Betreut von Eibensang


Entmystifizierung
Wir befinden uns im Kleinhirn von Adalwolf. Wie durch ein Wunder laufen seine Gedankengänge wie ein Film vor uns ab. Wir werden Zeuge eines Monumentalwerks bislang unvorstellbaren Ausmaßes. Doch sehen wir selbst, was Unglaubliches diese Windungen und Räder erschaffen…

Dort! Sieh da! Dort kämpft der tapfere Siegfried! Mit diesen Muskeln ist gegen ihn selbst Conan der Barbar ein Zniarchtal, wie man so schön wienerisch sagt. Er ringt mit Fafnir, dem Drachen, der – ein wenig künstlerische Freiheit darf schon sein – plötzlich aus nicht einen und nicht aus zweien, sondern aus dutzenden Köpfen Feuer speit. Jede Hydra würde vor Neid erblassen.
Doch kaum badet der Held im Blut des Ungetiers, springen andere Figuren, die von Adalwolfs Kleinhirn erschaffen wurden, ins Bild. Nein, nein, es ist nicht der böse Hagen. Diese traurige Episode lassen wir lieber aus. Wie gesagt, künstlerische Freiheit! Es sind Römer, die vor Angst schreiend, vor den wilden Horden der Teutonen und Kimbern die Flucht ergreifen. Doch laufen die Flüchtenden nur Hermann, dem Cherusker in die Arme, der aus ihrer Mitte den Varus nur mit seiner linken Hand ergreift und ihn wie in einem Asterixcomic vermöbelt.
Blitze und Donner untermalen den epischen Kampf, als die wild schreienden Horden auf den Feind stürzen. Mächtige Goden erheben unter einem Sturmgetöse ihre Hände gen Asgard und rufen den Beistand der Götter herbei. Schon hört man aus der Ferne die Walküren nahen, sie kommen, um die gefallenen Krieger nach Asgard zu geleiten.
Doch kaum sind die gefallenen Krieger in die Lüfte enthoben, schon verstummt das Getöse. Es bleibt ein kleiner, wimmernder Augustus zurück, der seine Götter anfleht, ihn vor den mächtigen Germanen zu schützen…


Ein Schwenk!
Adalwolf wird nun gefragt, warum denn die alte Religion untergegangen ist. War man bei so viel gefallenen Feinden etwa in Asgard so mit einem Immigrationsproblem beschäftigt, dass die Götter dem Wirken auf Midgard keinen Einhalt boten?
Plötzlich werden Adalwolf ganz andere Wurzeln bewusst….
Diese Römer! Ein Staat gegründet von Verbrechern, der Ursprung allen kapitalistischen und diktatorischen Wirkens. Bei den Germanen, bei den Kelten, bei den Dakern, ja selbst bei den Griechen und den Ägyptern hätte es das nicht gegeben. Nie und nimmer! Nein, die Römer sind die Bösen, die Geißel der Welt – bis heute.
Alles, was wir auch heute noch tun ist römisch. Der römische Staat ist nur von der römisch-katholischen Kirche abgelöst worden. Der Konzern, der seine Mitarbeiter ausbeutet und Arbeitsplätze in die Billiglohnländer abwandern lässt. Inspiriert von römischem Gedankengut des Imperialismus! Der Genozid in der Geschichte an Juden, Native Americans! Römische Praktiken von immer wieder neuinkarnierten römischen Seelen. Immerhin haben sie es mit Karthago und den Dakern vorgemacht.
Und nachdem Adalwolf irgendwann im Fernsehen auch Spartacus mit Kirk Douglas gesehen hat, ist dem selbsternannten germanischen Hühnen auch klar, dass die armen Schwarzen nur aufgrund von römischen Gedankengut in der Vergangenheit derart leiden hatten müssen. Bei den Germanen hätte es das nie gegeben, die hätten ihre Feinde maximal mit dem Breitschwert nach Jötunheim geschickt.


Zoomen wir nun ein wenig heraus und betrachten das Leben von Adalwolf ein wenig genauer.
Armer Adalwolf! War es jetzt nicht vielleicht doch keine so wohlüberlegte Tat, als du damals mit den Worten „Ausbildung? Wer braucht denn den Dreck? Ich komm so besser durch! Ich bin nämlich hart wie Stahl!“ deine Schule abgebrochen hast. Was hilft dir der Stahl nun, wo du einem Hungerleiderjob nachgehen musst und deinem Sautrottel von Chef auch noch in den Arsch kriechen musst, um weiter als billige Arbeitskraft für ihn schuften zu dürfen. Ja, der fiese Chef, die schleimigen Kollegen, die gierigen Banken und der grantige Vermieter… sie alle würden schon sehen, wie Stahl schmeckt, würde der arme Adalwolf nur einmal die Gesetze außer Kraft setzen können. Die heutige Zeit ist ja so brutal, dass man als Mann nicht aufstehen darf, um es zu regeln, wie es Männer eben immer schon geregelt haben! Alte Zeiten müssten eben wieder her!

Alte Zeiten? Wie bitter wäre nun in all seiner Not die Erkenntnis, dass die heile Welt der Vergangenheit Adalwolds persönliche Illusion ist. Wer sind also die Bösen? Betrachten wir unsere Wohlstandsgesellschaft mal etwas genauer? Wer ist schuld, dass der Bauch von so manchen immer rundlicher wird und das Haar vielleicht etwas weniger dicht? Sind da etwa auch die bösen Kapitalisten oder Christenterroristen daran schuld, dass wir nicht mehr den stählernen Körper unserer Vorfahren haben? Waren vielleicht viele unserer Vorfahren deswegen so schlank, weil sie nicht täglich Bier und Schnitzel in sich stopfen konnten?
Vielleicht sind die Römer, Kapitalisten, Imperialisten, Geheimbündler, etc. genauso schuld daran, dass wir heute nicht mehr in der Wildnis mit den Tieren leben. Ja, mit dem Wohlstand haben sie uns ruhig gestellt und haben aus Wölfen Schafe gemacht. Ja, Adalschaf, früher hatten die Menschen die Tiere tatsächlich stets bei sich. Speziell bei der Entlausung wurde einem bewusst, sie sind nicht nur um einen, sondern auch an einem. Und was wäre die echte Landluft ohne den seichten Hauch von Senkgrube?


Machen wir einen Gedankenswitch
Wir befinden uns nicht mehr in Adalwolfs Hirn sondern in meinem. Ich stelle mir gerade vor, wie es wäre, wenn man die Naturreligiösen der heutigen Zeit per Zeitmaschine in die Vergangenheit schickt.
Ich sehe dort und da ein paar bekannte Gesichter, die bibbernd gegen den Tod durch Erfrieren kämpfen. Ja, vielleicht hätte sich der Wintermantel doch etwas besser im Reisegepäck gemacht, wie die Jubiliumsausgabe der Edda.
Ui, die dort im Germanendorf stehen, kenn ich doch auch. Die haben zwar die Edda zu Hause gelassen, dafür aber den Met mitgenommen haben. Der schützt zwar vor Kälte nicht, aber wenigstens kann man versuchen, so Freundschaften zu schließen… Gute Idee, aber vielleicht hätten sie sich die Edda von den erfrorenen Kollegen durchlesen sollen. „Geile Schnitte“ sagt man halt nicht unbedingt zur Tochter des Thingvorstehenden und ihn begrüßt man vielleicht auch nicht unbedingt mit „Servas, oide Hittn!“. Das Moor und die Archäologen in zweitausend Jahren freuen sich über ein paar Opfer mehr.
Für diejenigen, die weder durch Unvorbereitetheit oder soziopathischen Verhalten verenden, sehe ich keine rosige Zukunft. Wolf, Hunger, Kälte… Gibt es einen Grund, warum ihre Lebenserwartung, die der damaligen übersteigen soll?
Ich stell mir gerade vor, dass man die Überlebenden des Zeitreiseexperiments nach einem Jahr fragt, wollt ihr wieder zurück. Wollt ihr wieder auf euer WC mit Spülung, zu einer Fernwärme, zu eurem Fernseher, zu eurem Supermarkt, sie laut ja schreien.

Was bringt es uns also, wenn wir uns weiter vorhalten, dass alle Germanen wie Conan und Co. waren und wir vom Paradies vertrieben worden sind? Was bringt es uns, wenn wir versuchen diese Welt zu perfektionieren und dabei Illusionen schaffen, die von jeglicher Realität meilenweit entfernt sind.
Meine Antwort: Der Respekt und die Achtung vor unseren Ahnen beginnen dort, wo wir versuchen ihre Welt realistisch zu sehen. Vielleicht erkennen wir dann, wo wir uns wirklich bei ihnen bedanken müssen, nämlich dafür dass wir heue nicht mehr hungern und frieren müssen und die Not für die meisten von uns fern ist. In diesem Sinne: Liebe Ahnen! Ich danke euch aus tiefstem Herzen! Ich werde mein Bestes tun, um euer Erbe zu bewahren und es im bestmöglichen Zustand an die nächsten Generationen weiterzureichen. Dies soll mein mindester Verdienst sein und dennoch bin ich bestrebt, meine Zeit zu nutzen, das eine oder andere auch noch weiter zu verbessern, auf das es meine Erben noch besser haben als ich!


Freyjatru


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