Wer erleuchtet das Meer?   Teil III
Gefragt nach meinen Göttern, komme ich ins Schwitzen: je mehr ich von ihnen erzähle, desto weniger erfährt man dabei über Asatrú. Fange ich aber damit an, muss ich soviel erklären, dass ich kaum mehr zum sog. Spirituellen komme. Ist Asatrú überhaupt spirituell?

Hoch im Jahr
Beltane ist kein Asatrúfest. (Und wenn ich mir so anschaue, wie andere Heiden das so "feiern", dann hab ich, will mir scheinen, zumeist nicht die Welt versäumt... Nicht, solange ich mich als ein "Diener der Ekstase" fühle, zumindest.)
Na schön: Vor dem runden Maimond feiere ich seit sechs Jahren mit andern Freunden noch alljährlich in einer Waldhöhle; die mehrtägigen Riten und Übungen dort sind aber schamanisch-psychopraktischer Natur. Gleichwohl sie mir viel bedeuten, sind sie hier irrelevant (nur zwei der sechs bis zehn Beteiligten sind Asatrú, der Rest nichtmal alles Heiden).

Die Sommersonnenwende im Juni begehe ich meist unzeremoniell (mal wieder), dafür umso lieber: am allerliebsten in einem privaten Steinkreis (tatsächlich: sowat gibt´s) bei lieben Asatrú-Freunden und deren Bekanntschaft. Lagerfeuer, geselliges Beisammensein und so.
Und du, lieber Gast, liebe Leserin, wunderst dich: schon wieder kein erkennbarer Gottesdienst?
Ich lächle dir ins Auge, Menschin. Auf den Spiegeln der Wirklichkeit zerläuft unser Zerrbild von Zeit. Gieß dies Horn aus ins Gras, oder lass ein Tränchen tropfen in den Brunnen deiner Trauer. Ich könnte dir sagen, wer das Meer erleuchtet – doch nützte dir das? Nur wie wir fahren, und wohin, ist von Folgen: nicht nur zur hohen Jahreszeit. Wer hier mitrudert, kennt Sonne und Wind, ob gleißend, ob stürmisch, ob blass oder nasskalt. Schnapp dir eine Trommel, oder tauch ab zu meiner. Tanz dich schweißnass im sengenden Glanz der großen Mardøll, die mehr als den Tag regiert, und deren gleißenden Blick kein Mensch lange erträgt, ohne ob ihrer Schönheit zu weinen. In Sunnas sanfteren Strahlen aber, die dir Haut und Gemüt wärmen, grüßt dich der schöne Baldur. Wer immer heute "Runen auf der Zunge" trägt, hat sie (wette ich was) von Bragi, meinem Dichtergott. Öhh – ist das nicht Odin? Wieso – stürmt es etwa gerade? Wisse, der alte Wanderer verantwortet so manches, aber sich und die seinen dir hier auseinander zudividieren nach Menschenart, lehrte er mich noch nicht. Achte lieber auf den Trommeltakt, der dir pocht: schnurlosstracks und ekstatisch gehalten von mir, virtuos aufpoliert und herrlich variiert von jenen Freunden, die besser trommeln als ich. (Einer sagte mal scherzhaft, wo Leute beharrlich trommeln, die dies partout nicht vermögen, also jenseits von Takt, Beat und Rhythmik, "hält es kein Asatrú lang aus...": keiner von unsereinen, korrekt!)

Tanz weiter, und vielleicht reiß´ ich dir, wenn ich mich trau´, den Kopf nach hinten und drück dir einen Kuss in die fliegende Seele (was ich zu Beltane versäumte). Träum´ ich nur wieder? Selbst dann wirst du´s spüren, haha! Nimm´s als Gruß von einer Asatrú-Göttin, deren Liebling ich bin. Fall nicht ins Feuer! Meins kommt von Freyr, der ist ihr Bruder, in mir pocht er nackt, prall und drängend. Ich opfere ihm gerne. Aber nicht dich. Menschenopfer sind Legende, aus Zeiten, die ich zu ersehnen ich keinerlei Grund sehe. Mir reicht die Gegenwart, samt ihrer Gefahren. Schön bist du. Tanz weiter. Ich geh nur mein Horn füllen – bei Fulla, bei Lofn – und streichel kurz die Katze, die mir begegnet. Der Takt läuft auch ohne mich. Lei´wande Fete!


Und wieder runter...
Von Juli auf August findet das alljährliche (oben bereits erwähnte) Allthing der Nornirs Ætt statt. Auch jenen Termin nutze ich – über die Gruppenangelegenheiten hinaus – gern zum privaten Resümee der Vormonate, anders als zu Jul aber eher analytisch-bewusst: mit dem Denkekopf. Angesichts des hohen Jahres, das sich nun bald zu "überblühen" beginnt: noch ist voller Sommer, aber in die (unmerklich sich verkürzenden) Tage fließt keine neue Energie mehr hinein. Elfenzeit, für mich: manchmal täuschen sie mich derart, dass ich meine, welche zu sehen zwischen Zweig und Blüte. Barfuß-Tage, wo immer Asphalt nicht hinreicht! Liebe im Freien: mein Lieblings-Gottesdienst. Im beruflich eher terminarmen August (Urlaubszeit für die meisten), bereite ich mich auf arbeitsintensiven Herbst vor.

Den markiert mir das "Alfarblót" zum Jahresdämmer der Herbst-Tagundnachtgleiche. Den Alben und all jenen Kräften pack´ ich die Früchte des Jahres zusammen, die Stunde der Rune Dagaz zwischen Tag und Abend ist mir da Lieblingszeitpunkt; ich verabschiede mich vom kleinen Fluß in meiner Wohnnähe, von ein paar Bäumen, ein paar Ecken. Hocke im Gebüsch und spreche mit Göttern oder mit meinem (Kraft-)Tier. Es mag ein Asatrútermin sein (auch: "Mabon" nicht unähnlich), ich für meinen Teil fühle mich da aber meistens ziemlich steinzeitlich – auf Elementares reduziert auch meine persönlichen Bräuche. Selten leider Gelegenheit, sich zwischen Baum und Busch zu entkleiden (da ich nicht im Wald wohnend, sondern nur mitbewaldeten Wiesengrund zur Verfügung habend, dessen Wege Jogger und Radfahrer bevölkern). Dennoch ist mir da immer recht tierisch zumut´, und ich agiere es aus wie´s grad kommt und geht: auf allen Vieren, kriechend, kauernd, und tierhaft laufend-verharrend-schnuppernd- und weiterlaufen. Zuhaus pack ich gern die Trommel von der Wand: die alte, große. Lasse mich von ihrem Zittern in Trance tragen: lang und visionsoffen, ohne die Bilder, die mir da kommen, groß deuten zu wollen.

Wenn andere Heiden später Samhain feiern, habe ich mein Ahnengedenken (so´s der Alltag erlaubte) schon bis zu zwei Wochen als (zumeist absichtsvoll allein begangenes) "Vætnót" hinter mir. Den Ahnenbegriff fasse ich weit über die leiblichen Vorfahren hinaus.
All jene Toten, die meinen Weg mitbeeinflussten oder mich sonst wie prägten, sind mit dabei. Auch wenn ich viele gar nicht kannte: Zum einen trifft das auf die Mehrzahl meiner leiblichen Vorfahren genauso zu, zum andern sind´s ja inzwischen eh "alles Geister". Man lernt/e ja nicht nur von Oma und Opa. Da hat´s Größen oder Namen aus Kunst und Kultur, oder Geschichte (wes Teils der Welt, und welcher Ära auch immer), deren Werk oder Beispiel (ob "verbürgt" oder "Legende") einem selbst mal Richtung gaben oder finden halfen. Nichtmal "real gelebt" haben müssten sie, m. E. nach. Ich würde mich nicht scheuen, Winnetou anzurufen, wenn der denn bei mir je Rolle gespielt hätte. (Bei mir war´s – aus jener Kultur – eher Tatanka Yotanka, besser bekannt als "Sitting Bull": und der hat gelebt.) Einzig der Einfluß zählt: der persönlich empfundene. Nicht dadurch wirkungslos, daß er nur subjektiv existiert. Sowas gehört zu meinem Magie-, ja: meinem Heidenverständnis.
Wenn ich "gut drauf" bin, erlaube ich mir (selten, aber kam schon vor) das Gedenken an tatsächlich gehabte, aber mittlerweile verstorbene Freunde (für mich zu den Ahnen wie selbstverständlich gezählt: obwohl´s Zeitgenossen waren. Aber sie sind ja tot! Und sie fehlen mir so!) als praktisches, klammheimliches Spiel zu inszenieren: Ich gehe dann "downtown" und unternehme irgendetwas im Sinne solch eines verstorbenen Freundes. Harmlos: inne Kneipe gehen und dessen Lieblingskram bestellen. Schon ausgefuchster: mich dabei benehmen, als wär ich der Freund. In seine Haut oder Schuhe schlüpfen. Was tun, was er/sie getan hätte. Ich komme nicht immer dazu, aber ich mag diesen Brauch. Woher? Eigenbau. Vielleicht gaben´s mir die Toten selbst ein. Die so schmerzlich Vermissten! Solcherlei Brauch: auch jenseits von Asatrú wärmstens empfehlbar. Hinterlässt heilend-tröstliche Gefühle. Für alle, die je eines Freundes Tod zu beklagen hatten.


Efeu der Erinnerungen
Wann immer ich mal (Heidenboards querschmökernd z.B.) auf das olle Begehr stoße, wo irgendeine "hex" oder ein "heid" beklagt, zu irgendeinem Hochfest "nicht frei" zu kriegen vom Jobchef (und darob die überfällige "Anerkennung von Heidentum als Religion" fordert...), muss ich müd´ grinsen oder herzhaft lachen. Den möcht´ ich sehen, der mich überhaupt anstellte in einem Betrieb: mich, mit meinen (derzeit) vierundneunzig Feiertagen im Jahr – oben genannte "Hochfeste" nicht mitgerechnet.

Ich erspare euch die Aufzählung: von "Fenrirs Abend" bis zur "Nacht von Sökkvabekkr", von der "Nacht des Totems" bis zum "Tag der Winterfee". Jedes Jahr kommen ein oder mehrere solcher Denkmal-Terminchen dazu. Wild verschlungen reihen und ranken sie sich durchs Jahr als privatheidnischer Erinnerungs-Efeu, beständig wachsend: zuweilen treffen zwei oder drei auf dasselbe Datum (obzwar aus verschiedenen Jahren stammend). Es sind Gedenken an urpersönliche Ereignisse und Begebenheiten – und ihre blumigen Namen markieren mir die Stationen. Um mich – immer aufs Neue – zu erinnern (nicht mehr als das meist, aber nie weniger): wann was war, auf meinem Weg. Spirituelles verquickt sich mit Scheinprofanem (was ich aber entsprechend "festhalte", bestimmen allein Bauch und Instinkt). Vom Beginn einer neuen Liebe – oder anders wichtigen Begegnung – bis zu einem Abschied von sanft bis bitter, quälend oder befreiend: alles dabei. Mal war mir eine bloße Traumvision wichtig genug, mal schien mir ein reales Ereignis relevant: als ich dem Tod eines Bussards beiwohnte. Als mir spät nachts der Schlüssel im Türschloß feststak – mit Folgen. Als ich den Amethyst verlor – doch drohender Trunksucht um Haaresbreite entkam. Als ich den einen Namen bekam, und wann und wie einen andern. Als ich eine Trommel baute – und die meinen ersten Tempel. Als ich floh. Als ich dem Schwan schwor: tanzend, weil heiser und aller Sprache beraubt. Als ich die Sonne anschrie, derweil mich drei Freunde rücklings aufs Gras drückten, daß ich nicht gar durchdrehte, als grad – nach entsprechender Seelenarbeit – alles in mir hochschoß. Als ich meinen Runenbeutel verlor, als ich ein Schwert bekam, als ich mich zwei Frauen beschmusten, als ich an der Felswand hing... und/oder als ich nackt und nachts im stockdusteren Wald den Hügel heruntertapste und weinend im Regen blindlings meinen zerbrochenen Stab zusammenklaubte, umtost von meinem Obergott selbst, und wieder zurückfand zum Feuer, das ich unversengt durchschritt, als hätt´ ich´s geübt oder mich sowas planvoll getraut, in den Flackerlichtschein der Grotte oben, wo Freunde für mich trommelten und sangen. Als ich naturreligiös wurde, als ich mit dir schlief, als du mich fortjagtest, als mich mein Krafttier fand, als mich die Asatrúgötter auflasen, als ich alles verlor, als ich Eibensang wurde. So Zeug halt! (Reihenfolge obiger Auswahl hier wilddurcheinander!)


Ende Teil III


Eibensang


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Wer erleuchtet das Meer? - Teil IV 18.03.2006
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Müssen wir dran glauben? - Teil III 30.04.2005
Müssen wir dran glauben? - Teil II 23.04.2005
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Runen – wirklich das „Uralphabet“? 05.03.2005
Tolkien und die nordische Mythologie 18.12.2004
Die Frau bei den Germanen 09.10.2004
Freyja 12.06.2004
Das Runenrad 20.12.2003
Das Raunen der Runen 01.11.2003
Erste Schritte zum Verständnis der Edda 13.09.2003
Gastfreundschaft bei den alten Germanen 26.07.2003
Germanenbilder 28.06.2003






               
                   
                   



    

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