Betreut von Rothani
Look like a Distel … die Wilde Karde
Heute stelle ich euch eine Pflanze vor, der ich (und wahrscheinlich auch ihr) bei meinen Spaziergängen immer wieder begegne. Allerdings fällt sie mir persönlich meist im verblühten Stadium auf und weniger wenn sie in ihrem vollen Glanz steht.

Meist ist sie durch ihre auffällige Höhe mit der sie viele der anderen Pflanzen in ihrer Umgebung überragt und dem kratzigen, eiförmigen "Kopf" in dieser Phase schon von weitem zu sehen. Immer wieder dachte ich mir, dass ich mal nachschauen muss wie diese Pflanze heißt und was es über sie so zu lesen gibt. Oft habe ich darauf vergessen, aber bei der Durchsicht meines Fotoarchivs auf der Suche nach einem Artikelthema bin ich wieder über sie gestolpert und habe jetzt (endlich) mal angefangen über sie zu recherchieren.

abgestorbener Blütenstand der Wilden Kardeabgestorbener Blütenstand
der Wilden Karde

Durstige „Distel“

Die Wilde Karde – Dipsacus sativus (Dipsacus fullonum bzw. Dipsacus sylvestri) sieht aus wie eine Distel, ihr Name leitet sich von „Carduus (= Distel) ab, aber sie bildet trotzdem eine eigene Pflanzenfamilie – die Kardengewächse (Dipsacaceae). Der Name der Pflanzenfamilie leitet sich aus dem griechischen „dipsa“ für Durst ab und bezieht sich auf die zusammengewachsenen Blätter im Bereich des unteren Stängels, auf deren Funktion ich später noch eingehen werde. Im Volksmund nennt man die Karde auch noch Igelkopf, Immerdurst, Kardätschendistel, Kratzkopf, Venusbecken oder auch Weberdistel. Einige dieser Namen weisen auf den Gebrauch der getrockneten, stacheligen Kardenköpfe hin, die zum „Karden“ (= Kämmen) der Wolle vor dem Spinnen zum Garn bzw. auch zum Aufrauen und damit zum Abdichten von Stoffen verwendet wurden. Diese Verwendungsmöglichkeiten lassen sich bis in die ältere Eisenzeit (Hallstattzeit) zurückverfolgen.

Grundsätzlich ist die Karde in ganz Europa verbreitet, liebt wärmere Standorte und ist im Tiefland eher selten beziehungsweise ab einer Höhe von 1000 Meter nicht mehr zu finden. Sie bevorzugt sowohl stickstoffhaltige und kalkreiche als auch humose Böden . Gleichzeitig können es auch Lehm- oder Tonböden sein, was aus der Karde auch eine Zeigerpflanze für diese Böden macht. Am häufigsten ist sie auf Schuttböden, Bahndämmen, Weiden und allgemein auf Ruderalflächen zu finden und zählt somit auch zur Gruppe der Pionierpflanzen.


Becken der Venus und Insektenfalle

Die Karde zählt zu den zweijährigen Pflanzen. Im ersten Jahr bildet sich im Frühsommer eine Blattrosette, die aus hellgrünen, um neunzig Grad versetzt wachsende Blättern besteht. Ein Jahr darauf wächst aus dieser Rosette der Stängel der über zwei Meter hoch werden kann. Am Stängel wachsen jeweils zwei lange Blätter die sowohl miteinander als auch mit dem Stängel selbst verwachsen sind. Sie bilden eine Art Gefäß beziehungsweise Becken indem sich Regenwasser oder auch Tau sammelt. Da Wanderer aber auch Tiere daraus ihren Durst stillen konnten (und können) ist diese Besonderheit für den oben erwähnten griechischen Namen der Pflanzenfamilie verantwortlich. Einige Überlieferungen besagen, dass im Mittelalter dieses Wasser anscheinend für kosmetische Zwecke verwendet wurde. Aus dieser Zeit stammt auch einer der volkstümliche Name der Wilden Karde – Venusbecken. Heute vermuten die Botaniker, dass dieses Wasserbecken zur Abhaltung flugunfähiger Insekten, wie zum Beispiel Ameisen, dient. Dadurch wird einerseits der Befall durch Blattläuse verhindert und andererseits könnte die Pflanze dadurch auch Verwesungsstoffe als zusätzliche Stickstoffversorgung aufnehmen.

Venusbecken der Wilden Karde

Venusbecken 
der Wilden Karde

Nach oben hin verzweigt sich der Stängel und bildet an den verschiedenen Spitzen eiförmige, stachelige Blütenstände aus. Diese Stachelblüten sind am Anfang grün und beginnen von Ende Juni bis Ende August von der Mitte aus violett zu blühen. Die Blüten an diesem Kranz öffnen sich nicht gleichzeitig sondern die Blühzone wandert von der Mitte weg gleichzeitig nach oben und unten. Den Nektar der Blüten lassen sich hauptsächlich Hummeln und Schmetterlinge schmecken. Nach dem Verblühen stirbt die Karde ab und bleibt bis ins nächste Frühjahr als stabile, braune Trockenpflanze an ihrem Standort stehen. Im Winter sind die Samen für verschiedene Vogelarten, zum Beispiel dem Distelfink, eine beliebte Nahrungsquelle und die Wurzeln werden bei Wühlmäusen als Delikatesse angesehen. Die getrockneten Blütenstände werden auch gerne von Gärtnern und Floristen als Dekoration verwendet.


Stärkende Tinkturen für alte und neue Leiden

In der Naturheilkunde beziehungsweise der Volksmedizin wird und wurde hauptsächlich die Wurzel verwendet. Die Erntezeit dafür ist Herbst oder Frühling. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten sie zu verarbeiten – entweder sie wird zügig im Backofen bei ungefähr 40 Grad getrocknet oder es wird aus der frischen Wurzel eine Tinktur angesetzt. In letzter Zeit wurde diese Tinktur oder ein Tee aus der Wurzel der Wilden Karde vermehrt als Heilmittel bei Borreliose eingesetzt. Der Kulturanthropologe und Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl beschreibt in seinem Buch „Borreliose natürlich heilen“ die von ihm selbst erprobte Wirkung der Karde als Antibiotika-Alternative in Kombination mit verschiedenen anderen therapeutischen Maßnahmen.

Blütenstand der Wilden KardeBlütenstand
der Wilden Karde

Generell soll die Kardenwurzel das Immunsystem, den Stoffwechsel und die Verdauung stärken, sie wird bei Kopfschmerzen aber auch bei Arthritis, Gicht und Rheuma eingesetzt. Die Wirkstoffe der Wilden Karde – Bitter- und Gerbstoffe, Glykoside, Inulin, Kalisalze, verschiedene organische Säuren, Saponine und Tannin – wirken antibakteriell, entgiftend, harn-, galle- und schweißtreibend sowie blutreinigend. Die chinesische Kräuterheilkunde setzt die Wurzel der Chinesischen Karde (Xu Duan) zur Unterstützung bei Leber-Blut-Schwäche und zur Stärkung bei Nierenessenzmangel ein. Äußerlich lässt sich die abgekochte Kardenwurzel oder die verdünnte Tinktur auch bei verschiedenen Hautkrankheiten anwenden. Im Mittelalter wurde sie bei Schrunden und Warzen beziehungsweise angeblich auch zum Bleichen von Sommersprossen verwendet. Die getrockneten Pflanzenteile wurden zu dieser Zeit auch als wasserlöslicher Ersatz für den Farbstoff Indigo eingesetzt.

Bei meiner Recherche hab ich mir fest vorgenommen heuer die Wilde Karde auch schon im Frühjahr und Sommer an ihren Standorten zu besuchen. Und irgendwann wird auch sicher das Wetter wieder schön werden um diesen Plan in die Tat um zu setzen.


Quellen:
Kursunterlagen Natur- und Landschaftsführer, LFI St. Pölten
www.wikipedia.at
www.heilkrauter.de
www.natur-lexikon.com
www.donauauen.at
www.sein.de


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