Betreut von Anufa
Geist – Seele – Bewusstsein – Körper oder Das Eine und die Vielen   Teil IV

Als ich als 13-Jähriger das Buch „Himmelskunde für Jedermann“ verschlungen habe, hat mich – daran kann ich mich gut erinnern – ein Bild fasziniert, dass ich nie vergessen habe, an das ich in den darauf folgenden 40 Jahren immer wieder einmal denken musste.

Wenden wir uns als nächstes der Frage zu: Was ist Bewusstsein und was ist Wahrnehmung?

Diese Frage klingt simpel, ist aber sicherlich nicht ganz einfach zu beantworten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es bei komplexen Problemen häufig weiterhilft, die Verhältnisse graphisch darzustellen und sich dabei zunächst auf die Grundkomponenten des Problems zu beschränken. Die nachstehende Abbildung geht angeblich auf Simon Magus zurück, wobei dieser seinerseits wiederum auf Platonische Vorstellungen zurückgegriffen haben dürfte. Von wem diese Darstellung nun wirklich stammt, ist aber für alles Weitere unwichtig. Sehen wir uns also hierzu die Abbildung 2 an.

 
Abbildung 2 Der Kreis des Seins - Rad des Bewusstseins

Drei Punkte sind hier wichtig.

Der äußerer Kreis, genauer gesagt, die Kreislinie oder der Kreisumfang, repräsentiert die materielle Welt, in der wir leben, das was wir gemeinhin Kosmos oder Universum nennen, und die individuellen Punke auf dieser Kreislinie repräsentieren unsere physikalischen Körper (Physis), wobei jeder von uns seinen Körper als sein „Äußeres Selbst“ wahrnimmt, auch als Grenze zwischen der äußeren Welt und der Innenwelt. Mit unserem physikalischen Körper halten wir uns in der materiellen Welt auf.

Der Radius des Kreises stellt unsere Psyche oder Seele dar, welche wir als unser „Inneres Selbst“ wahrnehmen. Jedem Menschen ist ein Pfeil zugeordnet, der seine individuelle Psyche repräsentiert. Ich werde die Begriffe „Psyche“ und „Seele“ (zumindest bis auf weiteres) synonym verwenden.

In der Mitte des Kreises, repräsentiert durch den inneren grünen Kreis, befindet sich in dieser Sichtweise unser Geist, den ich auch „unsere Essentielle Identität“ oder „unser Eigentliches Sein“ nennen möchte. Die Psyche stellt die Verbindung, die Brücke wenn man so will, zur Außenwelt dar.

Ich habe mit dieser Abbildung bewusst eine Darstellung gewählt, u.a. auch „Kreise des Seins“ und „Rad des Bewusstseins“ genannt, die letztendlich auf die Antike – vermutlich auf Plato zurückgeht.

In der Antike wurde das, was wir heute „Geist“ nennen, „Nous genannt. Wörtlich übersetzt bedeutet „Nous“ „Geist“, auch „Göttlicher Geist“, aber auch Intellekt und Vernunft, wobei aber mit „Nous“ nicht das rationale Denken und vor allem nicht die Logik gemeint sind. Das Wort „Intellekt“ hat im Laufe der Zeit einen Bedeutungswandel erfahren und bedeutet jetzt etwas ganz anderes als das was mit „Nous“ ursprünglich einmal gemeint war. Wenn wir vom Intellekt reden, schwingt unterschwellig der Begriff „rational“ bzw. „Rationalität“ mit. Das ist nicht „Nous“. Aber „Nous“ bedeutet auch nicht „irrational“. „Nous“ ist das „wissende Prinzip“, eine Formulierung, die von Plotinus [i] stammt; es ist „Das in uns was weiß, es ist das „Subjekt aller Erfahrungen, die wir machen“; das was wir alle gemeinhin als unser „Ich bezeichnen und das ist nicht per se irrational; im Gegenteil: wenn wir Naturwissenschaft betreiben, versuchen wir rational zu denken und rational zu argumentieren; aber rationales Argumentieren, rationales Denken im naturwissenschaftlichen Sinn, das ist „Nous“ eben auch nicht. Wir machen ja alle immer wieder die Erfahrung, dass wir auf rein rationaler Basis die Widersprüche nicht loswerden, auf die wir stoßen, wenn wir uns und die Welt reflektieren, beschreiben und verstehen möchten, , was ja, wie ich noch aufzuzeigen werde, besonders krass in der modernen Physik deutlich wird.


Zurück zu unserem Kreis

Ganz allgemein lässt sich feststellen, dass wir in der Regel täglich zwischen drei Bewusstseinszuständen wechseln, denen wir drei Ebenen des Seins zuordnen können. Wenn wir aus dem Schlaf erwachen, bewegen wir uns entlang des Radius vom Zentrum zum Rand des Kreises, werden uns dabei unserer Psyche und unseres Körpers bewusst, und im Wachzustand verfügen über Selbst-Bewusstsein und können uns selbst reflektieren. Wenn wir träumen, „vergessen“ wir unseren Körper und ziehen uns in unsere Psyche zurück.

Ich habe den „Kreis des Seins“ ein bisschen anders beschriftet, um das soeben Gesagte zu verdeutlichen.

 
Abbildung 3 Der Kreis des Seins - Rad des Bewusstseins - etwas verfeinert
Abbildung 3 Der Kreis des Seins - Rad des Bewusstseins - etwas verfeinert

Der äußere Kreis, genauer der Kreisumfang, stellt wie schon gesagt den physischen Wachzustand dar. Im physischen Wachzustand nehmen wir die Welt und das physische Sein unseres Körpers in dieser Welt wahr und sind uns unserer selbst bewusst, wir haben Selbst-Bewusstsein. Wir sind wach und nehmen die Welt als „äußere Realität“ im Gegensatz zu unserer „inneren Realität“ wahr, und alles naturwissenschaftliche Streben beruht darauf, objektive Aussagen über diese „äußere Realität“ zu gewinnen, während es Aufgabe der so genannten Geisteswissenschaften ist, Aussagen über die „inneren Realität“ zu machen. Letztendlich sehen wir uns als ein komplexes physikalisches System mit einem Innenleben, sprich Psyche und Bewusstsein, dessen Zustandekommen wir noch nicht wirklich verstanden haben, aber – so hoffen wir – früher oder später verstehen werden.

Wir müssen uns allerdings auch im Klaren darüber sein, dass, was wir als die „äußere Realität“ betrachten, bestenfalls eine Interpretation derselben sein kann, denn unsere Verbindung zur „äußeren Realität“ sind unsere fünf Sinne, und deren Wahrnehmungen werden von unserem Bewusstsein interpretiert. Es gibt nicht die Farbe Rot. Wenn wir etwas als „rot“ wahrnehmen, dann hat unser Bewusstsein eine elektromagnetische Strahlung, die wir mit unseren Augen wahrgenommen haben, als „rot“ interpretiert. Wenn wir Musik hören oder miteinander sprechen, interpretiert unser Bewusstsein eine Überlagerung von Schwingungen der uns umgebenden Luft, die wir mit unseren Ohren wahrgenommen haben, entsprechend usw. Man beachte die Parallele zur Ansicht Leuccips und Demokrits, unsere nicht ideal arbeitenden Sinne könnten uns kein reales Abbild der Welt liefern.


[i] Siehe auch Endnote 69.


Questing Wolf


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