Betreut von Eibensang


Tolkien und die nordische Mythologie
Kenner Tolkiens behaupten oft, seine Werke waren hauptsächlich von christlicher Mythologie beeinflusst. Dass der Vater von Herr der Ringe sein Leben lang Mitglied der katholischen Kirche war, steht natürlich außer Zweifel. Dieser Artikel soll untersuchen, in wie weit Tolkien sich bei seiner Schilderung von Mittelerde anderer mythologischer Quellen als der Bibel bedient hat.

Lange waren Elben, Zwerge und Orks Begriffe, mit denen meist nur versierte Rollenspieler, Fantasyfreunde oder Mythologen etwas anfangen hatten können. Seit der Verfilmung von Herr der Ringe hat sich das geändert. Nun hat die Vielfalt der Wesen aus Tolkiens Werken auch das Ohr von Otto Normalbürger erreicht. Wenngleich die Wesen in seiner Vorstellung vielleicht oft nur dem klassischen Stereotyp ähneln, dass vor allem in Rollenspielen breitgetreten wurde:
Also Zwerge sind dann stets dem Bier wohl gesonnene, rundliche Kerle. Sie blicken missmutig auf die schönen und anmutigen Elfen hinauf, die wiederum mit den Zwergen nichts anfangen können, weil sie keinen Sinn für Wälder, Harmonie und hohe Ideale haben… Und dennoch mögen sich die beiden Geschlechter, wie sie sich auch necken.

Doch woher kommen diese Figuren? Wurde Tolkien etwa in der Bibel fündig, als er die oft grummeligen Zwerge beschrieb oder waren die Elfen von irgendwelchen Heiligen inspiriert?
Wir finden in der altnordischen Mythologie ausreichend Elfen, Zwerge und Trolle. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist Alwis dem Zwerg, der mit Thor einen Wissenswettstreit eingeht, um dessen Tochter zu gewinnen. Wir erkennen in dieser Saga die ersten markanten Unterschiede. Erstens sind tolkiensche Zwerge nicht derart weitreichend gebildet, zweitens werden Tolkiens Zwerge, obwohl sie auch in den Bergen hausen, nicht bei Kontakt mit Sonnenlicht zu Stein. Das werden bei Tolkien nur Trolle.
Wie tolkiensche Zwerge sind auch ihre „Kollegen“ aus der Edda handwerkskundig. Sie schaffen Kleinode für die Götter und so wurden sie für Brisingamen von Freyja gar mit Liebesfreuden belohnt.
In der Edda wird zwischen Licht- und Dunkelalben getrennt. Erstere gelten als die schönsten Wesen. Die Lichtelfen wohnen in Albenheim, dem Reich Freyrs, der es als Zahngeschenk erhalten hat (Siehe Grimnirsmal).

Studieren wir die Edda weiter, kommen uns vielleicht ein paar weitere Namen bekannt vor. Im ersten Kapitel tauchen Namen, wie Durin, Thorin, Fili, Kili und Gandalf auf. Figuren, die in Tolkiens Werken, wesentlich waren. Kenner Tolkiens kennen diese Namen natürlich. Auch im Göttermythos finden wir weitere Parallelen. Im Silmarillion wird von der Entstehung von Mittelerde und dem Pantheon dieser Welt gesprochen. Der oberste Gott heißt Ilúvatar. Auffallend ist, dass in der germanischen Mythologie Göttervater Odin ebenfalls viele Namen hat, einer davon ist Allvater.
Melkor (Morgoth) wird oft als Satan gedeutet. Doch ebenso könnte man den germanischen Gott Loki als Vorbild für Melkor sehen. Persönlich finde ich aber folgende Stelle im Silmarillion interessant und führe dieses Zitat ohne weiteren Kommentar an:

„Und er [Melkor] gab vor und glaube es selbst zuerst, dass er dorthin zu gehen begherer, um alles zum Wohl der Kinder Ilúvatars [Elfen und Menschen] zu richten, und er hielt die Stürme von Hitze und Kälte im Zaum, die in ihm tobte. Was er begehrte, war aber, sich Elben und Menschen zu unterwerfen, denn neidete ihnen die Gaben, die Ilúvatar ihnen versprach, und er wollte selber Untertanen und Knechte haben und der Herr (!) genannt werden und über andrer Willen gebieten.“

Irgendwo im Herr der Ringe begegnet man auch Tom Bombadil. Viele rätseln über seine Herkunft. Im Herr der Ringe wird angedeutet, dass er sehr mächtig sein muss. Immerhin bleibt er unangetastet von der Macht des Ringes. Er kann ihn sogar an- und abstreifen, ohne dass er dessen üblichen Auswirkungen erliegt. Seine Frau heißt Goldlocke.
Ziehen wir nun einen Vergleich zur Edda. Der Ase Thor verhält sich ähnlich wie Tom Bombadil. Er ist grobschlächtig, ein Naturbursch und sehr kräftig. Seine Frau heisst Sif, sie hat goldenes Haar. Ein Zufall? Ich denke nicht.

Doch nicht nur bei den Figuren bediente sich Tolkien an der Edda. Er verwendete Runen, um seine Landkarten zu beschreiben. Er wies auch Hauptfiguren Runen zu. So ist die Rune Gandalfs der Rune Fehu nicht unähnlich.
Auch die Magie von Ringe taucht in der Edda auf. So ziert Odins Hand der Ring Draupnir, von dem alle neun Tage acht weitere Ringe träufeln (Siehe Skaldskaparmal). Nachdem Hödur unglücklich den Mistelzweig auf Balder geschossen hatte und dieser starb, warf Odin Draupnir auf dessen Scheiterhaufen, das brennende Schiff Hringhorn. Interessant übrigens ist auch eine weitere Symbolik, denn auch Thor warf etwas ins Feuer: Einen Zwerg, der Litr hieß.
Als Baldurs Bruder Hermodhr ins Totenreich der Hel ging, um um die Rückgabe des Sonnengottes zu bitten, nahm er den Ring wieder mit zu Odin. So symbolisiert der Ring auf Wiederkehr der Fruchtbarkeit. Mag sein, dass die meisten hier einen Widerspruch sehen, doch andere wiederum sehen hier eine Verbindung von Gandalf und Odin, denn wie der Zauberer durchstreift auch der Göttervater das Land und ähneln sie sich beide schon rein äußerlich, tragen sie beide zudem noch einen Ring. [1]

Es würde wahrscheinlich Jahre dauern jeden mythologischen Zusammenhang Tolkiens Werke zu entschlüsseln. Zum Beispiel ist auch die Kalevala eine Quelle der Inspiration für Tolkien gewesen, besonders in bei der Gestaltung seiner Sprachen, bei denen der Professor für alte Sprachen mit Sicherheit noch viel mehr Verbindungen geknüpft hat. Es würde den Rahmen sprengen alles aufzuzählen, doch ging es mit dem Artikel eigentlich nur eins: Überall, wenn wo was von Katholiken geschrieben wird, muss in dessen Werk nicht alles zwangsweise katholisch sein. Drum lehnt euch zurück und genießt das Buch!

[1] Gandalf trägt einen der drei Elbenringe.


Freyjatru


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