Geist – Seele – Bewusstsein – Körper oder Das Eine und die Vielen   Teil XIX

Als ich als 13-Jähriger das Buch „Himmelskunde für Jedermann“ verschlungen habe, hat mich – daran kann ich mich gut erinnern – ein Bild fasziniert, dass ich nie vergessen habe, an das ich in den darauf folgenden 40 Jahren immer wieder einmal denken musste.

Der Vorgang des spirituellen Erwachsens lässt sich nun durch einen von außen (spiritueller Tiefschlaf oder Tod) nach innen verlaufenden Pfeil darstellen. Das spirituelle Erwachen kann symbolisch als die „Auferstehung von den spirituell Toten“ verstanden werden. C.G. Jung soll diesen Pfeil als den „Weg der Tiefenpsychologie“ bezeichnet haben [i].
Ich verwende hier bewusst das Wort „Auferstehung“, obwohl oder sogar gerade weil es von christlicher Seite vorbelegt ist und über eine große Menge von Konnotationen verfügt, denn ich möchte an den archetypischen Mythos vom geopferten und (am dritten Tage) wieder auferstehenden Gott bzw. Gottmenschen erinnern. Dieser Mythos findet sich in fast allen früheren Kulturen und auch in der unsrigen! Es ist wohl davon auszugehen, dass der Hintergrund dieses vermutlich archetypischen Mythos nichts mit der leibhaftigen Auferstehung eines Leichnams von den Toten zu tun hat.

Ich halte auch den Jesus-Christus-Mythos für nichts anderes als eine jüdisch-hebräische Adaption des von der hellenistischen Welt entnommenen Mythos vom zyklisch sterbenden und wiederauferstehenden Gottmenschen, wobei ich hier nicht auf Details eingehen und eine Begründung absichtlich schuldig bleiben will, weil das den Rahmen dieses Essays bei weitem sprengen würde.
Während des spirituellen Erwachsens stoßen wir also zu unserem Allerinnersten vor und entdecken, dass sich dort alle Pfeile, sprich alle individuellen Psychen, in einem gemeinsamen Punkt treffen.

Wir entdecken, dass wir alle Instanzen eines einzigen Universellen Bewusstseins sind.
Wir entdecken, dass wir alle in unserem tiefsten Grund dieses einzige Universelle Bewusstsein SIND.

Wenn ich hier und im Nachfolgenden den Begriff Gott verwende, meine ich nicht den Gottesbegriff in dem Sinne wie ihn die abrahamitischen monotheistischen Religionen verwenden. Ich meine ganz sicher keinen Gott, der über der Welt schwebt, angebetet werden will, seinen Geschöpfen vorschreibt was sie zu tun und zu lassen haben und sie dementsprechend belohnt oder bestraft etc.

Wir erkennen während unseres spirituellen Erwachens, dass wir Gott im obigen Sinne, das Universelle Bewusstsein sind. Dieses Universelle Bewusstsein drückt sich durch alle bewussten Wesen aus: Wenn wir auch alle als separate Individuen erscheinen mögen (äußerer Kreis), so befindet sich doch in unser aller Allerinnersten ein und dasselbe Universelle Bewusstsein (innerer Kreis). Das ist unser aller gemeinsames und doch geteiltes Bewusstsein, welches das Alleseine und – wenn man den Begriff richtig versteht – Gott ist. Wir sind, um im Bild des Kreises zu bleiben, wie viele Radien, die aus einem gemeinsamen Zentrum, dem Universellen reinem Bewusstsein, entspringen. Diese Radien, die für viele individuelle Psychen stehen, enden auf dem Umfang des äußeren Kreises in vielen individuellen Körpern. Das Zentrum jedoch ist gemeinsames Bewusstsein, gemeinsame Eigentlichkeit. Wenn wir nach außen auf den Psyche-Körper schauen, erscheinen wir als Individuen, getrennt voneinander und vom Rest der Welt. Wenn wir aber die Reise nach Innen antreten, erkennen wir, dass unser innerstes Bewusstsein das eine Universelle Bewusstsein ist, der Große Träumer, der die individuellen Träumer träumt, die die äußere Welt träumen. Je nachdem von welcher Warte aus wir uns betrachten, in welchem Bereich des Kreises wir uns also befinden, sind wir als die geträumten Träumer der Welt Bestandteil des Traums des Großen Träumers (außen) oder wir sind das Alleseine, also der die träumenden Träumer träumende Große Träumer (innen). Wir sind aber auch sowohl der Große Träumer als auch die die Welt träumenden Träumer, die er träumt. Als der Große Träumer träumen wir uns selbst.

Wenn der letzte individuelle Träumer im Traum des großen Träumers aus seinem eigenen Traum erwacht ist und zum Großen Träumer zurückgefunden hat, in dem Moment, wo sich alle separaten Individuen als das Alleseine erkennen, wenn die gesamte materielle Welt das Mysterium erkannt hat (Gnosis [ii] erlangt hat), wird sie verschwinden oder zumindest ihre Immanenz verlieren.

In dem Moment der Vollendung des Rückkehrprozesses, dem Moment der Großen Chymischen Hochzeit, wenn sich Gott und Göttin wieder vereinigen, wenn mit einem Geschlechtsakt endet, was mit einem Geschlechtsakt begonnen hat, existiert wieder nur noch das Mysterium jenseits aller Dualität, weil sich alle Dualität aufgelöst hat. Paradoxerweise hat das Mysterium nun, just in jenem „Moment“ (damit ist jetzt nicht unbedingt ein Moment in der Zeit gemeint), in welchem seine individuellen Inkarnationen die höchste Form der Selbsterkenntnis (Gnosis) erlangt haben, keine Kenntnis seiner selbst mehr; es hat seine Gnosis also in dem Moment verloren, in welchem die materielle Welt (inklusive feinstofflicher Welt) sie erlangt hat, denn ohne Dualität keine Selbsterkenntnis. Die Gnosis der materiellen Welt und die Gnosis des Mysteriums sind einander komplementär. Der neue Zyklus wird mit dem nächsten „EHEJEH“ [iii] „beginnen“, wenn das Mysterium dann erneut nach Gnosis strebt, wenn sich der Gott erneut in den Schoß der Göttin ergießt.

Das Symbol der Gnostiker (zumindest der valentinischen Schule), ist die Schlange die sich selbst in den Schwanz beißt, der Ouroborus (auch Uroborus). Er ist ein Symbol für den (ewigen) Kreislauf, für Zyklen, die in dem Moment erneut beginnen wo sie aufhören (Alpha = Omega; [iv]). C.G.Jung maß dem Ouroborus archetypische Bedeutung bei und betrachtete ihn als das grundlegende Mandala der Alchemie [v]. Ein Hinweis auf den archetypischen Charakter des Ouroborus besteht darin, dass auch der bereits erwähnte aztekische Sonnengott Quetzacoatl gelegentlich als Ouroborus dargestellt wird.

Wir können diese Erkenntnis Spirituelle Auferstehung, Auferstehung von den spirituell Toten, Erleuchtung, Satori oder „Verwirklichung von Gnosis“ nennen. Wir können auch in der Sprache der Alchemie sagen, wir haben Blei zu Gold gemacht, den Stein der Weisen oder den Heiligen Gral gefunden. Wir können unsere essentielle Identität, Gnosis, das Alleseine, Buddha, ungeborener Geist, reiner Buddha-Geist, der Christus-in-uns, der Logos, der Große Träumer, der Vater, die Mutter, der/die Mutter-Vater, Eden usw. nennen. Es sind verschiedene Beschreibungen ein und derselben universellen Wahrheit! Natürlich können wir den Vorgang unseres spirituellen Erwachens auch mit dem Weg ins Gelobte Land vergleichen. Viele individuelle Wege führen dorthin; wir können für jedes Individuum einen Pfeil im Kreis des Seins respektive Rad des Bewusstseins einfügen.


Noch eine letzte Anmerkung

Das was ich soeben das Erlangen von Gnosis, das Erkennen des Mysteriums, Satori etc. genannt habe, ist eine intuitive und höchst individuelle Erfahrung, die jeder für sich selbst machen muss. Sie besteht nicht darin, das zur Kenntnis zu nehmen, was auf diesem Papier steht oder auf diesem Bildschirm angezeigt wird. Es ist unmöglich diese Erfahrung in Worte zu kleiden – bestenfalls bestätigt man damit die Logik der eigenen Sprache – der Grund dafür, weshalb die Gnostiker von dem „unbeschreiblichen Mysterium“ sprachen und der Buddha auf die Frage, was denn nun das Besondere an seiner Erleuchtung gewesen sei, mit einem donnernden Schweigen antwortete. Solange man das noch nicht erkannt hat (und ich schließe mich da nicht unbedingt aus), separiert man sich nach wie vor von dem was man IST, trennt man nach wie vor Nirvana von Samsara und Diesseits von Jenseits. Aber Nirvana ist Samsara, Jenseits ist Diesseits und Ein-Heit ist Viel-Heit.


[i]
Ich verfüge diesbezüglich leider über keine verlässliche Quelle.
[ii] von Griechisch gnosos – ich weiß; gemeint ist „inneres Wissen“
[iii] Hebräisch für „ich bin“
[iv] siehe auch Phoenix bzw. Feuervogel und das gleichnamige Ballett von Igor Strawinsky u.v.m.
[v] C.G.Jung, Psychologie und Alchemie


Questing Wolf


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