No future! Warum das Germanische keine Zukunft hat   Teil II
Alles im Eimer? Anfall von Resignation zwischen Selbstkritik und Richtungszweifel? Oder einfach nur Weltuntergangsstimmung?

Magie jenseits der Zeitachse
Ein (nicht germanisch orientierter, obgleich mit vergleichbarem Pragmatismus vorgehender) Freund beschrieb mir kürzlich Magie als Phänomen, zu dessen Aspekten das "zeitliche Vertauschen" von Ursache und Wirkung zähle, an einem erlebten Beispiel.

Wir hatten gerade ein gemeinsames Ritualprojekt hinter uns, zu dessen Beginn wir vorher eine Tarotkarte gezogen hatten: in dem Fall den "Narren". In der Tat ging dann (aus allen möglichen Gründen) in der anschließenden Ritualwoche alles dermaßen drunter und drüber, dass akut niemand mehr an jene Karte auch nur dachte. Hinterher fiel sie uns wieder ein.

Des Freundes Deutung dazu: Das Ritual sei nicht etwa deshalb chaotisch verlaufen, weil wir den Narren gezogen hätten (vorher), sondern die Narrenkarte sei lediglich das (kausal: nächträgliche) "Zeichen" für den tatsächlichen Verlauf der Geschehnisse gewesen – ergo: Wir hätten den Narren gezogen, weil der Verlauf chaotisch "war". Das temporär anschließend erlebte Chaos sei Ursache, die vorherige Orakelkarte nur dessen Folge gewesen – und dieses Phänomen halt Beispiel für eine solche "zeitliche Umkehrung" von Ursache und Wirkung. Mich beeindruckte an dieser Ansichtssache zumindest ihre Klarheit.

Betrachte ich dasselbe "germanisch", stellt sich die Frage nach dem "was war zuerst da" gar nicht in der gewöhnlich als relevant gesehenen Alltagslogik. Die "narrt" höchstens insofern, wenn man erst dann auf die Tankanzeige guckt, wenn der Wagen stehen bleibt: oh verdammt, klar – kein Benzin mehr drin...

In germanischer Weltsicht findet der ganze Vorgang jenseits solcher Zeitachsen statt – womit gesagt sein soll: Er lässt sich anders denken und in ganz anderen dynamischen Zusammenhängen begreifen. Obiges Beispiel des "Freundes mit der Tarotkarte" (Wirkung zeigt sich zeitlich vor ihrer Ursache) erscheint nur solange "unlogisch", wie die alltägliche Erfahrung beliebiger Abfolgen von "früher, jetzt und später" zu einem Welterklärungsmodell erhoben wird (indem wir die Zeitachse wie selbstverständlich als ein solches behandeln: schlicht, weil wir nichts anderes wissen – oder: meinen, verwenden zu können).

Aus dem alternativen Modell jedoch – Verdandi und Skuld wirken auf Urd ein – ergibt sich z.B., dass Vergangenes immer präsent bleibt (Urd ist) in der Vorstellungswelt, demnach auch nicht mit zunehmender zeitlicher Distanz als "schwächer" empfindbar ist im Sinne von: "ach, das war doch ganz früher... das spielt heute keine Rolle mehr". Ein Aspekt spielt nur dann "keine Rolle mehr", wenn Skuld entsprechende Veränderungen in Urd bewirkt – und die Kraft, die das einzig ermöglicht, liegt in Verdandi. Im jetzt Möglichen (noch nicht Getanen).


Wyrd-Kräfte im Alltag
Auf die menschliche Ebene übertragen: Etwas, das geschehen ist, hört nicht etwa deshalb auf, ins Heute zu wirken, weil es vielleicht "lange her" ist (Wirkungen von Vergangenem dieserart aus den Augen zu verlieren klappt – genauer: passiert – nur aus der Zeitachsen-Sicht), sondern seine Wirkung kann sich nur in dem Maße verändern, wie ich heute darauf einzuwirken vermag. Klartext: in germanischer Auffassung vergeht oder verschwindet nichts allein dadurch, dass es lang her ist – also grundsätzlich nicht "von selber", sondern verändert sich höchstens durch aktuelle Einwirkung. Es ist also nie "die Zeit", die "Wunden heilt", sondern nur die tatsächliche und aktuelle Behandlung der Wunde.

Hier liegt auch ein kleiner Hinweis zu möglichem Verständnis des berüchtigten "germanischen Pragmatismus" – diese reflexartige Bereitschaft, sofort zu reagieren auf etwas, ohne langes Gejammer um vergangene Umstände oder ebenso verquirltes Aufstellen irgendwelcher hochspekulativen "Milchmädchenrechnungen". Die Konsequenz der Tat wird weder in die Vergangenheit noch in eine (de facto komplett irrelevante) Zukunft projiziert, sondern ergibt sich für den so Handelnden direkt aus den Umständen. Böszüngig ließe sich unterstellen, eine solche Reaktionsbereitschaft erspart den Denkvorgang. Von einer bloßen Affekthandlung unterscheidet sie sich jedoch durch den Verantwortungskontext, in dem sie stattfindet: weil sie, im verinnerlichten Wissen der Interaktionsparameter Urd-Verdandi-Skuld, das "Tragen" entsprechender Konsequenz schlicht beinhaltet. Für irgendwelche Gedankenrührereien hinsichtlich irgendwelcher so titulierbaren "Schuldfragen" ist in so einem Vorstellungskosmos wahrlich kein Platz! Weil kein Bedarf:

Das germanische Denken arbeitet nicht problem-, sondern lösungsorientiert.
Und jeder, der sich schon mal damit beschäftigt hat (oder konfrontiert war mit dem), was eine menschliche Seele so alles in sich ablagert, und wie diese Ablagerungen vor sich hingären (um bei entsprechendem Anlass plötzlich – für den Betreffenden selbst oft überraschend – "angetriggert" zu werden – nur scheinbar zusammenhanglos mit dem möglichen Anlass, aber umso heftiger emporschießend), wird zustimmen müssen, dass das "Nornenmodell" der praktischen Wirklichkeit eher entspricht als das der billigen Zeitachse: Das Gedächtnis mag – so pragmatisch ist es konstruiert – viel aus dem "Bewusstsein" entlassen (im RAM ist immer nur das Nötigste) – die Seele jedoch speichert alles, sie verliert nichts, und sie reagiert wirksam, auch jenseits unseres Wollens und vorgeblichen Meinens. Das "Zeitachsendenken" reduziert den Menschen auf sein flüchtiges, begrenztes Bewusstsein. Das "Nornenahnen" aber hält diesem die Wirkmächtigkeit und Relevanz des größeren Zusammenhangs präsent.


Die Ahnen sind nah!
Nein, bitte nicht schon wieder sittenchristlich interpretieren: Ich schwenke hier keine Wach´wurm-Postille der "Zeugen des Sofas" mit der Warnung dräuender Apokalypse oder derlei Angstverrenkungsspielchen. Ich schlussfolgere schlicht aus meinem "Nornenmodell". Und ich schwöre euch: Es macht alles andere als ängstlich. Ganz im Geigentiel. Es schürt Vertrauen. Vertrauen ist heutzutage, will ich meinen, teurer als Euro. Ich kann keine Gelddruckmaschine basteln (so nötig ich – nein: wir! – sie hätten! Scheiße aber auch: Wenigstens in meiner Permanentpleite weiß ich doch eigentlich, daß ich damit, verdammt noch mal, alles andere als allein bin! Es ist vielleicht wirklich "neo-revolutionär", das mal im Auge zu behalten...! Was uns da alle eint! Schon mal registriert, das? Ist doch so!)
Naja, Hand aufs Herz: ausgehen darf ich davon, dass ich hier vorwiegend für Leuts schreib´, die, wie meinereiner, sich nich´ wirklich aufgeilen können am Geld, das uns fehlt. Lasst uns nit beirren von dessen Rupprechts-Knecht Zeitgeiz, äh, Zeitgeist. Sind wir nicht Heiden? Vulgo "Ungläubige"? :D Das allmächtige Geld ist ebenso ein Glaubenssatz wie der "eine Gott". Wenn wir mal sterben, werden wir nich´ unsere Kröten zählen, sondern ans Leben erinnern. Lasst uns also für dieses – denn wir leben ja noch! – eine Maschine erdenken, die uns mit einer mittel- und langfristig wichtigeren Währung ausstattet. Ohne Vertrauen kann man nichts bewegen. Nicht mal Geld. (Manager wissen das!)

Wenn ich in einer Landschaft stehe, auf irgendeinem Boden unserer Mutter Erde, dann ist binsenklar, dass meine real existierenden Quadratlatschen nur einen bestimmten Teil des Bodens bedecken, der mich trägt. Die jeweils weiter weg liegenden Bodenteile nehme ich als selbstverständlichen Bestandteil dessens wahr, was ich überhaupt "Boden" nennen kann. "Boden" ist also niemals nur der Quadratzentimeteranteil, der sich fühl- oder ggf. messbar unter meinen Sohlen befindet. Boden ist immer mehr: die ganze Landschaft, im Grunde. Ja: der eine Baum, der andere Strauch, ist weiter weg als dieser oder jener Fels oder was auch immer. Aber sie alle sind. Wir sehen das alles. Wir fühlen die Verbindung von all dem. Ganz selbstverständlich.

Aber von den Ahnen meinen wir, wenig zu ahnen. Bloß weil die Älteren soweit weg scheinen, dass wir sie nimmer kennen – nix von ihnen "wissen". Und die näheren – naja: Wer kommt schon groß ins Jauchzen ob der "buckligen Verwandtschaft"... mit Leuten, an denen, je näher sie uns stehen zeitlich und verwandtschaftlich, uns doch eher deren Unterschiede zu uns – und daraus auch resultierende Unvereinbarkeiten – unserm Selbstverständnis ins Auge (zuweilen: Herz) stechen, als dass wir da groß "Verbindung" zu fühlen vermöchten...

Was immer wir aber über die Einzelnen denken, und wie immer wir sie uns beurteilen trauen (aus unserer eigenen, anderen persönlichen Erfahrungsperspektive): Im "Nornenmodell" sind sie alle da, ihre Taten wie Unterlassungen, ihre Leben (unabhängig davon, was wir en detail davon zu "wissen" meinen, oder was wir halt bewusst kennen) – wir sind die Skuld – das Soll – ihrer (in der germanischen Auffassung: stets präsenten!) Existenz, und wenn wir daran irgendwas rütteln wollen, dann haben wir dafür Verdandi: unser Jetzt, Hier und Heute. Unsere eigene Möglichkeit, dies zu tun und jenes zu lassen: Das ist unser Leben. Unser eigenes. Unsere Gegenwart.

Spekulationen: Keine einzige der "Zukunftsvisionen" meiner putzigen Jugendbücher fand real statt. Wir haben keine Städte unter Käseglocken auf dem Mond – und der propagandistische Slogan aus meinem alten (60er Jahre) Schul-Physikbuch "Unsere Zukunft heißt Atom!" erwies sich als ähnlich zweifelhaft wie der zeitkritisch motivierte Unkenchor des "Club of Rome" in den frühen 70ern, der das Versiegen von irgendwie allen wesentlichen Ressourcen für die Ära der frühen 90er voraussagte... in der ich bei (weder trotz noch wegen) gefüllter Ölheizung unversehens die merkwürdige persönliche Gelegenheit ergriff, Heide zu werden... (Eine wissenschaftlich seriös ambitionierte Studie früherer Zeiten warnte übrigens vor der Idee der Eisenbahn: ab Tempo 35 km/h würde die Luft aus den Waggons gedrängt, die Reisenden folglich ersticken.)

Zukunft ist also definitiv Tinnef. Wir können unsere Zeit damit verbringen, sie mit Phantasien voll zustellen – ob jenen der Angst oder des Mutes: egal. Es hat keine Auswirkung auf unser wirkliches Leben, außer der, dass wir jenes u.U. wahrzunehmen vergessen (was nichtsdestotrotz unsere sozusagen zwangsläufige, da ja andauernde Gestaltung dieses Lebens beeinflusst!). Da es in der Tat "immer anders kommt, als man denkt", im Großen wie im Kleinen, weiß ich, dass auch jeder Gedanke an das, was ich meine, in Zukunft kommen zu sehen, eine gewisse Kraftverschwendung darstellt. Die zudem ablenkt von dem, was tatsächlich erfahrbar ist – und worauf es zu reagieren gilt. Herkömmliche Zukunftsvorstellung macht vor allem eines: blind – für das, was ich verändern kann! Fast unweigerlich drohen dann (selbstverständlich gutgetarnte)


Eibensang


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