Die Brennnessel
Was brennt um´s ganze Haus - und s´Haus brennt nit? Wenn es eine Pflanze gibt, der ich mit Respekt und gebührendem Abstand begegne, dann der Brennnessel. Nicht nur einmal habe ich mit ihrem schlangen- und bienengiftartigen Wirkstoff Bekanntschaft gemacht.

Ist sie wirklich so ein Unkraut, ein Ungetüm, das vernichtet werden muss?
Oder besitzt sie doch auch "wirksame" Seiten? Viele Märchen spinnen sich um die Brennnessel; ich möchte auf eines näher eingehen:

Es erzählt von einer Königin, die zwölf gesunden Knaben das Leben geschenkt hat. Sie wünschte sich aber nichts sehnlicher als ein Töchterchen, sie würde dafür sogar ihre Söhne hergeben. Da erschien eine alte Frau: "Das ist ein böser Wunsch und zur Strafe soll er dir gewährt werden!" Bald darauf wurde die Königin schwanger; die Söhne verwandelten sich bei der Geburt des Mädchen in Schwäne und flogen davon.
Die kleine Rose wuchs nun allein im Schloss auf, ohne von der Existenz der Brüder zu ahnen. Als sie immer älter wurde, spürte sie, dass ein Geheimnis wie ein Schatten über allem lag. Sie stellte Fragen, die ihr aber niemand beantwortete. Aus dem Mädchen war eine Frau geworden und da erfuhr sie von der Amme die ganze Wahrheit. Rose schwor nun, dass sie die Brüder wieder finden und den Zauber brechen würde.

Sie verließ mit einem Laib Brot und den Kleidern, die sie trug, das elterliche Schloss und geriet in einen tiefen Wald. Als sie an einem Fluss Rast machte, tauchte eine alte Frau auf und bat sie um ein Stück Brot. Rose teilte das Wenige mit ihr. Die Alte erzählte Rose, dass sie die Brüder am Ufer des Meeres finden würde. Als Rose vor ihren Brüdern stand, wurden diese starr vor Schreck; denn sie hatten geschworen, das erste junge Mädchen, das ihnen begegnen würde, zu töten. Da erschien wieder die Alte und bat sie den Schwur zu brechen. Am nächsten Morgen, zur Sommersonnenwende, flogen die Brüder mit Rose in einem Korb los - ins magische Land der Fata Morgana!
Fata Morgana zeigte Rose in einer Vision, dass sie für jeden ihrer zwölf Brüder ein Hemd aus wilden Nesseln anfertigen müsse. Wenn sie diese Aufgabe schweigend erledigen würde, wären die Brüder beim Überstreifen der Hemden erlöst!

Rose machte sich an die Arbeit. Eines Tages kam ein König vorbei, er und Rose verliebten sich und heirateten. Rose musste nun die Nesseln nachts am Friedhof pflücken. Ihre Schwiegermutter beschuldigte sie daraufhin der Hexerei. Übers Jahr gebar Rose ein gesundes Mädchen. Ihre Schwiegermutter nahm das Neugeborene, warf es einem Wolf zum Fraß vor und beschmierte Roses Mund mit Blut: "Zu Hilfe, die Hexe hat ihr eigenes Kind gefressen!"
Der König hielt aber zu seiner Frau, die schweren Herzens weiter schwieg und Hemden aus Nesseln anfertigte. Wieder ein Jahr später gebar Rose erneut ein Mädchen. Ihre Schwiegermutter warf das Neugeborene wieder in den Rachen des Wolfes und beschmierte Rose mit Blut. Das Volk bestand nun auf der Hinrichtung der Königin. Sogar in der Nacht vor der Hinrichtung schwieg Rose noch immer und nähte an den Hemden weiter. Selbst auf dem Karren arbeitete sie noch am letzten Hemd!
Als die Flammen sie bereits umhüllten, landeten zwölf Schwäne vor ihr und löschten mit ihren Flügeln die Flammen. Rose warf jedem ein Hemd über und jeder der Vögel verwandelte sich in einen starken Mann zurück. Sie bildeten einen Kreis und versuchten Rose vor der Masse zu schützen.
Die brennenden Holzscheite und Flammen verwandelten sich in blühende Rosen; Rose rief laut: "Ich bin unschuldig!" und fiel wie tot zu Boden. Ihr Mann, der junge König, pflückte eine Rose und legte sie seiner Frau auf die Brust. Als Rose daraufhin erwachte, erschien die Alte. Sie war der Wolf gewesen und brachte die beiden Mädchen den glücklichen Eltern zurück.

Niemand anderes als die Göttin begegnet uns in Rose. Sie spinnt den Lebensfaden und webt das Schicksal. In den indogermanischen Mythen symbolisiert die Schwanengestalt das Hinaustreten, die Loslösung von der materiellen Erde und ihrer Gesetze. Die Brennnessel aber, hier als Hemd das Herz beschützend, vermittelt die Eisenkraft, welche die Seele ermächtigt, das Erdenkarma auszuleben. Seit "Urzeiten" ist es die Göttin, die in Gestalt der Frigga/Freya, Athene, Minerva, der Nornen... mit der Spindel oder dem Spinnrad das Schicksal der Menschen und Götter spinnt.

Die Brennnessel wurde von den Kelten als bewaffneter Krieger des Grünen Mannes, des Gefährten der Erdgöttin, angesehen. Sie half dem Körper wieder in Schwung zu kommen, die "verdorbenen " Körpersäfte zu reinigen. Auch wenn viele heute darüber lächeln, so hat eine Brennnesselsuppe oder Brennnesselspinat auch heute noch seine Berechtigung und seinen Platz auf unserem Speiseplan!

Was sagt die Medizin dazu?
Die Kräuterfrau Maria Treben rät uns, die gute Brennnessel zu ehren und uns ihre wunderbare Kraft in Form von Tee einzuverleiben. Warum?

Die Brennnessel enthält in ihren Brennhaaren Acetylcholin und Histamine. Wir finden aber auch Mineralsalze (Kalium, Calcium, Kieselsäure), Stearine, Gerbstoffe, Eisen, Chlorophyll, Vitamin A und C; gemäß ihrer fast tierischen Natur enthält sie natürlich auch viel Eisen!
Durch die Anregung der Nierentätigkeit wirkt sie blutreinigend, sie aktiviert den gesamten Körperstoffwechsel und verleiht durch die Kieselsäure eine schönere Haut und strahlende Haare. Besonders bewährt hat sich auch eine vier-bis sechswöchige Trinkkur im Frühling oder Herbst - bitte beachtet, dass auch pflanzliche Arzneimittel in der Regel nicht zum Dauergebrauch geeignet sind und auch Nebenwirkungen haben können - befragt bei länger andauernden Beschwerden in jedem Fall euren Arzt.

Geerntet und genutzt werden die Blätter und jungen Triebe, die bis zur Sommersonnenwende ihre größte Kraft besitzen. Nach der Blüte geht die Kraft in Pollen und Samen über. Bei der Brennnessel handelt es sich um eine feurige Marspflanze, dementsprechend verordnet man die Brennnesseln um etwas zu erwärmen oder auszutrocknen.
Werner Christian Simonis beschreibt in seinem Buch:" Heilpflanzen und Mysterienpflanzen" das Wesen der Brennnessel so:
"....das Wesen der Urtica ist: Sie ist der Gegenprozess des menschlichen Bluts-Prozesses und dadurch ein Wächter der im Blute inkarnierten menschlichen Wesenheit zwischen Auftrieb und Schwere. Sie wacht am Rande der Zivilisation!" ( S. 473...)

Was meint der Volksmund?
Wenn man an einem Freitag, dem Tag der Venus/Freya, vor Sonnenaufgang heimlich auf eine Brennnessel uriniere, dabei den Namen des/der Geliebten sage und die Pflanze mit Salz besprenge, könne man dem Objekt der Begierde eine heiße Liebe anzaubern. Man müsse nur nach Sonnenuntergang desselben Tages die Pflanze ausgraben, in die Glut legen und drei Dämonen beschwören: "Öl, Ammel und Ingrimm. So wie diese Nessel hier brennt, so brenne auch sein/ihr Herz nach mir!" ( Störl, Heilkräuter und Zauberpflanzen, S. 25)

Brennnesseljauche stinkt nicht nur fürchterlich, sie düngt auch kräftig und machte gegen Pilz und Schädlingsbefall widerstandsfähiger.

Ein Tipp noch
Auch wenn die Brennnessel unscheinbar wirkt, so umgibt sie sich doch mit prächtigen Farben. Das Tagpfauenauge, der Kleine Fuchs und der prachtvolle Admiral verleihen der Brennnessel mit ihrer Anwesenheit einen besonderen Charme. So sollte nicht nur für uns Menschen, sondern auch für die Raupen dieser prachtvollen Schmetterlinge immer ein Eckchen im Garten für die Brennnessel unbearbeitet bleiben!


Sternenelfe


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