Betreut von Rothani
Roa und Gschtettn – Pflanzen am Rande der Gesellschaft    Teil IV

Mit dem heutigen Artikel möchte ich euch weitere Pflanzen aus dem Bereich des Roa und der Gschtettn näher bringen.

Als heutige Pflanze des Wegrandes (Roa) beziehungsweise der abgeschrägten Brachflächen (Gschtettn) möchte ich euch zwei aus der Familie der Artemisia vorstellen – den Beifuß und den Wermut. Die Familie Artemisia gehört zu den Korbblütler und umfasst ungefähr 250 bis 500 verschiedene Arten – dazu zählen unter anderem die Edelraute, der Beifuß, die Stabwurz und den Wermut. Beheimatet sind die Arten der Artemisia hauptsächlich in den gemäßigten Zonen in Nordamerika und Eurasien. In Afrika und in Südamerika sind nur vereinzelt Vorkommen zu finden.


Gemeiner Beifuß
Artemisia Vulgaris

Bereits bei den Griechen (Dioskurides und Plinius) wurden verschiedene Arten der Artemisia beschrieben. Ihren Namen hat sie laut Überlieferung entweder von der Göttin Artemisia, weil die Wirkstoffe der Pflanze besonders bei Frauenkrankheiten hilfreich sind, oder aber von der griechischen Königin Artemisia (Gattin des Mausolos von Halikarnassos), die ihre Heilkräfte in der Volksmedizin bekannt gemacht hat.

Alle Mitglieder der Artemisia-Familie erreichen in ihrem Wuchs eine Höhe von 3 Zentimeter bis zu 3 Meter und sind ein- bis zweijährige krautige Pflanzen. Vor allem die Bitterstoffe und die ätherischen Öle machen sie als Heil- und Gewürzpflanze interessant. So wird zum Beispiel der einjährige Beifuß in der Traditionellen Chinesischen Medizin als Mittel gegen die Malaria eingesetzt.


Dunkle Mächte abwehren oder schnell davonlaufen

Einer der bekanntesten Vertreter der Familie Artemisia ist der Gewöhnliche Beifuß oder auch Gemeine Beifuß - Artemisia vulgaris – genannt. Im Volksmund wird er auch Besenkraut, Sonnwendkraut, Gänsekraut oder auch Weiberkraut genannt. Für die Erklärung des deutschen Namens Beifuß gibt es zwei Varianten. Entweder er wird vom althochdeutschen „bōʒen“, das stoßen oder schlagen heißt, abgeleitet – bezogen darauf, dass die Blätter für die Verwendung gestoßen wurden oder weil er eine abstoßende Wirkung auf die „dunklen Mächte“ haben sollte. Oder die Bezeichnung bezieht sich auf Fuß (mittelhochdeutsch „bīvuo“), weil dem Aberglauben nach der Beifuß ausdauerndes Laufen und Geschwindigkeit verleihen sollte.

Blüte und Samen - Gemeiner Beifuß
Blüte und Samen
Gemeiner Beifuß

Die Blütezeit des Gewöhnlichen Beifußes dauert von Juli bis September. Die Blüten werden hauptsächlich durch den Wind bestäubt und die Pollen fliegen zwischen 6.00 und 11.00 Uhr morgens. Für viele Leute bedeutet dies, dass sie besser zu dieser Zeit nicht in die Nähe von Beifußplanzen kommen sollten da der Pollen allergische Reaktionen hervorrufen kann.


Heilende Würze

Verbreitet wurde der Beifuß in Mitteleuropa wahrscheinlich im Zuge des neolithischen Ackerbaus und wird als typisches Hackfruchtunkraut bezeichnet. Vom Gemeinen Beifuß gibt es eine europäische und eine asiatische Variante, die sich in der Zusammensetzung der ätherischen Öle unterscheidet. Auf nährstoffreichen Böden fühlt sich der Beifuß am wohlsten und kommt hier auch wild vor. Gezielt wird er aufgrund der Verwendung seiner ätherischen Öle für die Parfümindustrie in Nordafrika und in Südeuropa angebaut. Geerntet werden die oberen Triebspitzen (bei noch geschlossenen Blütenkörbchen) von Juli bis Oktober. Der Sinn dahinter ist, dass die Blätter bitter schmecken wenn der Beifuß in Vollblüte steht und er sich dann nicht mehr zum Würzen eignet. Die Wurzel wird im Spätherbst geerntet.

Die kleinere Dosis Bitterstoffe, die bei der frühzeitigen Ernte enthalten ist regt die Bildung von Gallenflüssigkeit und Magensaft an und unterstützt dadurch die Verdauung. Daher eignet sich der Beifuß als Würzmittel vor allem für schwere und fette Fleischspeisen. Die Parfümindustrie nutzt die aus dem getrockneten Beifuß gewonnen Öle. In der Phyto- und Aromaindustrie werden die getrockneten Spitzen der Stängel gemeinsam mit den Blütenkörpchen verwendet und in der Traditionellen Chinesischen Medizin wird der Beifuß in der Moxa-Therapie eingesetzt. In der Volksmedizin wurde er früher bei Menstruationsbeschwerden, nach einer Geburt und bei verschiedenen anderen Unterleibbeschwerden. Auch heute wird er in der alternativen Heilkunde  zur Behebung bzw. Linder dieser Beschwerden und außerdem bei Appetitlosigkeit,  Muskelkater, schmerzenden Beinen, kalten Gliedmaßen, Schlaflosigkeit und Nervenanspannungen eingesetzt. Wie schon oben bei der Namensnennung beschrieben wurde der Beifuß in früheren Zeiten zur Abwehr von dunklen Mächten und Hexerei verwendet und war ein fixer Bestandteil bei vielen magischen Amuletten. Um Blitze und Seuchen abzuwehren brachte man ihn am Hausdach an und am sogenannten Sonnwend- oder Johannisgürtel, bezogen auf die optimale Zeit der Ernte, sollte er gegen Zauberei und böse Dämonen schützen.


Bitter ist gesund

Der zweite Vertreter aus der Familie Artemisia den ich euch vorstelle ist der Gemeine oder auch Echte Wermut – artemisia absinthum. Wie auch der Gemeine Beifuß ist er eine krautige Pflanze, wird aber durchschnittlich nur 40 bis 60 Zentimeter groß. Er hat einen starken aromatischen Duft und eine gräulich-grüne Färbung. Die Hauptvorkommen des Gemeinen Wermuts liegen in Nordafrika und den gemäßigten Zonen von Europa und Asien. Seine bevorzugten Standorte sind sandig-trockene beziehungsweise trockene Böden in der Nähe von Wasserläufen. Von ihm gibt es auch eine kleinere eigene österreichische Unterart – den sogenannten Österreich-Wermut (artemisia austriaca), der hauptsächlich in den Bundesländern Niederösterreich, Wien und Burgenland vorkommt. Diese Unterart hat sich vor allem östlich von Österreich ausgebreitet, ist aber auch in als Neophyt mittlerweile in Deutschland zu finden. Trotz der Ausbreitung gilt diese Unterart in Österreich mittlerweile als stark gefährdet.

Österreich Wermut - artemisia austriaca
Österreich Wermut
Artemisia Austriaca

Die Dosis macht das Gift

Seit der Antike wird der Wermut als heilendes Kraut eingesetzt und die Mönche im Mittelalter kultivierten den Wermut in ihren Gärten. Durch sein bitteres Aroma zählt er zu den wichtigsten Bitterkräutern und wird wie der Beifuß zur Verdauungsstärkung und bei Unterleibsbeschwerden, sowie bei Appetitlosigkeit eingesetzt.  Im Laufe der Geschichte wurde er einigen Göttinnen wie etwa der griechischen Göttin Artemis oder der ägyptischen Göttin Bastet geweiht.  Hildegard von Bingen empfahl dieses Heilmittel auch zur äußerlichen Anwendung gegen die Schädigung von Büchern durch Mäuse – Abwehr sollte die Beimengung in der Schreibtinte bringen – und gegen Kleidermotten. Und ebenso wie der Beifuß wurde er als probates Mittel gegen dämonische Einflüsse und Hexerei empfohlen. Allerdings ist bei seiner Verwendung Vorsicht geboten – bei einer länger dauernden Anwendung in hoher Dosis wirken die ätherischen Öle sinnverwirrend.

Bestandteile des Wermutkrauts
Bestandteile des Wermutkrauts

Solange die Pflanze blüht werden Bruchstücke der Zweigspitzen gesammelt und daraus wässrige beziehungsweise wässrig-alkoholische Auszüge oder auch ein Tee gemacht. Eine Hauptkomponente der Bitterstoffe ist Absinthin. Dieser Bestandteil hat ihn vor allem im 19. Jahrhundert als Zutat des gleichnamigen Getränks Absinth bekannt und beliebt gemacht. Absinth wurde als alkoholisches Getränk, dem auch Melisse, Fenchel und Anis beigemischt wurden, in dieser Zeit zu einer Modedroge. Die gesundheitsschädliche Wirkung lässt sich vor allem auf den hohen Thujongehaltes zurückführen und führte dazu, dass er in vielen europäischen Ländern zu dieser Zeit verboten war. In großen Mengen wirkt Thujon toxisch und kann zu Nierenschäden, Erbrechen, Bauchschmerzen und Störungen im Zentralnervensystem führen. Wie bei vielen anderen Heilkräutern macht auch hier die Dosis das Gift. Setzt man ihn zum Beispiel in homöopathischen Dosen ein, kann er krampflösend und beruhigend wirken.

In der Verwendung des Wermuts liegt also sprichwörtlich ein „Wermutstropfen“ – in kleinen Dosen hat er eine heilende Wirkung, setzt man ihn maßlos ein wirkt er gesundheitsschädlich.

Quellen:
Kursunterlagen Natur- und Landschaftsführer, LFI St. Pölten
www.wikipedia.at

www.naturheilkunde-berlin.eu
www.kraeuter-verzeichnis.de


Rothani


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