Wer erleuchtet das Meer?   Teil V
Gefragt nach meinen Göttern, komme ich ins Schwitzen: je mehr ich von ihnen erzähle, desto weniger erfährt man dabei über Asatrú. Fange ich aber damit an, muss ich soviel erklären, dass ich kaum mehr zum sog. Spirituellen komme. Ist Asatrú überhaupt spirituell?

Meine Grenzen als Mensch freilich sind klar: Ich lebe im Zeitstrom (oder -zyklus), und bin selbstverständlich nur hier, und nicht etwa woanders. Will ich woanders hin, muss ich mich gänzlich dorthin begeben, und schon auf dem Weg bin ich dann nimmer, wo ich vorher noch war: Gleichzeitigkeit an verschiedenen Orten is´ nich´, für Sterbliche. Auch ist klar, dass ich immer ich bin – physisch zumindest. Selbst in innigstem Liebesspiel ist und bleibt doch immer unterscheidbar, wer nach wie vor wer ist – auch wenn´s da für unbeteiligte Augen vielleicht nicht so leicht auszumachen wäre. Ich bin hier und heute manifest durch meinen Leib (nicht allein über diesen definierbar, aber), mitsamt dessen Grenzen, Schwächen, Kurzlebigkeit. Ohne den aber wäre ich bestenfalls ein Gespenst.

In all diesen Aspekten erscheinen mir die Götter ganz anders. Sie können gleichzeitig hier wie dort auftreten. Und je näher ich "hinschaue", desto mehr verschwimmt (in meiner Vorstellung) ihre Unterschiedlichkeit: so etwa, wie ich angesichts eines fernen Gebirges jeden einzelnen Berg vielleicht klar benennen kann, weil das auch deutlich so sichtbar ist – aber je näher ich hinkomme, womöglich daran herumkraxele, desto weniger ist definierbar, wo nun der eine Berg beginnt und der andere Hügel oder Landschaftsteil aufhört. Und das ist auch gar nicht mehr wichtig. Für die Verständigung aber kann es eminent wichtig sein, dass ich grad auf dem Mount Himmelhoch herumwandere – und nicht etwa in der sog. "Teufelsgrotte" mich aufhalte, die sich auf dem "Fraunhügel" daneben befinden mag. Nicht erst, wenn ich mir ein Bein breche. Reicht ja schon, dass die Freunde mich gesund von der Wandertour abholen mögen, und die Kilometer zwischen Himmelhoch und Fraunhügel von beider Fuß an beträchtlich sein können, wenn man sich in Sachen Abholort irrt.
Aus vergleichbaren Gründen bin ich kein Freund irgendwelcher "Alle-sind-eins"-Deutungen. Ich empfinde derlei im spirituellen Bereich ebenso unpraktisch und überflüssig wie im physischen. Natürlich hängen die Gebirge irgendwo (ziemlich weit unten) zusammen, natürlich sind die Götter auch als "eins" betrachtbar – na und, was soll´s? So, wie ich meine Religion lebe, hab ich mit meinen Göttern allezeit genug zu schaffen, dass ihre namentliche Unterscheidung (die wirkende andeutungshalber markierend) so konkurrenzlos sinnvoll ist wie das jeweilige Bewusstsein um den eigenen physischen Aufenthaltsort. Im Werkzeugkastenvergleich wird´s vollends deutlich: "Reich mir mal den 18er Schlüssel" heißt nicht etwa "Schlagbohrer her" oder "haste ´ne Fuchsschwanzsäge" – die dann dargereicht etwa mit der säuselnden Bemerkung, daß "alles ja doch nur Werkzeug" sei. Götter sind freilich nicht meine Werkzeuge – viel eher bin ich eines der ihren.


Die Bürde der Bilder
Die (mal wieder nicht hinters Mittelalter zurückreichende) Archetypausformung Odins als eines gruftigen Wandersmannes, der mit Schlapphut, Mantel und Augenklappe durch die Botanik stapft (noch bis in den "Herrn der Ringe" späte Schattenechos werfend) ist mir also ebenso vergnüglich und unernst wie die Vorstellung, dass sein feuerbärtiger Sohn mit einem Ziegenbock-Karren in der Stratosphäre lautstark herumkarriolt. Aus unheilssichererem nationalromantischen Erbe hartnäckig ins Heute über(ge)holte Abbildungen blondbraver Kornfeldmadönnchen (die mich eh unangenehm an Paradeis-Illustrationen in "Wachtturm"-Postillen von Jehovaszeugen erinnern) entsprechen zumindest nicht meinem Frauenbild: Freyja zeigen sie mir sowenig wie Idun, Gefion, Sif, Syn, Gna, Sunna, Fulla oder Lofn – nur mal, abseits von Hel, Hlin, Bil oder Ran – ein paar der "lichteren" genannt zu haben (Auflistung weißdiegöttin unvollständig).

Spätestens von den Göttinnen muss ich mir also eigene Vorstellungen machen. Von ihren männlichen Kollegen aber letztlich – schaut man genauer hin – nicht minder.

Ich bin der Auffassung, dass Vorstellungen über Götter menschliche Gesellschaftsverhältnisse spiegeln: nicht nur, aber auch. Natürlich kann ich derlei gut und gern zum Anlass nehmen, schon allein (als reichte archäologisch Kombinierbares nicht) anhand der obskuren bis widersprüchlichen Art- und Verwandtschaftszuordnungen germanischer Götter untereinander (Asen und Vanen; Freyja als ursprüngliche Vanin ist gleichzeitig astreinste Asin; der "genetische Riese" Loki als Odinsblutsbruder ebenso "vollwertiger" Ase – von Abstammereien ganz zu schweigen: Heimdall hat der Mütter gleich neun...) die alten Germanen von jenem Rassismusruch freizusprechen, der ihnen heute dank nationalsozialistischer Vergewaltigung anhaftet im allgemeinen Bewusstsein... (das mit diesem scheppsen, aber bequemen Bild ungestört bleiben will, zumal neue Nazis es unentwegt befeuern...) ...anderes Thema. Bleiben wir hier, jenseits historischer wie aktueller Niederungen, in den abstrakteren Sphären des Spirituell-Geistigen – zumindest aber im persönlichen Wie und Jetzt. Dennoch: das eine läuft ins andere, wie ich´s dreh und wende.


Welten im Gleichgewicht

" ... Fährt ein Boot, steht ein Baum, heult ein Sturm, ächzt ein Traum... Und drei Frauen schauen stumm... und sie weben weiter – unendliche Pfade – und sie weben weiter... unendliche Pfade... und..."
(Die Singvøgel: "Kommt ein Boot")

Sich selbst als Mittelpunkt der Welt zu empfinden, halte ich für eine naturgegebene Selbstverständlichkeit menschlicher Wahrnehmung. Asatrú macht daraus ein System, das eine jedwede solche subjektiv "gewaltige" Individualität einzubinden vermag in ein hie soziales, dort kosmisches Ganzes – ohne dabei kollidierende Widersprüche (oder einander ausschließende Reibungen in der Weltsicht) zu erzeugen. Unaufgeregter Pragmatismus steht dabei allzeit über oberflächlich-moralischer Wertung: Die Gluthitze einer Herdplatte ist "gut" zum Suppebrutzeln und "schlecht" zum Handauflegen. Mehr kann ich nicht sagen über "Gut & Böse".
Eher als von "guten" oder "bösen" Menschen (oder sonstigen Wesen) spreche ich ggf. von Interessenkonflikten. Konsequenzen daraus befeuern u.U. mein Selbstverständnis – im Sinne oben genannter Eingebundenheit: Auf der "richtigen" Seite zu sein und zu verbleiben, kann womöglich wichtiger sein (für die eigene Identität), als zu "gewinnen".

Schaut man sich allein die (uns ja nur nacherzählten! Soweit uns überhaupt verbliebenen!) Edda-Mythen an, kommt der wache Geist nicht umhin, sich an allerlei Widersprüchen zu stoßen. Eine Figur wie der listige Loki z.B.: verantwortlich für die raffiniertesten Erfindungen und Lösungen – wie letztlich für aller Verderben. Das Heil der Götter: fußend auf Verräterei an ihren Vorfahren, den Riesen (die unbewussten Naturgewalten verkörpernd). Ja: Die (Bewusstsein verkörpernden) Götter entstammen den (unbewussten Gewalten der) Riesen, und am Schluss erliegen sie diesen. Selbst in den kärglich überlieferten Scherben: ist es eine Kosmologie – eher als eine dahermenschelnde "Moral" –, was dort insgesamt erzählt wird.
Jene "drei Frauen", Nornen, Schicksalskräfte: Sie stehen über den Göttern. Sie sind das personifizierte Werde, Sei und Gestalte (siehe hierzu mein Essay "No future..." in dieser Rubrik). Ich bin der Mittelpunkt meiner Welt: wichtig als Grashalm einer Wiese. Ohne meinereiner ist keine solche attestierbar: Ich bin nicht allein. Je prächtiger und voller ich blühe, desto mehr mag die Wiese grünen. Wer mich aber ausreißt, frisst oder zerstampft nur Gras. Selbst dann hinterlasse ich Samen, oder Spur: die Idee dessen, was ich war.
Andern zum Beispiel. Und sie wachsen – ggf. sogar: nach. (Asphalt ist kein Hindernis.)

Für alles, was ich mir nehme, gebe ich etwas: freiwillig oder unfreiwillig, bewusst oder unbewusst. Je klarer ich aber die jeweiligen Zusammenhänge sehe, desto klarer kann ich mitbestimmen, was ich gebe: für jedwedes nötige Nehmen. Schenken wiederum birgt die zusätzliche Überraschungsfreude, sich nicht scheren zu brauchen, was man dereinst dafür bekommt. Kalkulieren lässt es sich eh nicht. Die Götter sind keine Kaufleute. Sie sorgen nicht nur für Gleichgewicht, sie sind Bestandteil desselben, selbst darin eingebunden auf Wohl und Wehe.
Vielleicht sind sie ja auch nur Geschichten: altvorderer Menschen, die damals noch keine besseren hatten. Und vielleicht haben wir Heutigen ja bessere: Beispiele, Helden, Vorbilder. Ich probierte manche der neuen aus, in meiner Jugend. Um doch die älteren zu entdecken, irgendwann. Dass diese die besseren sind – zumindest für mich – glaube ich heute. Lang habe ich gebraucht, sie zu finden: mein halbes Leben. Sie gaben mir ein neues, und ich opfere ihnen, weil ich immer noch lebe.

"Wem gehört die Welt? Dem, der sich an sie verschenkt: Diener der Ekstase. Wer gehört sich selbst? Sagt, wer kennt sich wirklich selbst? Nur wer die eigenen Schatten schaut: Diener der Ekstase..."


Eibensang


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