Betreut von Rothani
Hetschepetsch - die Erfolgstory einer “hundsgemeinen” Pflanze

Meine erste Begegnung mit der Hagebutte hatte ich als Volksschulkind 1 bei einem unserer Wandertage in die nähere Umgebung. Wie Generationen vor uns entdeckten auch wir die Hedscherl als Juckpulver – sehr zum Ärgernis von einigen MitschülerInnen.

Bevor ich jetzt aber das „Geheimnis“ des großen Juckens für die nächsten Generationen offenbare (und damit die nächsten Familienausflüge etwas spannender mache) komme ich zu den Grundlagen dieser Pflanze.

Die einheimische Heckenrose ist extrem winterhart, einmal hellrosa blühend, duftet leicht nach Himbeeren und wird drei bis fünf Meter hoch. Die Bestäubung erfolgt über Insekten die durch den Blütenpollen angelockt werden. Die Hagebutte produziert keinen Nektar. Sie ist in Eurasien auf tiefgründigen Lehmböden beheimatet und kommt in Hecken, an Waldrändern und in Gebüschen vor.


Von Scheinfrüchten, Schließfrüchten
und Verschleppung

Die sichtbaren Früchte der Hagebutte sind eigentlich nur Scheinfrüchte. Im Inneren sind die „wirklichen“ Früchte versteckt - steinharte Schließfrüchte, die Nüsschen genannt und oft fälschlich als Samen bezeichnet werden. Wenn der Rand der Hagebutte fleischig und weich wird, dann ist sie reif zum Verzehr. Säugetiere und Vögel (Elstern, Dohlen, Krähen, Seidenschwänze, …) fressen sie als Ganzes. Das Nüsschen wird dabei nicht verletzt, als Ganzes wieder ausgeschieden und trägt damit zur Verbreitung – auch Verschleppung genannt – bei. Kleinere Vögel essen dagegen nur die Weichteile der Früchte und tragen nicht zur Verbreitung bei.


Viele Namen für eine Pflanze

Die Hagebutte/Heckenrose/Hundsrose oder rose canina gehört zu der Familie der Rosengewächse (Rosaceae) und ist im Volksmund auch noch unter folgenden Namen bekannt: Hedscherl, Hetschepetsch, Hagrose, Frauenrose, Dornrose, Hagebutze, Hainrose, Heinzerlein, Wildhips, Wilde Rose, …
Der Name Hagebutte setzt sich aus Hag = Hecke = einem beliebten Standort der Pflanze und butte = Fass = kurze, dicke Form der Früchte zusammen. Hundsrose kommt wiederum von der lateinischen Bezeichnung rose canina à canina kann man auch mit „hundsgemein“ oder „gewöhnlich“ übersetzen und lässt im übertragenen Sinn auf die weite Verbreitung der Hagebutte schließen - sie ist nicht wirklich eine seltene Pflanze.


Von Schwangeren, Windeln,
der Blütenfarbe und dem Duft

In der germanischen Mythologie soll die Hagebutte Freya geweiht gewesen sein und als Beistand und Schutz für Gebärende Verwendung gefunden haben. Kinderlose Frauen erbaten sich in Vollmondnächten bei der Heckenrose so viele Kinder wie der Strauch Knospen bzw. Blüten trug. Durch die Christianisierung wurde die Hagebutte Maria zugeordnet. Sie soll an einem Freitag einen Wildrosenstrauch zum Trocknen der Windeln von Jesus gebraucht haben. Die Blüten dieses Strauches wechselten daraufhin ihre Farbe von rot auf weiß bzw. umgekehrt. Diese Umfärbung soll auch die Wirksamkeit der Pflanze gegen Hexen verstärkt haben. Eine andere Überlieferung besagt, dass die Auswirkung der Windeltrocknungsaktion von Maria den guten Duft der Blüten verursacht hat.
Die Hagebutte wird auch als Symbol für das Weiterleben der Seele nach dem Tod gesehen. Das könnte damit in Zusammenhang stehen, dass die Früchte der Hagebutte den Winter (= Tod) überdauern und bis ins Frühjahr (= neues Leben) am Strauch hängen bleiben.
Im Märchen Dornröschen wiederum findet sich die Schutzfunktion der Strauchrose wieder. Zu Dornen und Rosen möchte ich hier einen kleinen Exkurs machen:


Gibt es Rosen ohne Dornen?

Diese Frage kann ich guten Gewissen mit ja beantworten, denn es gibt keine einzige Rose die Dornen hat – alle Rosen haben Stacheln. Stacheln werden von der äußeren Pflanzenhaut und den darunterliegenden Zellschichten gebildet und lassen sich leicht abbrechen. Dornen dagegen sind z.B. umgewandelte Blätter wie bei der Berberitze, Blattteile wie bei der Distel oder Sprossen wie bei den Schlehen.
Aber nun wieder zurück zur Hagebutte.


Wespenlarven als Produzenten von Schlafmittel

Eine weitere Besonderheit der Heckenrose die auch Eingang in die Volksmedizin gefunden hat sind die Rosengallen oder Schlafäpfel. Diese Kugelgebilde an den Sträuchern werden von den Rosengallwespen gebildet. Die Weibchen legen ihre Eier in die Knospen oder jungen Triebe der Rose (Mai/Juni). Die schlüpfenden Larven lösen durch ihren Fraß die Bildung der Galle aus. Diese umgibt sie schützend und versorgt die Larven mit Nahrung. Nach der Überwinterung und Verpuppung nagen sich die jungen Rosengallwespen im nächsten Frühjahr ins Freie.
Der italienische Arzt Marcello Malpiglie (1682 – 1694) gilt als Begründer der Gallenkunde und beschrieb in seinen Forschungen damals 60 verschiedene Gallenarten. Heute sind tausende dieser Wuchsanomalien bei Pflanzen bekannt.
Im Volksmund werden die Rosengallen auch Schlafäpfel genannt. Sie wurden gesammelt und unter das Kopfkissen gelegt um den Schlaf zu fördern. Eine andere Anwendung diente dem Schutz vor Krankheiten. Wer zu Weihnachten oder Neujahr ein oder drei Schlafäpfel aß, die ihm zuvor schweigend durch ein Fenster gereicht wurden, der sollte vorbeugend gegen viele Krankheiten geschützt sein.


Volksmedizin und Naturheilkunde

In Grabungsberichten der Archäologen ist zu lesen, dass die Hagebutte schon in steinzeitlichen Pfahlbauten verwendet wurde. Hildegard von Bingen schreibt der Hagebutte lindernde Wirkung bei Lungenleiden zu und verwendet sie auch zur Stärkung des Magens. In der weiteren Volksmedizin fand sie ihre Anwendung als Tee (aus den Blütenblättern) gegen Blutungen, Hämorrhoiden, Durchfall und zur Nervenstärkung. Die Rosengallen wurden unter anderem auch gegen Nieren- und Blasenleiden eingesetzt.
Die heutige Naturheilkunde empfiehlt die Hagebutte zur Vorbeugung von Erkältungs- und Infektionskrankheiten, zur Festigung der Gefäße bei Venenleiden, bei Zahnfleischbluten und Parodontose. Sie verbessert die Sauerstoffversorgung der Körperzellen und schützt somit vor freien Radikalen. Die Hagebutte ist magenwirksam, harntreibend und Marmelade aus den Früchten löffelweise genossen soll sehr appetitanregend wirken.
Der hohe Vitamin C Gehalt, Vitamin A, B1, B2, Mineralstoffe, Flavonoide und Gerbstoffe machen die Heckenrose so erfolgreich in ihrer Anwendung.

Was kann von der Pflanze verwendet werden?

    • Früchte - Marmelade oder Gelee 2
    • Blütenblätter – Sirup, direkt vom Strauch zum Naschen, Tee, getrocknet als Duftkissen
    • (enthaarte) Samen und Klettenwurzel im Verhältnis 1:2 getrocknet, zermahlen und geröstet
      ergibt ein kaffeeähnliches Getränk 3

Die Heckenrose blüht von Mai bis Juli und die Sammelzeit für die Früchte fällt in die Zeit von September bis November.

Zum Schluss bin ich natürlich noch das „Geheimnis“ des Juckpulvers schuldig: Die Innenseite der Schale ist mit feinen Härchen besetzt, die bei Hautkontakt zu Juckreiz aber schlimmstenfalls zu Allergien führen können.


Verwendete Literatur:
Henschel, Detlev: Essbare Wildbeeren und Wildpflanzen.2002
Hecker, Ulrich: BLV Handbuch. Bäume und Sträucher€.2006
Schöpf, Hans: Zauberkräuter1986
Scherf, Getrud: Wildpflanzen neu entdecken.2006
Das grosse Volks-Lexikon. Pflanzen und Umwelt. 2006
Frohn, Birgit: Lexikon der Heilpflanzen und ihrer Wirkstoffe. 2007
Kursunterlagen – Natur- und Landschaftsführer NÖ. 2006

Anm. 1: Volksschule = Grundschule in Deutschland
Anm. 2: Marmelade aus Hagebutten herstellen ist allerdings ein sehr aufwändiger Prozess, zumindest meiner Erfahrung nach
Anm. 3: Das hab ich noch nicht ausprobiert - vielleicht kann wer anderer über seine Erfahrungen damit berichten?


Rothani


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