Betreut von Eibensang


Heil   Teil III
Wenige Begriffe unserer Sprache wurden derart vergewaltigt – von seiner jahrhundertlangen Instrumentalisierung durch die kirchlichen Theokraten bis zur schließlichen Besudelung durch die NS-Deutschen. Man nehme diese Überschrift daher um großer Götter (vor allem aber aller Menschlichkeit) Willen nicht als markerschütternden Ruf, sondern stelle sich das Wort vielmehr geflüstert vor. Behutsam mit seinem tatsächlichen Sinn refilled, gibt es keinen deutlicheren Begriff für das, was es mich zu sagen drängt.

Das Boot nimmt Fahrt auf
Von den Mitgliedern meiner Gruppe erkrankte einer an Krebs, einer an einer lebensgefährlich-chronischen Autoimmunkrankheit, ein anderer bekam jäh einen (knapp überlebten) Herzinfarkt, einer kam für Jahre weder beruflich noch privat auf einen grünen Zweig, einer wurde die Ehe zum Gefängnis, einer anderen die Beziehung zu eng (ohne Aussicht auf Änderung). Des einen Familie ging auseinander, der andern ließ die ihre keinen Atem mehr, ein weiterer verlor die seine, einige finden erst gar keine Lebens- oder Liebespartner, die andern immer die falschen, ich selber wähne meine Liebste gegangen immer wieder, obwohl ich ihr die neue Liebe gönne wie sie meine Affären zu verdauen sucht – im Stress sind wir alle, und die mit "gesicherter Existenz" sind in schwindender Minderheit... Doch wir alle halten zusammen, haben und pflegen allesamt (zunehmende) Verbindlichkeiten. Wir stritten, wir kämpften, wir lachten und weinten, arbeiteten und ächzten, tranken, tanzten und liebten – und tun das alles nach wie vor. Wir verloren einen Rabenclan, an dem wir zehn Jahre lang selbstverständlich mitgearbeitet und Teil gehabt hatten, etliche der unsrigen verloren Lieben und (schlimmer vielleicht noch) jahrelange Freunde... Was hatten wir nicht alles – trotzdem oder deswegen – vorgehabt, doch unterm Strich nichts geerntet als...

Heil. Sein Himmel ist Verbundenheitsgefühl, seine Erde Vertrauen.


Gemeinschaftlich entwickelte, jahrelang erprobte (und veränderlichen Erfordernissen dynamisch angepasste) Regeln des Miteinander schufen die Voraussetzungen für das gegenseitige Vertrauen innerhalb der Nornirs Ætt – aber die ist nur eine kleine Gruppe, und die Heilsbereiche der Einzelnen gehen natürlich darüber hinaus (in Form von Familien, Freundeskreisen usw.).
Und natürlich geht jeder mit seinem persönlichen Heilsbereich ein bisschen anders um, gemäß dessen, dass man ja auch individuell unterschiedliche Vorstellungen darüber, Erwartungen und Ansprüche daran hat. Keiner aus der Ætt kann oder wird mir daher vorschreiben, wie ich meinen persönlichen Heilsbereich zu definieren habe oder wen ich da in welcher Form hineinlasse, dran teilhaben lasse oder sonst wie dazuzähle – solange es nicht wiederum das Gruppenheil tangiert, was ich so treibe. Schließlich stärkt es das Gruppenheil, je besser es ihren Mitgliedern geht: das Heil potenziert sich. Insofern lässt es die andern auch nicht kalt, wenn es Einzelnen schlecht geht: es betrifft alle – und da unterscheidet sich unser Modell ganz konkret von den Sitten der größeren Gesellschaft: die mangels Heilsverständnis für so ein gegenseitiges Auffangen dann entweder Familienbande (im Sinne leiblicher Verwandtschaft) braucht – oder das Hilfsbedürfnis halt aufs mehr oder minder äußerlich-oberflächliche "Funktionieren" von Personen beschränkt. (Den Rest regelt dann der Psychiater, auf Gedeih und Verderb. Gewagtes Kunststück allerdings: Leuten gegenüber, die sich – unabhängig von ihren jeweiligen Problemen – gesellschaftlich eh schon auf ihre Funktion reduziert fühlen müssen: weil sie es sind.)

Was unser Gruppenheil wiederum von dem einer reinen Freundschaftsbindung (denn auch Freunde helfen ja einander...) unterscheidet, ist die klardefinierte, bewusst angewandte Systematik: also deutlich mehr als ein Schulterkloppen, und einem lauen Spruch a la "...und jetzt fang dich aber mal wieder". Das Bewusstsein fürs gemeinschaftliche Heil ist stark – und ggf. nicht abhängig von privater Sympathie (obwohl solche natürlich aus den Ergebnissen erwächst, oder sich verstärkt).
Wie weit weg die andern auch immer grad sein mögen, und egal wo es mich gerade herumwürfelt: ganz allein bin ich nie. Bin immer Teil eines konkreten größeren Ganzen.

Die Regeln unserer Gruppe gelten freilich nur für diese, und innerhalb dieser. Nach Regeln lebt aber jeder Mensch – wie (und woher) bewusst oder unbewusst verinnerlicht, und in welchem widersprüchlichen Ausdrucks- und Wirkungskonglomerat auch immer.
Und wo immer eine (wie auch immer geartete) Gemeinschaft sich nicht eigene Regeln schafft, folgt sie bereits vorhandenen: meist eine zufällige Mischung dessen, was die jeweiligen Beteiligten so mitbringen... und je weniger oder unklarer das untereinander kommuniziert wird, desto mehr Zusammenstöße gibt´s: allzu oft als persönliche Animositäten missverstanden – die´s zwar immer auch gibt. Aber auf dieser Ebene lässt sich das Problem nicht lösen!

Ob ein Boot fahrtüchtig ist, misst sich nämlich nicht daran, ob oder inwieweit die Insassen sich gerade leiden können (wiewohl das zwar eine Rolle spielt, wie z.B. auch der Fahrtwind oder der Seegang...). Bei Segelriss, Mast- oder Ruderbruch ist es aber wenig hilfreich, private Sympathiefragen zu diskutieren. Da muss man schon erkennen, wo´s strukturell hapert, und auf die Sachebene gehen, um Probleme zu beheben. Was ist bei deiner Gruppe / Familie / sonstigen Gemeinschaft der Mast, das Segel, das Ruder? Welche Bedeutung haben diese "Teile", und wie ist ihre funktionale Beziehung zueinander? Das ist "Struktur": die von Gruppierungen zu erkennen, Voraussetzung, daran zu arbeiten. Wohlgemerkt: Die Frage lautet, was ist der Mast und das Ruder – nicht etwa: wer bedient es! (Das spielt zwar ggf. auch ein Röllchen, ist aber eine kategorisch andere Frage!) Inwieweit sind sich die "Insassen" dieses oder jenes Haufens überhaupt einig, in was für einer Art Boot sie hocken? Auch wohin das ggf. fahren soll, lässt sich erst danach klären.


Zu fernen Gestaden... (ein offener Plot)
Was packen wir hinein in unser Boot? Geht es ums Vorwärtskommen (gemeinschaftlich wie persönlich), oder auf Räubereifahrt? In germanischem Verständnis hängt auch Gruppenheil ab von individueller Ehre – die ich, um Assoziationen zu pathetischem Hohlgebläse zu vermeiden, hier mal lieber als Ehrbarkeit (der Einzelnen) bezeichne. Und die wiederum hängt ab von Wertinhalten. Hier scheiden sich die Geister – und das ist auch nötig. Ich kann kein Heil mit jemandem haben, der z.B. Menschen in "Rassen" einteilt (was Abwertungen immer nach sich zieht: und sei es "nur" in der Praxis via biologistisch beliebig begründbarer Ausschlüsse) und / oder Inhalte und Formen seiner persönlichen Religion (und damit auch die anderer) für genetisch oder sonst wie biologisch bedingt hält. Und wenn so jemand zehnmal die gleichen Götternamen verwendet wie ich (alles schon mal vorgekommen...). Da beschwören wir dennoch vollkommen unterschiedliche Kräfte herauf: die sich im Fall dieses Werte-Beispiels diametral und unvereinbar gegenüberstehen. Rassismus ist keine politische Meinung, sondern ein Verbrechen. Ja: Mein germanischer Ehrbegriff ist mit den Menschenrechten verheiratet – deren historische Jugendlichkeit ihrer Attraktivität keinerlei Abbruch tut (zumal sie weit ältere Ideen und Werte aufgreifen: allein ihre umfassende Bündelung ist jung – ihr Universalitätsanspruch aber lediglich konsequent)... Außerdem war es eine Liebesheirat. Ein Bund fürs Leben, und darüber hinaus. Diese Braut wird also verteidigt: bei der Ehr´! Jenseits von ihr gibt´s kein Heil – auch wenn das meine noch etwas weiter greift. Aber ohne sie geht halt gar nix. Von Menschen für Menschen erschaffen, steht sie im Einklang mit der Musik und dem Atem der Götter, insbesondere Mutter Nerthus, die lieber Regen als Blut trinkt.

Die Fahrt unseres Bootes aber hat erst begonnen. Hier nur als kleines Beispiel für Gedanken und Bemühungen ums große Thema. Fragen des menschlichen Miteinanders, insbesondere das von Gruppierungen aller Art, nehmen unserer Tage an Wichtigkeit zu: gerade angesichts realer wie auch empfundener Weltlage. Dem Unheil der Zeit etwas Heiles entgegenhalten – das freilich immer wieder neu geschaffen werden muss, umsichtig und sorgsam. Es ist nicht unbedingt einfach. Wer nicht hinabgezogen werden will in den Mahlstrom erodierender Werte zweifelhaften Wertes, braucht haltbare Bindungen: deren Überleben aber wird abhängen von der Souveränität und Praktikabilität ihrer Wertinhalte – und die hängen ab von der Integrität derjenigen Menschen, die sie vertreten. Frei und gleichberechtigt Organisierte haben den längeren Atem. Die höhere Ehre sowieso.


Abspann
Nach dem – und beim (denn die Geschichte geht ja weiter: ist ja gar kein Film, den wir hier drehen...!) – vorsichtigen Wiederauffüllen des Begriffs "Heil" mit ehrbaren Inhalten bleibt mir ein Anliegen – verbunden mit entsprechender Empfehlung, die ich mir hiermit erlaube – dieses alte, von allzu unheilem Gebrüll noch arg wundgeriebene Wort lieber zu flüstern. Noch besser, es zu leben. Beides aber, damit es heilen kann. Dort findet es nämlich heim. Es? Wir. Alle.


Eibensang


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