Bauerngärten - das verordnete Wachstum   Teil II

Heute will ich euch vom ersten Teil des Seminars  „Bauerngärten“ berichten, dass ich beim LFI Niederösterreich (Ländliches Fortbildungsinstitut) absolviert habe. Dieser Tag stand unter dem Thema „Geschichte der Bauerngärten in Niederösterreich“. Der zweite Teil im Mai wird sich konkret mit den einzelnen Pflanzen, die in einem solchen traditionellen Garten wachsen, befassen.

Ich möchte heute mit der Geschichte der Bauerngärten fortfahren. Wie wir aus dem ersten Teil des Artikels wissen lag der Ursprung in der Landgüterverordnung von Karl dem Großen, der Capitulare de villis um 812 n. Chr. Die erste Verbreitung der Pflanzen fand durch die Klöster um ca. 1000 n. Chr. statt. Ab 1700 finden wir die sogenannten Apothekergärten als Vorbilder der Bauerngärten, in denen auch die neuen Pflanzen aus den Kolonien (Amerika, Asien, Afrika) wie Paradeiser und Zucchini ansässig wurden. Diese Pflanzen fanden allerdings vorerst keine allgemeine Verbreitung und blieben auf das Bürgertum beschränkt. Erst mit den Lehrergärten ab 1800 und den Schulgärten ab 1900 hielten auch die Neulinge Einzug in die Gärten des "einfache" Volkes. Ab 1960 hatten die nachindustriellen Gärten  Vorbildfunktion.

  Erntemethode für die Alraune
Erntemethode für die Alraune


Pimp your „Bauerngarten“

Bis ins 20. Jahrhundert hatte der Garten eine wichtige Funktion in der Subsistenzwirtschaft[1]. Der bäuerliche Garten nahm die Einflüsse aus den Gärten der „G’studierten“ mit einer gewissen Zeitverzögerung auf und assimilierte so neue Pflanzenarten, Gestaltungselemente und Symbole des Wohlstandes. Nehmen wir zum Beispiel die allseits beliebte Rosenkugel, die wir heute in vielen ländlichen Gärten als scheinbar traditionelles Symbol finden. So eine Rosenkugel, meist aus Keramik oder Glas, war ein Zeichen des Wohlstandes und fand sich vor allem in Gärten des Bürgertums, die sich im Gegensatz zu den Bauerngärten vor dem Haus befanden – wo alle den Wohlstand gut sehen konnten. Die ursprünglichen Bauerngärten waren meist hinter dem Haus und als Nutzgärten und nicht als Statussymbol angelegt. Dort hätte keiner die schönen Rosenkugeln bewundern können.


Der Schrei der Alraune

Das Wissen über die Pflanzen des Bauerngartens wurde nicht nur durch die Landgüterverordnung und die Beispiele der verschiedenen Gärten weitergegeben. Im Laufe der Jahrhunderte befassten sich auch immer wieder Schriften und Lehrbücher mit diesem Thema. Eines der ältesten diesbezüglichen Gartenbücher ist das (in Latein geschriebene) Buch „Liber de cultura hortorum“ des Benediktinierabtes Walahfried Strabo von Reichenau. Das unter dem Namen „Hortulus“ (= Gärtchen) bekannte Buch war schon oft die Basis für die Rekonstruktion historischer Gärten. Andere Beispiele sind das Hausbuch der Cerruti oder das „Tacuinum sanitatis“ um 1450 n. Chr. In letzterem findet sich auch die Abbildung zur Erntemethode der Mandragora (Alraunen). Sie zeigt einen Hund, der durch einen Strick am Hals die Mandragora aus dem Boden reißt und somit erntet. Wenn die Wurzel, wie nach altem Aberglauben (der z.B. durch die Harry Potter Filme wieder ins Gedächtnis gerufen wurde), ihren tödlichen Schrei ausstößt, dann wäre nur der Hund davon betroffen. Der Hintergrund dazu ist, das bekannt war, dass man Alraunen nicht direkt ernten darf, da die Gefahr bestand bei Verletzung der Pflanze etwas von dem Gift abzubekommen und es daher besser war sie indirekt zu ernten. Symbolisiert wurde das durch die gezeichnete Geschichte mit dem Hund.


Zaun aus Holz  
Zaun aus Holz

Auch kein System hat System

Viele Bücher und Abbildungen beschreiben den Bauerngarten im Grundriss als Wegkreuzform, bei der die Fläche in vier Viertel aufgeteilt wird und deren einzelne Segmente mit Buchs abgeteilt sind. Diese Form ist aber in der Realität eher selten anzutreffen – auch wenn viele Museums- bzw. Mustergärten diese Aufteilung zeigen. Diese Gartenform war hauptsächlich in den herrschaftlichen Gärten üblich. Eine Einfriedung der Gartenfläche mit Buchs wäre für einen Nutzgarten eher kontraproduktiv, da sich der Schnee hier besonders lange hält und jeder Gärtner, der auf die Pflanzen aus seinem Garten als Nahrungsmittelgrundlage angewiesen ist, den Schnee so schnell wie möglich aus seinem Garten wegbekommen möchte.

 


Die Beete im traditionellen Bauerngarten[2] waren meist Flachbeete, die im Gegensatz zu den Erdbeeten nicht umgegraben wurden. Die Beete hatten keine fixe Anordnung und wechselten je nach Gegebenheit. Im Gegensatz dazu stehen die Erdbeete, in die Mist eingearbeitet wird (deshalb werden sie umgegraben) und die einem Fruchtwechsel unterliegen. Durch die Flachbeete gab es auch kein vorgegebenes Wegesystem im Bauerngarten, da sich diese mit der Verlegung der Beete jederzeit wieder ändern konnte. Meist handelte es sich um Erd- oder Graswege (letztere eher in Zaunnähe). Erst als sich die Erdbeete durchsetzten kam es auch zu einer Pflasterung, und damit Fixierung, der Wege. Die Zäune unterliegen stärkeren regionalen Unterschieden, ihre Gemeinsamkeit ist allerdings die Verwendung von Abfallholz (günstig und praktisch).


Alles hat seine Ordnung – alles hat einen Sinn

Wie schon früher erwähnt war der Bauerngarten ein Nutzgarten in dem jede Pflanze einen Verwendungszweck haben musste. Die einzelnen Bereiche des Gartens wurden wie folgt eingeteilt: Futterpflanzen (z.B. Mais), Gemüsepflanzen (z.B. Zwiebel, Salat, Paradeiser, Gurken,…), Gewürzpflanzen, Heilpflanzen, Duftpflanzen (z.B. Lavendel), Zierpflanzen und Versuchspflanzen.

Die Gewürzpflanzen, wie z. B. die „Jungfer im Grünen“ (Nigella damascena), Minze, Majoran, … wurden früher in der Küche viel intensiver eingesetzt – Knödel gab es in der Sauce, sprich sie schwammen wirklich zum Beispiel in der Dillsauce und nicht „an“ der Sauce wie in der modernen Küche.

  Abteilungen im Bauerngarten
Abteilungen im Bauerngarten

Das Sammeln der Heilpflanzen in der Natur hörte sich mit dem verordneten Garten auf. Ein Grund dafür war die Vorschreibung des neuen Systems - nicht heimische, südliche Pflanzen anzubauen und zu verwenden - sie konnten demnach nicht in der Natur gesammelt werden. Die heimischen Kräuter die trotzdem zur Anwendung kamen wurden aus Bequemlichkeit ebenfalls in den Gärten angepflanzt.

Die Zierpflanzen mussten alle einen Sinn haben – zum Beispiel als Grab- oder Zimmerschmuck. Die wilde Myrte ist vom Brauchtum her für eine Hochzeit, als Bestandteil des Jungfernkranzes, unabdingbar – nur die echte wilde Myrte ist leider nicht winterhart. So wurde kurzerhand das buchsblättrige Kreuzblümchen (Polygala chamaebuxus) im Volksmund zur Myrte und das Problem war gelöst. Und wenn es mal doch eine Pflanze, scheinbar ohne Sinn, in die Abteilung Zierpflanzen schafft, dann wurde nachträglich ein Sinn gesucht. So geschehen beim „Herzerlstock“ – Tränendes Herz (Lamprocapnos spectabilis). Er wurde kurzerhand den verschiedenen Marienfeiertage bzw. später dann auch dem Muttertag zugeschrieben.

Die Abteilung mit den Versuchspflanzen war reserviert für Experimente mit neuen Pflanzen oder auch Ablegern aus Nachbars Garten. Sie kamen ins „Quarantänegartl“ und wenn sie sich bewährten (Nutzen und Überleben), dann wurden sie entweder in den Garten aufgenommen oder in der Nähe auf eigenen kleinen Äckern angepflanzten. Die verschiedenen Färberpflanzen wurden zum Beispiel im Versuchsgarten zum Eierfärben getestet und wenn das klappte großflächiger auf einem Acker (in der Nähe des Hofes) für das Färben von Wolle angebaut.

Im dritten Teil dieses Artikels werde ich auf  einige Pflanzen im Bauerngarten – wie Bauernrose, Pfingstrose, Dahlien, Eberraute, Eibisch, Mutterkraut, Ringelblume oder Herzgespann – näher eingehen.

Quelle:
Seminarunterlagen „Bauerngarten“, Georg Schramayr, März/Mai 2010

[1] Subsistenzwirtschaft = eine auf Selbstversorgung ausgelegte Wirtschaftsform
[2] Anm.d.Autorin: Wenn ich hier vom Bauerngarten spreche, dann meine ich immer den niederösterreichischen Bauerngarten.


Ende Teil II


Rothani


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