folge der Schuldfrage auch niemals eine Problemlösung oder ein Ausgleich sondern immer eine einseitige Sanktion, eine Strafe – eben das klassische Mittel, eine Norm durchzusetzen.
Da hat sie sich verraten, die Schuld.
Selbst Schuld.

Wie gut dieses System funktioniert kann man mühelos um sich herum feststellen, sei es in der Politik, die sich seit Jahren mit Hilfe der Schuldfrage um sämtliche Probleme bzw. deren Lösungen zu drücken vermag, über die Wirtschaft, die mit Hilfe dieses Systems sich nach und nach jeglicher Verantwortung gegenüber Arbeitern, Angestellten, Volkswirtschaft usw. entledigen, dem normalen Bürger, der sich so unter dem Vorwand falsch verstandener “Eigenverantwortung” von jeglichem Solidaritätsgefühl befreien kann bis hin zu den Kindern, die schon früh lernen, dass “aber doch der andere das-und-das (auch) gemacht” habe. Wer anfängt, darauf zu achten ob und wo die Schuldfrage gestellt wird feststellen, dass dies allgegenwärtig ist, im Privatleben, auf der Arbeit, die Zeitungen und Nachrichten, die voll davon sind, Kinder, Eltern, Oma, Opa – alle weisen Schuld woanders hin zu und von sich weg und winden und drehen sich, nur um keine Verantwortung übernehmen zu müssen – und um niemals zu wissen, was Freiheit ist.
Ein mächtiges Instrument unserer westlichen Zivilisation. Man könnte meinen man müsse ein Übermensch sein, um sich gegen so was behaupten zu können. Bis man es mal tut. Und plötzlich wird der Riese zum Zwerg.
Zum Schluss noch ein paar Sätze, wahllos hingerotzt – vielleicht ertappt man sich selbst mal bei der Verwendung eines solchen Fragmentes. Wenn ja, sollte man sich einmal einfach fragen, ob man den Satz wirklich zu Ende sprechen will, den man da angefangen hat, reflektieren, ob man tatsächlich von Verantwortung spricht oder gerade in die Schuldfalle getappt ist. Internalisierung funktioniert nur solange, solange man sich der Natur der Norm nicht bewusst ist - bzw. nicht bewusst ist, dass sein Handeln nicht auf freiem Willen sondern auf dem Handlungsmuster einer Norm beruht.
Freiheit bedeutet, sich der Natur einer Norm bewusst zu sein, und sich bewusst dafür oder für eine Alternative zu entscheiden (einfach “dagegen” reicht da nämlich nicht, um vom Kategoriensystem unabhängig zu sein) – jedes Mal aufs neue. In eigener Verantwortung.

“Da bin ich nicht schuld …”
“Da ist [Name oder Umstand einsetzen] schuld!”
“Das ist dumm gelaufen, aber das war…”
“Da kann ich nichts dafür, das ist …”
“Aber der [Name oder Umstand einsetzen] hat…”
“OK, ich hab einen Fehler gemacht, aber eigentlich…”
“Ich wollte eigentlich …”
“Aber ich meinte es doch gut…”
“Wenn [Name oder Umstand einsetzen] nicht wäre, dann…”
usw.

Und wer mir jetzt kommt mit “Wusste ich´s doch: die Christen sind schuld, dass ich so blöde Handlungsmechanismen habe” sollte sich den Artikel ganz entspannt nochmal von vorn durchlesen…


Sven Scholz


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