Holunder   Teil III

Kaum eine Pflanze in unseren Breitengraden ist derartig vielfältig und nennt derartig weitreichende Anwendungen sein Eigen, wie der Holler. Der Blue Moon Coven hat uns für´s KräuterKistl eine Zusammenfassung gespendet, die dieser Pflanze an Vielfalt gerecht wird.

Brauchtum: In der Volksmagie soll zum Fiebersenken ein Holunderzweig in die Erde gesteckt werden, wobei kein Laut ausgestoßen werden soll.
Auch soll das Kauen auf einem Holunderzweig von Zahnschmerzen befreien, wenn man diesen anschließend in eine Mauer steckt, wobei die Worte: „Weiche, du böser Geist!“ gesprochen werden. Aus unterschiedlichem Volksglauben ist bekannt, dass Krankheiten, unter anderem Zahnschmerzen, von bösen Geistern verursacht wurden.
Um Rheuma vorzubeugen, sollte das Tragen eines Holunderzweiges, in den man drei Knoten gemacht hat, helfen.
Gegen Warzen soll der Holunder helfen, in dem man mit einem grünen Zweig darüber reibt und ihn anschließend in der Erde vergräbt.
Erwartet eine Frau ein Kind, so soll sie einen Holunderstrauch küssen, was ihrem ungeborenen Kind Glück bringen soll. Eine Wiege aus Holunderholz soll das Neugeborene vor Unglück beschützen.
Es gibt einige Funde von Holunderblüten in britischen Hügelgräbern, was vermutlich darauf hindeuten könnte, dass die weißen Blüten im Totenbrauchtum eine Rolle spielten.

In anderen Gegenden und Volksgruppen war der Holunderbaum so heilig und unberührbar, dass das Schlagen des Holunderbaumes gänzlich verboten war. Wiederum gab es Gegenden, in denen geglaubt wurde, dass in dem Holunderstrauch die Hausgeister wohnten, und dass jeder, der den Strauch fällte, von diesen mit Tod oder Krankheit bestraft wurde.
Wenn der Holunderbaum einer Familie verdorrte, so sollte dies ein Zeichen dafür sein, dass einem Familienmitglied der Tod bevor steht.
In einer schlesischen Sage wird davon berichtet, dass einem Mann, nachdem er einen Holunderbaum gefällt hatte, ein Jahr danach sein Haus abbrannte. Im schlesischen Volksglauben hat der Holunder auch den Status eines Lebensbaumes, da der Sippen-, beziehungsweise Vegetationsgeist einer Region in dem Baum wohnt.

Unterschiedliche alte Zeugnisse, meist slawischen oder nordgermanischen Ursprungs, erzählen davon, dass unter dem Holunderbaum der Eingang zu Unterwelt sei, beziehungsweise unter ihm die „Unterirdischen“ wohnen würden.
Altpreußische Quellen erzählen von einem Volksglauben, dass unter dem Holunder der Erdengott Puschkaitis wohnt, dem Bier, Brot und andere Speisen geopfert wurden.
Aus Schweden stammt eine Überlieferung, die besagt, dass den Hausgeistern Milch geopfert wurde, in dem man diese über die Wurzeln eines Holunders goss.

Ein französisches Predigtbuch aus dem 13. Jahrhundert erzählt von dem Brauch, dass Frauen ihre Kinder zu einem Holunder trugen, ihm Ehrerbietung erwiesen und Geschenke brachten, damit er den Kindern Glück und Segen brachte und sie vor Gefahren schütze.
Der nordschlesische Pastor Arnkiel (1703) berichtet, dass, wenn einem Holunder die Äste gestutzt werden mussten, der Holzfäller kniend, mit entblößtem Haupt und gefalteten Händen sprechen musste: „Frau Ellhorn, gibt mir was von deinem Holze, dann will ich dir von meinem auch was geben, wenn es wächst im Walde.“
Der dänische Volksglauben weiß von einer Frau zu berichten, die „Hyldemoer“ (Holundermutter) oder „Hyllefrao“ (Holunderfrau) genannt wurde und die im Holunderbaum leben soll.
Wird dem Holunder nicht der nötige Respekt entgegen gebracht, so erzählt eine dänische Überlieferung, werden die in ihm wohnenden Geister den Missetäter so lange plagen und verfolgen, bis er die Verfehlung mit der angemessenen Ehrerbietung an die Hyldemoer ausgeglichen hat. Weiteren dänischen Sagen nach leben unter dem Holunderbusch die Zwerge, weil sie seinen Duft so lieben.

Weit verbreitet und beliebt ist auch die Deutung des Holunderbaumes als „Baum der (Frau) Holla“. Allerdings lässt sich diese Deutung etymologisch nicht halten, ebenso wenig wie demnach auch die mythologischen Spekulationen. So wird spekuliert, dass der Name des Holunders auf die nordische Unterweltsgöttin Hel zurückgehen soll.
Eine andere Theorie besagt, dass das englische Wort „Elder“ auf das anglo-säxische Wort „æld“ („Feuer“) zurück gehen soll, was wiederum auf den alten Brauch hinweisen würde, in welchem hohle Stiele zum Anfachen der Kohle verwendet worden waren, weshalb der Holunder zum Teil heute noch mit dem Element Feuer in Verbindung gebracht wird.

Allerdings wird auch in unterschiedlichen Sagen die Heilige Maria mit dem Holunder in Verbindung gebracht. Im bayerischen Odenwald gibt es die Sage, dass dort, wo auf dem Schneeberg die Gnadenkapelle steht, einst ein Hollerbusch gestanden habe, auf dem immer wieder das Muttergottesbild der Pfarrkirche erschien. Wiederum erzählt eine badische Sage, dass Maria die Windeln des Jesuskindes an einem Holunder getrocknet habe.
Vermutlich hängt mit dieser „Heiligkeit“ des Holunders auch zusammen, dass der Holunder nicht (oder nur von Waisen und Witwen) verbrannt werden darf, da es sonst Unglück und Krankheit geben würde. So soll man auf Grund einer solchen Untat das ganze Jahr über an Zahnschmerzen leiden, Rotlauf (der die Farbe von Feuer hat!) bekommen oder die Pferde würden sterben.

In der Schweiz wird das Verbot der Holunderverbrennung mit der Heiligensage der Emerita begründet, die dieser zu Folge auf einem Scheiterhaufen aus Holunderholz verbrannt wurde. Auch in Frankreich und England hütet man sich davor, Holunder zu verbrennen. So wird in Frankreich gesagt, dass die Hühner des Übeltäters keine Eier mehr legen.

Der Holunder soll außerdem zu den Bäumen gehören, die nicht von Blitz getroffen werden. Die Begründung hat ihre Wurzeln wiederum im Marienglauben: Die Gottesmutter soll bei ihrer Flucht nach Ägypten unter einem Holunder gerastet haben. Allerdings beruht diese Begründung vermutlich auf einer Verwechslung mit dem Haselstrauch.

Holunderzweige, die an Sylvester geschnitten und dann zu einem Reifen gebogen werden, sollen ein Haus vor dem Ausbruch eines Feuers schützen, wenn sie aufgehängt werden.

Der Holunder hat als Schutzbaum der Häuser und Gebäude eine abwehrende Funktion. So soll er, vor der Tür eines Stalles gepflanzt, das Vieh vor böser Zauberei schützen. Aus demselben Grund soll auch der Riegel des Stalltores aus Holunderholz sein. In Ostdeutschland ist der Brauch verbreitet, an Walpurgis Hollerzweige oder –kreuze an die Fenster oder auf Düngehaufen anzubringen oder auf die Felder zu stecken, damit böse Hexen fern gehalten werden.
Aus einem niederländischen, handschriftlichen Arzneibuch des 18. Jahrhunderts ist der Volksglaube bekannt, dass ein Bauer die Nachgeburt einer Kuh, die das erste Mal gekalbt hat, unter einen Holunterstrauch vergraben soll, damit das Kalb weder verzaubert, noch der Kuh die Milch genommen werden kann. Wenn es der Milch eines Bauern an Rahm fehlt, so soll der Bauer etwas von der Milch unter den Holunder gießen.

Der Holler dient, wie bereits erwähnt, auch dazu, Hexen erkennen zu können. So gibt es in Thüringen den Volksglauben, dass man an Trinitatis (der erste Sonntag nach Pfingsten) oder St. Johannis, wenn die Sonne ihren höchsten Stand hat, mit einem Spiegel vor der Brust auf einem Holunder sitzen muss. So kann man den „Binsenschneider“ (oder auch Bilmesschneider genannt – der sich auf den Feldern herum treibt und den Bauern die Ernte verdirbt) sehen.
Auf der Schwäbischen Alb wird gesagt, dass man in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag auf einem Kirchhof einen Holunderzweig schneiden und aushöhlen soll. Dieser ausgehöhlte Zweig soll dann dazu verhelfen, an Karfreitag die Hexen zu sehen, die sich während des Gottesdienstes in der Kirche aufhalten. Einem weiteren Volksglauben nach soll man zu Ostern aus dem Holz des Holunders einen Zweig schnitzen und diesen am Osterabend nach dem Sonnenuntergang in eine gute, frische Milch tauchen, so dass der Rahm daran hängen bleibt. Diesen lässt man dann trocknen und wiederholt diese Prozedur dann am Abend einer Sonnenwende. Geht diese Person nun mit diesem Löffel zu einem Sonnenwendfeuer, so müssen ihr alle dort anwesenden Hexen nachlaufen.

Auch mit dem Tod steht wird der Holunder in Verbindung gebracht. Aus diesem Grund ist er auch häufig an Gräbern zu finden, beziehungsweise gilt allgemein als eine Friedhofspflanze. Bereits die alten Friesen sollen ihre Toten unter dem Holunderstrauch begraben haben. Unterschiedliche Legenden ranken dabei um die Funktion des Holunders.
So soll die Messlatte, mit der die Größe des Sarges bemessen wird, aus Holunderholz sein; der Fuhrmann, der den Sarg zur Beerdigung fährt, soll statt einer gewöhnlichen Peitsche eine Rute aus Holunderholz haben, auch sollen Holunderstäbe auf den Sarg und grüne Holunderäste in das Grab gelegt werden, damit der Tote vor bösen Geistern beschützt wird.
In Tirol soll es den Brauch geben, dass bei einem Begräbnis ein Kreuz aus Holunderholz vor dem Sarg hergetragen wird, das „Lebelang“ genannt wird. Dieses wird nach der Beerdigung auf das Grab gesteckt. Wenn das Kreuz zu grünen beginnt, so soll dies ein Zeichen dafür sein, dass der Verstorbene selig geworden ist.
In Mittelschlesien wird gesagt, dass in einer Familie jemand sterben wird, wenn an einem Holunderbaum gleichzeitig Blüten und Beeren zu sehen sind. Weiter gilt als Todesvorzeichen im allgemeinen Brauchtum, wenn ein Holunderstrauch im Herbst blüht. Außerdem gibt es den Volksglauben, dass die „Buzawoscz“ (ein dämonisches Wesen, dessen Name „Gottesklage“ bedeutet) unter dem Holunderbaum wohnt, wenn ein Mensch sterben soll, während sie sonst in den Zweigen sitzt.


Ende Teil III


Blue Moon Coven


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