Sammelorte und Wegwissen   Teil IV
- von Frauen, die Wildgemüse und Heilkräuter sammeln
Mit meiner Diplomarbeit (Gruber 2005) habe ich das Ziel verfolgt, die Voraussetzungen für das Sammeln von Wildpflanzen herauszuarbeiten.

Queckengrasland
In überdüngten Wiesen sind die Gehalte potentieller Heilpflanzen an sekundären Inhaltsstoffen meist gering und die Nitratgehalte hoch. Die Qualität der Pflanzen ist durch hohe Stickstoffgaben und nicht immer erkennbare Herbizideinsätze stark beeinträchtigt. Intensive Wiesen erscheinen meist dunkelgrün oder blaugrün, was auf den hohen Stickstoffgehalt zurückzuführen ist. Blühende Verdichtungszeiger wie der Kriechende Hahnenfuß oder Lückenbesiedler wie Löwenzahn und Sauerampfer sind Folge der häufigen Arbeitsgänge mit schweren Maschinen. Üblicherweise gibt es keine Streuschicht und keine alten Gräserhorste, was das Queckengrasland von gut stickstoffversorgten Brachen unterscheidet.

Im Queckengrasland findet man Arten, die für gewöhnlich in periodisch überschwemmten Gebieten wachsen. Deshalb heißen diese Wiesen auch Flutrasengesellschaften. Erst seit den 1970er Jahren werden sie auch für trockenere Standorte beschrieben. Durch übermäßige Düngung und zu häufigen Schnitt (viermal und mehr) entsteht eine artenarme Pflanzengesellschaft, in der Wurzelunkräuter dominieren. Die meisten Kräuter können sich nicht regenerieren oder keine Samen ausbilden. Dieses Futter, das entweder frisch oder siliert an die Tiere verfüttert wird, schadet ihnen wegen der Einseitigkeit eher, als es ihnen nützt. Die Quecke, in großer Menge genossen, vermindert ebenso wie die Brennessel die Fruchtbarkeit der Tiere. Heil- und Gewürzpflanzen, für Tiere genauso wie für Menschen wichtiger Teil des Speisezettels, fallen den extremen Bedingungen zum Opfer.


Äcker
Das Wort Acker leitet sich wahrscheinlich aus dem indogermanischen agros ab. Dieses bedeutet: „der Ort, an dem gesammelt/geerntet wird“ (Kluge 1995, 13). Während auf Wiesen und Weiden die Sammlerinnen oft dasselbe ernten wie die BäuerInnen und deren Tiere, und nur die Giftpflanzenernte zugleich das Ziel einer Unkrautdezimierung verfolgt, ist auf Äckern die Spontanvegetation unerwünschte Konkurrenz zur angebauten Frucht, die mit verschiedenen Mitteln in Schach gehalten wird.
Fast alle der stärkehaltigen Samenfrüchte stammen aus kontinentalen Steppen und Halbwüsten Vorderasiens. Die meisten Ackerunkräuter stammen ebenfalls von dort. Viele von ihnen, wie die Melde- und Senfarten, sind verwilderte Kulturpflanzen. Und viele Kulturpflanzen sind, wie Roggen und Hafer, aus alten Ackerunkräutern hervorgegangen (Hanf 1990).

Für Ackerkulturen wird der Boden alljährlich umgebrochen. Ziel ist eine gesäte Kultur, deren Speicherorgane oder Samen zur gleichen Zeit, am Ende ihres artspezifischen Vegetationszyklus, geerntet werden. Die spezifischen Wuchsbedingungen der vegetationsarmen Halbwüstenstandorte, aus denen die Kulturpflanzen stammen, werden alljährlich mit der Bodenbearbeitung reproduziert. Die regelmäßige Zerstörung der Vegetation begünstigt kurzlebige, sommer- oder winterannuelle Pflanzenarten. Dabei haben die Unkräuter vorallem gegenüber dem Sommergetreide Startvorteile, da sich ihre Samen schon in der Erde befinden und zum Teil schon gekeimt haben, wenn das Getreide gesät wird (Hanf 1990). Im bereits angewurzelten, aber noch niedrigen Getreide konnten die Rosetten mancher Unkräuter als Wildgemüse gesammelt werden (Feldsalat).

Einige Ackerunkräuter (z.B. Ackerhellerkraut, Senf, Amaranth) besitzen schmackhafte Samen, die man bei Gelegenheit vom Feldrand mitnehmen kann. Diese Gelegenheit haben am ehesten die Leute, die auf dem Acker zu tun haben. Sie wissen, wie er bewirtschaftet wird und ob er sich zum Sammeln eignet. Sie sind es auch, für die das Sammeln auf dem Acker keinen Umweg bedeutet, und die deshalb diese Gratisernte von Blättern, Blüten und Samen am ehesten betreiben und die sich am ehesten berechtigt fühlen, den Acker zu diesem Zweck zu betreten. Heute sind das ganz wenige Leute, da gerade der Ackerbau stark mechanisiert worden ist.
Obwohl Äcker als Sammelorte sehr ergiebig wären, werden sie von den Sammlerinnen gemieden. Im Zweifelsfall entscheiden sich die Sammlerinnen gegen das Sammeln. Nur die Biobäuerinnen sammeln auf Äckern, und zwar auf ihren eigenen.
Im Sommer kann im Getreide das Unkraut nicht mehr bekämpft werden, ohne die Kultur zu schädigen. Was jetzt noch wächst, kann sich ungehindert entwickeln und zur Blüte kommen. Deshalb können im reifenden Getreide die Blüten einiger Heilpflanzen gesammelt werden. Vor allem in den Randbereichen der Felder, wo der Pflug wendet und daher das Getreide sowieso nicht besonders üppig wächst, findet man in herbizidfrei bewirtschafteten Äckern Kornblume, Kamille, Stiefmütterchen, Schafgarbe und Mohn. Weiter ins Feld hineingehen sollte man zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.

Während (früher) das Getreide breitwürfig gesät wurde, wurden Hackfrüchte in Reihen gepflanzt. Durch den großen Reihenabstand blieb der Acker zugänglich, bis beim Bestandsschluss die Kulturpflanzen den Acker eindeutig dominierten. Die im Frühling beim Hacken ausgerissenen Huflattichrhizome, Quecken- und Distelwurzeln konnten gleichzeitig als Wildgemüse dienen. Dabei konnte die Pflege optimal mit der Ernte kombiniert werden. In der bäuerlichen Landwirtschaft war diese Ernte einkalkuliert und zum Teil sogar Bestandteil der Bezahlung der TaglöhnerInnen, die die Felder gehackt haben (Auerswald 1996, 249). Auf biologisch bewirtschafteten Äckern wäre es auch heute möglich, die herausgeeggten Queckenwurzeln einzusammeln, ich habe aber keine Sammlerin gefunden, die das macht.
Im Ökolandbau werden die Hackfrüchte und das Hacken in der weiten Reihe zur Unkrautregulierung eingesetzt. Häufiges Hacken schwächt die polykormen Unkräuter und ermöglicht gleichzeitig den annuellen Unkräutern, mehrmals im Jahr zu keimen und zu wachsen. Deshalb bietet der Hackfruchtacker während der ganzen Vegetationsperiode junge Wildgemüsepflanzen. Die gute Nährstoffversorgung macht die Pflanzen zart und die Blätter mastig. Da sie viel Platz haben, sind die einzelnen Pflanzen groß. Die Ernte geht recht schnell.
Anders als bei der Wurzelernte sind bei den Blattunkräutern das Jäten und das Ernten nicht die selbe Tätigkeit. Als Wildgemüse will man möglichst saubere Blätter von bestimmten Pflanzen. Man schneidet oder reißt die Pflanzen daher ab. Das wirft die Unkrautpflanzen in ihrer Entwicklung zurück, aber es reicht nicht, um sie zu vernichten. Beim Hacken werden alle Unkrautpflanzen ohne Selektion aus der Erde gerissen und mit dieser zum Teil verschüttet. Gleichzeitiges Hacken und Ernten würde lange dauern und schmutziges Gemüse bringen. Daher ernte ich auf meinem Selbsterntefeld das Wildgemüse vor oder nach dem Unkrautrupfen auf einem noch nicht gejäteten Stück Feld.


Der Begriff Brache
Die Brache ist ursprünglich Teil des Bewirtschaftungszyklus und soll den Wert einer Bewirtschaftungsfläche für die Bewirtschaftung erhöhen, regenerieren. Die Wortbedeutung kommt möglicherweise vom vorherigen und darauf folgenden Umbrechen (Thürmer 1991, 53).
Brachen erfüllten dabei verschiedene Zwecke, z.B. den der Viehweide, der Düngung, der Bodenregeneration oder der bäuerlichen Landreserve. Ihre Nutzung war streng geregelt (Bauer 1995, 90). Die Funktion der Brachenutzung als Landreserve war zum Teil politisch motiviert. Ungenutztes Land fiel in manchen Gebieten an die Lehnsherren zurück und kann auch heute in einigen Orten Österreichs von der Obrigkeit in Wald umgewidmet werden. Die pragmatische Absicht für eine Minimalpflege von Land durch extensive Nutzung oder durch Landschaftspflege besteht oft darin, Flächen in Wert zu halten, die sonst verbuschen und verwalden würden. Dahinter steckt vorausschauendes Offenhalten der Möglichkeiten für die Wiederbewirtschaftung, die im Moment nicht möglich ist. Der Brachenutzung, deren Ziel die Regeneration der Wirtschaftsgrundlage Land ist, steht das Brachfallen entgegen, das eine Degeneration des Landes als Wirtschaftsgrundlage für den Ackerbau zur Folge hat.

„Der Prozess des Brachfallens bezeichnet... einen Vorgang, in dessen Verlauf die bäuerliche Nutzung großer Flurteile zeitweise oder dauerhaft vollkommen aufgegeben wird, weil derzeit kein Nutzungsinteresse besteht. Die ausgeprägtesten Bracheprozesse in der Geschichte waren:

· die spätmittelalterlichen Wüstungsperioden des 14./15. Jahrhunderts
· die Interimswüstungen des 17. Jahrhunderts nach dem Dreißigjährigen Krieg;
· die Sozialbrache ab Anfang der 1950er Jahre dieses Jahrhunderts“ (Bauer 1995, 90).

Brachfallen ist Entaktualisierung als Bewirtschaftungsfläche und darauf folgendes Verwildern, Degenerieren. „Die Dynamik von Brachfallen, Nutzung und Wegfall von Brache bis hin zur heutigen Brachesubventionierung spiegelt dabei wechselnde individuelle und gesellschaftliche Inwertsetzungen, die stets in engem Zusammenhang mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen sowie mit technischen Fortschritten stehen“ (Bauer 1995, 91).
Die Chancen einer erneuten landwirtschaftlichen Bewirtschaftung sinken mit steigendem dafür nötigen Aufwand. Als weitere Möglichkeiten bleiben eine weitere Sukzession oder, je nach Standort und Lage der Fläche und Entscheidung der Beteiligten, eine ,Aufwertung‘ durch Bebauung. Spätestens mit der Bebauung ist die Fläche endgültig versiegelte Wirklichkeit und dem Zugang und der Nutzung der Allgemeinheit entzogen. Brache und Landwirtschaft gelten unterschwellig als vorläufige, provisorische Wirklichkeit, als Landreserve für spätere Bebauung. Die weißen Flecken auf dem Stadtplan von Wien sind Äcker und Spekulationsbrachen.


Ende Teil IV


Elisabeth Salome Gruber


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