Heil   Teil I
Wenige Begriffe unserer Sprache wurden derart vergewaltigt – von seiner jahrhundertlangen Instrumentalisierung durch die kirchlichen Theokraten bis zur schließlichen Besudelung durch die NS-Deutschen. Man nehme diese Überschrift daher um großer Götter (vor allem aber aller Menschlichkeit) Willen nicht als markerschütternden Ruf, sondern stelle sich das Wort vielmehr geflüstert vor. Behutsam mit seinem tatsächlichen Sinn refilled, gibt es keinen deutlicheren Begriff für das, was es mich zu sagen drängt.

Unmöglich allerdings, sofort zum Kern der Sache zu kommen. Auf die erwähnten Missbräuche der strapazierten Worthülse selbst will ich zwar gar nicht gesondert eingehen – die setze ich mal als sattsam bekannt voraus. Auch die "neuen" Inhalte sind erst später dran: als empfehlbare Nutzlast, sozusagen. Wenn eine Form gezimmert ist, die trägt. Sagen wir: Ich will einen Bootsbau skizzieren.

Aber Anforderungen, Eigenschaften, Machart und Beschaffenheiten dieses Bootes lassen sich nicht erörtern, ohne zuvor einen Blick auf das weithin aufgewühlte Meer zu werfen, in dem es schwimmt – genauer: dessen Wogen, Brecher und Untiefen zu befahren es sich erst anschickt. Denn soweit sei vorgewarnt: Wir drehen hier keinen Historienschinken. Dieser Film über germanische Ideen und Anwendungen spielt ausschließlich in der Gegenwart.


Totale (Weitwinkel-Aufnahme / Panorama)
Wir leben in unruhigen Zeiten, Tendenz verstörend. Das international durchgesetzte Dogma weltweit "ungehinderten" Warenflusses entwertet Arbeitskraft auf selbstmörderisch niedrige Niveaus; die und der Einzelne hierzulande erleben das als persönliche Perspektivlosigkeit, Ohnmacht und Druck. Der Staat versucht sich in (zuweilen bizarren Hilflosigkeitsmaßnahmen) hauptsächlicher Armutsverwaltung; die dies dem Volk händeringend bis hanebüchen verkaufenden Politiker entwerten damit ihrerseits die Demokratie (denn die lebt vom Vertrauen). In deren Windschatten wiederum gehen Ideologen des Hasses Jünger fischen und schöpfen reichlich Volksfrust ab. Die Angstmaschine brummt.

Was immer als fixer Wert gegolten haben mag bis vor kurzem: er bröckelt. Sie bröckeln alle. Das ganze System erodiert. Und damit auch das Selbst-Bewusstsein seiner Träger: wie außen, so innen. Und an dem, was noch steht, meint man zu spüren, wie sich die Schrauben lockern (auch zuvieler Gemüter...). Sicher ist nur noch, daß als sicher geglaubte Gewissheiten schwinden. In diesem Strudel – ja: Mahlstrom – rangeln Menschen nach Halt.

Die Identitätsfindung im Land jener Beliebigkeit, die hier gern mit Freiheit verwechselt wird, nimmt neurotische Züge an: Als "westliche Werte" werden nach Gusto hervorgekramt, was blutige Geschichte oder ihre dümmlichsten Legenden hergeben – die Menschenrechte hingegen sind historisch offenbar noch zu jung, um bereits als einforderbarer Wert auch persönlich Sinn und Stolz zu stiften... (von Gemeinsinn ganz zu schweigen: Entsolidarisiert sind wir bis tief ins geplünderte Portemonnaie hinein. Auch ich überlege, ob ich mir meine Trinkhörner nicht demnächst an die Ellbogen schnalle... Only the lonely survive?). Und dem Big Brother USA wie ehedem gewohnt jeden Trend abzugucken, will auch nicht mehr recht funzen, seit der Ölscheich und Gotteskrieger Bush bei seinem "Krieg gegen den Terror" erkennbar ein wichtiges Land vergessen hat: Texas.

Texas erfüllt seit längerem die Kriterien für militärische Interventionen im Namen von Freiheit und Demokratie: Dort werden seit je die Menschenrechte mit Füßen getreten (Todesstrafe!), unlängst kam ein Präsident ohne glaubwürdige demokratische Verfahren an die Macht (Bush, 1. Amtszeit), dort lagern Massenvernichtungswaffen in hoher Zahl, breite Bevölkerungsschichten huldigen dem Fundamentalismus, religiöse Fanatiker sitzen in Regimekreisen. Von diesen gehen zudem weltweite Drohgebärden aus, und nicht nur rhetorische!

Aber Ernst beiseite.


Nahaufnahme (Schwenk auf die Protagonisten / Portraits)
Die Spaßgesellschaft funktioniert ja noch. Treffen wir uns auf dem Mittelaltermarkt, und vergessen, "gewandet" wandelnd zwischen Drehleier, Blasebalg und fetter Bratwurst für drei "Taler", dass jede beliebige Ära vor ein paar hundert Jahren für 99 % damaliger Bevölkerung frei von jeglicher persönlichen Freiheit war.

Gerade Neuheiden begeistern sich gern an der nostalgischen Wiedergängerey jener Jahrhunderte Kirchendiktatur (die deren noch blutigerer "Neuzeit" vorausgingen, in der die Inquisition zu ihren größten Exzessen erst so richtig auflief): damals, im Mittelalter, gab´s halt noch öffentliche Badezuber, oder so ähnlich (glucks). Und überhaupt soll man ja alles nicht so eng sehen – heute geht es schließlich ums Vergnügen.

Dieses aber kann sich krampfhafter Züge nicht entledigen, betrachtet man, wie ernst ebendiese "Heiden" anderseits in ihrer persönlichen "Religiösität" genommen werden möchten. Allmählich möchte sogar ich beinahe an "Karma" glauben: angesichts all dieser Profilkasper, Titelhuber, Verschwörungstechniker, freifabulierenden Geschichtsorakler, Unsinnabnicker und Wirklichkeitsverdränger, die da Asyl beantragen als vom Alltagsmief Verfolgte im Traumland freier Wühltisch-Phantasien. Wie viele Geheimräte, kaiserliche Beamte, Gendarmen, Zwangsmütter, Landbüttel, Kardinäle, Ablaßverkäufer, Äbtissinnen, Dorfpfaffen, Quacksalber, Marienerscheinungsgeplagte, Wundmal-Voodooisten, Selbstgeißlerinnen, Beutelschneider, dummgeprügelte Mägde, Kreuzfahrer und Kleinstdespoten mögen sich hier aus den letzten 1500 Jahren "inkarniert" haben in den heutigen Zeitgenossen! Denn anders kann ich mir deren jederzeit auf Stich- und Reizwort herauskrakeelbare Emp- und B.- Findlichkeiten kaum mehr erklären... (die Titel haben gewechselt. Wir sind Alsherjapsgode – und überhaupt hochgradig initiiert! Was man aber alles nicht verwechseln darf – schon der Wichtigkeit wegen.)

Den Vorfahren freilich ist kein Vorwurf zu machen. Was hätten sie anderes tun sollen, als nach ihrem Ableben in ausgerechnet sovielen heutigen Neuheiden zu "inkarnieren"? Schließlich werden sie von diesen geflissentlich übergangen bei der Ahnenverehrung: beruft sich neuheid doch lieber auf die beliebig aufblasbaren Ganzaltvorderen, die originalen (!) "Germanen", unverfälschten (!) "Kelten" – oder wenigstens all die vieltausendjährig (in klammheimlichen, von Oma zu Enkelin vermutlich zwischen Kirchgang und Wäscheberg weitergeraunten) "ungebrochenen Hexentraditionen"...!? Zumindest die Linie der Dummheit ist eine nachweislich schwer durchbrechbare. Ganz hartnäckig haltbar, diese Tradition. Und wahrhaft religionsübergreifend.

Christen – waren das nicht irgendwelche fernen Bösen, die irgendwie aus der orientalischen (!) "Wüste" in unsere (!) schönen Wälder kamen (?) und mit viel Gezeter und Höllgeheul den armen heidnischen Landsleuts auf einmal das Spökenkieken verboten haben? Zu den eigenen Ahnen zählt neuheid die Christen anscheinend nicht (auch wenn deren Missionare keineswegs aus morgenländischen Fernen, sondern ganz nachbarschaftlich aus Irland und Italien herbeigetrippelt waren, das damalige New Age verkündend). Wie aber die vergammelten Wertvorstellungen all jener bekennenden Christen aus letztlich über anderthalb Jahrtausenden Abendland klammheimlich in den scheinheidnischen Köpfen der Heutigen spuken (auch ganz ohne Inkarnierungsschmäh, sondern so richtig de facto): Das passt auf keine Kuhhaut, und das bannt auch kein Pentagramm.

Also sprach der Moderator: Selig sind die besonders Bescheuerten, denn ihnen gehört das Medienreich. Und heute die ganze Welt.


Außenaufnahme (hinter den Kulissen: fürs "Making of")
Die ganze Welt ... unsere (jeweils) ganze Welt... ist Wahrnehmung. Eine subjektive, immer, und nur. So ist das mit der "ganzen Welt". Außerhalb menschlicher Wahrnehmung gibt es keine "Medien", keine Fernseher, Filme oder Bildschirme (sieht man mal von ein paar größeren Halden Elektronikschrott ab, über die Mama Globus aber bald ihr gnädiges Gras wachsen lassen würde, ließe man ihr nur ungestörte Zeit). Unser aller Internet, das sind ein paar Millionen fragile Datenplatten, überdreht rotierend allesamt, miteinander verbunden über etliche Zigkilometer dickzäher Kabel auf Ozeangrund und sonstwo – und da z.B. die NASA (immerhin ja kein Kellerclübchen pickeliger Bastelbuben) schon heute die Dokus ihres kompletten Apollo-Raumfahrtprogramms aus den 60er Jahren nicht mehr abzuspielen vermag, weil niemand mehr die schrottreife Hardware reparieren kann (was aber eh egal ist, da die Originalaufnahmen inzwischen "verlegt" wurden: vulgo verloren sind...), darf man getrost davon ausgehen, dass auch und gerade von unserer aller zeitgenössischen Daten-Geschwätzigkeit nicht viel mehr übrigbleiben wird als einige Tonnen unappetitlicher Plastik- und Siliziumschrott (von dem aber unklar sein wird, wozu er überhaupt diente). Die Archäologinnen künftiger Zeiten werden sich die Köpfe zerbrechen, was wir den ganzen Tag eigentlich gemacht haben – aber das müssen wir ungetröstet ihrer Phantasie überlassen. Von unseren Gedanken wird nichts künden!

Nun, wir wissen ja, was wir tun. Im Sinne unserer Making-Of-Aufnahme sieht das so aus: Ich sitze gerade seit ein paar Stunden auf einem Plastikdrehsesselchen, vor einem Holztisch, auf dem u.a. ein Kasten steht, in welchen ich unablässig hineingucke. Von der Vorderfront des Kastens geht ein fahles Leuchten aus, von der Deckenlampe ein helleres.
Meine unruhigen Finger lassen flache Knopfreihen leise klappern. Aus zwei kleineren Kästen links und rechts auf dem Tisch röhrt rhythmisch-melodiöser Klang. Am Körper trage ich dünne Textilien und im Haar hoffentlich keine Läuse (obwohl die halbwüchsigen Kinder meiner Schwester ständig welche mit heimbringen von der Dorfschule). Mein Magen verdaut gerade "Spaghetti aglio e olio e peperoncino": typisches Alltagsfutter für mich, auch wenn das nicht allzu germanisch sein dürfte – aber es machte mich nicht germanischer, bevorzugte ich Hirsebrei. Pasta, Knobi und Chillies sind billig – und so, wie ich sie mische, schmackhaft (na schön: der frisch zu raspelnde Parmegiano Reggiano drauf, der kostet a bisserl. Aber Stil darf sein, zumal´s der Käs´ wert ist) – außerdem sagen die wenigen Mädels, die mir die Freude machen, gelegentlich mein Lager zu teilen, daß ich "abgenommen" hätte: seit mir die Spaghetti die fette Hartwurst ersetzen morgens...

Off topic? Von wegen. Wir sind schon ganz haarscharf am Thema. Heil... Ich bestehe nochmals auf die kategorische Abwesenheit jeglichen Rufzeichens hinter diesem Four-Letter-Word, das mir so wichtig wurde in den jüngsten Jahren. Daß es mir überhaupt wichtig und relevant werden durfte (oder sagen wir pragmatischer: konnte), verdanke ich freilich anderen. Denn Heil, soviel sei vorausgeraunt, ist alles andere als eine individuelle Leistung. Obwohl es solche erfordert...


Ende Teil I


Eibensang


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