Ritual-Rückkreuzung   Teil II

Ich habe mir einmal mehr Gedanken über die Gestaltung unserer hellenischen Rituale gemacht, weil die Durchführung von Ritualen offenbar etwas ist, was gerade von "neuheidnischen" Religionen erwartet wird - im Gegensatz zu z.B. christlichen Religionen, wo man (nicht nur, aber auch) soziales Engagement, "unreligiöse" Veranstaltungen, Vorträge usw. erwartet und eigentlich außerhalb des Sonntags-Gottesdienstes nicht von all zuviel "Religiösem" hören will.

Diese Betrachtungsweise wäre aber zu erweitern um das beide genannten Konzepte umspannende Prinzip des wrti - für das es kein etymologisch entsprechendes Wort im Griechischen gibt (wobei meiner Meinung nach sowohl Arete als auch Eorte damit zusammen hängen, sowie vermutlich Kairos, der Begriff für das rechte Maß, den rechten Zeitpunkt oder Ort) - also des umfassenden, vielschichtigen Kosmos-Begriffs der Griechen.
Sollte man daher nicht im Rahmen der "Rekonstruktion" von antiken Kulten versuchen, den ursprünglichen Begründungen für die Kulthandlungen, also dem "Nachbilden der Kosmischen Ordnung" auf die Spur zu kommen und daraus neue und gleichzeitig sinnvollere Modelle für "unseren" Kultus zu entwerfen anstatt sich aus den Quellen mühsam angeblich "authentische" - aber dann auch durchwegs "orthopraktische" - Ritualschemata zusammen zu stellen, wie dies ja leider derzeit üblich ist?


Standardstruktur...

Betrachtet man z. B. die Vorgaben für "klassisch-griechische" Rituale, die auf modernen Internet-Seiten (1) zu finden sind, zeigt sich folgendes Bild:
Prozession - Aufstellen im Kreis - Vorbereitung - Hymnen / Gemeindegebete - Speisenopfer - Trankopfer - Abschluss / Fest,
eine Abfolge (die sich übrigens auch auf Walter Burkert, „Greek Religion“ Kap.2, beruft), die sich mehr vom reinen "Tieropfer mit Feier rundherum" in Richtung einer Feier entwickelt, die folgende Elemente im Sinne der Abbildung des Kosmos aufweist:

- die Prozession als das Werden des Kosmos
- der Kreis als die jene geometrische Figur, in der alle Punkte gleich weit vom Mittelpunkt entfernt sind
- Reinigung als Trennung von der physischen Welt und Hinführung zum Göttlichen
- Einladung, Begrüßung der Götter als Aufbau einer konkreten Beziehung für diese Feier
- Hymnen und Gebete als verbale Kommunikation mit den Göttern und Einschwingen auf das Kosmische
- Opferhandlungen als physische Kommunikation und Verbindung mit der Göttlichkeit des Kosmos
- Festmahl der Gemeinschaft als Hinübertragen der "Essenz" der Feier in das "normale Leben"

Hieraus ist auch erkennbar, dass es nicht der Tieropfer bedarf, um die Verbindung der einzelnen Elemente der Feier (sakraler Raum/Zeit, Götter, Menschen, Worte, Opfergaben,…) herzustellen.

Diese Standardstruktur sollte aber nur als Rahmen dienen: ihre Elemente müssen vorhanden sein, wenn man die traditionelle Abbildung des Kosmos durchführen will (und wird auch in dieser Form von allen Religionen der indoeuropäischen Linie so durchgeführt). Zusätzliche, ergänzende (oder ersetzende) Elemente sollten allerdings durch die Vorgabe des "Anlasses" der einzelnen Feiern oder generell für eine Gemeinschaft hinzugenommen werden, wie zum Beispiel tänzerische Elemente oder theatralische Darbietungen von mythologischen Szenen. So wäre auch die von einigen Gruppen praktizierte Anrufung/Aufstellung der vier Elemente in den vier Himmelsrichtungen zu sehen als eine zusätzliche Bekräftigung der Stabilität des Kosmos durch jene Energien, die ihn bilden und zusammen halten.


... und deren Erweiterung

Mögliche weitere Elemente wären:
- (Trommel-)Musik, eventuell bis hin zu einer ekstatischen Trance, um sich nicht nur pro forma, sondern auch wirklich in diese "Welt zwischen den Welten" des Sakralraumes zu begeben
- Verbindung der verbalen und materialen Komponenten: Gebete könnten mit Tanz oder anderer Gestik unterlegt werden
- Orakel: früher war es üblich, mittels verschiedener Orakeltechniken heraus zu finden, ob die geplante Feier den Göttern überhaupt genehm ist (Zeitpunkt, Ort, Teilnehmer,…) - heute werden wir in unserer Planung zu oft durch unser Alltagsleben eingeschränkt, die Teilnehmer müssen frei haben, kommen oft von weit her, usw. Trotzdem sollte man zumindest ein einfaches Vogelorakel befragen und bei schlechten Vorzeichen einige Opfergaben "springen lassen" (den Geister des Ortes sollte man auf jeden Fall etwas zukommen lassen, vor allem als "Hellene im fremden Land").
- "Ritual mit allen Sinnen": nicht nur Worte, bitte! Es darf geräuchert werden, getanzt, oder sich sonstwie bewegt (ich z.B. bewege mich beim Beten meist unwillkürlich vor und zurück), getrommelt, auch gelacht oder spontan geredet oder geopfert - wir befinden uns in einer anderen Welt, in der wir unserem Ich und den Göttern nahe sind - und wer die Götter schaut, sollte nicht in seinen weltlichen Regeln verhaftet sein. Für uns westliche Menschen mag das seltsam wirken, doch bedenken wir, dass die ausgelassenen afroamerikanischen Religionen eigentlich einen ihrer Ursprünge (über die ostafrikanische Yoruba-Religion) in der griechischen Antike haben, sollten wir diese "Rückkreuzung" von Riten durchaus in Betracht ziehen!


(1) zum Beispiel bei Kyrene oder nach Drew Campbell


Akesios


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