Betreut von Eibensang


Gastfreundschaft bei den alten Germanen
Was bedeutete Gastfreundschaft bei den alten Germanen? Freute man sich über einen Gast oder hoffte man von Besuchern möglichst verschont zu bleiben? Machen wir einen Zeitsprung von 2000 Jahren! Wir befinden uns irgendwo im "alten Germanien".

Wir sitzen im Haus des Bauern Arbogast am knisternden Lagerfeuer. Die Mitglieder der Sippe sprechen eifrig über die kommende Ernte und es wird das eine oder andere Trinkhorn gelehrt. Auch Arbogasts Mutters, die alte Sigrun, ist mit von der Partie. Da sie ein Alter erreicht hat, dass in der damaligen Zeit äußerst selten war, schätzt man sie als weise Ratgeberin, die den Willen der Götter besonders gut deuten kann.
Plötzlich klopft es an der Tür. Arbogast erhebt sich und schaut nach, wer denn zu später Stunde noch unterwegs sei. Ein fremder Reisender steht vor der Tür und erklärt, dass er sich verirrt habe. Er bittet um Einlass.

Unterbrechen wir hier die Erzählung und überlegen wir uns wie die Sippe reagieren könnte!
Vielleicht bittet Arbogast die alte Sigrun die Runen zu befragen, ob der Mann Böses im Schilde führt. Vielleicht vermutet Arbogast, dass eine Herbergssuche zu später Stunde nur zu etwas Üblen führen könnte und schlägt dem Mann sofort die Tür vor der Nase zu. Vielleicht vertreibt die Sippe den Ausländer mit Schimpf und Schande und hängt ihn gar am nächsten Baum auf, wenn er nicht nachweisen kann, dass er arischen Blutes ist.
Was die letzte Option betrifft, so ist es schon äußerst unwahrscheinlich, dass der Reisende einen auf Papyrus ausgestellten Beleg zückt, wo seine germanische Abstammung verzeichnet ist. Das Vorhaben würde allein schon daran scheitern, dass man teures Papyrus in großen Mengen importieren müsste. Viele Germanen würden fortan nur mehr arbeiten, um ihre Ahnenpässe bezahlen zu können. Als Alternative zum Ahnenpass, ließen sich zwar die Namen der Vorfahren in Steintafeln ritzen, aber vermutlich würde jedem die Reiselust vergehen, wenn man ihm schwere Steintafeln ins Reisegepäck steckte, die das reine Blut bezeugen könnte.
Weiters wäre auch die Definition eines Ausländers interessant.
Immerhin sahen sich die alten Germanen nicht als das "Volk der Germanen", sondern bezogen ihre Identität durch die Zugehörigkeit zu einem Stamm. Folglich müsste somit, streng genommen, für einen Sachsen ein Friese genauso ein Ausländer sein, wie ein Römer. Vielleicht mit dem einzigen Unterschied, dass die sprachliche Verständigung mit dem Friesen einfacher wäre als mit dem Römer. Somit schließe ich den Exkurs mit der Erkenntnis, dass wenn wir eine Zeitreise machen würden, wir im alten Germanien keinen Ahnenpass vorweisen müssten.

Was für uns heute die modernen Medien, wie Radio, Zeitung, Fernsehen und Internet, sind, war damals ein Reisender. Nachdem wir getrost davon ausgehen können, dass es weder einen "friesischen Boten" oder die "Sachsenpost" gegeben hat, können wir als die Hauptquelle für neue Informationen das Gespräch annehmen. Und sofern die Sippe mit ihrem Stamm nicht auf einem Kriegszug war, wird wohl kein Sippenmitglied die Arbeit am Feld lange ruhen lassen, um weite Reisen zu machen. Die Überlegung, dass es ein Segen sein könnte, einen Reisenden zu bewirten, der im Austausch dafür wichtige Neuigkeiten bringt, sollte betont werden.

Das Havamal, die Sittenlehre der Germanen in der Edda, enthält einige Hinweise darauf, wie man mit einem Gast umgehen sollte. So steht zum Beispiel. "Feuer bedarf der fernher Gekommene, dem vor Kälte das Knie erstarrt; Kost bedarf und Kleidung der Mann dessen Fuß über Felsen schritt. Wasser bedarf und Willkommengruß der Gast und zum Trocknen ein Tuch; selber erring' er sich rühmlichen Leumund, will er wieder geladen sein." [1]
Wie wir schon sehen, wird nicht nur vorgeschlagen einen Gast gut zu bewirten. Dem Gast wird auch geraten, dass er die Gastfreundschaft seines Gastgebers nicht ausnutzen soll. Denn wie auch wir in der heutigen Zeit kaum einen Gast, der sich schlecht in unserem Heim benimmt, ein zweites Mal einladen werden, so wird es wohl auch bei den Germanen gewesen sein.
Ein weiteres Indiz für die Gastfreundlichkeit der Germanen könnte folgendes Zitat aus der Germania des Tacitus sein. "...Der Geselligkeit und Gastfreundschaft gibt kein anderes Volk sich verschwenderischer hin. Irgendjemanden, wer es auch sei, vom Hause zu weisen, gilt als Frevel; nach Vermögen bewirtet ein jeder den Gast an reichlicher Tafel. Ist das Mahl aufgezehrt, so dient der bisherige Wirt als Wegweiser zu neuer Bewirtung und als Begleiter; ungeladen betreten sie den nächsten Hof. Doch das verschlägt nichts; mit gleicher Herzlichkeit nimmt man sie auf. Beim Gastrecht unterscheidet niemand zwischen bekannt und unbekannt. Dem Davonziehenden pflegt man zu gewähren, was er sich ausbittet, und mit gleicher Unbefangenheit fordert man eine Gegengabe. Sie freuen sich über Geschenke, doch rechnen sie nicht an, was sie geben, und halten sie nicht für verpflichtend, was sie empfangen. Die tägliche Kost ist unter Gastfreunden Gemeingut." [2]
Auch Cäsar äußert sich in seinem Werk "De Bello Gallico" über die Gastfreundschaft der Germanen.
"Sie halten es für Frevel, einen Gast zu verletzen. Wer aus welchem Grund auch immer zu ihnen kommt, den schützen sie vor Unrecht und halten ihn für unverletzlich. Alle Häuser stehen ihm offen, und die Bewohner teilen ihre Nahrung mit ihm." [3]
Es gibt Dokumentationen, wie Sturm über Europa [4], die davon berichten, dass viele germanische Stämme dem Einfluss anderer Kulturen nicht abgeneigt waren. Nur in Rom dachte man zu der damaligen Zeit offenbar anders. "In der Zeit des Hellenismus wurden alle Angehörigen von Völkern, die nicht in der griechisch-römischen Einflusssphäre lebten bzw. nicht mit der entsprechenden Bildung ausgestattet waren, als Barbaren bezeichnet; damit wurde ein Überlegenheitsanspruch der eigenen Kultur begründet." [5]
Falls wir also nach einem Ursprung einer fremdenfeindlichen Gesinnung in der Antike suchen, so wird die Suche bei den Germanen erfolglos bleiben.


Fazit
Wir sollten uns bewusst sein, dass sich in der damaligen Zeit Informationen ganz anders verbreiteten wie heute. Dementsprechend nehme ich an, dass Reisende bei germanischen Stämmen besonders deswegen Willkommen waren, weil sie Nachrichten überbringen konnten, die vielleicht sogar das Überleben sicherten.
Generell glaube ich, dass die "My Home is my castle"- Einstellung erst durch die Möglichkeit der individuellen Freizeitgestaltung eingeführt wurde. Allerdings gehe ich auch davon aus, dass Gäste, die sich absolut nicht zu benehmen wussten, vor die Tür gesetzt wurden. Aber ich denke, dass wohl kaum jemals irgendwer es nicht versuchte einen unliebsamen Gast loszuwerden.
Für mich ist es eine Ironie der Geschichte, dass man die alten Germanen teilweise mit Fremdenfeindlichkeit assoziiert. Es wäre an der Zeit diesen Irrtum aufzuklären.


Weiterführende Literatur
Sturm über Europa
Die Edda (Onlineversion) Achtung: Enthält einige wenige Abtippfehler!

Quellen:
[1] Die Edda, Übersetzung von Hugo Gering, 1892
[2] Tacitus Germania (Onlineversion)
[3] Caesar, DBG VI 23.9
[4] Sturm über Europa
[5] Microsoft Encarta Professional 2002


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