Betreut von Anufa
Schöpfungsabfolge durch die vier Welten   Teil I

Wir haben einen GastArtikel von der Damhain Alla gespendet bekommen. Vielen Dank fürs Gustostückerl für unser FeinStoffliches
. Sichelwiesel wirft einen grundlegenden Blick auf die kabbalistische Weltsicht und lässt uns daran teilhaben.

In dieser Zusammenschau entsteht ein Bild darüber, wie schöpferische Gedanken sich von den höchsten Ebenen des Geistes in die materiellen Welten verwirklichen. Den am besten geeigneten Rahmen für diese Spekulation bietet die Wissenschaft der Kabbala, das eigentliche Instrument jüdischer Mystik und Magie. In ihr und ihrer christlich/gnostischen Erweiterung bietet der größere Lebensbaum – die sogenannteJakobsleiter – Einsicht in das Werden der Schöpfung durch die vier Welten und zeichnet ferner das Wechselspiel zwischen der linken und rechten Hand Gottes nach. An diesem Drama, an dem unser Sein und Denken tagtäglich teilnimmt, entscheidet sich nichts Geringeres als die Bestimmung unserer Lebenswelt.

Ihre Wurzeln hat die jüdische Kabbala im babylonischen, ägyptischen und griechischen Gedankengut der Antike. Sie wurde im Laufe der Zeit christlich durchwirkt und erfuhr eine Blütezeit im sephardischen Judentum Spaniens ab dem 10. Jahrhundert. Ihre Universalität macht sie bis heute zu einem der geschätztesten und brauchbarsten Instrumente in Magie und Mystik. Im Rahmen von Damhain Alla (18-27) wurde (unter dem Pseudonym Olf ) eine prägnante Einführung gegeben, aufgrund derer ich hier getrost auf eine solche verzichten kann.


Übersicht der Analogien

In der traditionellen Anschauung vieler Kulturen stehen sich IDEE und REALISATION partnerschaftlich zur Seite. Die geläufigen Bilder gehen von einer zeugenden, väterlichen Kraft aus, die ihre Ideen einer mütterlichen Matrix vermitteln, die sie hernach realisiert. Mit Geschlechtlichkeit hat dies in den höheren Ebenen natürlich nichts zu tun, wohl aber mit bestimmten Fähigkeiten und Qualitäten die – hienieden – als männlich-weiblich ausgeformt sind.

Die Kabbala unterscheidet auch die linke und rechte Hand Gottes, wobei der Linken mehr die schöpferische und der Rechten mehr die ordnende, verwaltende Aufgabe zugewiesen ist. Gesellschaftlich übertragen könnte von Legislative und Exekutive, gesinnungspolitisch vonprogressiv (Feuer/Luft) und konservativ (Erde/Wasser) gesprochen werden. Die Lebensbaumsymbolik operiert hingegen mit drei Säulen unddrei Sephiroth die jeweils miteinander trinitisieren, das heißt, ihre Qualitäten vereinen, potenzieren und austauschen. Die zentrale Säule gilt als die wichtigste – durch sie fließt der direkteste Wille der Quelle – sie wird Mitte genannt. Übertragen auf eine Gesellschaftsordnung wäre das die (unbestechliche) Judikative des Gesetzgebers, sowie politisch: Die Gemäßigten, Ehrwürdigen, Weisen (Balance/Raum).

Auch das Bild der Familie wird in Ost und West gerne erklärend herangezogen, will das Wirken der schöpferischen Kräfte veranschaulicht sein. Es ist von "Göttlicher Familie" "Hierarchie", und "Göttergenerationen" die Rede. Durch das Zusammenwirken partnerschaftlicher Entsprechungen (1+2) wird Nachkommenschaft (3) hervorgebracht. Das deckt sich mit dem christlichen Ansinnen genauso, wie mit dem ägyptischen, hinduistischen und den Göttermythen unzähliger Kulturen. In manchen indigenen Völkern tritt an die Stelle eines Sprösslings gleichbedeutend der vermittelnde Trickster.

Diese (ungefähren und ungenauen) Analogien sollen helfen ein Gefühl für das Wesen und die Funktionsweise der Schöpfung zu vermitteln. Wertvolle Dienste dürfte das Bild der Familie auch für das Verständnis der Widersprüche leisten, die auf der Erde so häufig in Erscheinung treten. Die Problematik des Gedeihens oder Darbens einer Schöpfung ist in der Analogie der Generationenabfolge nämlich bestens veranschaulicht – umso mehr als sie in einem zeitlichen Rahmen erscheint. Mit jeder nachfolgenden Generation dominieren neue Kräfte – ob zum Guten oder Schlechten einer Gesellschaftsentwicklung, entscheidet meist erst die Zeit.


Die vier Welten und der traditionelle Lebensbaum

Die Kabbala unterscheidet vier Schöpfungsstufen, vier Welten genannt:

Atziluth – die Welt der Gedankenformen

Briah – die Welt der Schöpfungsformen

Jetzirah – die Welt der Transformation

Assiah – die Welt der physischen Formen

Über die Beschaffenheit dieser Welten und die (Namens-)Belegung des traditionellen Lebensbaums (siehe DH 24-27) wurde im Laufe der Jahrhunderte unter den Kabbalisten ein gewisser Konsens erzielt. Trotzdem zirkuliert eine Vielfalt von Meinungen und ist eine Vielzahl von Lebensbaum-Versionen in Gebrauch. Für die Einen erstreckt sich der Baum der zehn Sephiroth über alle vier Welten und ist ein mystisches Modell für den Seelenaufstieg; für Andere ist er mehr Ausgangspunkt für magische Operationen in Assiah. Jene, die den linken Pfad beschreiten, arbeiten mit den Antipolen der Sephiroth, den Kelipoth. Andere erkennen im Modell des Baumes mathematische, fraktale Eigenschaften, wonach zum Beispiel jede Sephira wieder einen noch "kleineren" Lebensbaum enthält oder stellen sich den Baum mehrdimensional als universales, geometrisches Entwicklungsgitter vor (Bild 1). Auch darüber, welche Beschaffenheit der Lebensbaum innerhalb einer Zeitdimension hat, wird diskutiert.

Insofern liegen Erweiterungen des Baumes für den Forschenden auf der Hand. Bild- und Sinnhaftigkeit der Jakobsleiter, wie sie im Alten Testament beschrieben werden, fordern ein Kombinieren mit einem Modell eines grösseren Lebensbaumes und den vier Schöpfungswelten geradezu heraus.

Bild 1: Der Lebensbaum als dreidimensionales Entwicklungsgitter.


Die Jakobsleiter im AT

Die Jakobsleiter oder Himmelsleiter (hebr. סֻלָּם sullām) ist ein Auf- und Abstieg zwischen Erde und Himmel, den Jakob laut der biblischen Erzählung in Gen. 28:11-13  während seiner Flucht vor Esau von Be’er Scheva nach Harran in einer Traumvision erblickte. Sie stand auf der Erde und ihre Spitze reichte in den Himmel Auf ihr sah er Engel Gottes, die auf- und niederstiegen, oben aber stand der Herr (JHWH), der sich ihm als Gott Abrahams und Isaaks vorstellte und die Land- und Nachkommenverheißung erneuerte. Nach dem Erwachen nannte Jakob den Platz Bet-El (Haus Gottes), beziehungsweise Pforte des Himmels (Gen. 28:17).


Die Jakobsleiter in der Kabbala

Die meist 28 Sephiroth der Jakobsleiter sind in den unterschiedlichen kabbalistischen Schulen verschieden belegt. Im Web sind einige wenige Versuche der Belegung und Pfadlegung zu finden; oft wird dieses Wissen aber nur in einem vertraulichen Rahmen weitergegeben. Darin widerspiegelt sich die eigentliche Natur dieser Unternehmung, nämlich ist es die einer erkenntnistheoretischen Spekulation, es sei denn – und hier die Ausnahme – die Erkenntnis beruhe auf direkter Erfahrung (Bild 2 & 3).

Der erweiterte Lebensbaum steht in Relation mit einer höheren Bestimmung des Menschen. Er ist ein Entwurf einer größeren Entfaltung. In Bezug auf Gen. 28, dass sich die Engel auf der Leiter auf und ab bewegen, kann der Sephirotbaum auch als Sinnbild für den Ab- und Aufstieg unserer Seele (neshamah) – gewissermassen als Spiegelbild der Involution und Evolution unseres Bewusstseins gesehen werden.

Die Belegung der Sephiroth mit den Namen von Schöpfungsinstanzen erfordert ein tieferes Verständnis der Natur der Gottheit und eine persönliche, innige Auseinandersetzung eines jeden Operanden mit seiner Herkunft und der schöpferischen Elternschaft. Ich stelle meine eigene Interpretation weitgehend auf die Ideen der Schule, wie sie durch die Schlüssel des Enoch begründet wurden. Das "Buch des Wissens" wie es auch genannt wird, ist in seinem Kern ein Zeugnis einer direkten Merkabah-Erfahrung des Autors, wie sie auch dem alttestamentarischen Enoch zu Teil wurde. Das verleiht dem Werk – aus meiner Sicht –erheblich mehr Gewicht, als die Fleißarbeit einer gedanklichen Spekulation.

Bild 2 & 3): Unterschiedliche Pfadlegungen und Welteneinteilungen bei der Jakobsleiter. Modell links mit einer zusätzlichen (unsichtbaren) Sephira in Atziluth (entsprechend Daat im trad. Baum).

Favorisiertes Modell des Autors: Das rechte.


Ende Teil I


Sichelwiesel


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