Geist – Seele – Bewusstsein – Körper oder Das Eine und die Vielen   Teil XI

Als ich als 13-Jähriger das Buch „Himmelskunde für Jedermann“ verschlungen habe, hat mich – daran kann ich mich gut erinnern – ein Bild fasziniert, dass ich nie vergessen habe, an das ich in den darauf folgenden 40 Jahren immer wieder einmal denken musste.

Das Mysterium kann einfach nicht in Worte gefasst werden. Es ist das Alles-Eine und das Nichts. Es ist das in sich vereinigte, in sich selbst ruhende Ur-Elternpaar, Göttin und Gott in innigster Vereinigung (das ist eine bewusst gewählte sexuelle Konnotation); sie sind Eins, sowohl Ur-Mutter als auch Ur-Vater. Das Mysterium ist aber auch weder nur Mutter noch nur Vater, weder groß noch klein, weder schön noch hässlich, weder männlich noch weiblich, weder gut noch böse, weder dies noch das. Es ist blendende Dunkelheit und donnerndes tiefes Schweigen. Es kann nicht verstanden werden, weil es jenseits des Verstehens liegt. Es kann nicht definiert werden, weil es per definitionem [!] undefinierbar ist. Es ist das Unfassbare, das Un-Fassbare, das Nicht-Wissbare, das Unbeschreibliche, das Unergründliche, das Unwandelbare, das In-Sich-Ruhende und das Absolut-Bewegte. Es ist das Nichts, das die Potenz hat, Alles zu sein, die Summe aller Möglichkeiten, die manifest werden können oder auch nicht.


Das Mysterium IST und IST NICHT und WEDER IST es noch IST es NICHT.

Und wer oder was ist „es“?

Indem das bewusst-(seins)-lose Mysterium „auf die Idee kommt“, Kenntnis seiner selbst zu erlangen, den Ersten Gedanken denkt, die Ersten Worte äußert – nämlich ICH BIN – die Erste Idee entwickelt – nämlich eine Idee von sich selbst, spaltet es sich auf, zerfällt es, in ein Subjekt und ein Objekt, gelangt also in einen Zustand der Dualität.

Das Nicht-Duale braucht etwas, woran es sich selbst reflektieren kann, ergo entsteht eine duale Projektion seiner selbst. Es objektiviert sich selbst, spaltet sich auf in Subjekt und Objekt. Selbstreflexion erzeugt Dualität. Das ursprünglich nicht-wissende Nicht-Wissbare erlangt Kenntnis seiner selbst, indem es sich als Wissender und Gewusstes, als Betrachter und Betrachtedes manifestiert, als Bewusstsein und Psyche, Geist und Seele, Gott und Göttin …

Somit entsteht das erste Syzygy, das Ur-Syzygy in Form des ersten komplementären Subjekt-Objekt-Paares. Dieses Ur-Syzygy ist der Archetypus aller weiteren Syzygys, d.h. aller Dualitäten, aller komplementären Paare, die jemals existiert haben, existieren oder existieren werden. In der Kabbala wird dieses Paar Chockmah (das Wissen, die Weisheit) und Binah (das Verstehen) genannt. Ein Syzygy ist wie ich bereits erläutert habe, etwas, das in zwei Zuständen erscheinen kann oder auch in einer Überlagerung aus diesen beiden Zuständen, also in beiden Zuständen gleichzeitig, wobei dann jeder Zustand nur mit einem gewissen Anteil vertreten ist, aber so, dass die Summe der beiden Anteile das Ganze ergibt. Den beiden Polen des Syzygys liegt ein und dieselbe Entität zugrunde, wobei der eine Zustand – sprich der eine Pol des Syzygys – nicht vom anderen getrennt werden kann (siehe z.B. auch Welle-Teilchen-Dualismus usw. der Quantenmechanik).

Um noch einmal zu der sexuellen Metapher zurückzugreifen: Der Gott hat seinen Samen in den Schoß der Göttin ergossen, Gott und Göttin haben mit der Extase des „Ersten Orgasmus“ die Ruhe beendet und Bewegung entstehen lassen. Gott und Göttin haben sich getrennt, stehen sich als Wissen und Verstehen, Bewusstsein und Psyche, Geist und Seele gegenüber, aber nicht als Feinde sondern als Polaritäten, die einander wechselseitig bedingen, die einander brauchen, so wie sich ein Liebespaar nach einem Geschlechtsakt „trennt“. Tatsächlich kann der eine Teil ohne den anderen nicht existieren.

Wenn sich das Mysterium selbst betrachtet, dann betrachtet es in seiner männlichen Inkarnation als Gott seine weibliche Inkarnation als Göttin. Seine Erscheinungsform als Gott ist die Ur-Idee von Kraft (Energie), die Matrix aller Naturkräfte und das Universelle Bewusstsein. Seine Erscheinungsform als Göttin ist die Ur-Idee von Form, die Matrix aller Formen und damit das Konzept – die konzeptuelle Matrix – des Universums, das archetypische Universum und die Universelle Psyche. Die Betonung liegt auf „Idee“ bzw. „Konzept“, denn noch handelt es sich nicht um eine Manifestation, weder feinstofflicher noch materieller Art; noch befinden wir uns auf einer rein spirituellen Ebene. Das Mysterium bildet gemeinsam mit Gott und Göttin eine mystische Dreifaltigkeit, die viele Korrespondenzen hat, welche ich – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – in Abbildung 4 dargestellt habe. Ich werde noch öfters auf diese Abbildung zurückkommen.

An dieser Stelle sei mir eine Bemerkung gestattet:

Die Heilige Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist des Christentums geht höchstwahrscheinlich auf diese Vorstellung zurück. Tatsächlich ist der Heilige Geist im Altgriechischen (wie auch im Koptischen) grammatikalisch weiblich. Jedoch erscheint mir die Identifikation des Mysteriums mit dem Ur-Vater unnatürlich, denn das Mysterium ist jenseits alle Dualität und daher weder männlich noch weiblich, weder Vater noch Mutter. Wenn ich im Weiteren noch mehrmals den Begriff der Dreifaltigkeit bzw. der Trinität verwende, dann tue ich das frei von jeglicher christlicher Nebenbedeutung.

Paradoxerweise entsteht bei dem Versuch des nicht-dualen Mysteriums, sich selbst zu erkennen, sich seiner selbst bewusst zu werden, eben gerade die dualistische Welt und die Unkenntnis bzw. Unwissenheit. In seiner Manifestation als Subjekt (Bewusstsein) kennt sich das Mysterium zwar selbst, denn es betrachtet ja seine zweite Manifestation, das Objekt (Psyche). Aber in seiner Manifestation als Objekt nimmt es sich nur als das Bild, als die Idee seiner selbst wahr, als das was es glaubt zu sein ohne zu wissen was es wirklich IST und muss erst wieder zu seiner wahren Natur zurückfinden; es muss erst wieder (Er-)Kenntnis seiner wahren Natur erlangen, weil es seinen wahren Ursprung nicht mehr kennt. Da ergeht es ihm wohl ähnlich wie uns! Denn was tun wir anderes auf unserer spirituellen Suche? Und warum wohl?

Im Zuge der weiteren Manifestation, die über die feistoffliche zur materiellen Welt führt, entsteht aus der Ur-Idee der Form, aus der Matrix des Universums, das manifeste Universum; die eine Ur-Psyche „spaltet sich auf“ in viele individuelle Psychen; das Mysterium identifiziert sich mit jedem seiner Abbilder. Mit dem Begriff „manifestes Universum“ meine ich dabei nicht nur das, was die Naturwissenschaft und in der Regel auch die Alltagssprache als Universum bezeichnet, sondern auch die feinstoffliche (astrale Welt).

Man kann nun auch sagen, das Mysterium sieht in seiner Erscheinungsform als Psyche auf der archetypischren Ebene nicht die Matrix bzw. sieht auf der materiellen Ebene nicht das Universum als Ganzes sondern identifiziert sich mit den unzähligen Elementen der Matrix bzw. des Universums, wohingegen der Gott die Matrix bzw. das Universum als Ganzes sieht; er sieht die Einheit aller Elemente und ihre unendlich komplexen Zusammenhänge (alles hängt mit Allem zusammen; alles ist mit Allem verbunden). Der Gott sieht nicht nur sondern er sieht; er empfindet holistisch, während die vielen Manifestationen der Göttin, nämlich die individuellen Psychen, die vielen Ichs, reduktionistisch denken und sich losgelöst vom „Rest der Welt“ sehen, zumindest solange, bis sie anfangen zu erkennen, dass sie alle Eins sind, dass sie alle Inkarnationen ein und der selben Ur-Form sind, eine Erkenntnis, die sie erst wieder mühsam erwerben müssen. Psyche ist Bewusstsein, das der Illusion verfallen ist, es ein isoliertes Ich. In ihrer materiellen Inkarnation merken die Psychen (zunächst) nichts davon, dass sie Inkarnationen ein und derselben Urseele sind und halten sich für Individuen. Sie erkennen nicht, dass ICH eine Illusion ist.


Ende Teil XI


Questing Wolf


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