Sammelorte und Wegwissen   Teil I
- von Frauen, die Wildgemüse und Heilkräuter sammeln
Mit meiner Diplomarbeit (Gruber 2005) habe ich das Ziel verfolgt, die Voraussetzungen für das Sammeln von Wildpflanzen herauszuarbeiten.

Ich habe aus diesem Grund Frauen dazu befragt, wo und warum sie Wildkräuter sammeln und wie sie das gelernt haben. (Wenn im weiteren Text von Sammlerinnen die Rede ist, sind damit meine Interviewpartnerinnen gemeint, wenngleich die Erkenntnisse auch auf andere Sammler und Sammlerinnen übertragbar sind.) Das zum Sammeln nötige Gebrauchswissen, die Orte, an denen die Frauen ihr Sammelgut erwerben, und die auch von der Umgebung anerkannte Auffassung dieser Orte als Gemeingut sind meiner Ansicht nach die wichtigsten Voraussetzungen für das Sammeln. Diese drei Voraussetzungen sind stark ineinander verflochten.


Über das Sammeln als solches
Aus der Perspektive der Sammlerinnen ist das Sammeln lebendige Tätigkeit, deren Bedeutung mit ihren Erfahrungen wächst. Sie haben die Grundlagen über die Verwendung von Wildpflanzen im Elternhaus gelernt, zumeist von ihren Müttern und Großmüttern. Nachdem ihr Interesse erwacht ist, haben sie Wege gefunden, auf bereits gemachte Erfahrungen aufbauend ihr Wissen mithilfe ihrer Sinne selbständig zu erweitern.
Zum Sammeln brauchen die Frauen rechtlichen und materiellen Zugang zu Land, das ihnen nicht gehört. Auf diesem Land herrschen andere Nutzungen vor. Zumeist hat erst die Vornutzung diese Orte zu möglichen Sammelorten gemacht. Deshalb werde ich im Weiteren die verschiedenen Vegetationsräume, ihre Genese und ihre Qualitäten beschreiben. Zum Sammeln ist es hilfreich, die eigene Ortskenntnis mit diesem theoretischen Wissen zu verbinden. Das Verständnis der vergangenen und gegenwärtigen Bewirtschaftung ermöglicht einerseits, die Qualität eines Ortes als Sammelort präzise einzuschätzen, und andererseits, Konflikte auf den zumeist bewirtschafteten Flächen zu vermeiden. Die Sammlerinnen nutzen das Land rücksichtsvoll als Gemeingut und tragen auf diese Weise dazu bei, dieses Gemeingut lebendig zu erhalten. Auf die möglichen Sammelorte werde ich nun näher eingehen.


Sammelorte
Flächen, die unter bäuerlicher land- oder forstwirtschaftlicher Nutzung stehen, sind sowohl für LandbesitzerInnen als auch für Landlose am besten zugänglich und geeignet. Das sind Wald, Grünland, Äcker und Brache sowie die dorthin und durch sie hindurch führenden Wege.

Wald
Die natürliche Vegetation der gemäßigten Klimastufe war und ist im großen und ganzen Laubwald in den Niederungen und Nadelwald in den höheren Lagen. Nur auf extrem trockenen, extrem nährstoffarmen, seichtgründigen, nassen oder frisch gestörten Standorten konnten Gräser und Kräuter längere Zeit die Vorherrschaft behalten.
Das Sammeln im Wald ist heutzutage kaum geregelt und weder geschützt noch verboten. Die wichtigste Voraussetzung für das Sammeln, nämlich die freie Zugänglichkeit des Waldes, ist gesetzlich geschützt. Der Gesetzgeber drückt im Forstgesetz sein Interesse aus, die Erholungsfunktion des Waldes sicherzustellen. Das Sammeln von Pilzen ist auf eine kleine Menge für den persönlichen Gebrauch beschränkt. Will jemand größere Mengen sammeln, braucht er oder sie die Erlaubnis der EigentümerInnen. Die Wildsammlung von Pflanzen wird vom Forstgesetz weder angesprochen noch geregelt, also nicht wahrgenommen. Der Staat bezieht zu dieser Tätigkeit nicht Stellung. Das ist merkwürdig, weil der Wald ein sehr beliebter Sammelort ist.
Nur wenige krautige Pflanzen benötigen den Schatten im Wald. Bärlauch, Waldmeister und Zahnwurz sind klassische Auwald- und Laubmischwaldsammelpflanzen. Scharbockskraut, Veilchen, Farn, Lungenkraut, Himmelschlüssel, Heidelbeeren, Erdbeeren, Taubnessel wachsen im Wald im Gegensatz zu artenreicheren Standorten ohne Konkurrenz und deshalb in für das Sammeln günstiger Häufung.
Im Wald werden in erster Linie Nahrungspflanzen gesammelt, nämlich Frühlingskräuter (Bärlauch, Waldmeister, Saunigl, HanslundGretl), Baumfrüchte (Eicheln, Kastanien, Bucheckerln), Pilze und Beeren. Genau diese Sammelprodukte sind auch heute noch auf den Wochenmärkten in Wien (Bärlauch) und Klagenfurt (Heidelbeeren, Preiselbeeren, Saft vom roten Holler, Himbeeren, Brombeeren, Traubenkirsche, Kastanien) zu finden. Wenn man aber einmal vom Bärlauch absieht, von dem in kürzester Zeit große Mengen gesammelt werden können, so braucht das Sammeln von Nahrungspflanzen doch mehr Zeit als das von Teedrogen, von denen geringe Mengen ausreichen. Gesammelte Beeren werden in festen Behältnissen transportiert, somit erfordert das Beerensammeln eine genauere Planung. Ferner ist eine sofortige Verarbeitung der Beeren nötig.
Pflanzen, die im Wald gesammelt werden, sind neben den Frühlingsgeophyten mehrjährige hohe Stauden, zum Beispiel Engelwurz, Zinnkraut, Johanniskraut, Himbeere. Sie brauchen einen lichten Standort, um sich anzusiedeln. Anschließend benötigen sie ein paar Jahre relative Ruhe, um sich zu entwickeln und sammelwürdige Dominanzen zu bilden. Diese Bedingungen finden sie vor allem auf Schlägen, Lichtungen, Windbrüchen, im Niederwald und Auwald, an Wegrändern und Waldrand bzw. im Waldsaum. Die Hochstaudenfluren im Wald sind nicht wie die Wiesen beabsichtigte Vegetation. Sie sind als Dauerkulturbegleiter oder Glieder einer Sukzession Nebeneffekt der Bewirtschaftung.
Zum Teil wurde die natürliche Vegetation auch bewusst durch das Sammeln gestört. Speik (Nowak 1997, 108) und Bärlauch (Machatschek 1999, 24) werden gefördert, wenn man den Boden aufwühlt um an ihre Wurzeln bzw. Zwiebeln zu gelangen. Der Waldgeißbart reagiert auf das Abgeschnittenwerden ebenfalls mit vermehrter Triebbildung. Die Sammelorte dieser Pflanzen werden durch Erntevorgänge vor Sukzession bewahrt (Machatschek 1999, 24).
Wenn nichts dagegen unternommen wird, werden im Lauf der Zeit die lichthungrigen Saumpflanzen von anderen Pflanzen in einer Sukzession Richtung Wald verdrängt: Johanniskraut ist relativ konkurrenzschwach und kann schon nach drei Jahren wieder verschwunden sein. (Pohanka 1987, 153 und 161), wenn sein Standort nicht im Herbst gemäht wird (es ist eine Zeigerpflanze für junge Brachen). Himbeeren können auf einem Schlag zehn Jahre durchhalten. Auf sie folgen Brombeeren, die auch noch im Schatten weiterleben, aber nicht mehr fruchten. Birken können zwar bis zu 80 Jahre alt werden, aber irgendwann wachsen ihre untersten Blätter im schattigen Wald in unerreichbarer Höhe. Wenn sie hingegen sonnig stehen und nicht vom Wild oder Weidevieh verbissen werden, neigen sich die Äste vieler Waldbäume bis zum Boden, um den Stamm vor Sonne zu schützen. In diesem Fall kann man auch gut davon sammeln.


Ende Teil I


Elisabeth Salome Gruber


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