Bauerngärten - das verordnete Wachstum   Teil I

Heute will ich euch vom ersten Teil des Seminars  „Bauerngärten“ berichten, dass ich beim LFI Niederösterreich (Ländliches Fortbildungsinstitut) absolviert habe. Dieser Tag stand unter dem Thema „Geschichte der Bauerngärten in Niederösterreich“. Der zweite Teil im Mai wird sich konkret mit den einzelnen Pflanzen, die in einem solchen traditionellen Garten wachsen, befassen.

Not macht erfinderisch

Die erste schriftliche Anleitung wie ein Bauerngarten auszusehen hat, finden wir in der Landgüterverordnung von Karl dem Großen (812 n. Chr. Capitulare de villis). Auf den Reisen durch die verschiedenen Pfalzen seines Reiches stellte Karl der Große mit Bedauern fest, dass sich die Zutaten (z.B. Gewürze) für seine bevorzugten Speisen nicht überall finden lassen. Aus diesem Mangel heraus entstand die Landgüterverordnung, in der im Kapitel 70 genau festgehalten war, was in einem Garten angebaut werden sollte. Hier eine kleine Aufzählung:
Weiße Lilien, Rosen, Bockshornklee, Frauenminze, Eberraute, Gurken, Flaschenkürbisse, Kreuzkümmel, Saubohnen, Meerzwiebel, Anis, Zichorie, Salat, Rauke, Kresse, Sellerie, Liebstöckl, Mohn, Diptam, Kohlrabi, Bärlauch, Artischocken, Koriander, Mutterkraut, Rainfarn, … insgesamt 73 Pflanzen, wobei es einige heute nicht mehr gibt.

Darunter waren auch etliche die in dieser Zeit in unserem Breiten nicht heimisch – weil nicht winterhart – waren, wie zum Beispiel Salbei, Lavendel oder Feigen. Es wird vermutet, dass Kaiser Karl der Große einem italienischen Mönch den Auftrag gab seine Wünsche in der Landgüterverordnung festzuhalten und dieser nahm natürlich Pflanzen aus seinem Lebensraum. Wie kommt es also, dass wir jetzt zum Beispiel ganz selbstverständlich einen winterharten Salbei im Garten haben?


Futterpflanze - Hafer  
Futterpflanze - Hafer

Hartnäckigkeit zahlt sich aus

Da es sich bei der Capitulare de villis nicht nur um eine einfache Aufzählung von Pflanzen handelt, sondern um eine kaiserliche Verordnung, wurde einfach so lange probiert, bis sich die einzelnen Pflanzen an unser Klima angepasst hatten – schließlich hat es der Kaiser so verordnet und jedermann musste sich daran halten.

Die erste Verbreitung der vorgeschriebenen Pflanzen passierte über die verschiedenen Klöster im Reich Karl des Großen. Ihre Netzwerke (z.B. Mutterklöster) dienten als Drehscheibe für die Pflanzware und für die Verbreitung in die umliegenden Gebiete. Zum Beispiel lässt sich in Niederösterreich dies noch anhand der Verbreitung der Grünen Nieswurz (Helleborus viridis) feststellen. Rund um Stift Lilienfeld und Stift Seitenstetten findet sich die „Grünwurzen“ als Wildpflanze, sie „streute“ bzw. verwilderte von den Klostergärten aus.
Auch wenn die einzelnen Pflanzen erst Thema des zweiten Seminartages sind – einen kleinen Exkurs über die Anwendung der Grünen Nieswurz kann ich mir nicht verkneifen:

„Gepiercte“ Schweine

Die „Grünwurzen“ galt als Hausmittel gegen den Rotlauf an dem die Hausschweine, aber auch Menschen immer wieder erkrankten. Dem betroffenem Schwein wurde ein Loch ins Ohr gestochen und ein Stück der Wurzel rein gesteckt. Das Gift der Grünen Nieswurz verursachte eine lokal begrenzte Nekrose im umliegenden Gewebe und wenn das Wurzelstück von alleine wieder rausgefallen ist, galt das Schwein als geheilt. In alten Aufzeichnungen finden sich immer wieder Abbildungen von diesen – meist nicht nur einmal – „gepiercten“ Schweinen. Erkrankte ein Mensch an Rotlauf wurde das Heilmittel anders angewendet.[1]

  Grüne Nieswurz
Grüne Nieswurz

Viele Heilpflanzen deren Wirkstoffe für den Menschen giftig sind, werden wie folgt verwendet: In Räuchermischungen (Aufnahme der Wirkstoffe über die Lungenschleimhäute), als Bestandteil von Salben (Aufnahme über die Haut) und als Niesmittel (Aufnahme über die Nasenschleimhäute). Dadurch hat Helleborus viridis auch ihren Namen als Nieswurz erhalten. Der giftige Wirkstoff (Helleborein wirkt wie Digitalis und kann zum Beispiel zu Kammerflimmern, Herzrhythmusstörungen und ähnlichem führen) wird mit dem Niespulver vermischt und mit diesem in die Nase geschnupft. Durch das Ausniesen wird der Wirkstoff nur kurz über die Schleimhäute aufgenommen und kann so in geringer Dosierung als Heilmittel verwendet werden.

Nun wieder zurück zur eigentlichen Geschichte.


Pflanzenmissionierung

Mit der Verbreitung der Pflanzen in die umliegenden Gebiete wurde gleichzeitig auch der christliche Glaube mitverbreitet. Um die Wirkung, die Anwendung und den Nutzen der neuen (verordneten) Pflanzen zu beschreiben wurden diese in eine Geschichte verpackt, und da die Verbreitung über christliche Mönche passierte waren es zumeist Geschichten aus der Bibel. Ein anderer Aspekt dieser „Missionierung im Garten“ ist der „Kampf“ zwischen „heidnischen“ (vorchristlichen) und „christlichen“ Pflanzen. In den Klostergärten wurde, bedingt durch die Verordnung von „Oben“, hauptsächlich „Importware“ angebaut und durch deren Verbreitung wurden viele heimische, kultivierte Pflanzen aus den Gärten der Menschen und gesammelte Wildpflanzen aus dem Brauchtum verdrängt. Als Beispiel können hier die verschiedenen Grundstoffe fürs Räuchern angeführt werden: wurden früher hauptsächlich Harze von heimischen Nadelbäumen als Basis verwendet, kam mit der christlichen Missionierung der orientalische Weihrauch immer mehr in Mode.

In Anlehnung an Shina’s Artikel (Rubrik Regenbogen, 05. April 2010) möchte ich auch hier noch mal auf den Palmbuschen eingehen.


Wer nicht nützlich ist fliegt raus

  Gewöhnlicher Buchsbaum
Gewöhnlicher Buchsbaum

Der Bauerngarten war immer ein Nutzgarten - alle Pflanzen darin wurden verwendet und was sich nicht bewährte oder keinem nutzte flog raus. Auf die Einteilung der verschiedenen Gartenbereiche möchte ich im nächsten Teil näher eingehen aber am Beispiel einiger Pflanzen, die für den Palmbuschen in Niederösterreich verwendet werden (bei uns kommen zum Beispiel keine Olivenzweige in den Buschen), sieht man den Nutzen der Pflanzen im Laufe des Jahreskreises.

Der „Segnbam“ (=Segensbaum), wie der Stinkwacholder bei uns auch genannt wird, das Immergrün (Vinca) - als Ersatz wird häufig auch der Gewöhnlich Buchsbaum (Buxus sempervirens) verwendet - und natürlich die Palmkätzchen (Sal-Weide, Salix caprea) sind wichtige Bestandteil des Palmbuschen und stehen gleichzeitig als Symbol für ein ganzes Leben bzw. den Jahreskreis:

Palmkätzchen - blüht als Erstes, steht für den Beginn des Lebens
Immergrün (oder eben Gewöhnlicher Buchsbaum) -  ist, wie der Name schon sagt, immer grün – und steht für ein Leben in voller Kraft
Segensbaum - wurde zum Beispiel für den Schwangerschaftsabbruch verwendet, Symbol für den Tod

Mit diesem Beispiel sind wir jetzt schon voll im Thema „Pflanzen im Bauerngarten“ und der historische Überblick ist noch immer nicht vollständig - wir befinden uns immer noch in den Anfängen des Bauerngartens (ca. um das Jahr 1000 n. Chr.). Also wird es demnächst eine Fortsetzung geben - wie viele Teile es im Endeffekt werden? Lasst euch überraschen – immerhin hat der Praxisteil noch nicht mal stattgefunden.

Quellen:
Seminarunterlagen „Bauerngarten“, Georg Schramayr, März 2010

[1] Anmerkung: Meiner persönlichen Meinung nach hätte sich die Grüne Nieswurz sonst nicht als Heilmittel für den Menschen durchgesetzt – durchlöcherte Ohrläppchen waren zu dieser Zeit (ca. 900 – 1000 n. Chr.) noch nicht so der Renner.

Ende Teil I


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