Betreut von Rothani
Ein Männlein steht im Walde …

Diese paar Zeilen kennen viele (zumindest die Älteren unter uns) noch aus ihren Kindertagen. Die eine oder andere Großmutter/Mutter/Kindergartentante/sonstige Anverwandte bzw. Betreuungsperson
[1] hat dieses Lied mit mir gesungen und ich bekam als Kind verschiedene Interpretationsmöglichkeiten aufgetischt, welche Pflanze jetzt wohl diesem Männlein entspricht.

… ganz still und stumm.
Es hat vor lauter Purpur ein Mäntlein um.
Sag wer mag das Männlein sein,
dass da steht im Wald allein
mit dem purpurroten Mäntelein“

Die häufigste Antwort war die Hagebutte, wohl aufgrund der zweiten Strophe des Liedes wo ein schwarzes Käpplein erwähnt wird. Meine Großmutter und einige andere ältere Verwandte aber boten mir als Auflösung den Fliegenpilz[2] an. Aus heutiger Sicht scheint mir der Grund dafür darin zu liegen, dass die anderen Autoritätspersonen wohl vermeiden wollten, das ich mich mit meinen jungen Jahren auf eine Entdeckungsreise in Au und Wald mache um das Männlein mit dem purpurroten Mäntelein zu suchen und vielleicht auch noch davon zu kosten. Immerhin bin ich in dem Glauben aufgewachsen, dass es kein giftigeres Schwammerl gibt als den Fliegenpilz. Welche Pflanze August Heinrich von Fallersleben bei seiner Dichtung jetzt wirklich vor Augen gehabt hat können wir aus heutiger Sicht wohl nicht mehr mit Sicherheit feststellen.

'Ein Männlein steht im Walde ...'
"Ein Männlein steht im Walde ..."

Zu Weihnachten habe ich von einer Freundin ein kleines Buch von Christian Rätsch mit dem Titel „Abgründige Weihnachten“ geschenkt bekommen, in dem er sich mit den Weihnachtsbräuchen, Raunächten und ausführlich auch mit dem Fliegenpilz auseinandersetzt. Dies hat mich dazu bewogen euch in diesem Artikel den Pilz mit dem schlechten Ruf etwas näher zu bringen.


Fliegenteufel, Krötenstuhl und Hexenring

Der Fliegenpilz (Amanita muscaria) zählt zur Gattung der Wulstlinge und wird namentlich in den verschiedenen Regionen meist mit Fliegen, Mücken oder Kröten in Verbindung gebracht – Mückenschwamm, Fliegenteufel, Narrenschwamm oder Krötenstuhl sind einige volkstümlichen Namen dieses Pilzes. Früher bestand der Glaube, dass ein in Milch eingelegter Fliegenpilz als Insektizid genutzt werden kann. In einem Versuch haben Forscher auch festgestellt, dass Fliegen nach dem Genuss dieser Flüssigkeit umfallen und sich nicht mehr bewegen. Allerdings dauert dieser Zustand nur zwischen 40 und 60 Minuten. Sie verfallen in eine Art Schockstarre und nachdem sie den Rausch praktisch „ausgeschlafen“ haben fliegen sie wieder ihrer Wege. Die Verbindung mit den Kröten kann einerseits daher kommen, dass die getrocknete Haut der Fliegenpilzes eine Ähnlichkeit mit der Krötenhaut hat oder weil öfters Kröten in der Nähe des Pilzes beobachtet wurden.

Als Standort bevorzugt der Fliegenpilz hauptsächlich den Platz unter Birken, Kiefern und Fichten – manchmal auch Tannen. Durch diese Wirtspflanzen erhält er lebenswichtige Nährstoffe und versorgt auf der anderen Seite die Bäume mit Spurenelementen und Mineralstoffen. Er tritt in Mitteleuropa meist von Juli bis Oktober auf und ist auf allen Kontinenten mit Ausnahme von Südamerika vertreten. Wobei es seit einigen Jahren auch ein begrenztes Vorkommen im nördlichen Kolumbien gibt, was wahrscheinlich mit der dortigen Einfuhr und Aussetzung von europäischen Kiefern zu tun hat. Der Fliegenpilz verbreitet sich durch Sporen, wobei neue Pilze allerdings wieder nur unter den schon erwähnten Bäumen gedeihen können. Manchmal kommt es dazu, dass das Pilzgeflecht unterirdisch Kreise bildet. Dies führt dazu, dass sich ein sogenannter „Hexenring“ an der Oberfläche bildet – Fliegenpilze die in einem Kreis bei einander stehen. Dieses ringförmige Vorkommen des Fliegenpilzes wird im Volksglauben als magisch bezeichnet und in diesem Ring können besondere Zauber gewirkt werden. In diesem Hexenring sollen nachts auch die Hexen tanzen, weil sie durch diesen Kreis vor anderen Kräften gut geschützt sein sollen.

fast ein Hexenring
fast ein Hexenring

Das auffälligste Merkmal ist der rote, weißgepunktete Hut des Fliegenpilzes – das „purpurne Mäntelein“. Die weißen Punkte sind die Überreste der Hülle, die den jungen Pilz während des Wachstums umschließt. Diese Hüllenreste lassen sich leicht, z.B. durch Regen abwischen und dann kann es zu einer Verwechslung mit einem essbaren Pilz, dem Kaiserling kommen. Der „ungenießbare“ Fliegenpilz hat aber im Gegensatz zum essbaren Kaiserling weiße Lamellen und einen weißen Stiel.


Narrenschwamm und Schamanenurin

Nun zu dem warum der Fliegenpilz als ungenießbar, tödlich und giftig gilt – daran ist nämlich sein Hauptwirkstoff, die Ibutensäure schuld. Im getrockneten Zustand oder durch Aufarbeitung des Pilzes zerfällt die Ibutensäure durch eine chemische Reaktion zu Muscimol. Und dieser Wirkstoff wiederum führt zu bewusstseinsverändernden Zuständen. Interessant dabei ist zum Beispiel auch, dass das Wort für Fliege in Sardinien, musca, sind vom Wort muscare ableitet, was so viel wie „sich närrisch gebärden“, „betrunken sein“ heißt. Daher kommt wahrscheinlich auch die Bezeichnung „Narrenschwamm“ für den Fliegenpilz. Die Symptome nach einer „Fliegenpilzvergiftung“ sind einem Alkoholrausch ähnlich – Sprachstörungen, Mattigkeit, starke motorische Unruhe, Verwirrung und je nach Stimmungslage kommt es zu Angstzuständen, Depressionen, Euphorie oder Gleichgültigkeit. Manchmal wird auch das Gefühl des Schwebens beschrieben – was ebenfalls vielleicht zur Namensgebung beigetragen hat. Weiters kommt es zur Beschreibung von Farbillusionen und außergewöhnlichen Leibeskräften. Häufig kommt es am Ende zu Muskelzuckungen, Krämpfen und am Ende steht meist ein tiefer Schlaf, wobei sich die meisten nicht mehr an die Erlebnisse erinnern können. Selten kommt es auch zu Spätfolgen wie Gedächtnisschwäche, Müdigkeit und Interessenslosigkeit.

Traumreisen
Traumreisen

All diese Wirkungen haben dazu geführt, dass der Fliegenpilz im Laufe der Zeit von den Menschen in den verschiedensten Kulturen und Traditionen als Rauschmittel verwendet wurde. Am bekanntesten ist seine Verwendung als Ekstase auslösendes Mittel bei den sibirischen Schamanen, wie zum Beispiel bei den Kamtschadalen, Wogulen und Ostjaken. Durch seinen Gebrauch kann der Schamane einen Zugang zur spirituellen Welt finden. In diesem Zusammenhang ist auch eine weniger gefährliche Variante, in so einen Rauschzustand zu kommen, überliefert. Wenn man den Urin eines Schamanen trinkt, der sich auf einem Fliegenpilztrip befindet, kann man selbst auch in einen Rauschzustand – ohne unangenehme Nebenwirkungen – kommen. Ob man dabei auch einen Weg in die spirituelle Welt findet ist nicht dokumentiert.


Essbar oder nicht, das ist hier die Frage

Neben der Nutzung als Rauschmittel im rituellen Kontext wurde bzw. wird der Fliegenpilz auch ganz normal als Nahrungsmittel genutzt. Zum Beispiel gilt er in Teilen von Japan heute noch als Spezialität und auch im Norden Deutschlands wird er vereinzelt noch gegessen. Die Zubereitungsmethoden kennen leider zumeist nur noch die Menschen der älteren Generation. Unter anderem soll der Fliegenpilz in der Gegend von Hamburg heute noch als Zutat beim Bierbrauen Verwendung finden. Da sich die Wirkstoffe, die für die Gift- und Rauschwirkung zuständig sind, hauptsächlich in der Haut des Pilzhutes befinden und zum großen Teil wasserlöslich sind, zieht man bei der Nahrungszubereitung die Haut ab bzw. legt man die kleingeschnittenen Stücke am besten 24 Stunden in Wasser oder Milch ein. Auch beim blanchieren des Pilzes verringern bzw. verflüchtigen sich die Giftstoffe. Erwischt man allerdings ältere Fliegenpilze wirken diese Methoden nicht, da die Rausch auslösenden Wirkstoffe in das Fleisch wandern. Somit ist letztendlich nicht gewährleistet, den Pilz gänzlich von den Giftstoffen zu befreien und darum wird meist vom Genuss des Fliegenpilzes abgeraten.

Was jetzt den Fliegenpilz mit Weihnachten, dem Weihnachtsmann, der wilden Jagd und der nordischen Götterwelt verbindet bzw. was es mit seiner Bedeutung als Glückbringer zu Silvester auf sich hat – darüber könnt ihr entweder direkt im Buch von Christian Rätsch nachlesen – oder vielleicht schreibe ich darüber auch noch einen weiteren Artikel, mal sehen.

'... mit dem purpurroten Mäntelein.'
"... mit dem purpurroten Mäntelein."

Quellen:
Christian Rätsch: Abgründige Weihnachten. Die Wahre Geschichte eines ganz und gar unheiligen Festes. München 2014
www.wikipedia.at

[1] Ich habe hier an dieser Stelle bewusst die weibliche Form verwendet, weil es aus meiner Erinnerung her hauptsächlich weibliche Bezugspersonen waren, die mit mir und den Kindern in meiner Umgebung solche Lieder gesungen haben. Darum hab ich mir hier das Gendern erspart.

[2] Hiermit stelle ich als Autorin dieses Artikels fest, dass ich nicht verantwortlich bin, wenn die LeserInnen dieses Artikels mit psychoaktiven Substanzen unverantwortlich umgehen und gegebenenfalls Schäden erleiden. Niemand soll sich dazu aufgefordert fühlen, riskante Selbstversuche mit Fliegenpilzen durchzuführen. Ich  möchte jedem davon abraten, Selbstversuche mit psychoaktiven Substanzen zu unternehmen, ganz gleich ob sie egal, reguliert oder gesetzlich verboten sind (dieser Text wurde aus dem Vorwort des Buches „Abgründige Weihnachten“ von Christian Rätsch übernommen).


Rothani


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