Weihnachtsmärchen   Teil I
...gibt es viele. Weshalb ich gar keinen zwingenden Bedarf sehe dafür, hier noch ein weiteres aufzutischen. Eher scheint mir – angesichts des nahenden Winters – angebracht, mit einem ganz bestimmten "Wintermärchen" aufzuräumen. Die Wahrheit ist mal wieder – vielschichtiger, vielleicht erstmal unbequemer... Aber letztlich: besser in der Wirklichkeit verwurzelt.

Es war einmal... – was denn?
Das Märchen, das ich meine, ist das vom Julfest. Das scheint ja doch viel mit Weihnachten zu tun zu haben. Stichwort: Baum! Und liegt das Weihnachtsfest (ob nun als Offenbarung einer "stillen Nacht" begangen oder eher als sinnentleerter Kehrreim den Verkaufslärm durchleiernd, braucht uns Naturreligiöse hier nicht weiter zu tangieren) nicht erkennbar nah an der Wintersonnenwende?
So manche Hex´ raunte mir schon zu, daß gar der "Adventskranz" ganz schön "heidnische Wurzeln" habe – man sehe ja schon an der Anzahl der Stumpen, daß das irgendwie auf die "Elemente" hinweise: alle viere! Und, natürlich: der Baum. Waren "unseren Vorfahren" die Bäume nicht sowieso heilig? So heilig, daß es z.B. leicht nachvollziehbar sei, daß die Altvorderen auch und gerade zum Julfest einen Baum "aufstellten"?
Im Vertrauen: Ich weiß es nicht. Als gesichert darf gelten, daß es zu den Lebzeiten germanischer Stammesgesellschaften deutlich mehr, größere und viel dichtere Wälder gab als heute und ergo auch mehr Bäume. Warum zum Loki sollten historische Germanen aber nun ausgerechnet zur Wintersonnenwende jeweils einen davon umgehackt – und das Teil in ihre (mutmaßlich wohl eher niedrige, eh schon verqualmte) Bude gezwängt haben?

Tatsächlich ist über die Herkunft von Bräuchen rund um den Weihnachtskult viel – von den Wintersonnenwend-Bräuchen historischer Germanen aber fast nichts bekannt. Sucht man gezielt nach Letzterem, stößt man zuerst mal wieder auf das typischerweise "Allerletzte" (inhaltlich gesehen): nämlich allerlei frei erfundene "Julbrauch"-Behauptungen aus der Nationalromantik; man könnte sie vielleicht als "germanenfrömmelnd" titulieren – aber ernstzunehmende Hinweise auf tatsächlich germanische Bräuche, im Sinne einer historisch einigermaßen verifizierbaren Recherche, sind sie nicht. Alles andere als das: durch die Nazis fand der unreflektierte Schmodder im 20. Jh. dann Aufnahme in Bücher (z.B. Lexika), die auch noch lange nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Diktatur weiterverwendet wurden – und von denen wieder abgeschrieben wurde usw. usf. (schließlich ist die mögliche hintergründige Verquickung von sowas Beschaulichem wie "Weihnacht" und menschenverachtendem "Rassen"-Gefasel nicht unbedingt zwingend – zumindest nicht vergleichsweise, bzw. auf den ersten Blick).

Das meiste, was über angeblich germanische "Jul-Bräuche" irgendwo zu lesen ist, geht also auf nationalromantische Schwärmereien, freischwebende, zurück (auch die ebenso fatale wie falsche Gleichsetzung von "germanisch" und "deutsch" stammt aus jener Zeit), und ist schlimmstenfalls noch durch den Propagandaquirl der späteren Nazis gedreht.
Schieben wir also den Schmodder beiseite, und graben wir tiefer. Da hätten wir die Edda, sowie einige Sagas, die sich u.a. auch mal hie und da zu Midwinterbräuchen äußern; außerdem kann man noch den einen oder andern Volksbrauch abklopfen... Gemeinsam haben diese Quellen jedoch alle ihre Herkunft aus bereits deutlich christlicher Zeit – zumindest, was ihre Niederschrift betrifft. Und bei den Volksbräuchen – na, da destilliere mir mal wieder die "Milch aus der Melange", wer mag: es mag interessant sein, was da so an Überliefertem auftaucht – nur als irgendwie "germanisch" kennzeichnen läßt sich da logischerweise nichts (konkret). Man kann es drehen und wenden, wie man will: Wie chattische, herulische, langobardische, vandalische, gotische, suebische – oder sonstwelche Weberinnen / Holzpflugschieber / Bronzeaxtträger / Hirsemampferinnen – Angehörige germanischer Kulturen halt – ihre Wintersonnenwende feierten, begingen, oder was sie damit für konkrete Vorstellungen verbanden... das alles erfahren wir nicht.


Der sterbende Baum im Ständer
...gebräuchlicherweise als "Weihnachtsbaum" bezeichnet, hat seine wirklichen Wurzeln in der Erde – gehabt: als Fichte oder Tanne, und zum Kultobjekt wird er gemeinhin dadurch, daß er umgesägt wird, mit Draht umwickelt für den leichtgängigen Transport im PKW, in Papas und Mamas Mietwohnung oder Eigenheim mit Lametta, Süßkram, Kerzen oder sonstwelchem kultischen Zierrat versehen, von einer Eisenfessel zum künstlichen Stehen auf dem Wohnzimmerteppich gebracht – Kinder- oder sonstwessen Augen zu erfreuen.

Schwer vorstellbar für mich, daß an solchem Prozedere irgendwas "Heidnisches" oder gar "Germanisches" dran sein soll, von der Herkunft her. Und tatsächlich: Der älteste Nachweis fürs Aufstellen von Weihnachtsbäumen reicht gerade mal in die Renaissancezeit zurück – und vom öffentlichen Raum (der Handwerkszünfte, die den Brauch als solchen einführten) in die Privatgemächer gebracht wurde der Baum durch den deutsch-englischen Adel. Im ländlichen Raum wurde genau dies dann erst im 19. Jh. übernommen. Das ist ein deutlicher Hinweis dafür, daß keinerlei Beziehung zu irgendwas "Altüberliefertem" (und sei es als unbewußt gewordenem "Aberglauben": scherbenhafte Überlieferung aus heidnischer Zeit) in dieser Sache bestand: halten sich auf dem Land uralte Bräuche – trotz mancher Verformung bis hin zu vollständiger Umdeutung von Inhalten – doch immer länger als im Urbanen, wo durch die Vereinzelung dem Einzelnen bereits die äußeren Formen viel rascher verlorengehen. (Und was man nicht mehr hat, kann man auch nicht weitervermitteln an die Kinder oder sonstwen...)

Nach dem Wenigen, was man über "die Germanen" als solche weiß, haben die ihre – wie auch immer gearteten – Kulthandlung eher in freier Natur abgehalten: dort, wo die Götter halt zuhause sind. (Ich halte das "Fehlen" von "Tempeln" oder dergleichen nicht für ein Zeichen "niedriger" Zivilisation: Irgendein keltischer Feldherr – ich weiß nicht mehr wer – soll sich kaputtgelacht haben, als er das erste Mal griechische Götterstatuen sah: die bloße Idee, Götter als figürliche, menschenähnliche "Personen" abzubilden, erheiterte ihn so. Schaut man sich die phantasiereich abstrahierenden spirituellen Hinterlassenschaften z.B. ebenjener Kelten an, wundert man sich zumindest nicht, warum ihnen derlei "Vermenschlichungen" absurd erscheinen mußten. Nebenbei: nichts gegen die phantastischen Hinterlassenschaften der Antike! Sie sind bewundernswert. Will nur sagen: inhaltlich habe ich, als heutiger Ásatrú, wie jener olle Kelte, halt einen etwas anderen Ansatz...)


Ende Teil I


Eibensang


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