Betreut von Eibensang


Loki – der umstrittene Gott
Loki ist wohl der umstrittenste Gott der altgermanischen Mythologie. Für viele der Bösewicht und der Anfang allen Übels. Für andere ein hinterlistiger Trickster, ein verkannter Schalk, dessen Aufgabe es ist, die anderen Götter vor Hochmut zu bewahren. Dieser Artikel soll die Rolle dieses Gottes von einer neuen Seite beleuchten.

"Loki ist schmuck und schön von Gestalt, aber bös von Gemüt und sehr unbeständig. Er übertrifft alle andern in Schlauheit und in jeder Art von Betrug.”(Gylfaginning, 33)

Loki ist zweifelsohne mysteriös. Ist doch nicht einmal seine Herkunft geklärt. Zu der Frage, ob er ein Gott oder nicht ist, existieren die unterschiedlichsten Ansichten. Eine gängige Meinung ist, dass Loki nicht von Geburt an zu dem Geschlecht der Asen gehörte, aber durch die Blutsbrüderschaft mit Odin bei ihnen aufgenommen wurde. Dass er kein „reinrassiger Vollblutase“ war, wissen wir zumindest durch seine Herkunft, da seine Mutter die Riesin Laufey war.
Doch nicht nur seine Herkunft ist unklar, auch seine Rolle unter den Göttern ist fragwürdig. Immer wieder tritt er als Begleiter Odins oder Thors auf, dann aber wenn jemand was verbrochen hat, kann es nur einer gewesen sein: Loki. Und (fast) immer wirkt ein schlagkräftiges Argument durch den Hammer Mjöllnirs, um Loki wieder zur Vernunft zu bringen und dafür zu sorgen, dass er sich auch einer Wiedergutmachung annimmt.
Seine Untaten wiegen schwer: Er ist verantwortlich für den Tod Baldurs und schneidet Sif, der Gattin Thors, ihr goldenes Haar ab. Er ist auch derjenige, der die Götterdämmerung zu verantworten hat, sind doch der Fenriswolf und die Midgardschlange von ihm gezeugt.
Doch auch wenn er die Götter dem Verderben nahe bringt, so bewahrte er sie bei anderen Gelegenheiten vor dem Untergang. Ohne sein hinterhältiges Zutun wären Asen und Wanen in der Schuld des Hrimthursen gestanden, der Asgard errichtet hat. Hätte Loki nicht seinen Einfall vorgebracht, Thor als Frau zu verkleiden, um den gestohlenen Hammer zurückzuholen, wären die Götter schutzlos gewesen.
In jeder seiner Taten werden immer wieder seine Schlauheit und seine Wandlungsfähigkeit hervorgehoben. Er kann sich nicht nur in eine Fliege, einen Lachs und sicher auch dutzende Tiere verwandeln, er kann dabei auch das Geschlecht wechseln und schwanger werden. So ist er auch Mutter der achtbeinigen Pferdes Sleipnir.
Es scheint so, als wäre es seine Natur undefinierbar zu bleiben. Ein interessanter Aspekt, der ihm sicher die zahlreiche Sympathien der Neuheiden einbringt. Doch wer ist Loki wirklich? Und wie könnte man ihn heute sehen?


In der Rolle des Narren
Viele sehen im Narren den Dummen, einen Hohlkopf der zur Belustigung anderer dient. Doch der Augustiner Erasmus von Rotterdam brachte beispielsweise in seinem Werk „Lob der Torheit“ ein anderes Bild. Der Narr war dort der Träger einer höheren Weisheit. Auch William Shakespeare gewährte dem Narren seine Freiheit, als besonderes Individuum das sagen zu können, was andere besser nur dachten.
In vielen Kulturen gibt es diese Form des Narren. Es gibt ihn als Till Eulenspiegel, als Nasredin und auch als Hersch Ostropoler. Selbst im Tarot ist ihm eine Karte gewidmet.
Vielleicht ist die Rolle Lokis nur weitgehend missverstanden. Stellen wir uns doch einmal eine Situation vor, in der niemand einzelnen Individuen beim Aufbau eines überzogenen Selbstbild bremsen würde. Wir alle wissen, wie verlockend es manchmal sein kann, sich selbst in den Himmel zu loben und sich eine imaginäre Welt zu verschaffen, in der man der Mittelpunkt ist. Leider ist genau diese Verlockung der Grund, warum die persönliche Entwicklung bei manchen zum Stillstand gerät, da sie fortan auf die kritische Reflektion über sich selbst ausweichen.
Stellen wir uns also einmal eine Welt vor, in der Menschen tagtäglich Hymnen an sich selbst richten und in jeder Begegnung andere herablassend Wissen lassen, wie sehr sie sich für besser halten. Die Harmonie in Gruppen, bei denen solche Personen verweilen, würde massiv gestört. Zum Einen ist es unangenehm mit eitlen Tölpeln an einen Tisch sitzen, die sich in Selbstherrlichkeit konkurrieren und ihr Ego in einer Monumentalshow präsentieren versuchen, zum anderen sind auch die Pfauen in einer Stagnation gefallen, denn da sie sich ja für perfekt halten, gibt es nichts, was sie an sich ändern oder verbessern wollen.

Möglicherweise braucht man in solchen verfahrenen Situationen einen Loki. Jemanden, der sich kein Blatt vor dem Mund nimmt und den Betroffenen knallhart Einblicke vor Augen führt, die ihren Glauben an die eigene Genialität und Perfektion ins Wanken bringen.
Sind einmal Menschen sehr überzeugt von den eigenen Tugenden, reichen oft keine freundlichen Worte mehr. Wie stark manche Menschen an Illusionen festhalten können und sie dabei sogar über Leichen gehen können, ist durch zahlreiche Fallbeispiele bekannt. Um so manchen eitlen Tropf von seinem hohen Ross zu werfen, muss man ihm also nicht nur den Spiegel vor die Nase halten, sondern man muss auch dafür Sorgen, dass er die Augen öffnet. Wie auch das Desinfizieren einer Wunde mit Alkohol schmerzhaft sein kann, kann auch Lokis Heilmethode durch Schmähreden am Anfang schmerzen. Doch ist sie mal aufgetragen und hat der Betroffene seinen Irrtum erkannt, kann die Heilung beginnen. Selbsterkenntnis ist ja bekannterweise der erste Weg zur Besserung.
Ich sehe in Loki also auch den Narren am Hofe. Seine Narrenfreiheit wird auch in der Lokasenna bezeugt, in der er alle Götter der Reihe nach beschimpft und ihnen ins Gesicht sagt, wo ihre „Schwächen“ liegen. Keiner der Götter entgegnet ihm, dass Loki pure Lügen erfinden würde. Wie es scheint, sind also nicht alle seiner Anschuldigungen gänzlich unbegründet und sein Wirken mag seinen Hintergrund haben.
Oft bedarf es Querdenkern, um die Basis für Neues zu schaffen. Oft machen sich diese nicht gerade beliebt. Ich glaube somit, dass Ragnarök nicht zwingend als Ende der Welt zu sehen ist, sondern mehr als ein Übergang in eine neue Zeit. Vielleicht ist Loki also auch ein wandlungsfähiger Revoluzzer, der Revolutionen herbeischwört, die vielleicht nicht alle wollen, aber dennoch notwendig für den Fortschritt sind.


Loki in der heutigen Welt
Auch heute leben wir in einer Zeit, in der es trendy ist, sich möglichst im besten Licht zu präsentieren und den anderen einen Schein vorzuspielen. Fernsehen und Werbung präsentieren dabei zahlreiche Stereotypen, die ein Idealbild darstellen.
Diejenigen, die vielleicht etwas weniger darüber nachdenken, was da eigentlich passiert, könnten durchaus in die Verlockung geraten, erfundene Gestalten aus dem Fernsehen und Büchern blind zu kopieren. Nicht selten irren irgendwelche Leichtgeister durch die Welt. Aus dem Pepi von Nebenan wird plötzlich der City-Gangsta nachdem er Eminem gehört hat. Aus Mario wird der Modezar, um Zenzi aufzureissen, die nach Seitenblicke sich für eine Neoaristrokratin hält.
Was hilft also Leuten weiter, der sich in Ermangelung einer eigenen starken Persönlichkeit versuchen einen Schein darzustellen? Bestätigung dafür, dass sie bei der letzten Fete alle unter den Tisch gesoffen haben? Ein lautes Hurra für ihre Kleidung von Armani, von Versace oder Prada? Nein, den eitlen und lächerlichen Pfauen fehlt es an jemanden, der ihnen zeigt, wie lächerlich sie sind. Es fehlt jemand, der ihre imaginären Statussymbole ins Lächerliche zieht und der selbsternannten High Society den Spiegel vors Gesicht hält.
Und Loki verkörpert diesen Aspekt. Loki ist für mich die Kraft, die alles Verbohrte und Verfahrene aufbricht. Er, der Erfinder des Fischernetzes, steht für mich für absolute Innovation und Fortschritt. Durch sein Wirken wird immer ein Wandel eingeleitet und der Zeitgeist in der Welt umgesetzt. Er ist das Feuer, das das Bestehende zersetzt und daraus Neues schafft. Ohne Loki würde der Tradition kein Gegengewicht entgegengesetzt und wir würden für die Bewahrung der Vergangenheit leben und daran ersticken.


Freyjatru


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