Betreut von Rothani
Sammelorte und Wegwissen   Teil III
- von Frauen, die Wildgemüse und Heilkräuter sammeln
Mit meiner Diplomarbeit (Gruber 2005) habe ich das Ziel verfolgt, die Voraussetzungen für das Sammeln von Wildpflanzen herauszuarbeiten.

Saure Magerrasen (Borstgrasrasen)
Saure Magerwiesen waren in der mineraldüngerlosen Zeit häufig. Sie stocken entweder auf sauer verwitterndem Gestein oder in hohen Lagen, wo die basischen Mineralsalze ausgewaschen werden. Heute befinden sie sich meist an den Rändern der Wirtschaftsflächen, die geschnitten, aber nicht gedüngt werden, oder auf Almen in höheren Lagen. Die feuchten Borstgrasrasen sind aufgrund ihrer extremen Standortbedingungen eher artenarm. Nur wenige von Sammlerinnen begehrte Pflanzen sind dort zu finden.
Die Sammlerinnen, die ich interviewt habe, haben als Pflanze, die sie hauptsächlich auf sauren Magerrasen (vor allem in Nadelwäldern oder auf dem sauer verwitternden Granit, oder im Gebirge, wo die lange Schneebedeckung reduzierende [= versauernde] Bedingungen im Boden schafft) sammeln, nur die Heidelbeere genannt. Da sie dort wenig Konkurrenz hat, bildet sie eine eigene Zwerggehölzschicht, die sich gut abkämmen lässt. Im Mühlviertel wächst an den sauren Wegböschungen für die BäuerInnen gut erreichbar die Preiselbeere (Kurz 1998, 28).
Arnika wächst in ungedüngten Feldraine auf saurem Ausgangsgestein. Diese Standorte sind durch die heutigen Bewirtschaftungsformen selten geworden. Durch die Verknappung der Sammelorte wird die Möglichkeit, Arnika zu sammeln, so stark eingeschränkt, dass die Sammlerinnen, die ich befragt habe und die die Pflanze genannt haben, selber nicht mehr Arnika sammeln.
Erfolge bei der Wiederbesiedlung von Weiden mit Arnika beobachtete Michael Machatschek, als er durch intensive Beweidung hagerer Alpflächen in der Schweiz offene Stellen in der Weidenarbe erzeugte (Machatschek 1999, 25). Diese Art von Beweidung, die den Boden aushagert, ist für BäuerInnen jedoch nur sinnvoll, wenn es nicht anders geht. Das Vieh kann nicht an Gewicht zulegen, die Weidequalität wird auf einem für die Tiere schlechten Zustand stabilisiert. So etwas machen BäuerInnen nur in Notzeiten oder auf den Weidetriften, den Wegen zur Weide. Arnika selbst ist für die Tiere giftig und wird deshalb gemieden.

Magerrasen sind im Wiener Raum auf der Perchtoldsdorfer Heide, im Lainzer Tiergarten und an den Donaukanal-Hochwasserschutzböschungen zu finden. Ein großer Teil davon wird nur mehr aus Landschaftspflegegründen gemäht, oder um Straßen- und Wegböschungen von Gehölzen freizuhalten. Nicht immer wird das Mähgut abtransportiert – wozu auch, wenn es nicht gebraucht wird, sondern entsorgt werden muss? Durch die liegende Streuschicht verändern sich langsam die Bodenbedingungen und der Pflanzenbestand.


Wirtschaftsgrünland
Von den Magerrasen zu den Fettwiesen gibt es alle Übergänge. Feuchtigkeit und Stickstoffangebot können sich hier zum Teil gegenseitig kompensieren. Im Wirtschaftsgrünland gibt es standortabhängig die unterschiedlichsten Pflanzengesellschaften. Die bestandsbildenden Kräuterarten darunter sind Grundnahrungsmittel für das Vieh und fast immer auch für Menschen genießbar. Je höher die Nährstoffversorgung durch Düngung, desto weniger wirken sich die anderen Standortfaktoren wie Bodenfeuchte, pH-Wert des Bodens, Wasserversorgung (in einem gewissen Rahmen), auf den Pflanzenbestand aus. Die feuchten Extremstandorte unter den Wirtschaftswiesen sind relativ artenarm. Zu ihnen zählen die Pfeifengraswiesen, deren Heu nur als Streu oder für Pferde verwendet werden kann. Mit steigendem Nährstoffniveau steigt auch die Anzahl der essbaren und der heilenden Arten, bis in der Glatthaferwiese das Optimum erreicht wird. Steigt allerdings die Nährstoffversorgung noch weiter, sinkt die Artenzahl wieder, bis im herbizidbehandelten Vielschnittgrasland der Tiefpunkt erreicht wird.
Glatthaferwiesen sind die optimalen, nachhaltig bewirtschaftbaren Wirtschaftswiesen. Auf ihnen wächst wegen des dreischichtigen Aufbaus hochwertiges Heu in großer Menge. Auf den Wiesen wachsen viele unterschiedliche Kräuter, die das Vieh gesund erhalten. Die Lebensform der in diesen Bilderbuchwiesen zu findenden Kräuter ist fast immer staudisch. Nur wenige Arten sind zweijährig. Einjährige Pflanzen fehlen weitgehend (Auerswald 1996, 256). Viele der bestandsbildenden Arten sind auf den ein- bis zweimaligen Schnitt angewiesen. Wird seltener gemäht, fällt zu wenig Licht auf den Boden oder es entwickelt sich eine Streuschicht, die Jungpflanzen am Durchbrechen hindert. Wird häufiger oder zu früh gemäht, können die meisten Stauden nicht genügend Speicherstoffe und die Zweijährigen keine Samen bilden. Es gibt in Glatthaferwiesen nur wenige Giftpflanzen. Eine Übersicht der wichtigsten bestandsbildenden Kräuter in Glatthaferwiesen (Auerswald 1996, 256) zeigt, dass von den 90 häufigsten Wiesenkräutern zumindest 67 ungiftige, mehr oder weniger schmackhafte Heil- oder Nahrungspflanzen sind. Nur vier (getrocknet ungiftige) Hahnenfußarten, das Jakobsgreiskraut und die Herbstzeitlose sind ausgesprochene Giftpflanzen.

Ab den 1920er Jahren wurde mit mäßigen Mineraldüngergaben und standortbezogenen Geländemeliorationen die Grünlandwirtschaft ertragreicher gemacht (Lührs 1994). Feuchtwiesen wurden durch Drainagierung in Glatthaferwiesen umgewandelt. Trockenwiesen wurden mit Industrieabwässern oder mit Flusswasser, das solche enthielt, berieselt. Borstgrasrasen und Trockenrasen wurden aufgedüngt. Schwierig zu bewirtschaftende Äcker wurden in Wiesen verwandelt und haben sich bei guter handwerklicher Bewirtschaftung zu Glatthaferwiesen entwickelt. Die Glatthaferwiesen erreichten ihren zeitlichen Verbreitungsschwerpunkt (Auerswald 1996, 289).

„Im Unterschied zu den Extremstandorten mit geringer Arten- und hoher Individuenzahl kann hier eine Lese der Spontanvegetation nicht auf eine oder wenige Arten konzentriert aus dem Vollen greifen, weil bei hoher Artenzahl die Individuenzahl gering ist und zudem, namentlich beim Grünland, verschiedene Wuchshöhen bestehen. Man muss erst zwischen den Pflanzen hindurchgreifen, wenn man es auf eine bestimmte Art abgesehen hat. Aber in diesem Fall stößt man auf eine große Anzahl essbarer Pflanzen, ... Um satt zu werden, muss man im Prinzip nur – beinahe wie die Kühe – aufpassen, bestimmte Kräuter ohne die mühelos zu unterscheidenden Gräser aufzulesen“ (Bellin 2000, 179).

Der Haken an Glatthaferwiesen als Sammelorte ist, dass sie, wenn das Gras hoch steht, nicht betreten werden sollen, da das den Ertrag für die BäuerInnen senkt. Glatthaferwiesen sind daher als Sammelorte nur im Frühling, solange sich das Gras wieder aufstellt, und nach dem Schnitt, sowie im Herbst flächig betretbar. In der übrigen Zeit muss man sich beim Sammeln von Fettwiesenpflanzen auf die Ränder beschränken.
Das Sammeln von Wiesenspinat lässt sich mit diesen Sammelregeln allerdings gut vereinbaren, weil junge und zarte Pflanzen bevorzugt werden, die noch nicht so viele Bitterstoffe enthalten. Diese findet man im Frühling, bevor die Obergräser die Wiese dominieren. Auch die gute Nährstoff- und Wasserversorgung im Frühjahr führt zu milderen Pflanzen, die ihre Energie ins Wachstum stecken statt in Fraßhemmstoffe. Nach der Mahd gibt es noch einmal Gelegenheit, sich mit Wiesenspinaten zu versorgen. Werden Glatthaferwiesen stärker gedüngt und öfter gemäht, sinkt die Artenzahl, und der Nitratgehalt in den Pflanzen steigt. Nach und nach werden die zarteren Kräuter und die langsamwüchsigen Arten verdrängt. Übrig bleiben die vielschnittverträglichen und Wurzelausläufer bildenden Arten und die Lückenbesiedler des Queckengraslandes.


Ende Teil III


Elisabeth Salome Gruber


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