"Fallow time" oder: Wenn die Götter nicht mehr antworten…

Viele kennen dieses Phänomen - mensch sitzt so zu sagen spirituell auf dem Trockenen, in der Wüste. Einige kennen es als dunkle Nacht der Seele ...

Als Tradition einer Agrarkultur, die sich an den Rhythmen der Natur einer Wüstenregion orientierte, war der Umgang mit Trockenzeiten in Ägypten nichts Ungewöhnliches. Der kemetische Jahreskreis kennt drei Jahreszeiten. Dies sind die Monate

Achet Peret Schemu

(ca. Juni bis Ende Oktober)
Zeit der Überschwemmung (Nilflut)

(ca. Oktober bis Februar)
Zeit des Wachstums und des Gedeihens

(ca. Februar bis Juni)


Zeit der Hitze, Trockenheit

Natürlich wusste man um die Bedrohlichkeit langanhaltender Hitzeperioden, so dass in den fruchtbaren Monaten auch entsprechende Vorkehrungen getroffen wurden um die Versorgung der Bevölkerung zu sichern. Die altägyptische Lebensauffassung war keine fortschrittsorientierte, kein “Wandern auf einer Evolutionsachse”, sondern geprägt von dem Bewusstsein über die Notwendigkeit natürlicher Zyklen von Werden, Sein und Vergehen und einer bestmöglichen Anpassung daran. Stabilität fand man im Erhalt des Zyklischen an sich und nicht im Festhalten an einem ohnehin vergänglichen Ist-Zustand.

Ausgetrockneter See, Wikimedia Commons
Foto: Stephan Kühn

Gerade dieses Weltbild stellt für einen modernen kemetisch Praktizierenden in der heutigen fortschrittsorientierten Welt eine besondere Herausforderung dar. Man erlebt sich zuweilen im verzweifelten Ringen um den Erhalt von Dingen, die natürlicherweise veränderlich und vergänglich sind und die sich in einem so rasend schnellen Wandel befinden, der das Gestern längst vergessen hat und das Morgen kaum erahnen kann. Zudem lebt kaum noch jemand in so enger Verbundenheit mit der Natur, dass ihre zyklische Qualität so deutlich offenbar und vertraut werden könnte, dass man sich davon nicht mehr irritiert fühlt. In einem solchen schnelllebigen Kontext ist es schwer wieder Vertrauen in die Zyklen des Lebens zu gewinnen, doch gerade hier kann eine so alte Tradition wie die kemetische wertvolle Inhalte liefern.

Denn auch die Verbindung zu den Göttern ist von Zyklen geprägt und ein häufiges Problem auf das neue Kemeten stoßen, sind Phasen der empfundenen Unerreichbarkeit oder Ferne der Gottheiten. Während die Anfangsphasen oftmals von einer stetig zunehmenden Manifestation des göttlichen Wirkens im täglichen Leben geprägt schienen, kommt es plötzlich zu einer unerklärlichen Stagnation, man fühlt sich verlassen und abgeschnitten. Dramatisiert wird dieser Eindruck noch zusätzlich durch einen besonderen Umstand, der nach meiner Erfahrung besonders monotheistisch geprägte Kulturen trifft, nämlich die grundsätzliche Auffassung von einer Trennung der göttlichen Sphäre von der menschlichen. So empfinden sogar auch Anhänger alter Traditionen die Sphäre der Gottheiten als “irgendwo da oben” angesiedelt, während die der Menschen “irgendwie da unten” zu suchen ist. Gerade diese Denkweise zu überwinden, kann bereits ein erster Schritt sein um besser mit den Zeiten der Götterferne umzugehen.Netjer

Bild rechts: Das Zeichen für “netjer” (hier am Obelisken von Luxor) war eine Fahne um die “luft”artige, transzendente Qualität der Götter hervorzuheben. Das bedeutet sie treten vor allem durch ihr Wirken in Erscheinung.

Die Auffassung der altägyptischen Religion war vielmehr die einer göttlichen Beseelung der menschlichen Sphäre (bzw. im Kultischen auch des menschlichen Bewusstseins) durch eine göttliche Qualität – die mit “netjer” überschrieben wurde – und die Aufrechterhaltung dieser Beseelung sah man in den zahlreichen Ritualen verwirklicht. Lt. Auffassung einiger Kulturwissenschaftler und Ägyptologen ist nämlich der Ritus vor dem Mythos entstanden und nicht umgekehrt, wie heute von vielen Neu-Heiden vermutet wird. Die altägyptische Auffassung ist also vielmehr die der stetigen Teilnahme des Menschen an der kosmischen Schöpfungsdynamik, die ja wie bereits mehrfach erwähnt nicht ein abgeschlossener Akt in der Vergangenheit ist, sondern ein sich fortwährend wiederholender Prozess. Aus dieser Teilnahme am Schöpfungsprozess resultiert die menschliche Erfahrung des Göttlichen (innerhalb der Schöpfung), dem wiederrum in Form von Mythologie bildhafter Ausdruck verliehen wird. Das macht die Gottheiten mit all ihren göttlichen Qualitäten natürlich in keiner Weise weniger real, vielmehr rücken sie dadurch viel näher an die menschliche Sphäre heran. Die Zweiteilung “hier Götter, dort Menschen” ist sehr viel mehr ein (modernes) Konstrukt der Menschen selbst und sorgt für jene unerträglichen Gefühle des Getrenntseins.

Rituale haben daher eine doppelte Bedeutung: Eine mythische, in Form der oben beschriebenen Teilnahme an der Schöpfung und eine kognitive für den Ausübenden. Es ist wichtig diese Doppelbedeutung auch als solche anzuerkennen und beiden die gleiche Gewichtung einzuräumen, denn dies ist eine wichtige Grundlage der kemetischen Ritualpraxis. Was ich also in der von mir wahrgenommenen Welt tue, hat immer auch eine Auswirkung auf die von mir nur eingeschränkt wahrnehmbare Sphäre der Götter. Das bedeutet, wenn ich als kemetisch Praktizierende meine täglichen Rituale weiterhin ausübe – ungeachtet dessen, ob ich immer eine “Antwort” erhalte – schule ich nicht zuletzt auch mein eigenes Bewusstsein, die Immanenz der Götter innerhalb der von mir als Mensch erfahrbaren Welt von Zweifeln unbelastet anzunehmen und zu stabilisieren. Hier ist es besonders wichtig nicht erst zu warten, bis man in eine “Glaubenskrise” eintritt um dann in großer Verzweiflung die Götter anzurufen und ein Ritual nach dem anderen durchzuhecheln, sondern sich einige wichtige rituelle Handlungen auszuwählen und diese konsequent unabhängig von der temporären Stimmung und den Wirkungen, die man sich klammheimlich erwartet, regelmäßig durchzuführen. Das können z.B. tägliche Opferungen sein, Reinigungsrituale, das Sprechen von bestimmten Gebeten und Hymnen oder auch – ganz im Sinne der Ma’at – soziales Engagement (im kleinen wie im Großen).

Das Darbringen der Ma’at (hier: Opferung) durch Ramses III
Auch Pharaonen mussten durch regelmäßige Rituale
zum Erhalt des Schöpfungsprozesses beitragen.
(Foto: Wikimedia Commons))

Ich vergleiche die Beziehung zu den Göttern gern mit zwischenmenschlichen Beziehungen. In der Anfangsphase ist es häufig so, dass man Schmetterlinge im Bauch hat, am liebsten 24 Stunden/7 Tage die Woche miteinander verbringen möchte, stundenlang miteinander kommuniziert über Chat, Telefon, sms… und sich dabei nicht selten der Illusion hingibt, dass dies immer so sein wird. Doch irgendwann folgt eine Phase in der sich beide Partner plötzlich wieder eignen Dingen zuwenden (müssen), man hat sich aneinander gewöhnt, die anfänglichen Hochgefühle werden immer leiser, man entdeckt vielleicht sogar die eine oder andere Macke beim anderen, gibt sich weniger Mühe die eigenen zu kaschieren und es kommt vielleicht sogar zu ersten Konflikten. In dieser Phase – und das ist besonders wichtig zu beherzigen – beginnt die eigentliche Beziehung und die besteht in erster Linie aus Arbeit. Aus täglichem Füreinander-handeln – und genau das ist eine der Grundsäulen der Ma’at. “Glücklich ist das Herz dessen, der handelt für den, der für ihn gehandelt hat” lautet eine Inschrift im nubischen Tempel Taharqas. Die kemetische Tradition hat das zwischenmenschliche Leben, wie kaum eine andere nahe am Beginn menschlicher Zivilisation erforscht, kennt alle Schwierigkeiten im täglich Umgang mit anderen und bietet praktikable Strategien diese zu meistern.

Das was für zwischenmenschliche Beziehungen zutrifft,  gilt aus meiner Sicht auch uneingeschränkt für die Beziehungen zu den Göttern. Es geht also nicht so sehr darum die Götter als eine Art “metaphysische Seelsorger” zu verstehen, als Partner- oder Elternersatz zu betrachten oder gar als eine Art Flaschengeister, an die man seine Wünsche heranträgt, sondern es geht vielmehr darum an einem kosmischen Netz des Füreinander-Handelns teilzunehmen, indem ich mich ganz individuell mit den mir zur Verfügung stehenden Gaben und Talenten einbringe – und damit nicht zuletzt in meinem eigenen Bewusstsein die empfundene Grenze von einer getrennten Götter- und Menschensphäre immer mehr zu verwischen.

Literatur::
Der Eine und die vielen. Altägyptische Götterwelt – Erik Hornungg
Ägyptische Geheimnisse – Jan Assmannn


Sat Ma´at


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