Betreut von Eibensang


Germanenbilder
Wer kennt diese Klischeebilder über die Germanen nicht? Der in Fellen gehüllte Barbar mit vielen Muskeln aber wenig Hirn, der blonde Siegfried, der den Drachen im heldenhaften Kampf niederringt und der Germane als strammer Deutscher, der für Zucht und Ordnung einsteht! Die Suche nach dem Urgermanen ist alt und es gibt viele verschiedene Vorstellungen. Nur so, wie die alten Germanen wahrscheinlich wirklich waren, so sehen sie heute vermutlich wenige.

Die Geschichte der Germanen beginnt für viele mit Caesar und Tacitus [1], die mit dem Begriff „Germanen“ die Stammesgemeinschaften zusammenfassten, die zu ihrer Zeit rechts vom Rhein lebten und sie so von den Kelten unterschieden.

Das erste, was uns zu denken geben sollte ist, dass es zwischen Stammesgemeinschaften Unterschiede gibt. Genauso wie ein heutiger Bayer kein heutiger Preuße ist und ein heutiger Tiroler Unterschiede zu einem heutigen Wiener aufweist, war auch ein Gote kein Vandale oder Teutone. Somit wäre es wahrscheinlich nicht möglich eine Abhandlung über die Germanen zu schreiben, ohne dabei jeden Stamm einzeln zu untersuchen.
Tacitus beschreibt Menschen, die er nur von Erzählungen her kennt, er selbst war nie in Germanien. Ich glaube, jeder der schon mal ein fremdes Land besucht hat, der weiß, wie sehr sich die Realität von dem unterscheidet, wie man das Land vor dem ersten Besuch sieht.

Außerdem wollte Tacitus mit seiner Germania gegen den Sittenverfall Roms protestieren. Denn wenn „sogar die wilden Barbaren im Norden“ sittenrein wären, so wäre es eine besondere Schande für „das große römische Reich“, wenn es diese moralischen Ansprüche nicht erfüllte. Doch das Germanenbild des Tacitus wird hoffähig und verankert sich für lange Zeit in den Vorstellungen der Menschen.
Nach der Völkerwanderung war Europa neu aufgeteilt. Betrachtet man die Landkarte nach der Völkerwanderung so haben sich die germanischen Stämme auf ganz Europa und den Norden Afrikas verteilt. Mit der Christianisierung der neuen Reiche endet für viele auch die Geschichte der alten Germanen und die Geschichte des christlichen Mittelalters beginnt. Dort wo noch kurz davor neue germanische Reiche gebildet worden waren, sollten christianisierte Staaten die Nachfolge des alten Roms antreten.
Viele Menschen sind der Meinung, dass vor allem die Deutschen die Nachfolger der alten Germanen sind. Viele stellen sich den alten Germanen vielleicht deswegen ungefähr so vor, wie er in Asterix bei den Goten [2] präsentiert wird.

Es gibt für mich zwei wesentliche Gründe, warum man die Mentalität des heutigen Deutschen auf keinen Fall mit der Mentalität der alten Germanen gleichsetzen sollte. Erstens, verbreiteten sich die Germanen während der Völkerwanderung über ganz Europa, wodurch auch andere Länder die Mentalität der Deutschen haben müssten. Zweitens, wäre es unklug zu vernachlässigen, dass sich die Mentalität einer Gesellschaft auch nach deren „kollektiven“ Erfahrungen prägt. Dass heißt also, dass wenn wir schon davon ausgehen würden, dass die ersten Reiche der Deutschen noch stark von germanischen Glaubensvorstellungen geprägt waren, dass wir auch miteinbeziehen müssen, dass die ganzen Geschehnisse danach, die Mentalität eines Volks prägten.
Über die Entwicklung der Mentalität eines Volks könnte man sicher Bände schreiben und dass würde den Rahmen eines Artikels sprengen. Darum möchte ich nur kurz anmerken, warum ich es für falsch halte, den alten Germanen mit einem ordnungsliebenden, tüchtigen, aber humorlosen Klischeedeutschen gleichzusetzen.
Ich glaube einfach, dass die Mentalität ein Produkt der Zeit ist. Staaten in Mittel- und Osteuropa hatten es generell immer schwerer als West-, Nord- und Südeuropäische Staaten, weil sie ein „Durchzugsgebiet“ anderer Völker waren. So schreibt der Autor des Buchs Bildung [3] über die Auswirkungen des dreißigjährigen Krieg auf die Deutschen: „Die Deutschen verloren den Kontakt zu einer Kultur der Sprache und der Verständigung: Gespräch, Rhetorik, Konversation, Witz, Unterhaltsamkeit, Verständlichkeit, Manieren, Lebensart, Humor, Eleganz des Ausdrucks, alles das gehört nicht zu den Eigenschaften für die andere Nationen uns besonders rühmen. So flüchten die Deutschen in die Sprache jenseits der Sprache: In den Gesang und die Musik. Oder in die simple Verbohrtheit.“
Auch wenn ich die Meinung des Autors nicht gänzlich teile, dass die Deutschen nach dem dreißigjährigen Kriegs besonders wegen ihrer Musik oder ihres Gesangs berühmt sind, überzeugen mich aber die Überlegungen, dass Kriege mit den Ausmaßen eines 30-jährigen Kriegs, wo in einzelnen Gebieten bis zu zwei Drittel der Menschen gestorben sind, die Mentalität eines Volks stark beeinflussten. Daraus schließe ich, dass sich seit der Christianisierung der letzten germanischen Stämme, viel getan hat, was die Mentalitäten der Menschen verändern hat. Aus diesem Grund wäre es komplett falsch zu sagen: „Weil die Deutschen so sind, wie sie sind, müssen die alten Germanen wohl ähnlich gewesen sein.“

Auch hatten die Deutschen nach dem dreißigjährigen Krieg lange keinen eigenen Staat besessen. Um die Grundlage für einen Staat zu schaffen, gab es Bemühungen sich die alten Germanen zum Vorbild zu nehmen. Und es ist eine Ironie des Schicksals, dass viele Jahrhunderte nach dem Erscheinen der Germania, Tacitus’ Vorhaben für Sittenreinheit zu sorgen von anderen aufgegriffen wurde.


Fazit

Vergleicht man nun das alte Germanentum der Antike mit den eigenwilligen Interpretationen des Tacitus’ oder des dritten Reichs, so zeigt sich in vielerlei Hinsicht, dass die alten Germanen weder wilde Barbaren, noch Siegfriede oder biedere Karl-Heinze waren.
Nachdem die alten Germanen die Geschichte stark geprägt haben und es heute viele falsche Vorstellungen zu ihnen gibt, würde ich es für sinnvoll halten, dass in den Lehrplan für den Geschichtsunterricht die alten Germanen mehr einbezogen werden. Denn immerhin beginnt die Geschichte vieler europäischer Ländern nicht mit den Römern, sondern mit den Germanen.

Weiterführende Literatur
TV-Dokumentation: Sturm über Europa
Die Edda (Onlineversion) Achtung: Enthält einige wenige Abtippfehler!

Quellen:
[1] http://www.ahnensitte.net/
[2] Asterix bei den Goten
[3] Dietrich Schwanitz, Bildung


Freyjatru


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