Zauberei und Wissenschaft

Wenn Clarke, Niven und Heinlein recht haben, dann ist Zauberei auch in Midgard, der Welt der Menschen, eine Art angewandte Wissenschaft, sprich Technik.

„Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“
Arthur C. Clarke

 

„Jede hinreichend fortgeschrittene Magie ist von Technologie nicht zu unterscheiden.“
Larry Niven

„Was der eine Zauberei nennt, ist für den anderen Technik. ‚Übernatürlich‘ ist ein leeres Wort.“
Robert A. Heinlein

Diese drei „Altmeister“ der Science Fiction haben meiner Ansicht nach völlig recht.

„Deine Vorfahren nannten es Magie. Du nennst es Wissenschaft. Ich komme von einem Ort wo sie ein und dasselbe sind.“
Aus dem Film „Thor“.

Allerdings, in seine epischen Comic „The Books of Magic“ lässt Niel Gaiman den „Phantom Stranger“ sagen:

„The difference in viewpoint. Science is a way of talking about the universe in words that bind it to a common reality. Magic is a way of talking to the universe in words that it cannot ignorore. The two are rarely compatibel.“

(„Der Unterschied im Standpunkt: Wissenschaft ist eine Art über das Universum zu sprechen, die es an eine gemeinsame Realität binden. Magie ist eine Art zum Universum in Worten zu sprechen, die es nicht ignorieren kann. Die beiden sind nur selten vereinbar.“)

 

Ich bin der Ansicht, dass der „Phantom Stranger“ recht hat - und zwar hinsichtlich der Denkweise.

Beim Anwenden wissenschaftlicher - (oder magischer?) Gesetzmäßigkeiten ist die dahinter stehende Denkweise nicht weiter wichtig. Man muss die Quantenphysik nicht begriffen haben um einen Flash-Speicher konstruieren zu können - und selbst wenn man noch nie von Quantenphysik gehört hat, kann man eine Speicherkarte oder einen USB-Stick benutzen.
Flash-Memory ist eine besonders gute Illustration für Clarkes „Gesetz“, denn ein Physiker auf dem Wissenstand des Jahres 1900 hätte beweisen können, dass so ein Gerät nicht mit den Naturgesetzen vereinbar wäre, also „Zauberei“ sein müsse. Und ein Physiker auf dem Stand des Jahres 1960 hätte eingeräumt, dass so ein Gerät vielleicht von den Gesetzen der Quantenmechanik her möglich sein könnte, aber dass es nicht einmal theoretisch eine Möglichkeit gäbe, so etwas zu bauen.
Flash-Memory könnte, aus Anwendersicht, ebenso gut mit Mana aufgeladen sein, sich dienstbarer Dämonen bedienen oder auf der ominösen „Macht“ der Star Wars-Universum beruhen. Umgekehrt brauche ich das "schamanisches Weltbild" nicht zu verstehen, um durch schamanische Techniken (!) von einem Leiden befreit zu werden.

Daher haben Clarke, Niven und Heinlein nur bezogen auf die reine Anwendung recht, eben „Technik“. Sobald man diese rein pragmatische Ebene verlässt, hat Gaiman recht. Die wissenschaftliche Weltsicht, die sich nicht nur auf die Naturwissenschaften beschränkt, und die magische Weltsicht (nicht zu verwechseln mit dem „magischen Denken“, wie es bei kleinen Kindern vorkommt) sind nur selten vereinbar.


Jedenfalls bisher noch

Kennzeichen des wissenschaftlichen Denkens „westlicher“ Tradition ist das Streben nach Allgemeingültigkeit. In der Mathematik und in den Naturwissenschaften ist das - meistens - kein Problem. In den Gesellschaftswissenschaften ist das eher fragwürdig - ohne jetzt einem radikalen Relativismus das Wort reden zu wollen.
Völlig auf dem Holzweg dürften die linearen, teleologischen (auf ein Ziel gerichteten) Geschichtserzählungen sein, die vom Aufstieg des Menschen, dem Sieg des Kapitalismus und dem "Ende der Geschichte", dem Untergang des Abendlandes usw. usw. erzählen. Die schaffen schon in der Biologie nur Verwirrung: die Evolution hat keine Absicht, kein Ziel. „Intelligent Design“ / Kreationismus stammt meiner Ansicht nach aus der tief auch im wissenschaftlichen Denken des „Westens“ verankerten Denken in linearen Kausalketten, von eindeutigen Ursachen mit eindeutigen Folgen und einer eindeutig erkennbaren Richtung der Entwicklung. Nur ist die Wirklichkeit in der Biologie eher „schmuddelig“. Erst recht ist sie das in den Gesellschaftswissenschaften.

Es gibt keinen Determinismus in der Geschichte. Noch nicht einmal in der Naturgeschichte.

Kennzeichen jeder Magie ist es, die Wirklichkeit – vielleicht wäre es besser, von einer Wirklichkeit zu reden - durch Wollen zu beeinflussen. Weitergedacht stellt schon der freie Wille an sich eine Form der Magie da. Polemisch formuliert: Wer glaubt, einen freien Willen zu haben, denkt magisch.
Trotz der bekannten „Dialektik der Aufklärung“ - Adorno und Horkheimer beschrieben, wie die „instrumentelle Vernunft“ an ihr Ende kommt und in einen neuen Mythos umschlägt - sehe ich die Aufklärung als nötiges und positives Projekt an. Sie ist allerdings mit Magie nicht verträglich. Inkompatibel.Das bedeutet aber nicht, dass ein Zauberer, ein Schamane, ein Mystiker notwendigerweise das aufgeklärte Danken zurückweisen muss, um Zauberer, Schamane, Mystiker zu sein. Das ist der Irrtum der meisten Okkultisten / Esoteriker und fast aller Theologen.
(Die „instrumentelle Vernunft“ ist Vernunft, die sich einem Ziel unterordnet, das völlig irrational sein kann. Adornos und Horkheimers drastisches Beispiel war „Auschwitz“: rationaler geplanter und industriell durchgeführter millionenfacher Mord, aus einem Motiv - „Rassenantisemitismus“ - das völlig irrational ist. Weniger drastische Beispiel für „instrumentelle Vernunft“ finden sich in der Rüstungsforschung, im Investment-Banking, in den politischen Machtkämpfen,.in der Industrie usw. - einfach überall in unserer Gesellschaft: rationale Mittel für irrationale oder zumindest unethische Ziele. Da sich so ein Verhalten nicht rational begründen lässt, manchmal noch nicht einmal mit blankem Eigennutz, bringt es „neue Mythen“ hervor. Der Mythos von Wirtschaftswachstum ist ein Beispiel, ein anderes der Mythos Erwerbsarbeit als „Sinn des Lebens“.)


Was folgt daraus für den Alltag?

Entscheidungszwänge á la „entweder-oder“ müssen kritisch hinterfragt werden. Es gibt auch „sowohl-als-auch“, „irgendwo dazwischen“, „keines von beiden“ und gar nicht einmal so selten das scheinbar paradoxe Phänomen, dass etwas zugleich und ganz und gar das Eine (etwa ein Teilchen, als klassisches naturwissenschaftliches Beispiel) und zugleich ganz und gar das Andere (etwa eine Welle) ist.

Spätestens seit dem Strukturalismus und natürlich erst recht nach dem Post-Strukturalismus im Sinne Foucaults lässt sich, ohne in ethische Beliebigkeit zu verfallen, sagen, dass „Gut-Böse“-Kategorisierungen nicht allgemeingültig sein können. (Im Grunde ist diese Erkenntnis ja schon seit Schopenhauer oder spätestens seit Nietzsche ein alter Hut.)
Besser ist es, sich selbst Ziele zu setzen, freiwillige Ziele, um diese Welt ein klein wenig weniger unerträglich für seine Bewohner zu machen. Die Menschenrechte sind z. B. nicht „von Natur aus“ universell, aber sie sind das notwendige Korrektiv zur instrumentellen Vernunft. Und da die instrumentelle Vernunft der modernen Industrie- und Informationsgesellschaft über die ganze Erde ausgebreitet hat, ist es nötig, den Menschenrechte ebenfalls für alle Menschen Geltung zu verschaffen.


Martin Marheinecke


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