Thelemitische Ethik 101   Teil II

Tawsi Al-Khidr hat sich ein paar Gedanken zum Thema der thelemitischen Ethik gemacht. Crowleys Liber Al, bei vielen, die sich mit Magie beschäftigen, ein Standardwerk, dient ihm dabei als Grundlage seiner Überlegungen. Anufa durfte seinen Text fürs WurzelWerk übersetzen. Herzlichen Dank für die ArtikelSpende!

Zurück zum Liber L

Für unser Thema sind einige der oben erwähnten Zitate relevanter als andere. Einige haben mit den/m Them(en)a auch garnichts zu tun. Wir müssen uns die Anweisungen ansehen, die direkt das Wort „Gesetz“ mit der zwischenmenschlichen Ethik verbinden: Sie müssen alle zusammen zur selben Zeit wahr sein! Jede Interpretation, die diese Prinzipien nicht mit einbezieht, wird mit den Intentionen des Liber Al nicht viel zu tun haben. Ohne Kontext wird jede Interpretation in völligem wischi-waschi Relativismus untergehen. Jetzt also zu dem Satz, der für unser Thema am relevantesten sein wird (die anderen bringen einfach keine zusätzlichen Informationen zu unserem kleinen Ausritt, deshalb lasse ich die für den Moment aus)

I/34 … das Gesetz ist für alle.
I/40 … Tue was du willst soll das ganze Gesetz sein.
I/57 Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen. …
II/21 … das ist das Gesetz der Starken: das ist unser Gesetz und die Freude der Welt.
III/39 ... und jedem Mann und jeder Frau die du triffst, sei es um bei ihnen zu essen oder zu trinken, gib ihnen das Gesetz.
III/60 Es gibt kein Gesetz über „Tue was Du willst“ hinaus


Die ethischen Ziele dieses „Gesetzes“ sind folgende


I/40 sagt, dass der grundlegende und vollständige Aspekt von Ethik ist, dass „man“ tun können soll, was man will. Wer ist „man“?
I/34 sagt, dass das „Gesetz für alle“ ist. Wir merken an, dass es nicht aussagt, dass das Gesetz nur für bestimte Leute wäre, für die besonders starken oder für diejenigen, die einsam mit ihren Raketenwerfern sich im Feindesland verteidigen können. Nein, es sagt, dass „alle“ tun können sollen, was sie wollen.
I/57 sagt, dass Liebe das Gesetz ist, allerdings mit dem Beisatz „unter Willen“. Natürlich ist „Liebe“ hier nicht speziell auf romantische oder sexuelle Weise zu betrachten, sondern als metaphysisches Prinzip der Vereinigung von Gegensätzen. „unter Willen“ bedeutet dass willenlose Liebe eine Abhängigkeit ist und kein Prozess der Vereinigung. Die grundlegende Botschaft ist aber „vereinigen“. Das Gesetz ist für alle – das bedeutet auch, dass jeder das Recht (!) hat zu tun was er will und die Pflicht (!) sich mit Gegensätzen zu einen. Mit anderen Worten: Tu deinen Willen im Geist der Liebe. Das kann, wie Crowley sagte, Wettkampf in der Form von Sport beinhalten – aber wir dürfen nichts tun, was den Willen des Gegeners bricht (dem Gesetz folgend, dass alle Sätze zur selben Zeit wahr sein müssen). Also freundschaftlicher Wettstreit. Mein Wile – und der Wille jeder anderen Person – endet dort, wo der Wille einer anderen Person beginnt. Wenn diese „Willen“ sich zu widersprechen scheinen, dann haben wir uns zu einigen und Wege zu finden, all unser Willen gleichzeitig zu tun. Das ist die Schlussfolgerung.

III/39 sagt sogar, dass es Pflicht ist, jedem, mit dem man auch nur in geringem Kontakt steht, die Möglichkeit zu geben, dieses ethische Konzept zu verwenden. Das macht Sinn, wenn man davon ausgeht, dass dieses Gesetz nur dann funktioniert, wenn man davon weiß und mit so vielen Menschen wie möglich zusammenarbeiten kann, die ebenfalls davon wissen und es verwenden.

III/60 sagt dass es kein höheres ethisches Prinzip als dieses gibt. Wie sollte es das auch – wenn endlich jeder gelernt hat zu tun, was er will und anderen dabei geholfen hat, das auch zu erreichen, dann wären wir auf dem Weg zum Utopia einer sich entwickelnden Menschheit. Alternativ dazu, könnte es so gelesen werden, dass wenn die oben genannten Prinzipien verstanden und universell eingesetzt werden, kein „Gesetz“ mehr nötig ist. Die ethischen Konflikte würden sich unter der Leitlinie von „tue was du willst, soll das ganze Gesetz sein“ selbst regulieren und selbst auflösen.


Nun zu II/21

Diese Sätze sind oft als „sehr spezielle Menschen“ (meistnes ihrer eigenen Ansicht nach) haben das Recht diese „elenden schwachen“ zu kurz Gekommenen im Grund genommen zu zerstören, weil sie nicht so besonders wie sie selbst sind. Das grundlegende Prinzip zeigt sich aber so, dass „tue was du willst soll das ganze Gesetz sein, das Liebe ist und für alle“. Wie können diese Aussagen alle zur selben Zeit wahr sein? Nun ja, Liber L sagt auch, dass dieses Prinzip „ein Gesetz der Starken“ ist. Und es ist „die Freude der Welt“. Man merke, „der Welt“ und nicht einiger auserwählter Leute die das magische Recht haben jedem anderen auf den Kopf zu scheissen, weil sie so besonders sind! Das Gesetz als ethisches Prinzip erlegt uns die Pflicht auf stark zu werden, fähig zu werden in uns und für uns so viel als möglich aufzulösen und neu zu erschaffen. Es gibt Köinge und Sklaven, eigenständige und abhängige Menschen, und es ist die Entscheidung dieser Menschen, wer und was sie sein wollen. Liber L zeigt die Gefahren von Mitgefühl auf (das, man merke, es nicht völlig verdammt sondern vor dem Übertreiben warnt. Ein „Laster“ ist für gewöhnlich etwas, das in zu hoher Dosierung Gift ist, aber Medizin, wenn es homopatisch angewendet wird). Liber L verurteilt Mitleid völlig, was auch Sinn macht, weil das ein emotionales Zustand ist – für einen selber oder für andere – der das kämpferische Potential zur Veränderung um ein Problem zu lösen ableitet in nutzlose und selbstzerstörerische Agression gegen sich selber.

II/21 sagt, dass wir Könige werden sollen, eigenständige Personen und nicht selbstmitleidig oder andere übermässig oder herablassend bemitleidend, sondern stark werden und so unsere Probleme lösen sollen. Wieder kann man so sehen, wie das die „Freude der Welt“ sein könnte – wenn das nur genügend Menschen machen würden. Das anstatt der Feindeslandträume der absoluten Unterdrückung anderer, weniger talentierter.


Die Zusammenfassung

Nach diesem doch recht langen Text, möchte ich meine Argumentation noch einmal zusammen fassen.
Wenn das Liber L als Anweisung verstanden werden soll, dann müssen all seine Anweisungen und Aufforderungen zur selben Zeit gültig sein.
Als Schlussfolgerung kann das Liber L wie eine mathematische Gleichung aufgelöst werden, indem herausgefunden wird, was die Kombinationen seiner Informationen bedeuten.

Liber L vel Legis durch die Kraft seines Namen selbst, ist ein Buch über Gerechtigkeit und eines der zentralen Themen ist nicht das Naturgesetz sondern das ethische Gesetz.
Einige Sätze sind wichtiger als andere um unser Thema hier zu bearbeiten. Aber da auch sie gleichzeitig wahr sein müssen, muss der Rest des Textes des Liber L unter der zugrunde liegenden ethischen Information gelesen werden – was manch ernsthaft dumme Interpretation verhindert.

Das ethische Gesetz, das hier formuliert wird, wenn obiges immer in Betracht gezogen wird, gilt für alle Menschen, gibt ihnen das unabdingbare Recht auf ihren eigenen Willen und Liebe. Dieses Recht endet dort, wo das Recht eines anderen beginnt und es gibt kein „anderes“ oder besseres ethisches Gesetz als das. Jeder hat die Pflicht stark und eigenverantwortlich zu werden und – auch – die Ethik des Liber L unter allen Bekannten die man haben mag, zu verbreiten.

Wenn die ethischen Anforderungen, die ich hier zusammengetragen habe, in Kombination gebraucht werden, dann ist es mehr als offensichtlich, dass Vergewaltigung und Mord niemals mit dem Gesetz von Thelema in Übereinstimmung sein können.

Danke auf jeden Fall, dass ihr bis hierher mitgelesen habt.


Tawsi Al-Khidr


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