Das Runenrad
Es gab im modernen Heidentum mehrere Versuche, einen Runenkalender zusammenzustellen. Am bekanntesten sind wahrscheinlich die Version von Nigel Pennick, der sich auf "alte Texte" beruft, ohne näher darauf einzugehen, welche das denn sein könnten, und die von Kenneth Meadows, der behauptet, "schwedische Runenschamanen" hätten ihm offenbart, dass die Runenreihe eigentlich mit Uruz beginne und mit Fehu ende, also eigentlich ein "Uþark" sei. Auch wenn wir Herrn Meadows glauben wollen, dass er in Schweden auf Runenkundige gestoßen ist, so liegt doch die Vermutung nahe, dass sich diese mit dem Guten einen kleinen Scherz erlaubt haben.

Das System, das ich hier vorstelle, hab ich nicht aus einem Kodex aus Birkenrinde, den die Walküren nach der Übersetzung wieder mit nach Wallhall nahmen, und es wurde auch nicht in meiner Familie von Generation zu Generation unter Lebensgefahr durch die finsteren Jahrhunderte überliefert, sondern es ist das Ergebnis von etwas Kenntnis der Materie, etwas Meditation und etwas logische Spekulation.

Fakt ist, dass die Anfänge der Jahreszeiten, besonders die Sonnwenden, eine wichtige Rolle im rituellen Leben unserer germanischen VorfahrInnen spielten. Nimmt leut die Folge der Jahreszeiten als Kreis wahr — was die Alten nachweislich taten — so ist die natürlichste Art, einen Kreis in Sektoren zu schneiden, die Sechsteilung — wie jede/r weiß, der/die jemals ein wenig mit einem Zirkel und einem Blatt Papier herumgespielt hat. Nimmt leut als Anfangspunkt dieser Teilung eine der Sonnenwenden und als Kreis die Ekliptik, so erhält leut durch halbieren der Sektoren welche mit einem Winkel von 30° — und die sind identisch mit dem Platz, den auf der Ekliptik die Sternzeichen einnehmen.

Bei nochmaligem Halbieren erhalte ich 24 Sektoren zu je 15° — die Frage ist jetzt nur noch, an welcher Stelle des Zodiacs ich beginnen soll, das Fuþark einzutragen. Bei dieser Entscheidung ist die Bedeutung der einzelnen Runen eine große Hilfe.


Freyrs ætt

Fehu — Vieh
Sonnwend ist vorbei, und das Vieh auf den Weiden wird langsam fett. Fehu ist auch der Buchstabe f und steht sowohl für Freyr als auch für seine Schwester Freya, die Göttin der Liebe, die daher leicht mit Venus verwechselt wird. Doch Freyas Kult verschmilzt bei manchen Stämmen mit dem von Frigg, Wotans Gemahlin, die mehr mit Juno zu tun hat (und mit der Sonnwend begann ursprünglich der Juni!); sie ist also eher die Göttin der ehelichen Liebe, auch wenn sie Loki in der Lokasenna beschuldigt, es mit jedem der anwesenden Asen und Alben getrieben zu haben.Zusammen mit den sieben folgenden Runen bildet Fehu die erste der drei aus je acht Runen bestehender Familie, genannt Freyrs ætt.

Uruz — ur
Ich muss mal einen Archäozoologen fragen, ob die Auerochsen Ende Krebs Brunftzeit haben... Scherz beiseite: die Runen stehen für Paare von Prinzipien, Kräften &c., und die erste der beiden repräsentiert den aktiven Aspekt (Yang), während die zweite den passiven (Yin) vertritt. Fehu ist die Rune der Energie an sich, und Uruz verleiht ihr erst die Form.
Nach dem gregorianischen Kalender sind wir zwischen dem 7. und 22.7., und die Feldfrucht beginnt zu reifen.

þurisaz — þurse
Riese – ist laut vielen Runenkundigen auch die Rune þunars oder þórs, des Donnergottes. Jeder, der mal ein Sommergewitter erlebt hat, weiß, wie gut diese Rune Anfang Löwe passt.

Ansuz — Ase
ist die Rune Wotans oder Odins, der Wind, Regen und Schnee, aber auch Poesie, Weisheit und Magie bringt. Er brachte uns die Runen, indem er neun Tage und Nächte an der Weltesche Yggdrasil hing. Die Erntezeit beginnt, also ist das Wetter (und dessen eventuelle magische Beeinflussung) lebenswichtig.

Raiðo — rad, ritt, reise
eine Rune des Wandels. Es ist Anfang Jungfrau, und der nahende Herbst macht sich bemerkbar. Manchen Stämmen erschien es vielleicht als gute Idee, ins Gebiet ihrer Nachbarn zu reiten, um dort zu ernten!

Kenaz — kienspan, Feuer
aber — moderner (laut Igor) — auch ein Parabolspiegel — Viele verwenden sie als Schutzrune. In den alten Zeiten war es recht wichtig, die Ernte vor Ungeziefer (und bewaffneten Nachbarn) zu schützen.

Gebo — Gabe
als Gabe und Gegengabe empfanden die heidnischen Bauern Ernte und Aussaat. Eigentlich passt diese Idee auch gut zum Sternzeichen Waage, in das die Sonne eben eingetreten ist.

Wunjo — Wonne
die Freude über das Ende der Schufterei auf den Äckern gipfelte in sexueller Ekstase — und im Juni häuften sich die Geburten. Wunjo ist die letzte Rune in Freyrs ætt.



Hels ætt

Hagalaz — Hagel
Ich weiß nicht genau, ob’s Anfang Skorpion (Ende Oktober) besonders oft hagelt, jedenfalls verschlechtert sich das Wetter gegen Samhain im Normalfall zusehends. Soweit ich weiß, feierten die Germanen allerdings weder Samhain noch Imbolg, nur die Sonnwenden und Tagundnachtgleichen. Vielleicht fürchteten sie Hel zu sehr, um kommen und gehen ihres ætts zu feiern. Sie hätte ja ersteres als Einladung zum bleiben und Zweiteres als Beleidigung auffassen können.

Naudiz — Not
Es ist nur natürlich, dass sich Bewohner eines kalten Landes sorgen machten, wenn der Winter nahte.

Isa — Eis
Anfang schütze, 22. November bis 7. Dezember... muss ich mehr sagen?

Jera — Jahr
die form der Rune sagt einiges aus. sie ähnelt dem Yin-Yang und symbolisiert Anfang und Ende, Geburt und Tod. Jera ist nicht die letzte Rune des Fuþark, aber des Jahres, denn Jul, die Wintersonnwend, war das Neujahrsfest der GermanInnen.

Eiwaz — Eibe
laut Igor Warneck das Symbol des ewigen Lebens und Tor zwischen den Welten; für mich ähnelt sie eher einem Schlüssel, vielleicht dem zur Unterwelt oder zum unbewussten. jedenfalls war Eiwaz mein Schlüssel zum Runenkalender. ursprünglich hatte ich gemeint, das Fuþark müsste mit Frühlingsbeginn einsetzen, das hätte sie Anfang Waage platziert, aber als ich mich in die Bedeutung der Runen versenkte, "raunte" mir Eiwaz, dass ihr platz auf dem rad nach Jul ist, in den Raunächten, wenn Wotan mit der wilden Jagd — den Einheriern — unterwegs ist, Hel mit den Strohtoten und den von hinten erschlagenen Feiglingen und Berchta (manche meinen, das sei bloß ein Beiname Hels) mit den toten Kindern (seit der Christianisierung: den ungetauften) sowie den ungeborenen. noch dazu ist Eiwaz die 13. Rune! und wenn wir die Runen den 24 stunden des Tages zuordnen (dürfte etwas unwahrscheinlich sein, dass das die alten GermanInnen taten, aber wer weiß...), gehört Eiwaz zur Geisterstunde nach Mitternacht...

Perþro — Pferch
auch Symbol des Mutterleibs. Perþro ist die Rune der Geburt. natürlich gibt’s im Capricornus, neun Monate nach dem Lenzäquinox, eine menge Geburten, und auch die Lämmer werden jetzt geworfen (eher ein Argument dafür, demnächst imbolg oder oimelc [= schafsmilch] zu feiern, trotz des oben gesagten), doch hier geht es noch um mehr, wie die nächste Rune erklärt:

Algiz — Elch
die Rune ähnelt einem Mann mit erhobenen armen und ist ein Symbol für Leben. Eine Kopf stehende Algiz ist ein Todessymbol und kann auf mittelalterlichen Grabsteinen gefunden werden ("Betrachten Sie sich in diesem Zusammenhang das von der Friedensbewegung gewählte Sinnbild und entscheiden sie selbst, wo der Fehler lag", so Warneck). was aus Hels Schoss kommt, leben oder Tod, hängt davon ab, wie lange die Wintervorräte reichen.

Sowilo — Sonne
nicht sigiz — sieg, wie manche behaupten, und die Rune stellt auch keinen Blitz dar, sondern einen Sonnenstrahl. Sowilo passt gut als letzte Rune in Hels aett, da die Tage nach imbolg oder Lichtmess immer länger werden und der Lenz unleugbar naht.



Tyrs ætt

Tiwaz — tiusz, Tyr, Tiu, Ziu
der Name ist der des Jupiter oder Zeus, vom indogermanischen *djew-s, was soviel wie Gott bedeutet, aber die Funktion ist die des Mars. das bild ist das eines Speers oder Pfeils. Tiwaz ist die Rune des unbesiegbaren göttlichen Kriegers und symbolisiert in diesem Kontext die Kräfte des nahenden Frühlings, die den Winter bekämpfen – und schließlich besiegen.

Berkana — Birke
für die alten GermanInnen war die Birke das Symbol der großen Göttin in all ihren Aspekten, und Igor schreibt: "Berkana... ist eine sehr sanfte Rune mit venusartigen Charakterzügen..." lustig... Venus und Mars sind ein liebespaar, und tiwaz und Berkana bilden das erste runenpaar in Tyrs ætt:
Zu Berkana Tagen (heuer 16. – 30. fische) zählt der internationale Frauentag (Zufall?), und am ende gebiert die Göttin den neuen Astrozyklus, denn der erste tag der nächsten Rune ist das Äquinox.

Ehwaz — Pferd
(was halt die germanische Lautverschiebung aus dem indogermanischen *ekwos machte...) gilt wegen der innigen Beziehung zwischen Pferd und Reiter (sigmund, schau åwa!) als Eherune. ähnliches gilt für

Mannaz — Mensch
aber die betrifft eher die Harmonie zwischen einem Mann und seiner anima bzw. einer Frau und ihrem animus. natürlich ist der lenz die Jahreszeit von Handlungen, die zu hochzeiten führen können (sowie der hochzeiten selbst). bei solchen Handlungen mag Pferden eine gewisse rolle zukommen (z.B. beim Brautraub).

Laguz — Lauch
das einzige Gemüse im Fuþark. ich halte sie für die Stellvertreterin allen Grünzeugs, das Anfang Taurus aus dem Schoß der Erde wiederkehrt. laut Igor ist Laguz ein Flusssymbol und stärkt unter anderem die Fruchtbarkeit... hm... so ein Lauch ist gewiss dicker und länger als ein Spargel, oder?
Seinen Platz im Fuþark hat sich der Lauch auf jeden Fall redlich verdient, da leut ihn auch winters ernten kann, rettete sein Vitamin-C AhnInnen vor den gefürchteten Skorbut.

Ingwaz — ing oder yngvi
ist ein älterer Name Freyrs. und wieder die Fruchtbarkeit... dargestellt wird ein ei, obwohl schon mai ist und Ostara vor einem Monat war. hm... seht euch mal Laguz und Ingwaz nebeneinander an. was würde wohl Freud dazu sagen?

Dagaz — Tag
diese Rune gefiel mir auf den ersten blick. jetzt weiß ich, wieso: sie ist meine Geburtsrune. Igor sagt viel über Dagaz’ mystische Qualitäten. dass sie eher "sonnenauf- und -untergang" bedeute als schlicht "tag" und die heilige hochzeit der Gegensätze symbolisiere, und hier sitze ich und denke über dinge wie mystischen Materialismus nach. puh! die tage sind übrigens jetzt ganz schön lang.

Oþalas — Heimat
ist die letzte Rune von Tyrs ætt und des gesamten Fuþark, das Symbol des Endes einer reise, der Heimkehr. Oþalas letzter tag, der 31. oder (meistens) 32. Zwillinge, bringt uns die Sommersonnwend, und das rad dreht sich weiter, Richtung Fehu...


Dagaz


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