Betreut von Eibensang


Achten oder ächten – vom Umgang mit Ahnen   Teil II
Manch kritischem Zeitgenossen mag es schon so gegangen sein: Da hat man sich nun eine Ahnenreligion angelacht, mit deren Inhalten, neu und eigen herausgearbeiteten Riten und Formen man sich wunderbar identifiziert – aber ausgerechnet die Vermächtnisse der ureigenen, persönlichen Vorfahren wollen wenig oder fast gar nichts hergeben, was sich heute und von einem selber mit Stolz vertreten ließe.

Und so, wie ich meinen Vater einerseits persönlich achten gelernt habe (freyrseidank noch zu seinen Lebzeiten), und ihm für manches in meinem Leben (oder wenigstens meinem Potential) dankbar sein kann, auch dankbar bin – ohne dabei aber anderseits seine Richtung weitergehen, seine Werte übernehmen, seine Werke weiterführen zu müssen, wenn ich das für unverantwortbar halte im Sinne meines Wertesystems: So kann ich auch all meine verstorbenen Vorväter, deren Mütter und Großmütter usw. usf. ehren und achten: als meine persönlichen "Lebensgeister", die sich durch mich, in mir und mit mir verkörpern. Ich trage sie, ich trage auch ihr Erbe, gutes und schlechtes (samt aller Zwischentöne), Ehrbares bis Böses – alle Verantwortung. Dafür geben sie, die Ahnen aus all den vergangenen Zeiten, ihre reine Lebenskraft an mich weiter (die sie ja jetzt eh nimmer selber brauchen und weiter ausleben können, da sie tot sind, ihr autarkes biologisches Eigenleben vorbei ist): beständig, und in dem Maß, wie ich ihre Relevanz, ihre Macht und Präsenz spüre – und anerkenne.

Was ich dabei – in meinem Fall: betonterweise – nicht übernehmen, nicht weitertragen, nicht fortführen muss: ihre Ansichten, ihre Weltanschauungen, ihre Meinungen, ihren Stil, ihren Geschmack, ihre Methoden, ihr jeweils individuelles oder zeitgeprägtes Sonstwas.

Ahnen: Ich muss sie einfach nur (be)achten. Unterscheide dabei: die Personen, Persönlichkeiten, Lebensenergien einerseits – von ihren jeweiligen Haltungen, Anschauungen, Taten usw. anderseits. Sie sind, aber wer jetzt was (damit und deswegen) tut, bin ich. Sie sind passiv, ich aktiv. Ich bin ihr Träger, sie die Getragenen. Sie meine Seelenenergie, ich deren Verkörperung, ja: ihr aller Körper. Sie mein Erbe, ich dessen Neuschöpfung. Sie geben Kraft, ich verantworte deren Richtung: durch meine Taten, mein Handeln, meine Entscheidungen. Die Ahnen treiben mich auch: ihren Weg in diesem oder jenem Aspekt weiterzugehen, zu vertiefen – in anderen Aspekten und bisherigen Tendenzen aber zu verändern, zu korrigieren: ggf. bis zur kompletten Umkehr einer vorherigen Entwicklung (wie z.B. anlässlich der jüngeren, der sichtbarsten historischen Vergangenheit gegeben und erforderlich...).

Unsere Vorväter schwärzten die Sonne, und gingen zum Untergang. Ich schwor den älteren Ahnen Umkehr und Neuanfang...
(Die Singvøgel: "Sonnenrad Song")


Die Nackten und die Toten
Bei obigem Modell der Ahnenverehrung ließe sich natürlich auch einwenden, daß da "jeder kommen" könnte, und mal eben eine Kehrtwende einschlagen: und dann müßten die ganzen Ahnen, all die Generationen über Generationen, zwangsläufig und klaglos hinterher, dem neuen Weg folgen?
Sie tun es – denn wir verkörpern sie. Und letztlich sind wir ja auch ihr "Produkt", all ihr vorläufiges Ergebnis: live on earth, sozusagen. Wir sie mit uns und wir mit ihnen auskommen, das lässt sich, denke ich, unsererseits nur individuell klären oder herausfinden. Ich kann mir vorstellen, dass meine Ur-Ur-Urgroßmutter entsetzt gewesen wäre, hätte sie mich, so wie ich heute bin, wie ich heute lebe, zu ihren Lebzeiten (also als Lebende, als Kind ihrer Zeit) getroffen oder gekannt. Mittlerweile aber sieht sie das, glaube ich, nicht mehr so eng. Ob ich ihr ein Trinkhorn Met oder ein Glas Wein oder was auch immer anbiete, ist ihr nicht so wichtig wie die Geste, die ehrliche Zuwendung, die Intention. Auf die, denke ich, kommt es in erster Linie an. Zumindest bei meinen Ahnen funktioniert das so. Und mein Leben verläuft bedeutend harmonischer und erfolgreicher, seit ich das so mache. Das detaillierte Drumherum, all der Zierrat und Tinnef, ist m.E. eher für die Lebenden maßgeblich. Meine Ahnen, davon bin ich überzeugt, sehen mich so nackt wie ich hierher kam, und wie ich auch gehen werde.

Noch ein Wort zur möglichen Frage, wie weit man die eigenen Ahnen in die Vergangenheit zurückreichen lässt (also derlei spürt oder einfach davon ausgeht: ahnt...) – und wen man überhaupt dazuzählen mag. Wir können nicht wissen, was alles aus tieferem Zeitendunkel bis in unser jeweiliges Heute hineinspielt – moderne Seelenforschung hilft uns da auch nicht weiter, da sie von anderen Mustern und Begrifflichkeiten ausgeht: ein Ahnenaspekt – als Umstand, dass man da "Geister" mit sich "herumträgt", die einen gewissen Einfluss ausüben (irgendwo tief unter den dünnen Spiegeln individuellen Bewusst-Seins) – kommt in ihren Denkmodellen nicht vor.


Gemischter Salat
Ganz nebenbei sei auch mal daran erinnert, dass die letzten anderthalb Jahrtausende unserer Gesellschaft christlich geprägt waren. Nähme man – spaßeshalber – an, die Toten behielten all jene Anschauungen, die sie als Lebende verkörperten, in einem Verhältnis von 1:1, dann müsste man damit rechnen, dass eine ungeheure Anzahl von Ahnen – all die Christen unter ihnen nämlich! – auf unsereiner ganz schön sauer wären: haben wir uns doch von ihrem Gott abgewendet, und von einer Religionskultur, die viele Jahrhunderte lang alle Lebensbereiche beherrschte und die Menschen über Generationen bis ins Innerste durchdrang.

Ich gehe aber davon aus, dass die Toten – und damit auch die Ahnen – mit dem anderen Zustand, in den sie gelangen, auch eine andere Perspektive entwickeln als in der materiellen Welt vonnöten. In Helheim – oder wie immer man das "Totenreich" nennen mag – spielen andere Energien eine Rolle als unsere hiesigen Alltagsdetails, oder auch unsere Zwiste, Sorgen, Grundsätze. Andernfalls könnte ich auch nicht viel Sinn im Tod sehen. Da im Leben Geist, Seele (und alles was dazugehört, dazugezählt werden mag) in überaus enger Wechselwirkung mit dem Körper verbunden ist, erscheint mir logisch, dass mit dem Zerfall der Materie deren Einfluss auch auf das nachlässt, was weiterexistiert (und in unserem Kulturkreis halt etwas grob und pauschal "Seele" genannt wird).
Bei den altvorderen Germanen begriffen sich die Stämme gern als Abstammungsgemeinschaften und leiteten ihre Urherkunft von dieser oder jener Gottheit her. Eine solche Sichtweise würden wir heute "spirituell" nennen, was den Germanen aber überhaupt nicht in den Sinn kam. Ratio, Spirit, Kunst und Kultus waren getrennt fast nicht vorstellbar (inzwischen ist es nahezu umgekehrt).

Was die Forschung längere Zeit verwirrte, da sie sich eine "Abstammungsgemeinschaft" ausschließlich blutsverwandt vorstellen konnte: das aber traf auf die Germanenstämme nachweislich nicht zu. Und so, wie in der Mythologie die Götter von den Riesen abstammen, so fanden historische "Germanen" wohl auch die einst göttliche Herkunft ihrer menschlichen Sippschaften ganz fraglos natürlich und normal.
(Zumal das Phänomen Zeit wahrscheinlich sowieso nicht als linear aufgefasst wurde, über die offensichtliche Abfolge von Jahreszeiten u.ä. hinaus – aber bereits die ist ja auch schon zyklisch im Ansatz. Siehe hierzu auch mein bereits erwähntes Essay "No future".)


Rituelles
Als Kind meiner Zeit habe ich die entsprechenden Einflüsse ganz pragmatisch vermengt: und bei manchem privaten Ahnenritual denn auch die "Geister der Mammuts" verehrt (da ich davon ausging, dass die großen Fellrüssler am Überleben der frühen Menschheit entscheidenden Anteil gehabt haben dürften: zumindest in den hiesigen Breiten).
Wichtiger aber war mir, z.B. verstorbene Freunde ganz automatisch in "meinen Ahnenstamm" aufzunehmen. (Ich weiß nicht, ob historische Germanen das taten, aber zumindest zu meiner germanischen Denkweise passt es.) Und das gleiche tat ich mit so manchem menschlichen Geist, mit manchen menschlichen Vorbildern, die mich prägten: ob ich die Betreffenden persönlich kannte, spielt keine Rolle – sie haben mich beeinflusst, meine Ansichten, meinen Charakter mitgeformt... Und bis jetzt hat sich noch kein Toter beschwert, von mir mitverehrt zu werden als mein Ahn. (Da ich selber keine Kinder habe, wäre es mir durchaus ganz recht, wenn vielleicht sonstwer meiner gedenkt, wenn ich mal tot bin...)
Unsere Sprache hat keine konkreten Worte für irgendwelche jenseitigen Zustände und Zusammenhänge. Die "Rückmeldungen" meiner Ahnen bei mir kann ich dementsprechend kaum schildern, geschweige denn "beweisen". Ich spüre die Wechselwirkung, die Interaktion – und reagiere darauf. Ich gehe davon aus, dass meine Ahnen wissen, weshalb ich auf die Welt kam – gelegentlicher "Rat", den sie mir geben, erfahre ich als emotionalen Impuls, und in gefühlter Übereinstimmung mit dem, was ich für meinen Weg und Auftrag halte.

Äußerlich vollzieht sich meine Ahnenverehrung schlicht bis formlos. Jeder Segen, der den Æsir und Vanir, den germanischen Göttersippen ausgesprochen wird, schließt die Ahnen mit ein. Beim Jultreffen der Nornirs Ætt, unserer Gemeinschaft, wird beim Mahl symbolisch für die Ahnen mitgedeckt und aufgetragen; in manchen Ritualen werden sie gesondert angerufen. Als sehr präsent erlebe ich die Ahnen bei Anlässen, die mit meinen Wahlfamilien oder -sippschaften zu tun haben: denn dort verehren nicht immer alle Anwesenden speziell meine Asatrú-Gottheiten. Ahnen aber haben wir alle, und sie sind den Menschen so nah wie den Göttern.


Eibensang


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Wer erleuchtet das Meer? - Teil II     Eibensang, 04.03.2006
Wer erleuchtet das Meer? - Teil I     Eibensang, 25.02.2006
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No future! Warum das Germanische keine Zukunft hat - Teil II     Eibensang, 06.08.2005
No future! Warum das Germanische keine Zukunft hat - Teil I     Eibensang, 30.07.2005
Müssen wir dran glauben? - Teil III     Eibensang, 30.04.2005
Müssen wir dran glauben? - Teil II     Eibensang, 23.04.2005
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Gastfreundschaft bei den alten Germanen     Freyjatru, 26.07.2003
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