Betreut von Eibensang


Runen – wirklich das „Uralphabet“?
Bei Diskussionen im Umfeld des Stammtisches wurde mehrfach die Meinung geäußert, die Runen seien das "Uralphabet", von dem alle anderen Schriften abstammen würden. Auch in Gezas Runenbuch ist die Rede von einem indogermanischen Alphabet, auf das die Runen und die griechische Schrift zurückgehen sollen.

So sehr ich die Runen als magisches Werkzeug auch schätze, möchte ich doch ein paar historische Fakten anführen, um solchen Mystifizierungen entgegenzutreten.

Es stimmt, dass viele archaische Schriftzeichen den Runen ähnlich sehen. Das kommt aber einfach daher, dass eckige Buchstabenformen leichter in diverse Materialien zu ritzen sind als runde. Das älteste echte Alphabet (nicht das älteste Schriftsystem) ist aber das phönizische, von dem sich alle anderen Alphabetschriften ableiten, so auch die Runen. Daher kommt auch die Ähnlichkeit zwischen diesen und archaischen phönizischen, griechischen und lateinischen Buchstabenformen.
Die ältesten Schriftzeichen finden sich auf ca. 7000 Jahre alten Tongefäßen aus Vinkovce (Balkan). Die Menschen, die diese anfertigten, gehörten zu den vorindogermanischen Alteuropäern. Vor ca. 6000 Jahren drangen die ersten Indogermanen auf den Balkan vor, und die Vinkovce-Schrifttradition bricht ab. Einige Zeichen aus der Vinkovce-Schrift - darunter ein Doppelaxt-Symbol - tauchen allerdings 2000 Jahre (!) später in der Linear-A auf Kreta auf.

Apropos Linear-A: die Texte auf Kretisch-Minoisch in der Linearschrift sind nicht zu entziffern, weil die Sprache untergegangen ist und keine verwandten Sprachen existieren, von denen man Rückschlüsse ziehen kann (wie vom Koptischen aufs Altägyptische oder von anderen indogermanischen Sprachen aufs Hethitische). Es gibt allerdings auch griechische Texte in Linearschrift - das sogenannte Linear-B. Wenn die Griechen ein Alphabet mitgebracht hatten, wieso sollten sie dann eine Silbenschrift verwenden, die sich für indogermanische Sprachen denkbar schlecht eignete? Ein Name wie Perikles wurde in der Linearschrift "pe-li-ki-le-su" geschrieben. Nein, die Griechen lernten das Alphabet erst kennen, als sie mit den Phöniziern in Kontakt kamen. Selbst erfunden haben sie die Schreibung der Vokale. Sie nahmen dafür teilweise phönizische Buchstaben für Konsonanten, die im Griechischen nicht existierten oder den Griechen nicht notierenswert erschienen (so bezeichnet der phönizische Buchstabe aleph wie heute noch im hebräischen und arabischen Alphabet einen Knacklaut, den man z. B. auch im Deutschen vor einem Vokal am Wortanfang hört, aus dem phönizischen H wurde das griechische Eta), andere bastelten sie selbst[1]. Die Phönizier ihrerseits hatten ihren Zeichensatz ursprünglich den ägyptischen Hieroglyphen entnommen.

Von den Griechen ging das Alphabet auf die Etrusker über und von diesen auf die indogermanischen italischen Völker - Osker, Umbrer, Sabiner und Latiner. Eins dieser letzteren Alphabete lernten die Germanen auf ihren Wanderungen kennen, wahrscheinlich im Alpenraum, wo die Etrusker Handelsstationen in Kombination mit einer Art Entwicklungshilfemission unterhielten.


Wie? Keine Germanen in Sicht??
Die originär germanische Kulturleistung bestand darin, diese Zeichen mit überlieferten abstrakten Zauberzeichen, die schon in altsteinzeitlichen Ritzbildern auftauchen, zum Fuþark zu kombinieren, in genau der überlieferten Reihenfolge[2] (in allen anderen Alphabeten findet sich mehr oder weniger die der Phönizier). Vielleicht hat sich ja wirklich ein germanischer Schamane ein Auge ausgerissen und sich ein paar Tage zwecks Visionssuche an einen Baum gehängt, wahrscheinlich an eine Eibe, deren giftige Ausdünstungen im Sommer Halluzinationen erzeugen können (In der Edda ist Yggdrasil zwar eine Esche, aber die Isländer haben bei der Einwanderung die ganze Insel abgeholzt und danach in ihrer Literatur Baumnamen grundsätzlich durcheinandergebracht. Das würde auch erklären, warum im Fuþark - das erweiterte angelsächsische mal ausgenommen - zwar die Eibe, nicht aber die Esche auftaucht).
Der Einsatz von Schrift zu magischen Zwecken findet sich übrigens bei allen alten Schriftkulturen. Da aber die Germanen vor der Völkerwanderung keine städtische Zivilisation betrieben, konnten sie mit der ursprünglichen Funktion der Schrift - der Buchführung[3] - wenig anfangen und benutzten ihr Fuþark anfangs ausschließlich für kultische Zwecke. Es ist gigantisch, wieviel in diese 24 Zeichen hineinkodiert ist: eine Lautschrift, ein Orakel, mächtige magische Symbole, ein Kalender, ein Initiationspfad, die gesamte Kosmologie von den Feuern Muspellsheims bis zur Neuschöpfung nach Ragnarök und weiß Wotan was noch!

Es ist also in meinen Augen wirklich unnötig, diese gewaltige Leistung künstlich aufpeppen zu wollen, indem man das Fuþark auf die alten Indogermanen oder gar auf das mythische Atlantis zurückzuführen versucht.


[1]
Interessant ist am Rande vielleicht noch die Weiterentwicklung des Buchstabens Waw. Die Griechen nahmen ihn für den Originalkonsonanten (Lautwert = englisch w), verbogen ihn aber auch noch ein wenig zum Y (ursprüngliche Aussprache u). Waw fiel im Griechischen später aus und taucht als Buchstabe in klassischer Zeit dort nicht mehr auf, nur noch als Zahlensymbol. Im lateinischen Alphabet wurden aus Waw und Y die buchstaben F und V. Das Y, dessen Lautwert im klassischen Griechisch zu ü verschoben war, importierten die Römer nochmals zur Schreibung griechischer Fremdwörter. In der spätantiken Buchschrift (der Unzialschrift) wurde V zu U gerundet. Im Hochmittelalter tauchen beide Buchstabenformen auf, sind in ihrer Funktion aber nicht sauber getrennt (v am Wortanfang, sonst u, egal was der Lautwert ist). Da V zur Zeit der Völkerwanderung im Lateinischen nicht mehr als englisches, sondern als deutsches w gesprochen wurde, die Germanen aber noch ausnahmslos bei der alten Aussprache geblieben waren, verwendeten sie das v (oder u) oft für ein f, für ihr w schrieben sie uu. Es gibt eine Polemik von einem deutschen Mönch gegen die Verschriftung des Deutschen, dieses "barbarischen Idioms", wo es heißt: "Oft stehen drei u hintereinander, wobei die ersten beiden einen Konsonanten bezeichnen, das dritte aber einen Vokal." Tatsächlich buchstabierte man "Wunder" auf Althochdeutsch "uuundar". Das phönizische Waw taucht also fünffach, als F, U, V, W und Y in unserem heutigen Alphabet auf.

[2] Lustigerweise beginnt das phönizische Alphabet mit Aleph (= Rind), das Fuþark hingegen mit Fehu (Vieh) und Uruz (Auerochs). Das Viehzeug hatte offenbar in beiden Kulturen einen ähnlichen Stellenwert.

[3] Das lässt sich wunderbar an der entwicklung der Keilschrift (die noch älter ist als die Hieroglyphen) ablesen. Zuerst tauchten sog. Tokens auf, kleine tönerne Symbole für verschiedene landwirschaftliche Erzeugnisse, mit denen z.B. die Abgaben der Bauern abgerechnet wurden. Dann kamen Keilschriftzeichen auf, die die Bedeutung der Tokens hatten. Man steckte die Tokens in Gefäße, auf denen man für jedes Token so viele Zeichen ritzte, wie Stücke drin waren. Erst später kam man auf die Idee, die Tokens wegzulassen und die Zeichen gleich auf eine Tontafel zu ritzen. Schließlich wurde die Produktion so vielfältig, dass man zu einer Silbenschrift und Ziffernzeichen überging. Literatur war erst eine spätere Anwendung.


Dagaz


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