Sammelorte und Wegwissen   Teil II
- von Frauen, die Wildgemüse und Heilkräuter sammeln
Mit meiner Diplomarbeit (Gruber 2005) habe ich das Ziel verfolgt, die Voraussetzungen für das Sammeln von Wildpflanzen herauszuarbeiten.

Grünland
Die Produktionsabsicht auf dem Grünland ist Viehfutter. Dabei wird im Gegensatz zum Acker der spontane Aufwuchs geerntet. Mähen und Beweiden erzeugen und stabilisieren die spezifischen Vegetationsgesellschaften. Bis ins 19. Jahrhundert gab es, außer an Gewässern, nur wenig ertragreiches Dauergrünland. Als Weide dienten neben den Wiesen der Wald und seit der Entwicklung der Dreifelderwirtschaft der Brachacker. Auch das Nachbeweiden der Stoppeläcker nach der Getreideernte und das Beweiden des jungen Getreides bis zum Bestandsschluss war üblich. Die Weidetiere hielten das Unkraut im Zaum, sorgten für zusätzlichen Austrieb der Getreidepflanzen und traten Mauslöcher zu.
Das Winterfutter stammte genauso wie die Einstreu zu einem großen Teil von den Bäumen. Der Nährstofftransfer von Wald und Weide auf die Äcker war notwendig, weil es noch keinen Kunstdünger gab und der durch die Ernte erfolgte Massenentzug ersetzt werden musste. Unter besseren Standortbedingungen gab es Gras als natürliche Vegetation Mitteleuropas nur dort, wo umgestürzte Bäume kurzfristig Licht auf die Erde ließen. Wo in der Folge das Wild oder Weidetiere die Bäume stark verbissen hatten, konnte sich eine parkähnliche Waldweidelandschaft entwickeln. Mit der Entwicklung der Glas- Salz- und Eisenhüttenindustrie und des Bergbaus wurde das Interesse der Grundherren am Holz der Wälder größer, und sie schränkten die LandbewohnerInnen in ihrer Nutzung des Waldes für Holz, Streu, Futter und Weide ein. In der Folge wurde das Grünland immer wichtiger für Vieh und Ackerfruchtbarkeit.

Im Grünland wachsen, aus der Sammlerinnenperspektive betrachtet, vor allem die Pflanzen des Wiesenspinats, der Frühlingskräutersuppen und die Heilkräuter des Hochsommers. Im Allgemeinen haben die Sammelpflanzen des Grünlandes weniger Nährstoffe und weniger Blattmasse als die Frühlingsgeophyten und Früchte des Waldes. Dafür enthalten sie viele sekundäre Inhaltsstoffe, oft sind sie daher bitter oder scharf. Man muss sie untereinander oder mit Gartengemüse kombinieren, damit sie als Nahrungspflanzen genießbar sind. Je schlechter eine Wiese mit Nährstoffen oder Wasser versorgt ist, umso mehr verschiebt sich das Spektrum der Arten von den Gemüsepflanzen zu den Gewürz-, Kur- oder Heilpflanzen.
Weiden
Die Beweidung wirkt sich anders auf die Pflanzendecke aus als das Mähen, und mit steigendem Weideeinfluss ändert sich auch die Artenzusammensetzung und das Erscheinungsbild einer Wiese. Die Pflanzen, die sich auf einer gut bestoßenen Weide halten können, müssen trittresistent sein. Lückenbesiedler wie Thymian und Gänseblümchen finden gute Bedingungen vor, wo die Tiere den Boden aufgerissen haben und die Vegetation kurz halten. Konkurrenzschwache Arten wie der Frauenmantel und kriechende Pflanzen wie Weißklee und kriechendes Fingerkraut profitieren von der besseren Belichtung, weil die Weidetiere das Gras kurz halten. Quecke und Distel werden durch regelmäßiges Verbeißen zu vermehrtem Austrieb angeregt und bilden Herden. Auf Geilstellen wachsen der Ampfer und die Brennessel, die sonst im gepflegten Grünland nichts verloren haben und vom Vieh gemieden werden. Wiesenbocksbart und Wiesenbärenklau sind hingegen Leckerbissen für die Tiere und können sich auf der Weide meist nicht halten. Im großen und ganzen ist das Erscheinungsbild einer Weide heterogener als das einer Wiese. Pflanzen, die wirksame Fraßhemmungen (Gifte, Dornen, schlechten Geschmack oder harte Fasern) besitzen, breiten sich als Weideunkräuter aus, wenn die Weide nicht gepflegt wird und der Tierbesatz zu gering ist.
Bei fehlender Weidepflege können sich Gehölze ausbreiten, welche die ursprüngliche Vegetation allmählich verdrängen. Auf Trockenrasen können Wacholder, Heckenrose, Weißdorn und Schlehe diese Veränderung einleiten, auf der Perchtoldsdorfer Heide bei Wien lösen Steinweichsel und Föhre an einigen Stellen die Steppenvegetation ab.
Da die Weidevegetation dem Betritt durch das Vieh angepasst ist, dürfen auch die Sammlerinnen zumindest Rinderweiden jederzeit betreten. Viele Wanderwege führen über Weidegatter durch die Weiden hindurch.

Rosettenpflanzen haben einen sehr tief liegenden Vegetationspunkt, so dass sie von Rindern, die ihre Nahrung mit der Zunge umschlingen, nicht erfasst werden. Andere Wildgemüse in sammelwürdiger Menge findet man auf einer Weide nur in den Regenerationszeiten, in denen sich darauf keine oder wenige Weidetiere (z.B. auf großen Standweiden oder auf Almen) befinden. Menschen und ihre Haustiere haben nämlich in dieser Beziehung einen ähnlichen Geschmack. Pflanzen mit Fraßhemmstoffen treten auf Weiden gehäuft auf und sind zudem größer als die Pflanzen in ihrer Umgebung. Die Heilpflanzen darunter sind auf diese Weise einfach zu sammeln. Aus Sicht der BäuerInnen sind sie Weideunkräuter (z.B. Arnica, Herbstzeitlose).


Wiesen

Im Grünland können die Standortbedingungen und die Pflege zu sehr unterschiedlicher Vegetation führen. Eine extensive Bewirtschaftung, bei der dem Nährstoffentzug keine oder wenig Nährstoffzufuhr entgegengesetzt wird, ist dabei nicht zu verwechseln mit dem Brachfallen, wo kein Nährstoffentzug mehr stattfindet, und der Boden aus der Luft eutrophiert wird. Intensive Bewirtschaftung meint sowohl hohen Arbeitseinsatz als auch intensive Düngung.


Basische Trocken- und Halbtrockenrasen

Ein großer Teil heutiger und früherer Hutweiden gehört zu den Trocken- und Halbtrockenrasen oder Magerrasen. Der ständige Nährstoffentzug hat zu sehr standortabhängigen Vegetationsgesellschaften geführt. Durch Beweidung oder einmal jährliches Mähen werden die Bestände stabilisiert bzw. sind sie entstanden. Vor der Erfindung des Kunstdüngers, und bevor die großzügige Zufütterung von importiertem Futter durch billige Transporte rentabel wurde, waren magere, trockene und basische Trespenwiesen und die ebenfalls sehr nährstoffarmen sauren und feuchten Borstgrasrasen das häufigste Grünland. Sie wurden ausgehagert , weil ihre Nährstoffe auf den Äckern gebraucht wurden. Und aus dem selben Grund wurden sie kaum gedüngt. Magerrasen wurden durch die nährstoffzehrende Bewirtschaftung geschaffen und werden aufgrund der geänderten Wirtschaftsweisen seltener, und damit die an magere Standorte gebundenen Pflanzen, unter denen sich viele Heilpflanzen befinden.

Auf den Trockenrasen müssen sich die Pflanzen gegen extreme Witterungsbedingungen wie Frost, Sonnenstrahlung und Trockenheit schützen. Sie machen das unter anderem durch die Einlagerung von ,Frostschutzmitteln‘ wie Zucker, Salzen und anderen sekundären Pflanzeninhaltsstoffen. Mineralstoffe sind in Trockenrasenböden meistens in großer Menge vorhanden, weil sie durch die Verdunstung des Grundwassers über die Kapillaren nach oben gezogen werden. Die Pflanzen müssen diesem Salzüberschuss im Boden in ihrem eigenen Wasserkreislauf ebenfalls Salze entgegensetzen, da die Osmose sie sonst austrocknen würde. Da die Pflanzen es schwer haben, sich unter diesen widrigen Umständen zu regenerieren, besitzen sie meistens Mechanismen, um Fraßschäden abzuwehren. Das können Kieselsäureeinlagerungen, ätherische Öle oder Gifte sein.
Die meisten Pflanzen der meistens auch sehr artenreichen (70-80 Arten) Trockenrasen können daher als Tee oder Gewürz verwendet werden. Große Mengen dieser Kräuter sind weder für Menschen noch für Tiere genießbar. Die Kräuter sind eher kleinwüchsig, zum Teil in Polstern oder Horsten wachsend. Fast alle sind mehrjährige Stauden. Meistens sind es Blätter und Blüten, welche die gesamte Vegetationsperiode über gesammelt werden können. Vor der Mahd ist das Sammeln allerdings aussichtsreicher als danach. Meistens ist es kein Problem, wenn man in die Bestände hineingeht. Sowohl der Boden als auch die Vegetation sind relativ trittfest.
Sammelpflanzen, die vor allem in trockenen Magerrasen (Wiesen und Weiden) zu finden sind, sind Thymian, Wundklee, Kleiner Wiesenknopf, Dost, Blutwurz, Bibernell, Echte Schlüsselblume, Kaiserknopf, Tausendguldenkraut, Feldmannstreu, Gamander, Odermennig, Johanniskraut, Wacholder, Hornklee, Katzenpfötchen, Heilziest, Quendel, Veilchen, Erdbeere.


Ende Teil II


Elisabeth Salome Gruber


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