Betreut von Anufa
Geist – Seele – Bewusstsein – Körper oder Das Eine und die Vielen   Teil XVI

Als ich als 13-Jähriger das Buch „Himmelskunde für Jedermann“ verschlungen habe, hat mich – daran kann ich mich gut erinnern – ein Bild fasziniert, dass ich nie vergessen habe, an das ich in den darauf folgenden 40 Jahren immer wieder einmal denken musste.

Doch nun zurück zur okkulten Anatomie und zur Siebenerklassifikation (Abbildung 7)

Die Tabelle sollte von links nach rechts gelesen werden. Die beiden rechten Spalten geben die Aufteilung nach Jung und die korrespondierenden Sephiroth des Baums des Lebens wieder.

Wie alle anderen Schemata auch ordnet die okkulte Anatomie sowohl unsere Gefühle als auch unseren Verstand dem seelischen Bereich zu, während die Kategorie Körper sowohl den materiellen Körper einschließlich Gehirn [!] als auch den Astralleib beinhaltet. Unter dem Astralleib wird der unsichtbare Rahmen verstanden, in welchen die Molekularstruktur des materiellen (physischen) Körpers gewissermaßen hingebaut oder eingebettet ist. [1]

Die Aufteilung der Gefühlswelt in konkrete und abstrakte Gefühle soll nicht so verstanden werden, dass sich jede Art von Gefühl exakt in eine der beiden Subkategorien einordnen lässt; die Grenze ist sicherlich fließend. Das gilt analog auch für die Unterteilung des Verstandes in konkreten und abstrakten Verstand sowie die des Geistes in konkreten und abstrakten Geist.

Unter konkreten Gefühlen werden solche wie Wut, Trauer, Freude, Begierde etc. verstanden, während zu den abstrakten Gefühlen eher Gefühle wie selbstlose Liebe, Hingabe an ein Ideal, religiöse Gefühle usw. gezählt werden [2]. Dem konkreten Verstand rechnet man das „normale“ Denken und den logischen Verstand zu. Zum abstrakten Verstand gehören hingegen Kreativität, Inspiration und komplexe Ideen. Der konkrete Verstand denkt in Worten, während der abstrakte Verstand in ganzen Konzepten denkt [3]. Mit dem Begriff des konkreten Geistes ist der dynamische Teil unseres Geistes gemeint, sein machender Aspekt, wozu auch unser spiritueller Wille zählt. Der abstrakte Geist stellt hingegen unseren innersten Kern, unser Allerinnerstes dar; den seienden Aspekt unseres Geistes; er IST. [4]

Aktuelle auf den Erfahrungen der Quantenphysik beruhende Ansätze zur Erklärung des Phänomens des Bewusstseins, des Verstandes, des Ichs und generell unserer inneren psychischen Struktur beruhen auf der Vorstellung, dass zwischen Bewusstsein und Gehirn eine ähnliche Relation besteht wie zwischen materiellen Teilchen (Quanten) und der Messapparatur der Physiker besteht; das Gehirn wird in diesem Ansatz als Instrument des Bewusstseins gesehen. Diese Sichtweise entkräftet die Behauptung, unser Bewusstsein müsse durch unser Gehirn hervorgebracht werden, weil ja schließlich unsere kognitiven Fähigkeiten nachlassen, wenn die Funktionsfähigkeit unseres Gehirns eingeschränkt ist, sei es durch Verletzung oder durch organische Erkrankung. In dieser Betrachtungsweise bedeutet die Aussage, das Gehirn habe entscheidende Teile seiner Funktionsfähigkeit einbüßt, nämlich lediglich, dass die Messapparatur nicht oder nur eingeschränkt funktioniert, und mit einer nicht voll funktionsfähigen Messapparatur kommt natürlich keine brauchbare Messung zustande.

Ich habe ja bereits weiter oben erwähnt, dass das Ich eine Illusion ist. Das wird auch durch eine kabbalistische Betrachtung klar. Um das zu verdeutlichen, kann ich nicht umhin, nun noch einige weitere kabbalistische Begriffe einzuführen. Siehe dazu auch Abbildung 8 und Abbildung 9.

Zunächst mal ist es offensichtlich, dass wir in einem materiellen Körper leben und dass unser Handeln von unseren Wünschen, Begierden und Instinkten bestimmt, wenn nicht häufig gar dominiert wird. Dieser Aspekt des Menschen wird im kabbalistischen Kontext häufig mit dem hebräischen Wort Nephesch bezeichnet; er wird auch die „animalische Seele“ oder die „unerlöste Seele“ oder das niedere Selbst genannt. Nephesch wird häufig (z.B. im Alten Testament) mit Seele und mit Wesen übersetzt. Keine dieser beiden Übersetzungen dürfte wirklich zutreffend sein. Nephesch entspricht Jungs Begriff des persönlichen Unbewussten und korrespondiert zur Sephirah Jesod (Mond). Nephesch stellt ein Bindeglied zwischen unserem materiellen Körper, entsprechend der Sephirah Malkuth (Erde) und dem Ruach (siehe nachstehend) dar. Der Nephesch ist unser feinstofflicher Körper, unser Astralleib bzw. Lichtkörper.

Die Persönlichkeit des Menschen wird mit dem hebräischen Wort Ruach bezeichnet. Ruach bedeutet wörtlich übersetzt sowohl Atem als auch Luft als auch Geist. Ruach beinhaltet das Ich und den Verstand. Das Ich wird in der kabbalistischen Sichtweise wie auch in der Psychologie als das verstanden, womit wir uns unsere selbst bewusst sind. Ruach umfasst die fünf Sephiroth

  • Geburah, die mit unserem Willen  identifiziert werden kann (Mars, der Kriegsgott)
  • Chesed, die mit unserem Gedächtnis identifiziert werden kann (Jupiter, der bedächtige, beharrliche Göttervater)
  • Netzach, unsere Wünsche und Begierden, unsere niederen Instinkte (Venus, die Göttin der Liebe und des erotischen Verlangens; als Venus Libentina auch die Göttin der sinnlichen Lust)
  • Hod, unsere Vernunft, unser wissenschaftliches und technisches Verständnis bzw. Verständnisvermögen (Merkur)
  • Tiphereth, unsere Phantasie, unsere Vorstellungsgabe bzw. Vorstellungskraft (Sonne)

Damit repräsentiert Ruach den „mittleren Teil“ unserer Seele und entspricht gemeinsam mit Nephesch der kabbalistischen Welt Jezirah, der gestaltenden Welt. Er ist oft mit der Seele an sich verwechselt worden und nicht als das gesehen worden was er tatsächlich ist: ein Vehikel, ein Instrumentarium des höheren, des spirituellen Teils der Seele; ein Instrumentarium, das sich i.d.R. seiner Rolle als solches nicht bewusst ist und sich „Ich“ nennt obwohl es eben genau das nicht ist – jedenfalls nicht das Wahre Ich. Wenn ich sage, der Ruach sein sich i.d.R. seines wahren Status nicht bewusst, dann will ich damit zum Ausdruck bringen, dass wir uns in unserem Alltagsbewusstsein mit dem Ruach identifizieren, dass es uns aber durchaus möglich ist, diese Illusion zu erkennen und den Ruach zu transzendieren.

Über Ruach und Nephesch jedoch steht Neschamah, das Wahre Ich, der so genannte „höhere Anteil der Seele“, das Wahre Verstehen. Im Baum des Lebens kann man Neschamah mit der Sephirah Binah (Saturn) identifizieren. Neschamah ist somit jenseits des Abyss angesiedelt, steht aber noch unter Kether, der Monade, dem Wahren Göttlichen Selbst, der reinsten Form des Bewusstseins, dem höchsten Anteil unserer Seele, unserem Allerinnersten, das wir alle gemeinsam haben; auch Khabs und auch der Stern genannt. Das Wahre Göttliche Selbst wird auch mit dem hebräischen Wort Yechidah (das bedeutet „der Einzige“) bezeichnet.

Zwischen Kether respektive Neschamah und Yechidah befindet sich Chiah, unser kreatives Selbst, unser kreativer Geist, die Quelle unseres Handelns, unsere Lebenskraft, entsprechend der Sephirah Chockmah (Zodiac). Neschamah hingegen, entsprechend der Sephirah Binah, ist unser intuitiver Geist, unser wahres Verstehen. Neschamah und Chiah entsprechen der kabbalistischen Welt Beriah, der ideellen bzw. schöpferischen Welt.

Die Trinität, bestehend aus Kether = das Wahre Göttliche Selbst, Chockmah = das kreative Selbst und Binah = das intuitive Selbst wird auch der Unsterbliche Mensch, der Wahre Mensch und das Transzendente Ego genannt. Diese Trinität, die sich jenseits (oberhalb) des Abyss befindet, repräsentiert den unsterblichen spirituellen Anteil unserer Seele.

Diesseits des Abyss hingegen befindet sich der sterbliche, der vergängliche Anteil unserer Seele; das niedere Selbst, das falsche Ich, der Ruach unser Intellekt, der meint er stünde über allem, er stünde an der Spitze der Pyramide. Der Ruach empfindet sich als Individuum, als Subjekt, dass sich der (vermeintlichen) Objekte bewusst wird, diese begehrt, haben will und versucht sie zu erlangen. Er umfasst unsere Wahrnehmungen, unsere Empfindungen, unsere Gedanken, Gefühle und Begierden. Auf Plato zurückkommend könnte man sagen, die drei oberen Sephiroth, die Trinität, repräsentiere die ideale, die vollkommene Welt bzw. den vollkommenen Anteil der menschlichen Seele, während die sieben unteren Sephiroth die reale Welt repräsentieren bzw. den realen im Sinn von nicht-idealen Anteil des Menschen, das verfälschte, korrumpierte Abbild der Monade.

Was ich hier soeben in groben Zügen beschrieben habe, wird als der „Adam Kadmon“ bezeichnet, der „Himmlische Mensch“. Adam ist das hebräische Wort für Mensch, Kadmon bedeutet himmlisch. Adam Kadmon ist der archetypische Mensch, die Matrix des Menschen. Kether, die Krone befindet sich über seinem Kopf, Malkuth, die materielle Welt befindet sich zu seinen Füßen, liegt ihm gewissermaßen zu Füßen, was nicht heißen soll, der Mensch in seinem jetzigen Stadium sei die Krone der Schöpfung, dem die Erde untertan ist. Bewahre!!! Ich will hier keinerlei neoanthropozentrischen Strömungen gleich welcher Art das Wort reden! Im Gegenteil! Ich will lediglich sagen, der Mensch hat das Potential sein Wahres Selbst, sein Höheres Selbst zu erkennen und sein materielles Sein zu transzendieren. Ich bin mir auch durchaus der Paradoxie bewusst, die darin liegt, dass ich gerade meinen Ruach verwende, um etwas zu beschreiben, das nicht nur jenseits der Möglichkeiten des Ruachs sondern prinzipiell jenseits desselben liegt. Ich weiß, dass ich etwas intellektualisiere, das in seiner vollen Eigentlichkeit prinzipiell nicht intellektualisierbar ist. Jeder Beschreibungsversuch nimmt diesem „etwas“ etwas von seiner Eigentlichkeit. Aber es geht nicht anders. Ich muss mit den unzulänglichen Mitteln der Sprache beschreiben was sprachlich nicht beschreibbar – in diesem Sinne unbeschreiblich – ist. Somit können alle meine Beschreibungen nur Umschreibungen für „Dinge“ sein, die mit Worten nicht beschrieben werden können.

Abbildung 8: okkulte Anatomie und Physiologie – wie oben so unten

[1] siehe Ch.Fielding, Die praktische Kabbla; S.98

[2] siehe Ch.Fielding, S.97

[3] ebenda

[4] ebenda


Ende Teil XVI


Questing Wolf


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