Roa und Gschtettn – Pflanzen am Rande der Gesellschaft    Teil III

Mit dem heutigen Artikel möchte ich euch weitere Pflanzen aus dem Bereich des Roa und der Gschtettn näher bringen.

Im dritten Teil meiner Serie zu den Pflanzen die wir eher nur am Rande wahrnehmen, möchte ich euch einen Vertreter der Kategorie „in jeder Familie gibt es schwarze Schafe“ vorstellen. Ein Familienmitglied ist für uns nützlich - zum Beispiel in Volksmedizin oder als wiederentdeckte Nahrungsquelle – und am Anderen verbrennen wir uns wortwörtlich die Finger.

Wiesen-Bärenklau
Bild: Wiesen-Bärenklau

Als erstes sei hier der Wiesen-BärenklauHeracleum sphondylium – auch Gemeiner Bärenklau, Wiesenrhabarber, Bärenfuß, Ochsenzunge oder auch Kuhlatsch genannt. Er gehört zur Familie der Doldenblütler und ist in Europa heimisch. Für die lateinische Bezeichnung soll der griechische Held Herakles namensgebend sein, dessen Eigenschaften wie Kraft, Ausdauer und Härte auch dem Wiesen-Bärenklau nachgesagt werden. Zwei weitere Eigenschaften von Herakles könnten dafür verantwortlich sein, dass dem Wiesen-Bärenklau im Mittelalter eine aphrodisierende Wirkung nachgesagt wurde – die Wollust und die Völlerei. Für den deutschen Namen Bärenklau sollen die lappig gestielten und behaarten Blätter, die Tierfüßen ähneln, verantwortlich sein. Andere Quellen besagen wiederum, dass die Silbe „Bär“ eher etwas mit „gebären“ zu tun hat. Viele Kräuter die diese Bezeichnung im Namen tragen sind auch als Frauenkräuter bekannt – wie zum Beispiel die Bärwurz (Meum athamanticum Jacq.). So soll der Wiesen-Bärenklau unter anderem auch Menstruationsfördernd und – regulierend sein.


Reich gedeckter stinkender Tisch

Der Wiesen-Bärenklau erreicht eine Wuchshöhe von bis zu 1,5 Meter und ist eine krautige, ausdauernde Pflanze, die einen äußerst unangenehmen Geruch verströmt. Der Grund dafür sind die in ihm reichhaltig enthaltenen ätherischen Öle. Der doppeldoldige Blütenstand besteht aus vielen kleinen weißen, manchmal auch leicht grünliche oder hellrosa überlaufenden Blüten. Diese sind ein Tummelplatz für zahlreiche Insekten wie zum Beispiel Hummeln, Bienen, Schwebfliegen oder auch die Streifenwanzen. Von Juni bis Oktober findet sie hier ein reichhaltiges Nektarangebot, das aber auch gefährlich sein kann. So viel Betrieb lockt auch Insektenjäger wie Raubwanzen oder einige Wespenarten an. Zur Blütezeit sollte man sich wirklich Zeit nehmen und das Gewusel auf den riesigen Blütendolden beobachten. Im Gegensatz zu seinem weiter unten beschriebenen großen Bruder hat der Wiesen-Bärenklau einen kantigen und gefurchten Stängel.

Wiesen-Bärenklau Blütenstand
Bild: Wiesen-Bärenklau
Blütenstand

Wildgemüse – Kompost - Mulche

Wie der Name schon sagt findet sich der Wiesen-Bärenklau auf Wiesen – diese müssen allerdings sehr nährstoffreich sein. Ansonsten ist er an sonnigen Wald-, Weg- und Heckenrändern anzutreffen. Wenn die Wiese nicht überdüngt ist, dann steht er gerne in Gesellschaft von Margeriten, verschiedenen Glockenblumen, vom Wiesen-Pippau und anderen Wiesenblumen. Wenn man einen Naturgarten hat – oder überlegt einen zu gestalten – dann empfiehlt sich der Wiesen-Bärenklau für die hohe Blumenwiese. Aber Achtung – sollte der Boden zu nährstoffreich sein, dann hat er bald alle anderen Wiesenpflanzen durch sein überbordendes Wachstum verdrängt. Die Blätter und der Stängel sind in der Küche als Wildgemüse gern gesehen, lassen sich aber auch zu einem guten Kompost beziehungsweise gutem Mulchematerial verwenden. Will man eine reiche Ernte an Blättern und Stängel erzielen, dann sollte man ihn in die Hecke pflanzen. Dort bekommt er weniger Sonne und entwickelt darauf hin größere Blätter mit dicken, langen Blattstängeln und weniger Blütenstände. Der Phantasie bei der Zubereitung sind fast keine Grenzen gesetzt:

  • für die Blätter empfiehlt sich etwa Blätter im Teigmantel oder als Bestandteil von gedünstetem Wildgemüse, Wiesensalat, Wiesensuppe;
  • aus den Stängeln lässt sich ein Stängelauflauf, gebackene Wiesen-Bärenklaustängel oder ein Kompott (Stichwort Wiesenrhabarber) machen;
  • die Blütenknospen eigenen sich ebenfalls als Bestandteil des Stängelauflaufes oder auch als wilder Broccoli [1]

Wenn man dem Wiesen-Bärenklau in freier Wildbahn über den Weg läuft, dann kann man die zarten Stiele der noch nicht aufgeblühten Dolden schälen (dazu empfiehlt sich ein etwas längerer Fingernagel oder natürlich ein Taschenmesser) und das Mark heraus essen – schmeckt irgendwie nach Karotten (Möhren).

Aufpassen sollte man beim Wiesen-Bärenklau aufgrund seines Furocumaringehaltes – dieser verursacht bei Sonnenbestrahlung bei empfindlichen Personen entzündliche Hautreaktionen wie unangenehme Rötungen und Schwellungen der Haut, auch „Wiesen-Dermatitis“ genannt. Daher empfiehlt es sich beim Sammeln Handschuhe zu tragen! Und dies ist auch schon die Überleitung zum „schwarzen“ Schaf der Familie.


Der „böse“ große Bruder

Ein Verwandter des Wiesen-Bärenklaus ist der Riesen-Bärenklau, Heracleum mantegazzianum beziehungsweise Heracleum giganteum – oder auch Herkulesstaude, Herkuleskraut genannt. Er stammt ursprünglich aus dem Kaukasus und zählt zu den invasiven Neophyten. Im Gegensatz zum Wiesen-Bärenklau erreicht er eine Wuchshöhe von bis zu drei oder vier Metern und hat einen runden Stängel der kaum gefurcht und leicht purpurne Flecken aufweist. Die Blüten der Dolden haben einen Durchmesser von 30 bis zu 50 Zentimetern und besitzen „strahlende“ Randblüten.

Riesen-Bärenklau Blütenstand
Bild: Riesen-Bärenklau
Blütenstand

Zu verdanken haben wir die Einwanderung in Österreich und den Nachbarländern der russischen Zaren Alexander. Er schenkte dem Fürsten Metternich am Wiener Kongress (1815) eine Vase voll mit Samen des Riesen-Bärenklaus. Der Fürst zog die Samen in seinen Gewächshäusern unter anderem in Böhmen (Schloss Königswart) als Zierpflanze. Im restlichen Europa wurde er circa 1890 ebenfalls als Zierpflanze für Parks und Schlossgärten eingeführt. Zur Verbreitung trug in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts  seine Propagierung als Bienenweide für die Imker bei. Es wurde ihm auch ein weiterer wirtschaftlicher Nutzen als Befestigung für Böschungen und als Deckung für das Wild in der Forstwirtschaft unterstellt. Mittlerweile ist man aber unter anderem auf Grund seines hohen Furocamaringehaltes[2] (weit höher als der des Wiesen-Bärenklaus) dazu übergegangen, den Riesen-Bärenklau als gefährliche Pflanze einzustufen und seine Ausbreitung aktiv zu bekämpfen.

Die natürliche Ausbreitung passiert hauptsächlich durch die Verbreitung der Samen durch den Wind und dadurch, dass die Samen schwimmfähig sind auch über das Wasser. Aber auch die Ausbreitung durch landwirtschaftliche Fahrzeuge und Wildwechsel verursacht Probleme bei der versuchten Eindämmung der Bestände.


Bitte nicht anfassen!

Seine Einstufung als gefährliche Pflanze wird einerseits darauf zurückgeführt, dass die bloße Berührung des Riesen-Bärenklaus zu gesundheitlichen Schädigungen wie

  • Verbrennungen ersten und zweiten Grades durch die phototoxische Wirkung des Furocamaringehaltes[3] mit der Haut (Blasenbildung, Pigmentveränderungen),
  • Atemnot und akute Bronchitis durch ausgasendes Furocamarin (an heißen Tagen gibt die Pflanze diesen Wirkstoff in die Umgebung ab) und
  • Fieber, Schweißausbrüche und Kreislaufschocks durch den Umgang mit der Pflanze

führt. Andererseits führt er durch seine Wuchshöhe zu Sichtbehinderungen im Straßenverkehr, da er keine böschungsbefestigende Wirkung hat kann es bei Bewuchs an Fließgewässern und in Hohlwegen zu Erosionen kommen, wenn er sich in Äckern etabliert kann es zu Ertragsverlusten kommen und an Standorten wo er dominiert kommt es durch die Verschattung kommt es zu einer geringeren Artenvielfalt an gewissen Standorten.

Bekämpft wird der Riesen-Bärenklau durch das Abmähen (vor der Blüte), Einsammeln und Vernichten der Blütenstände vor der Fruchtreife, Ausgraben der Pflanze und dem Fräsen mit der Traktorfräse. Das Tragen von Schutzkleidung ist dabei sehr anzuraten.

Ob man Teile des Riesen-Bärenklaus auch als Wildgemüse verwenden kann (vielleicht in einem frühen Wuchsstadium wenn der Furocamaringehalt noch nicht so hoch ist) hat sich mir beim Studium der verschiedenen Quellen nicht erschlossen. Auch ist aus kulturgeschichtlicher Sicht keine Verwendung, außer als Zierpflanze, bekannt. Die britische Rockgruppe Genesis hat auf alle Fälle ein Lied über den Riesen-Bärenklau geschrieben – The Return of the Giant Hogweed – in dem auf satirische Weise die Pflanze als ernsthafte Gefahr besungen wird. Hier geht es zur Hörprobe: http://www.youtube.com/watch?v=gTuJQL8GBqY

Quellen:
Kursunterlagen und Abschlussarbeit Natur- und Landschaftsführer, LFI St. Pölten
www.wikipedia.at
www.pflanzenfreunde.com
www.heilkraeuter.de
www.kraeuter-verzeichnis.de
Klemme, Brigitte u. Holterman, Dirk: Delikatessen am Wegesrand. Un-Kräuter zum Genießen. Dresden 2005

[1] Rezepte findet ihr unter anderem in Buch Klemme, Brigitte u. Holterman, Dirk: Delikatessen am Wegesrand. Un-Kräuter zum Genießen. Dresden 2005.
[2] Phototoxisch - gelangen Furocumarine auf die Haut und werden anschließend dem Sonnenlicht (UV-Strahlung) ausgesetzt, kommt es je nach Schwere zu verbrennungsähnlichen Symptomen  (Hautrötung, Schwellung, Blasenbildung, Läsionen, Photopigmentierung, Narbenbildung)
[3] Weiters gehen die Furocumarine  unter UV-Einwirkung kovalente Bindungen mit den Pyrimidinbasen der DNA ein, vernetzen so die DNA-Doppelstränge irreversibel miteinander (cross-linking) und wirken dadurch krebserregend.


Rothani


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