Roa und Gschtettn – Pflanzen am Rande der Gesellschaft    Teil II

Mit dem heutigen Artikel möchte ich euch weitere Pflanzen aus dem Bereich des Roa und der Gschtettn näher bringen.
Gschtetten im Waldviertel
Gschtetten im Waldviertel

Violetter Kern bringt blaue Farbe

Der erste Kandidat ist heut zu Tage hauptsächlich in gepflegten Hecken zu finden. Aber auch in seinen ursprünglichen Habitaten  - in den Wäldern, Auen und Gebüschen von Mittel- und Südeuropa bis in die Kaukasusländer - ist der Gewöhnliche Liguster – Ligustrum Vulgare noch immer zu finden. Der Gemeine Liguster, auch Tintenbeerstrauch, Rainweide, Hartriegel oder Beinholz genannt, ist die einzige in Europa heimische Ligustergattung und gehört zur Familie der Ölbaumgewächse.
War der Liguster ursprünglich eine laubabwerfende, halbimmergrüne Strauchart, so wurde er als kultivierte Heckenpflanze auf wintergrün gezüchtet. Zum Laubabwerfen im natürlichen Rythmus, oft auch erst beim Austrieb der neuen Blätter, kommt er heute meist nur mehr in seiner Wildform. Das Holz des Gewöhnlichen Ligusters ist sehr hart, fest, glatt und hat einen violett gefärbten Kern. Diese Eigenschaften haben es zu einem beliebten Holz für Schnitz- und Drechslerarbeiten gemacht. Oft werden Werkzeuggriffe aus Ligusterholz gefertigt. Früher verwendeten es auch die Schuhmacher (Pflöcke) und die Weinbauern (Rebstangen). Eine weitere Verwendung finden die jungen Zweige des Hartriegels, sie werden ob ihrer Biegsamkeit beim Korbflechten verarbeitet.

Ligusterbeeren
Ligusterbeeren

In alten Aufzeichnungen aus dem 15. Jahrhundert findet man eine weitere Nutzung für den Liguster. Nach dem ersten Frost lassen sich die Beeren nämlich sehr gut als Farbstoff einsetzen. Nachdem die Färber die Wolle mit Aluminium- oder Eisensalzen oft auch mit Soda vorgebeizt hatten, erzeugten die Ligusterbeeren einen tiefblauen Farbton. Aber auch die Blätter, die Rinde und die gelben Zweige lassen sich zum Färben verwenden. Insgesamt werden Farbtöne von gelb über grün bis blau erzielt, je nachdem welche Beize verwendet wird beziehungsweise welche Färbevorgänge gewählt werden. Auch zum Malen wurde der rote bis blaue Saft der Beeren verwendet. Rot wurde durch Zusatz von Sulfaten erzielt, um Purpur zu erhalten mengte man Urin bei und für Blau wurde der Saft mit Pottasche und Kalk vermischt. In einigen Regionen wurde der Saft der Ligusterbeere auch zum Färben von Wein benutzt.


Zum Verzehr nur für spezielle Zielgruppen geeignet

Ob sich durch das Färben der Geschmack beziehungsweise die Genießbarkeit des Weines geändert hat konnte ich nicht herausfinden. Aber generell ist festzustellen, dass die Beeren des Ligusters giftig sind und es bei Verzehr zu Durchfall, Erbrechen, Leibschmerzen und Übelkeit kommen kann. Natürlich gilt auch hier wieder „Die Dosis macht das Gift“, aber generell bin ich froh, dass heute der Wein nicht mehr mit Ligusterbeeren gefärbt wird.
Auf alle Fälle sind die Beeren bei insgesamt 20 Vogelarten, wie etwa dem Dompfaff, der Drossel und der Amsel, und auch bei einer Reihe von Nagetieren. Vor allem im Spätwinter bietet der Liguster diesen Tierarten eine willkommene Nahrungsquelle. Und da die Keimung der Samen durch den Frost gefördert wird und diese ja wieder ausgeschieden werden, kommt es auch zu einer Verbreitung der Pflanze. Die Ligusterblüte bietet Bienen, Fliegen und verschiedenen Schmetterlingen Nahrung und die Raupe des Ligusterschwärmers bevorzugt den Strauch mit seinen Blättern als bevorzugte Nahrungsquelle.


Ein Bastard mit vielen Namen

Als zweite Pflanze der Randzone stelle ich hier den Weißdorn – Crataegus vor. Wie der Gewöhnliche Liguster ist es er entweder in Strauchform oder als kleiner Baum in den Hecken der Gschtetten und Roa zu finden. Er zählt zu der Familie der Rosengewächse und in den gemäßigten Zonen der nördlichen Hemisphäre lassen sich zwischen 200 und 300 verschiedene Arten unterscheiden. Sein Verbreitungsschwerpunkt liegt in Nordamerika und in Europa bringt er es auf ca. 22 Arten. Der Weißdorn hat die Angewohnheit sich unter den Arten sehr stark zu vermischen (bastardieren), was eine genaue Bestimmung mitunter schwierig macht. In Mitteleuropa sind ursprünglich drei Weißdornarten heimisch – der Eingriffelige Weißdorn, der Zweigriffelige Weißdorn und der Großkelchige Weißdorn. Aus diesen drei Arten entstanden durch Wildstandskreuzung (das schon oben erwähnte bastardieren zwischen den Arten) weitere Formen.

Weißdorn
Weißdorn

Wie der Weißdorn zu seinen Namen kam ist ebenfalls nicht ganz eindeutig fest zu machen. Mögliche Verdächtige – die weißen Blüten, die besonders im freien Gelände ins Auge fallen, die ausgeprägten Sprossdornen (als Schutz der Knospen vor Befraß) oder auch die helle Rinde (als Unterscheidungsmerkmal zum Schwarzdorn = Schlehe). Klar ist, das sein botanischer Name Crateagus zurückgeht auf die alte Bezeichnung einer Weißdornart die im Mittelmeer verbreitet ist und die früher von den Griechen als Krataigos bezeichnet wurde (altgriechisch Krataiós bedeutet fest und ist auf das harte Holz des Weißdorn zurückzuführen). Umgangssprachlich hat der Weißdorn viele Namen – Hagedorn, Heckendorn, Christdorn, Hagapfel oder auch Mehlbeere. Der letzte Name kommt wahrscheinlich daher, dass die Früchte des Weißdorns etwas mehlig schmecken – aber bitte nicht verwechseln mit der eigentlichen Mehlbeere! Der Wortteil „Hag“ leitet sich etymologisch von Hag (= von einem von Hecken umstandenen Gelände) ab.

Der Weißdorn ist an und für sich jetzt nicht vom Aussterben bedroht, aber seine Vielfalt ist trotz allem gefährdet. Besonders durch die Zerstörung der begrenzenden Hecken zwischen den Feldern und Weiden, die ein wichtiger Lebensraum des Weißdorns ist. Es werden zwar in letzter Zeit immer wieder Neupflanzungen getätigt um diesen Trend Einhalt zu gebieten, allerdings wird dabei auf einheitliche Ware aus den verschiedenen Baumschulen zurückgegriffen. Sinnvoller finde ich, wenn auf die in der Region gewachsene Naturbestände zurückgegriffen wird und der Bastardierung seinen Lauf gelassen wird.


Fruchtiger Genuss - Genussmittelersatz - Lebensmittelzusatz

Wie schon der volkstümliche (leicht zur Verwechslung beitragende) Name Mehlbeere zeigt, schmecken die Früchte des Weißdorns sehr mehlig aber auch säuerlich-süß. Wenn man sie nicht roh genießen will dann empfiehlt sich die Zubereitung als Kompott, Saft, Sirup oder Marmelade und das sie gut gelieren kann man sie auch mit anderen Früchten vermischen. In früheren Notzeiten wurden sie als Mus gegessen, die Kerne dienten als Kaffeeersatz und das getrocknete Fruchtfleisch verwendete man als Mehlzusatz beim Brotbacken. Getrocknet lassen sich die Früchte gemeinsam mit den getrockneten Blüten und Blättern zu einem Tee oder alkoholischen Auszug verarbeiten, der bei Herz- und Kreislauferkrankungen angewendet wird.

Früchte des Weißdorns
Bild: Früchte des Weißdorns

Für Herz und Nieren

In der Traditionellen europäischen Medizin wird der Weißdorn ungefähr im 1. Jahrhundert nach Christus erwähnt. Auch die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und die Heiler der Native Americans arbeiten mit dem Weißdorn. Er wirkt auf zwei verschiedene Arten – einerseits steigert er die Kontraktionskraft des Herzens und andererseits erweitert er die Gefäße und sorgt somit für eine Verbesserung der Sauerstoffversorgung (insbesondere in der Herzgegend). In der TCM findet er Verwendung zur Tonisierung des Herz-Qi, zum Auflösen von Blutstagnationen, zur Nährung des Nieren- und Herz-Yin sowie des Herz-Blut- und Milz-Qi bei Mangel und hilft bei Lebensmittelstagnation im Mittleren Erwärmer. In der Homöopathie wird er letztendlich bei Herzinsuffizienz und Pulsunregelmäßigkeiten mit Schmerz unter dem linken Schlüsselbein, brennendem Ausschlag und Verschlimmerung durch Wärme verwendet.

Wie beim Liguster lässt sich auch das Holz des Weißdorns vorzüglich für Schnitz- und Drechslerarbeiten verwenden. Auf Grund seiner Langlebigkeit – der Weißdorn kann bis zu 500 Jahre alt werden – und auch wegen seiner Dornen war er als Grenzhecke im ländlichen Raum sehr beliebt. Bleibt zu hoffen, dass Beliebtheit ein Revival erlebt.

Die mythologische und rituelle Bedeutung des Weißdorns ist aus unterschiedlichen Epochen und unterschiedlichen Erdteilen überliefert. Generell kann man sagen, dass er nicht nur zur Abgrenzung von Grundstücken Verwendung fand, sondern ihm auch die Kraft um böse Geister zu vertreiben und vor Verhexung zu schützen zugeschrieben wurde (siehe auch volkstümliche Namensgebung wie zum Beispiel Hagedorn). Er gilt auch als Wohnung der Elfen, weshalb man in manchen Regionen Mitteleuropas Haare und Stofffetzen im Weißdorn befestigte um den Schutz der Elfen herauf zu beschwören. Auch galten Kinderwiegen aus dem Holz des Weißdorns als Schutz vor Wechselbalge (Austausch der Kinder durch böse Feen). In Indien füllt man Weißdornblätter in kleine Säckchen und trägt sie als Schutz vor dem Bösen beziehungsweise zum Anziehen des Glücks mit sich. Wenn man diese Säckchen im Haus anbringt, dann sollen sie die schlechte Energie abhalten.

Ein Roa im Waldviertel
Ein Roa im Waldviertel

Wie ihr seht, sind die Pflanzen an Roa und Gschtetten sehr vielfältig und durchaus schützenswert. Vielleicht schenkt ihr ihnen beim nächsten Spaziergang etwas von eurer Aufmerksamkeit und bringt sie somit vom Rand der Gesellschaft wieder mehr Richtung Mittelpunkt.

Quellen:
Kursunterlagen und Abschlussarbeit Natur- und Landschaftsführer, LFI St. Pölten

www.wikipedia.at
www.naturheilkunde-berlin.eu
www.kraeuter-verzeichnis.de


Ende Teil II


Rothani


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