Betreut von Rothani


Die Pimpernuss – Staphylea pinnata L.

Heute muss ich gestehen – ich hatte bis vor kurzem keine Ahnung wer oder was eine Pimpernuss ist. Der Zufall wollte, dass ich für einige Freunde ein paar Pflanzen am Niederösterreichischen Heckentag besorgte und der Veranstalter (die Regionale Gehölzvermehrung – www.heckipedia.at) am Infostand unter anderem eine Broschüre über die Pimpernuss aufliegen hatte. Neugierig wie ich bin hab ich das Heft eingepackt und erst jetzt wieder hervorgeholt – und ich muss sagen, die Staphylea pinnata ist schon eine interessante und vor allem auch sehr alte Pflanze.

Nördliche Verwandtschaft in Ost und West

Es gibt (bis jetzt) insgesamt elf bekannte Pimpernussarten, die sich auf der gesamten Nordhalbkugel ausgebreitet haben. Die Ausnahme bildet ein kleines Verbreitungsgebiet in Peru. In Afrika gibt es keinen einzigen natürlichen Standort dieser Pflanze. Die Pimpernuss liebt die Wärme und ist daher über dem 50. Breitengrad nicht zu finden. Sie mag es aber keinesfalls zu trocken, sondern bevorzugt die luftfeuchteren, höheren Lagen. Die einzelnen Vertreter der Staphylea pinnata sehen sich untereinander sehr ähnlich. Die Begründung für diese Familienähnlichkeit liegt in der Entwicklungsgeschichte der Pflanze. Sie ist Teil der Arcto-Tertiär-Flora und hatte früher ein geschlossenes Verbreitungsgebiet auf der gesamten Nordhalbkugel.

Die zunehmende Vereisung führte dazu, dass die Pflanzen der Arcto-Tertiär-Flora nach Süden wanderten und sich erst nach der Eiszeit wieder nach Norden ausdehnten. Bei der erneuten Besiedlung in den früheren Verbreitungsarealen zerfielen die Verbreitungsgebiete in mehrer voneinander abgegrenzte und auch weit auseinander liegende Standorte, in denen sich die Pflanzen verschieden entwickelten. So entstanden zum Beispiel die Japanische, die Chinesische und die Kalifornische Pimpernuss, denen die Fiederblätter mit 3 Teilblättchen gemeinsam sind und die Gewöhnliche oder die Kolchische Pimpernuss, mit Fiederblättern mit 5 bis 7 Teilblättchen.


Nur die Starken überleben

Sie ist ein großer Strauch und wird ungefähr so hoch wie die Haselnuss. Die vielen traubenförmig hängenden Blütenrispen duften schwach und leicht würzig und werden neben Bienen auch von Fliegen und Schwebfliegen besucht. Den an Weintrauben erinnernden Blütenstand verdankt die Pimpernuss auch ihren Namen – Plinius nannte sie „staphylodendron“ und leitete das von „staphyle“, der Traube und „dendron“, dem Baum ab.

Die Anzahl der Samen richtet sich nicht nach dem Befruchtungserfolg sondern hauptsächlich nach den klimatischen Bedingungen. Ist der Sommer extrem trocken werden nur die Samen weiterversorgt, die eine realistische Chance haben voll auszureifen. Daraus ergibt sich eine stark schwankende Zahl an Samen pro Kapsel. Diese umfassende Anpassung an das Lokalklima, den Pflanzenstress und die Lebenskraft der Pflanze war für die Menschen schon immer interessant. So galten zum Beispiel in Schlesien Pimpernüsse mit sechs oder mehr Samen als Glücksnüsschen. Einzelne Samen wurden in die Geldbörse gegeben mit dem Ziel nie einen leeren Geldbeutel zu haben. Die Samen umschließt eine häutige Kapsel – die sogenannte Blähfrucht. Sie wird während ihrer Entwicklung durch einen leichten Überschuss aus CO²-hältiger Luft aufgespannt und erst kurz vor der Vollreife wird die Haut wieder gasdurchlässig.

Abgeschnitte Nasen zum Essen oder Umhängen

Die dicke und harte Schale schützt die Samen der Pimpernuss vor der Zersetzung und dies führte dazu, dass sich im archäologischen Fundmaterial auch heute noch etliche gut erhaltene Kerne finden lassen. Bei einer Ausgrabung aus der frühen Bronzezeit am Gardasee wurde eine vollständig erhaltene Kette aus Marmorperlen und durchlochten Pimpernuss-Samen gefunden und zeigt die Verwendung als Schmuckstück. Spätere Funde aus der Bronzezeit in Mittelitalien lassen auch auf eine Verwendung als Nahrungsmittel schließen. Während der Römerzeit werden die Funde häufiger und die Vermutung liegt nahe, dass Staphylea pinnata von den Menschen gezielt genutzt wurde. Funde Ende des 2. Jahrhunderts nach Christus und auch aus dem 3./4. Jahrhundert nach Christus belegen, dass Pimpernüsse als Grabbeigaben – auch in römischen Provinzen wo die Pflanze eigentlich nicht heimisch war – verwendet wurden. Somit haben anscheinend die Römer aktiv zur Verbreitung der Pflanze beigetragen.

Der Schweizer Botaniker Gustav Hegi (1876 – 1932) beschreibt in seiner „Illustrierten Flora von Mitteleuropa“ (1906) auch einen keltischen Brauch, wonach es anscheinend üblich war Pimpernuss-Sträucher auf den Gräbern zu pflanzen. Auch wenn letztendlich die Beweise für diese Theorie fehlen könnten daher die deutschen Bezeichnungen „Todtenkopfbaum“ und „Todtenköpfli“ für die Pimpernuss stammen. Trotzdem ist es eher wahrscheinlich, dass sich diese Namen vielmehr auf die Gestalt der Samen beziehen – die Ansatzstelle der Kerne ähnelt einer abgeschnittenen Nase bzw. der Nase eines Totenschädels. Dazu passt auch eine Legende aus der Gegend von Steyr (Oberösterreich), wonach sich Nonnen die Nasen abschnitten um sich vor der Schändung durch angreifende Feine zu schützen. Sie vergruben ihre abgeschnittenen Nasenspitzen und daraus wuchsen der Sage nach Pimpernuss-Sträucher.


Ab dem Hochmittelalter waren es wohl die christlichen Mönche die für die Verbreitung der Pimpernuss in Europa sorgten. Sie verwendeten die Samen zur Herstellung von Rosenkränzen. Viele der heutigen Standorte befinden sich auf dem Gelände von ehemaligen oder noch bestehenden klösterlichen Anlagen. Im östlichen Europa belegen ethnographische Berichte aus der jüngeren Vergangenheit und auch der Gegenwart über eine vielfältige Verwendung von Staphylea pinnata im Volksglauben. Diese reicht von geweihten Zweigen und Holzkreuzen über Samen-Amulette und Samen als Hausmittel gegen Erbrechen oder der Blätter als Vieharznei bis hin zu Holz-Talismanen für den Exorzismus böser Geister.


Blähfrucht gegen Überdruck

Über die Verwendung der Pimpernuss in der Volksmedizin und deren Heilwirkung gibt es leider nur sehr spärliche Quellen. In modernen Quellen findet man Staphylea pinnata immer wieder unter den aphrodisierenden Pflanzen - es gibt aber keine Beweise die diese Theorie unterstützen. Allerdings gibt es aus der Signaturenlehre einige positive Beispiele die eine medizinische Verwendung der Pimpernuss belegen. Die Früchte und jungen Zweige werden in der Homöopathie zur Urtinktur verarbeitet. Die Besonderheit der Blähfrüchte – Gasabgabe nach innen wodurch ein Überdruck entsteht – legt nahe, dass sie sich bei Blähungen der Hohlorgane gut anwenden lässt. Hoch potentierte Gaben der Pimpernuss werden erfolgreich bei Darmblähungen, bei aufgetriebenem Bauch und bei hohem Blasendruck eingesetzt.

So bin ich durch Zufall auf eine sehr interessante Pflanze gestoßen. Falls euch auch mal so ein Zufall passiert, dann scheut euch nicht mit uns Kontakt aufzunehmen – wir freuen uns immer wieder über Artikelspenden!

Quellen:
Die Pimpernuss (Staphylea pinnata L.). Eine Monografie der Regionalen Gehölzvermehrung RGV.
www.sagen.at


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