Betreut von Rothani
Roa und Gschtettn – Pflanzen am Rande der Gesellschaft    Teil I

Die Wegwarte - Mit dem heutigen Artikel werde ich wieder mal eine Serie beginnen - diesmal über Pflanzen am Rande der Gesellschaft.

Als Erstes hier mal die Auflösung der in der Überschrift genannten Ausdrücke in der (nieder)österreichischen (Mostviertler) Mundart:
Roa – Acker- oder Wegrand – heute fast nicht mehr zu finden, da zum Beispiel die wirtschaftlichen Flächen immer mehr Richtung Ackergrenze wandern
Gschtettn – (meist) abgeschrägte Brachfläche – zum Beispiel an Bahndämmen und Uferböschungen, aber auch Brachflächen auf ehemaligen Betriebsgeländen und verlassenen (nicht bewirtschafteten) Grundstücken.

Wegrand irgendwo in Niederösterreich
Bild: Wegrand irgendwo
in Niederösterreich

Die Pflanzen die auf diesen Standorten vorkommen waren zwar immer am „Rande der Gesellschaft“ zu finden, aber das war nicht gleichgesetzt mit ihrer Bedeutung für die Menschen. Was für uns in der heutigen Zeit meist nur unbeachtetes Unkraut am Wegesrand ist, war in früheren Zeiten zum Beispiel wichtiges Nahrungsmittel, Nahrungszusatz oder Nahrungsergänzung. Diese Pflanzen wurden als Heilmittel verwendet und hatten oftmals auch eine mythologische oder religiöse Bedeutung. Auch darf ihr Wirtschaftsfaktor – Stichwort Kleingewerbe – Korbflechter, Färber, etc. – nicht übersehen werden.


In der Neubesetzung nur mehr in der Nebenrolle

Mit dieser Artikelreihe möchte ich einen Einblick in die uns unmittelbar umgebende Natur und Landschaft geben, aufmerksam machen auf die meist unbeachtet am Wegesrand existierenden Pflanzen und deren Nutzen, Wirkung und Anwendung für den Menschen. Bevor ich jetzt konkret  mit der Wegwarte beginne – hier noch ein kleiner Ausblick darauf was euch in den folgenden Artikeln erwartet:

Weißdorn – verwendet unter anderem für Marmelade, Kaffee aus den gerösteten Samen, wirkt harntreibend, lindert den Hustenreiz, herzwirksam
Beifuss – wurmtreibend, fiebersenkend, magenwirksam und entkrampfend
Dost/Wilder Majoran – Abwehr von Hexen und Schutz gegen den Teufel
Weiden – fanden Verwendung in der Korbflechterei
Liguster – wichtig für die Färber
Faulbaum – wurde zur Herstellung von Schwarzpulver verwendet

Gewöhnliche Wegwarte
Bild: Gewöhnliche
Wegwarte

So und jetzt endlich zur Hauptperson des heutigen Artikels – der Gewöhnlichen Wegwarte, Cichorium inytibus. Im Volksmund wird sie auch Rattenwurz, Wegeleuchte, Verwünschte Jungfrau, Kaffeekraut, Wilde Endivie oder Zichorie genannt. Sie ist am gesamten europäischen Kontinent bis zu einer Höhe von 1500 Metern zu finden und auch in Westasien und Nordwestafrika beheimatet. Im restlichen Afrika sowie in Nord- und Südamerika verbreitete sich sehr erfolgreich als Kulturfolgerin des Menschen. In den Vereinigten Staaten und in China wird die Wegwarte in einer gentechnisch veränderten Form auch als Futterpflanze kommerziell angebaut. Wie der Name schon sagt, wächst sie hauptsächlich an Wegrändern. Generell bevorzugt sie mäßig trockene Ruderalstellen[1], Brachen, Böschungen, Schotterwege, verlassene Industriegelände und Bahndämme. Sie hat eine Vorliebe für lehmigen Boden aber sie kommt auch mit einem höheren Salzgehalt im Boden gut zurecht. Dadurch findet man die Wegwarte auch am Rande von stark befahrenen und daher im Winter meist gesalzenen Straßen.



Natürliche Sonnenuhr

Die Gewöhnliche Wegwarte zählt zu den Pionierpflanzen,  ist ein Tiefwurzler und kann bis zu einem Meter hoch werden. Sie hat einen kantigen Stängel der Milchsaft enthält und ist sparrig verzweigt. Die Grundblätter sind lanzettenförmig, buchtig fiederspaltig und an der Unterseite teilweise rauhaarig. Die Stängelblätter sind kleiner, sägeförmig eingeschnitten und am Stängel herablaufend. Die gewöhnliche Wegwarte hat zahlreiche Blütenkörbchen die end- oder winkelständig angeordnet sein. Jedes Blütenkörbchen ist umgeben von zwei Reihen Hüllblättchen und besteht aus leuchtend blauten Zungenblüten. Die Blütezeit reicht von Juni bis Oktober. Die Blüten der Wegwarte können, zumindest in der ersten Tageshälfte, als Sonnenuhr verwendet werden: Sie öffnet ihre Blüten nämlich ungefähr morgens um sechs Uhr und schließt sie gegen elf Uhr (nach manchen Quellen auch erst spätestens aber am frühen Nachmittag) wieder. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich noch keine Lifebeobachtung vorgenommen habe – aber vielleicht hat ja wer von euch Zeit und Lust die Sonnenuhrfunktion der Wegwarte zu testen und hier in den Kommentaren darüber zu berichten.


Genussmittel, Medizin oder doch Gemüse?

Die Blüten, Blätter und die Wurzel der Wegwarte finden in der Naturheilkunde ihre Verwendung. Im Juli ist die ideale Erntezeit für die Blüten und spätestens im Herbst sollte man sich an das Ausgraben der Wurzel machen. Seit den napoleonischen Kriegen wurden die Wurzeln der Wegwarte in Kriegs- und Notzeiten als Kaffeeersatz (Zichoriekaffee) und auch als braun färbender Zusatz für richtigen Kaffee verwendet. Die geröstete Wurzel verlieh dem Bohnenkaffee mehr Farbe und Bitterkeit. Mitte des 19. Jahrhunderts erreichte die wirtschaftliche Verwendung der Wurzel ihren Höhepunkt. In der heutigen Zeit wird sie von der Lebensmittelindustrie wieder wegen ihres präbiotischen Ballaststoffes Inulin vermehrt angebaut und im Bereich Functional Food eingesetzt. [2]

Die Gewöhnliche Wegwarte wird schon seit dem Mittelalter für die Arzneimittelherstellung genutzt. Sie galt als schweißtreibendes Mittel bei Paracelsus und Pfarrer Kneipp empfahl sie bei Magen-, Darm- und Lebererkrankungen. In der Volksmedizin wird der frisch gepresste Wurzelsaft blutzuckersenkend eingesetzt und der Tee aus den Blüten bei Gallensteinen, zur Blutreinigung, bei Gelbsucht und Leberschwellungen verwendet. Generell hat die Wegwarte eine kreislaufstärkende und stoffwechselanregende Wirkung. In der Phytotherapie wird die Pflanze sowohl zur Heilung und Stimulierung der Milz, Leber und Galle empfohlen, als auch reinigend bei Ekzemen und Hautkrankheiten. Die in der Wegwarte enthaltenen Bitterstoffe sind dafür verantwortlich, dass sie die Galle anregt und generell der Verdauung und der Leber gut tut.

Gewöhnliche Wegwarte
Bild: Gewöhnliche
Wegwarte

Der Botaniker und Mediziner Tabernaemontanus[3] schrieb im 16. Jahrhundert in seinem Kräuterbuch über die Wegwarte: „Thut Widerstand aller Vergiftung“. Aus dieser Zeit ist belegt, dass Bergarbeiter regelmäßig Wegwarten-Teekuren durchgeführt haben, um die Schwermetalle aus ihren Körpern auszuleiten.

Generell wirken die verschiedenen Bestandteile der Wegwarte appetitanregend und einige Verwandte, wie zum Beispiel die Wildzichorie (cicoria selvatica), Chicorée oder der Radicchio, werden als Salat und Gemüse in den verschiedenen Küchen der Welt verwendet.


… und sie wartet bis in alle Ewigkeit …

Um die Wegwarte ranken sich auch allerlei Mythen und Sagen, die ihr meist unglaubliche Zauberkräfte zum Thema Liebe zusprechen. So soll einer Jungfrau mit einer Wegwarte unter dem Kopfkissen ihr zukünftiger Ehemann im Traum erscheinen.  Eine andere Sage berichtet von einem Burgfräulein, das vergeblich auf die Rückkehr ihres Geliebten vom Kreuzzug ins Heilige Land wartet. Der Ritter kehrt nicht mehr zurück, aber sie weigert sich die Hoffnung aufzugeben. Der Sage nach hat der Himmel ein Einsehen und verwandelt das Burgfräulein in eine weiße Wegwarte und ihre Hofdamen in blaue Wegwarten. So können sie in aller Ewigkeit auf die Rückkehr des Ritters warten. Ich persönlich bezweifle allerdings, ob der Himmel dem Burgfräulein (und vor allem ihren Hofdamen) damit einen Gefallen getan hat.

Und damit bin ich auch schon am Ende mit dem ersten Teil der neuen Artikelreihe. Beim nächsten Update im Kräuterkistel geht es weiter mit den Pflanzen am Roa und auf der Gschstetten – und vielleicht rückt die eine oder andere Pflanze wieder in den Mittelpunkt eurer Aufmerksamkeit.

Einige abgeschrägte Brachflächen irgendwo in Niederösterreich
Bild: Einige abgeschrägte Brachflächen
irgendwo in Niederösterreich
Quellen:
Kursunterlagen und Abschlussarbeit Natur- und Landschaftsführer, LFI St. Pölten
www.wikipedia.at
www.kraeuter-verzeichnis.de
www.heilkraeuter.de

[1] Ruderalstellen bezeichnen durch menschliche Aktivitäten entstandenes Ödland.

[2] Functional Food = funktionelle Lebensmittel - sind Nahrungsmittel, die mit zusätzlichen Inhaltsstoffen angereichert sind und mit positivem Effekt auf die Gesundheit beworben werden. Besondere Wirkungen auf die Gesundheit sind jedoch wissenschaftlich nicht hinreichend nachgewiesen.

[3] Tabernaemontanus hieß ursprünglich wahrscheinlich Jacob Theodor, Jacob Dietrich oder Jacob Ditter/Diether – die Quellenlage ist hier etwas unklar


Rothani

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