Eine tolle Kirsche - Atropa belladonna

Die Liebe und der Tod – bei der Tollkirsche liegen diese zwei Erfahrungen sehr nahe beieinander. Sie wurde im Laufe der Geschichte sowohl als Aphrodisiakum als auch als Gift eingesetzt.

Schönheit, die ver-rückt

Den Gattungsnahmen Atropa legte als erster der schwedische Naturforscher Carl von Linné fest. Atropa kommt aus dem griechischen und bezieht sich auf die griechische Schicksalsgöttin Atropos, die eine der drei Parzen ist: Klotho spinnt den Lebensfaden, Lachesis zieht ihn aus und Atropos schneidet ihn durch. Auf einigen Bildern wird Atropos mit einem Tollkirschenzweig anstelle einer Schere dargestellt.

Atropa belladonna (Copyright Markus Dürnberger)  
Atropa belladonna (© Markus Dürnberger)

Der Name Belladonna kommt aus dem italienischen und heißt übersetzt soviel wie „schöne Frau“. Dies bezieht sich einerseits auf die frühere kosmetische Anwendung von Tollkirschensaft – Frauen träufelten sich diesen Saft in die Augen und vergrößerten sich dadurch ihre Pupillen um dem damals gängigen Schönheitsideal zu entsprechen. Andererseits kann der Name aber auch auf die römische Göttin Bellona zurückgeführt werden. Ihre Priester sollen bei verschiedenen Zeremonien zu ihren Ehren Tollkirschensaft getrunken haben. Mit der Ausbreitung des Christentums geriet die Göttin in Vergessenheit und der Name wandelte sich von „Bellona“ zu „bella donna“.

Bevor Linné ihr einen eigenen wissenschaftlichen Namen gab wurde die Tollkirsche unter anderem als die Rasende, Verhängnisvolle, Todbringende, Verzaubernde, Schlafbringende aber auch als Hexen- oder Mörderbeere bezeichnet. Sie wird auch Wolfsbeere oder Wolfskirsch genannt. Diese Bezeichnung bezieht sich auf die verschiedenen Erfahrungen von Menschen, die im Selbstversuch die Wirkung der Tollkirsche getestet haben. Sie erzählen von Begegnungen mit Wölfen in diesen Phasen, die sie als Wächter oder Begleiter in die Astral- oder Anderswelt erlebt haben.

Der deutsche Name Tollkirsche bezieht sich auf ihre „doll“ machende Wirkung – „doll“ kann mit „geil“ übersetzt werden, was sich auf die Wirkung als Aphrodisiakum bezieht. Durch ihre halluzinogene Wirkung verursacht sie allerdings auch „Tollheit“ im Sinne von Verrücktheit. Bevor wir uns jetzt weiter mit der Wirkung der Tollkirsche beschäftigen möchte ich noch kurz auf ihr Aussehen und Vorkommen eingehen.


Verwechslungen kommen teuer zu stehen

Als mehrjähriges, staudenartiges Gewächs kann die Tollkirsche bis über eineinhalb Meter hoch werden. Die violetten bis bräunlichen Blüten sind glockenförmig und wachsen aus einem fünfzipfeligen Kelch. Die Frucht sind schwarze Beeren die leicht mit der Schwarzkirsche (Traubenkirsche) verwechselt werden kann und enthält einen stark violett färbenden, süßen Saft. Die Blütezeit reicht von Juni bis August (vereinzelt bis in den Oktober) und die Beeren bilden sich von August bis September.

Alle Teile der Tollkirsche (Wurzeln, Blätter, Blüten und Früchte) sind hochgiftig und enthalten als Hauptbestandteil Atropin und L-Hyoscyamin. Die frische Pflanze enthält hauptsächlich Hyoscyamin das sich bei der Trocknung in Atropin wandelt.

Atropa belladonna kommt in Europa (Mittel-, West- und Südeuropa, Irland, Dänemark und Schweden), Kleinasien (Iran und Balkan) und heute auch in Nordafrika vor. In Griechenland ist sie hauptsächlich in bergigen Gebieten verbreitet. In den Alpen findet sie sich bis in einer Höhe von 1700 Metern. Die Tollkirsche bevorzugt schattige Plätze auf kalkreichen Böden an Waldrändern, Waldwegen und Lichtungen und in Laubwäldern. Da sie allerdings sehr anpassungsfähig ist findet sie sich mitunter auch in der prallen Sonne in Großstädten.


Giftige Schönheit die verzaubert

In der botanischen Literatur findet sich die Tollkirsche ab dem 15. Jahrhundert und wird als Gift- und Zauberpflanze beschrieben. Sie wird unter anderem zur Herstellung von Flug- und Hexensalben verwendet, die aber wegen ihrer Giftigkeit seltener angewendet wird als zum Beispiel der Stechapfel.

Ein weiteres Einsatzgebiet im Laufe der Geschichte findet sie als Kriegstoxikum. In der Steinzeit wurde sie als Pfeilgift verwendet und in späterer Zeit verschiedenen alkoholischen Getränken beigefügt. Mit diesen Gebräuen wurden die Feinde umgebracht oder ruhiggestellt.

Als Beispiel dient hier die überlieferte Geschichte von der Vernichtung der Armee des dänischen Königs Swenos nach der Invasion in Schottland. Die Schotten hatten den Dänen, wie in einem Waffenstillstandabkommen vereinbart, Met ins Lager geschickt. Dieser war allerdings mit Tollkirschensaft vermischt und machte die Dänen so betrunken, dass die Schotten über sie herfallen konnten und viele im Schlaf getötet wurden.

Das letzte Mal kam das Atropin der Tollkirsche 1943 zum Einsatz. Die Alliierten erfuhren, dass die Deutschen ein geruch- und farbloses Nervengift herstellten, das in kürzester Zeit zum Tod führte. Das einzige Gegengift stelle Atropin dar und so wurden große Mengen aus der Tollkirsche gewonnen. Das Gegengift wurde allerdings nie gebraucht, da das Gift von den Deutschen im Kampf nicht eingesetzt wurde.

In der Volksmedizin wurde sie in der Antike als Schmerzmittel und als Psychopharmaka verwendet. Ihre Blätter und Beeren fanden Anwendung als Mittel unter anderem gegen Gelbsucht, Husten, Epilepsie, Scharlach, Hautkrankheiten, Masern, Röteln, Geschwüre, Bluthochdruck, Hitzewallungen und Nierenkoliken. Trotz dieser vielfältigen Anwendbarkeit wurde sie in der volksmedizinischen Praxis relativ selten verwendet. Für die Schulmedizin wurde sie, durch ihre Pupillen erweiternde Eigenschaft zuerst in der Augenheilkunde interessant. In Bulgarien verwendete ein Kräutersammler die Tollkirsche für die Heilung der chronischen Gehirngrippe (Parkinson). Diese Anwendung fand unter dem Namen „Bulgarische Kur“ ihre Verbreitung, war aber wegen ihrer häufig auftretenden Nebenwirkungen (Mundtrockenheit, Sehstörungen, …) nicht ganz einfach zu handhaben.

  Atropa belladonna(Copyright Markus Dürnbergr)
Atropa belladonna (© Markus Dürnberger)

Die heutige Medizin verwendet das Atropin der Tollkirsche vor allem in der Augenheilkunde und in der internistischen und chirurgischen Notfallmedizin. Die Wirkstoffe werden bei Augenoperationen und Asthma als Entspannungsmittel, zur Einleitung der Narkose und als Stimulanz bei Herzkreislauf-Stillstand eingesetzt. Die Homöopathie setzt Belladonna unter anderem gegen Gelenksbeschwerden, Blasen- und Augenbeschwerden, Bluthochdruck, Eiterungen, Erkältungen, Gicht, Delirium, Halsschmerzen, Husten, Migräne, Fieber, Menstruationsbeschwerde, Sonnenallergie, Basedow-Krankheit und Lichtscheu ein.

Aphrodisiakum und Schönheitsmittel, Heilmittel und Gift, Zauberpflanze für die Reise in die Anderswelt, … die „tolle Kirsche“ zeigt uns damit ihr gesamtes Spektrum und es liegt in unserer Verantwortungen wie wir sie nutzen – Liebe oder Tod.


Quellen:

Berger, Markus u. Hotz, Oliver: Die Tollkirsche. Königin der dunklen Wälder. Solothurn 2008.
Hansen, Harold A.: Der Hexengarten. Die Zauberkräuter des Mittelalters und ihre Wirkung. München 1980
Yilmaz, Martina: Zauberkräuter Hexengrün. Bergen 1989.


Rothani


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