Betreut von Eibensang


No future! Warum das Germanische keine Zukunft hat   Teil I
Alles im Eimer? Anfall von Resignation zwischen Selbstkritik und Richtungszweifel? Oder einfach nur Weltuntergangsstimmung?

Weder noch – ja nichts von alledem! Eher sogar: ein Gegenteil! Voilá: Vorhang auf für germanische Gegenwart. Oder: für ein (uns Heutigen) neues, ungewohntes Verständnis von Zeit. Und: vom Sein, vom Werden, und was es soll.

Siehste – so funktionieren die sittenchristlichen Spurrillen. Was "keine Zukunft" hat, kann man abschreiben, aufgeben, lohnt nimmer? Nun – so denken wir, so haben wir es... mehr als gelernt: verinnerlicht sogar. Zutiefst.

(Anm.: Als "sittenchristlich" bezeichne ich bestimmte abendländische Denktraditionen, die wesentlich im Christentum fußen – aber von entsprechenden persönlichen Glaubensbekenntnissen längst völlig unabhängige Wirkkräfte entfalten. Insofern sind wir alle sittenchristlich geprägt: davon müssen wir ausgehen – gerade, wenn wir langfristig und erfolgreich etwas verändern wollen daran. Siehe hierzu auch meinen Artikel "Müssen wir dran glauben?" hier im Landgodhtrú.)

Wir werden geboren, wachsen auf, hangeln uns so oder so durchs Leben (dessen allmähliches "Verrinnen" wie einen un-heimlichen Fluch im Hinterkopf: dies zu verdrängen, ist häufige Motivation eines Großteils gesellschaftlichen Lebens und seiner kulturellen Bemühungen bzw. "Zerstreuungen"... zumeist auch: tiefster Motor unserer Hektik) – denn wir empfinden das Ganze als "logische" zeitliche Abfolge: das Menschenleben bzw. seine Zeit als Kerze, die unerbittlich abbrennt. Und sie lässt sich messen.
Das haben wir begriffen. So sehen wir die Zeit als Achse, auf der unsere Gegenwart "verläuft" wie ein Wagen auf einem Eisenbahngleis, das noch dazu in ausschließlich eine einzige Richtung führt: geradewegs zum Ende. Bums, aus.

Das ist "no future" im Sinn des Slogans: denn was "danach" kommt (oder ob überhaupt), ist Ansichtssache beliebiger Glaubensorientierungen. Über das Leben vor dem Tod sind wir uns insofern alle einig: Es läuft ab. Früher oder später, immer aber: ausnahmslos. Die Uhr tickt unerbittlich – unabhängig davon, was wir jeweils draus machen. Aus dem "uns gegebenen Stück Zeit".

Es gibt Gründe zur Annahme, dass Angehörige altvorderer germanischer Kulturen das ganz anders sahen und empfanden.


Die drei Weberinnen
Man kennt sie – auch, wenn ihre "Vornamen" nicht jedermann geläufig sind, haben die meisten doch schon mal was von den "Nornen" gehört. Sofort kommt einem das Bild der griechischen Parzen in den Sinn: jene drei alten Spinnerinnen, die die "menschlichen Schicksale" als Fäden weben – und die dritte böse Oma schneidet die dann immer ab, und bums, aus. Wenden wir uns auch von diesem Bild bitte wieder ab. Die griechischen und germanischen Kulturen mögen gemeinsame Wurzeln und, oberflächlich betrachtet, zuweilen ähnlich aussehende mythologische Bilder hervorgebracht haben – unabhängig aber davon, wie die alten Hellenen tatsächlich über ihre Parzen gedacht haben mochten, ist ihr Erbe vom späteren christliche Denken und Empfinden aufgesogen worden und alle übriggebliebenen Bilder dessen Wertung unterworfen – niemand kriegt da nachträglich die Milch aus der Melange.

Dementsprechend versucht natürlich auch jeder nächstbeste Eso-Schmöker uns Urda, Verdandi und Skuld – die drei Nornen – als Synonyme für "Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft" zu verkaufen – wem dieser Deal schmeckt, muss sich jedoch die Frage gefallen lassen, wozu er denn überhaupt germanische Namen bemüht für lediglich abermals Wiedergekäutes.

Denn die Nornen sind keineswegs Personifizierungen von "früher / jetzt / und später" auf einer Art "germanischen Zeitachsen-Eisenbahn". Die Vorstellung einer linear verlaufenden Zeit, die noch dazu mit einem Bums-Aus endet, wäre einem ollen "Germanen" so absurd vorgekommen wie uns die Vorstellung eines Menschen, der von den Knien an abwärts ohne auch nur eine Andeutung vorhandener Waden und Füße in der lauen Luft hängt: bodenloser Blödsinn (im durchschnittlichen Gesundheitsfalle, zumindest – und auch Beinlose hängen gewöhnlich nicht schwerkraftignorierend in der Luft herum). Die Kultur aber, die die Vorstellung von Nornen hervorbrachte, kannte "die Zukunft" nicht einmal in der Sprache. Die germanische Grammatik sah keinen Zukunftsbegriff vor. Vergangenheit und Gegenwart – sonst nix. (Noch in der viel späteren deutschen Sprache läßt sich eine Zukunftsform nur über die kleine Krücke von Hilfsverben herhex-, äh, herbiegen. "Ich fahre – ich fuhr – ich fiehr oder föhr?" Nö: "Ich werde fahren"...)


Vom Wie des Wyrd
Was also stellen die Nornen dar – wie "knüpfen" sie das "Wyrd", das "Schicksalsgewebe"?

Urda (oder Urd) ist das Gewordene: das, was schon (da) ist. Insofern nicht einfach "Vergangenheit", sondern vielmehr das "Manifestierte". Wir dürfen es als Kern betrachten – um den es sich ständig dreht – die "Masse" sozusagen, die von den andern beiden Faktoren "behandelt" wird. Aber so, wie Finger den Ton kneten, bleibt, was immer sie aus dem Lehm formen mögen, der Lehm in Beschaffenheit und Masse gleich – er ist – ganz unabhängig davon, welche "Figur" sich daraus ergibt, oder was für Veränderungen der "Klumpen an sich" erfahren mag – viel mehr als nur "Ausgangsmaterial" (dieser Begriff bezieht sich ja nur auf die Form), denn dieses "Material" selbst ändert sich als solches nicht.

Das ist Urd. Das "feststellbar Vorhandene". Unpoetisch gesagt: der Faktenkomplex, auch "Realität" genannt. Ja – ganz guter Begriff: denn "Realität" beinhaltet sowohl "Vergangenes" als auch "Gegenwärtiges" – nicht aber irgendwas Spekulatives wie Zukunft – die zu beschwören zumeist Gedankenketten in Konjunktiven hervorbringt (wenn... dann könnte... aber falls nicht, dann wäre... naja! Auch wenn man sie ebenso lust- wie kunstvoll bauen kann – was ich für meinen Teil durchaus gern tue – es bleiben Luftschlösser, bar jeder Anbindung an Tatsächliches).

Urd ist (germanisch-mythologische Personifizierung für) die Wirklichkeit.

Verdandi (auch: Werdandi) ist das Werdende: das, was der Finger im Lehm macht. Jene Aspekte ausdrückend, die die Wirklichkeit verändern. Der Spielraum ist nominell gering – bleiben wir beim Tonknet-Beispiel: physikalisch verändern die formenden Finger der Künstlerin wenig an der Ausgangsmasse. Binsenweisheit – aber wichtig. Worauf sich unsere assoziative Aufmerksamkeit immer so richtet, ist die uns beeindruckende (sic!) Form. Verdandi ist die Personifizierung solcher "Formung", Formgebung, Veränderungsmöglichkeit – besser noch: Veränderungsbestrebens. Das Gestaltende. Insofern: das, was wird.

Was Verdandi von unserem gängigen Begriff einer "Gegenwart" unterscheidet, ist die Betonung dieses Werdegangs: Sie wird erst – sie ist nicht schon. (Wenn sie es geworden ist, sind wir wieder bei Urd: weil die ja das ist, was schon da ist.)

So wird Verdandi zur einzigen hauchdünnen Luftlinie dessen, was unserer Vorstellung von "Zukunft" am nächsten kommt – und doch etwas kategorisch anderes bedeutet. Denn Verdandi spekuliert nicht Waswärewenns und Waskönnteseins im freien Fall des Konjunktivs, sondern wirkt direkt auf Urd ein: was diese nicht "bietet", kann jene nicht beeinflussen. (Die Finger träumen nicht von wunderwas, sondern können nur den Lehm kneten, der da ist: den man in Händen hält. Den reellen.)

Und somit wird Skuld, die dritte im Bunde, auch zu etwas anderem als der bösen Fee, die "Fäden kappt" (im Sinne einer Art Halsabschneidung) – ihr eine solche Killerfunktion zuzuweisen, hieße, ein beliebiges Auto mit einem Panzer zu verwechseln. (Auch Autos können töten – aber das ist, im Unterschied zu kanonenbestückten Kettenfahrzeugen, nicht ihr primärer Verwendungszweck.)

In unserem Tonbeispiel können wir Skuld als die Skulptur nehmen, die bei der ganzen Knetaktion (Verdandi wirkt auf Urd ein) herauskommt. Vom herkömmlichen Begriff eines "Ergebnisses" will ich das auch unterschieden wissen: denn ein solches könnte ledigliches (ggf. auch rein spekulatives Wunsch-)Ziel darstellen – jenseits manifester Tatsachen ergo – nicht aber Skuld. Die ist sowas wie "logische Konsequenz" – und wiederum nicht denkbar ohne die diesbezügliche Rück-Bindung an, wiederum, Urd. Man könnte auch sagen, Skuld ist die Personifizierung dessen, was Verdandi an Urd verändern soll.

Diese ständige Bindung an Urd, ans tatsächlich Gewordene, um das sich alles dreht, läßt uns endgültig die Start-go-stop-Zeitachse als ein Bild erkennen (mit dem wir umgehen mögen, wie wir wollen, aber) das nichts mit germanischen Vorstellungen zu tun hat.

Das Germanische hat keine Zukunft, weil es keine braucht. Spekulationen um ihre Möglichkeiten mögen reizvoll sein oder nur Gewohnheit – auf germanisches Weltverständnis haben sie sowenig Einfluss wie auf die Wirklichkeit selbst.

Aus dieser zyklischen Kosmologie von Sein und Werden und Wandel aber ergeben sich einige zusätzlich interessante Aspekte.


Eibensang


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