Der rituelle Gebrauch psilocybinhaltiger Pilze in Mexiko und Mitteleuropa
Versuch einer ersten Orientierung unter besonderer Berücksichtigung des Gebrauchs im rituellen Kontext. Eine Arbeit von Jörn Trohl.   Teil I

Darstellung der Ritualteilnehmer und Ihrer Vorstellungen und Erwartungen in Bezug auf das Ritual und die Pilzwirkung
Anders als noch in den sechziger und siebziger Jahren ist der Gebrauch halluzinogener Substanzen in den neunziger Jahren nicht mehr mit einem Protestverhalten Jugendlicher assoziiert. Der Gebrauch ist in allen Generationen anzutreffen. (Rätsch, 1995a: 304) Die Pilzrituale werden sowohl von Männern als auch von Frauen besucht; das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ist ausgeglichen. (Linder, 1981:1277f; Rätsch, 1995a: 312).

Rätsch gibt an, daß die Ritualteilnehmer überwiegend aus gebildeteren Schichten mit akademischen Abschluß stammen, außerdem finden sich viele aus kreativen Berufen oder sind in den Medienberufen tätig, selten aber Handwerker, Hausfrauen und Fabrikarbeiter. Viele stammen aus der 68er Generation.
Rätsch beschreibt die Altersspannbreite von 18 bis 80 Jahren und gibt den Durchschnitt mit 30 Jahren an. Die Teilnehmerzahl gibt Rätsch mit 9 bis 20 Personen an, wobei er 12 Personen als Durchschnitt bezeichnet. Die meisten dieser Personen haben gemäß seinen Beobachtungen schon psychedelische Erfahrungen. Wer sich von den Pilzen angezogen fühlt, der nimmt teil. (Rätsch, 1995a: 312)
Die von ihm beobachteten Rituale werden von einem Leiter geführt. Die Position des Leiters wird dabei von Männern und Frauen eingenommen. (Rätsch, 1995a: 311f) Rätsch macht hier allerdings keine Angaben, wie jemand in die Position des Ritualleiters gelangt ist. Er erscheint als derjenige, der für einen reibungslosen Ablauf des Rituals zuständig ist. Außerdem bestimmt er Ort und Zeitpunkt des Rituals. (Rätsch, 1995a: 311) Bei Linder finden sich überhaupt keine Angaben zum Alter und zur sozialen Schichtung der Teilnehmer und darüber, wie das Ritual geleitet wird.

Wie bereits Linder (1981) anführt, scheinen bei den Pilzritualen Vorstellungen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten eine Rolle zu spielen. Linder stellt, durch Rätsch (1995a) weitgehend bestätigt, die Ideologie eines weitgespannten heidnisch‘-christlich-buddhistisch-hinduistischen Synkretismus fest. Diese Feststellung möchte ich durch die folgenden Aussagen ergänzen, welche Vorstellungen und Erwartungen an das Pilzritual offenbar werden lassen. Die Aussagen stammen von Personen, die Christian Rätsch befragt hat:

Die Pilze sind außerirdische Wesen, die auf die Erde gekommen sind, um mit dem Menschen eine symbiotische Co-Evolution einzugehen
Die Pilze sind Geschenke der Götter, bzw. der Erdgöttin Gaia und dienen dem Menschen, ein ökologisches und schamanisches Bewußtsein zu erlangen
Die Pilze sind ein Geschenk der Natur und verbinden den Menschen mit der inneren und äußeren Natur
Die Pilze sind intelligente Wesen, die unser Gehirn benötigen, um sich ihrer selbst bewußt zu werden [...]
Die Pilze sind Tore zur Anderswelt oder zum Wunderland; sie offenbaren die wahre Wirklichkeit
Die Pilze sind Heilmittel, die nicht nur Krankheiten und Symptome heilen können, sondern den gesunden Menschenverstand heiler werden lassen [...]
Die Pilze erweitern die Wirklichkeit, fördern die Spiritualität und vertiefen das Naturverständnis
Der Pilz ist der Baum der Erkenntnis; jeder der davon nascht erkennt das Göttliche
Die Pilze sind Lehrmeister oder Pflanzenlehrer, die vertiefte Erkenntnisse über den Menschen im Universum vermitteln [...] (Rätsch, 1995a:309)

Ähnliche Überzeugungen findet Rätsch ebenfalls bei Terence Mckenna. (Rätsch 1995a:309)

Besonders die Vorstellung des Pflanzenlehrers als eines Wesens, das der Pflanze innewohnt, scheint im modernen Pilzgebrauch verbreitet zu sein. Im übrigen ist dies eine Anschauung, die sich in verschiedenen Kulturen findet, die mit psychoaktiven Pflanzen arbeiten. (Rätsch, 1995a:319) Rätsch stellt fest, daß die Vorstellungen der Pilzesser stark an die indianischen und/oder schamanischen Anschauungen erinnern. (Rätsch, 1995a: 309)
Außerdem führt er aus, daß der Pflanzenlehrer der Kultur entsprechend in unterschiedlicher Gestalt erscheine, den Indianern beispielsweise als Jaguar oder als Schlange, den Deutschen als Gartenzwerg (!) oder den Engländern als Fee oder Elf. Seine Botschaften würden ernst genommen, und als weibliche, männliche oder androgyne Gottheit verehrt.

Rätsch betrachtet den gegenwärtigen Pilzkult als Rückkehr zum Heidentum. Vollmondnächte, die für die Pilzwirkung als besonders förderlich angesehen werden und alte heidnische Feste werden bevorzugt. Die alten heidnischen Feiertage würden die Pilzerfahrung mit dem morphogenetischen Feld der alten Kulte erfüllen. (Rätsch, 1995a:311)
Es wird ein Pantheon der Pilzgötter verehrt. Diese treten als Schenker der Pilze auf und offenbaren sich nach der Einnahme der Pilze. Sie weisen den Pilzessern den rechten Weg durchs Leben.(Rätsch, 1995a: 319) Auch Linder stellt fest, daß die Pilze das Geschenk eines Gottes seien und ebenso der Natur (1981: 1277f).

Nach dem Verständnis der Ritualteilnehmer handelt es sich um alte bzw. wiederbelebte europäische Pilzrituale (Rätsch, 1995a: 309; Linder 1981:1277f). Rätsch (1995a: 308) berichtet außerdem, daß die Verwandtschaft mit indianischen Ritualen von den Teilnehmern gesehen werde.
Zu den wichtigsten von Rätsch genannten Gottheiten gehören der Bienengott von Tassili (Algerien), der mexikanische Gott der Extase Xochipilli, der germanische Gott der Ekstase und Erkenntnis Wotan/Odin, der berauschte Weingott Dionysos, der "Kiffergott" Shiva und vor allem die Große Göttin in all ihren Manifestationen (Rätsch, 1995a:319).

Die Pilzrituale würden nicht als psychotherapeutische Handlungen in dem Sinne gesehen, daß es um die Bewältigung individueller bzw. persönlicher Probleme gehe. Vielmehr stehe das Erreichen der transpersonalen Ebene im Vordergrund, bei der es um Erfahrungen gehh, die über das Persönliche hinausreichten (Rätsch, 1995a:312).
Zusammenfassend bemerkt Rätsch:

"Bei den bepilzten Ritualteilnehmern manifestiert sich folgende Anschauung: Der Pilz schenkt den Menschen die universelle Liebe – zu sich selbst und anderen Menschen, zu den Pflanzen und Tieren, zur Erde und der Galaxis, zu den Göttern und Göttinnen, aber vor allem zu den Pilzen." (Rätsch, 1995a :320)

Sowohl nach Rätsch (1995a :309) als auch nach Linder (1981:1277f) werden die Pilze in den Anschauungen der Konsumenten nicht als Drogen betrachtet.


Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung des Rituals
Termin und Ort der Pilzrituale werden wegen der rechtlichen Situation nicht öffentlich bekannt gegeben sondern von Mund zu Mund verbreitet (Rätsch 1995a: 311f). Sowohl Linder (1981) als auch Rätsch (1995a) berichten von eingehenden Vorbereitungen auf das Pilzritual. Linder spricht von einem Meidungsgebot, das sich auf Drogen und Alkohol, sexuelle Kontakte und schlechte Gedanken vier Tage vor und nach dem Ritual bezieht. Er weiß weiter von einem speziell hergerichteten Raum, in dem das Ritual stattfindet. Die Pilze selber werden nur in beschränkter Zahl gepflückt, mit Salbeirauch rituell gereinigt und in einem ebenfalls rituell gereinigten Gefäß aufbewahrt. Die Oberhäupter werden stehengelassen, und man spendet ihnen Mehl und andere Opfergaben. Die Pilze werden durch Singen veranlaßt, sich zu zeigen. (Linder, 1981: 1277f)
Nach Christian Rätsch (Rätsch, 1995a) folgen die Pilzrituale, an denen er teilnahm, alle einem gemeinsamen Grundmuster. Kleine Varianten hingen mit den individuellen Besonderheiten der Ritualleiter zusammen. (Rätsch, 1995a:311) Ansonsten stellt er fest:

"Die modernen Ritualstrukturen zum entheogenen Pilzgebrauch orientieren sich an den traditionellen indianischen Formen, so der mazatekischen velada und dem Peyote Meeting der nordamerikanischen Indianer. [...] Es sind Kreisrituale, die manchmal Ceremonial Circle oder Heilkreis, auch Pilzkreis genannt werden. Der Einsatz von Kreisritualen ist nicht auf den sakramentalen Gebrauch von Pilzen oder anderen psychoaktiven Stoffen beschränkt, er hat sich in der eher heidnischen Gegenkultur etabliert." (Rätsch, 1995a: 308)

Christian Rätsch beschreibt die Rituale mit Hilfe eines Grundmusters, das er bei einer "kulturvergleichenden Untersuchung zur Struktur psychedelischer Erkenntnisrituale" (Rätsch, 1995a: 310) entdeckt hat. Er schreibt dazu:

"Die entheogenen Pilzrituale, an denen ich teilnehmen konnte, erfüllen dieses Modell bis in alle Einzelheiten." (Rätsch, 1995a: 311)

Das Modell (1995a: 310) soll weder kommentiert noch analysiert werden. Es diene als Information zur Darstellung gegenwärtiger europäischer Pilzrituale:

Phase Innerer Prozeß - Äußere Handlung
Vorbereitung (Alltagsbewußtsein) - Reinigung - Fragestellung
(Sexuelle Enthaltsamkeit, Fasten, Waschen/Erbrechen/Klistiere, Kleidungswechsel, Besinnung/Kontemplation, Meditation)

Durchführung -Schaffung des heiligen Raumes
(Räucherung, Opfer, Musik/Gebet/Beschwörungen, Droge/psychoaktive Technik)


(VWB) Verändertes Wachbewußtsein -Vision - Erkenntnis (Gebrauch von Ritualobjekten)

Nachbereitung (Alltagsbewußtsein) -Antworten finden - Probleme lösen (Visionen kommunizieren -Erzählen, Singen, Malen, Bücher schreiben usw.)

Wie bereits erwähnt werden besonders Vollmondnächte und alte heidnische Feiertage, wie beispielsweise die Sonnenwende, Halloween oder das österliche Frühlingsfest als Ritualzeiten bevorzugt. Aber auch persönliche Feiern, wie etwa die Hochzeit werden mit einem Pilzritual verbunden. Die Treffen finden wegen der Berufstätigkeit der meisten Teilnehmer am Wochenende statt. Sie gehen dann entweder von Freitag abend oder Samstag morgen bis Sonntag mittag. Ebenso wie die Zeiten werden die Orte sorgfältig ausgewählt: besondere Seminarhäuser, alte Kultplätze oder Kraftplätze. Bei gutem Wetter findet das Ritual im Freien oder in Tipis statt, da seine Kreisform für ein Kreisritual ideal sei und die zum Himmel zusammenlaufenden Zeltstangen 'das kollektive Zusammenfließen der bepilzten Bewußtseine' andeute. (Rätsch, 1995a: 311)


Ende Teil I


Jörn Trohl


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