Initiation
Der Begriff Initiation kann grob mit dem Inhalt des Begriffes "Einführung" übersetzt oder definiert werden. In allgemeinen Kontext bedeutet dies, dass ein Mensch in eine wie auch immer geartete soziokulturelle Struktur eingeführt wird, von welcher er vorher zwar Mitglied war, als Mitglied dieser Struktur aber keinerlei oder nur geringfügige Möglichkeiten hatte, diese selbst mitzugestalten.

Eine solche Einführung bedeutet auch immer, dass mit einer Solchen dem Menschen Rechte und Pflichten auferlegt werden, die er vorher nicht besaß - und Regeln auf ihn angewandt werden, die vorher in diesem Kontext nicht für ihn galten. Ein gutes Beispiel ist etwa in Deutschland, dass ein Mensch, der das 18. Lebensjahr erreicht hat, voll geschäftsfähig wird. Das heißt, er ist in vollem Umfang für alle Belange seines Lebens selbst verantwortlich. Er unterliegt allen geltenden Gesetzen in situ - er bekommt alle Rechte einer erwachsenen Person aber hat auch alle Pflichten zu erfüllen, die jenem Zustand des Erwachsenseins zugeordnet werden. Auch die Konfirmation bei evangelischen Christen oder die Kommunion bei katholischen Christen stellt eine Initation dar, wobei jene in einem christlichen rituellen Rahmen eingebettet sind, während es beim vorher genannten einfach nur die 18. Wiederholung des Geburtstages ist, welche zwar in den meisten Fällen mit einer rituellen Veranstaltung zelebriert wird - oft einen bis zum Verlust der Muttersprache andauernden Alkoholabusus - welcher aber nicht auf jenen Zustand des Erwachsenseins und seinen Konsequenzen, die sich daraus ergeben, abzielt.


Noch was anderes?
Im historischen oder ethnologischen Kontext wurde bzw. wird der Begriff und der Vorgang der Initation auch noch von anderen Seiten beleuchtet, welcher in den Gesellschaften der Industriestaaten bzw. innerhalb einer "modernen" Weltanschauung keinen Platz mehr haben.
Historisch und ethnologisch betrachtet - hier möchte ich mich auf kein Zeitalter oder eine bestimmte Kultur festlegen, da in unterschiedlichen Kulturen und Zeiten jenes Ereignis zu unterschiedlichen Zeitpunkten des Lebensalters und mit verschiedenen Methoden durchgeführt wurde - ist da zunächst einmal jene Initiation zu erwähnen, die ein Kind zum Erwachsenen macht. Wenn man auf der Zeitachse weit genug zurückgeht, kann man erfahren, dass ein Mensch spätestens mit zwölf bis vierzehn Jahren rituell in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen wurde. Diese rituelle Aufnahme stellte einen entscheidenden Einschnitt im Leben eines Menschen dar, welcher oftmals durch rituelle Verstümmelung, das Ertragen von Schmerzen durch rituell zugefügten Wunden oder Grenzerfahrungen durch zugeführte Entheogene ausgelöst wurde. Im Rahmen einer solchen Initation stirbt, oft symbolisch dargestellt, das Kind; wird von den Eltern, die vorher noch für es Sorge trugen, losgelöst, und erneut in die Gemeinschaft geboren - diesmal jedoch als erwachsene Frau oder erwachsener Mann.

Nach dieser Initation hatte der Mensch das Recht Kinder zeugen/haben, eigenen Besitzstand anzuhäufen und bei expansiven Kulturen eine Waffe tragen zu dürfen. Im Gegenzug war er u.a. verpflichtet, die Gemeinschaft zu verteidigen - oder im Falle eines Kriegszuges, mitzukämpfen und natürlich auch nötigenfalls sein Leben zu opfern oder in agrarischen Kulturen, etwa Abgaben an die Gemeinschaft zu leisten.


Doch auch in einem anderen Bereich ist der Begriff Initiation oder auch Einweihung, Einführung, Unterweisung u.ä. zu finden
Wenn man davon ausgeht, das eine spirituelle Komponente im Leben unserer Vorfahren eine Rolle spielte, kann man auch den Schluß ziehen, das es Menschen gab, die sich dieser spirituellen Komponente widmeten. Zunächst war diese Komponente wohl eher eine, die im Stammesverbund angesiedelt war und von Menschen ausgeführt und ausgeübt wurde, die zwar Teil jener Gesellschaft waren, aber von der Mehrheit als "anders" empfunden wurden.
Hier könnte man etwa anführen, das es Hinweise gibt, das jene Menschen eine pathologische oder psychische Erkrankung hatten, die sie vom "Normalen", also dem, was als Norm empfunden wurde, abwichen. Das konnten Verstümmelungen sein, die ihnen bei der Jagd auf Tiere von Jenen zugefügt wurden; psychische Störungen, die wir heute als Schizophrenie oder epileptische Anfälle diagnostizieren würden oder aber Neigungen, die man in der heutigen Zeit als zwanghafte künstlerische Betätigung ansehen würde.

Jene Menschen nehmen - dies kann man aus ethnologischen Studien von Stammeskulturen nachweisen - keine direkte Sonderstellung ein was das alltägliche Leben angeht, wohl aber in einem spirituellen und rituellen Kontext. Durch jene, von der soziokulturellen Gemeinschaft als "anders" empfundenen Attribute, wurde und wird jenen Menschen ein besonderer Zugang zu jenem eingeräumt, was man als natürliche Umgebung im Allgemeinen, dem spirituellen oder "göttlichen" im Besonderen bezeichnen kann. Im Umkehrschluß heißt das, dass jene Menschen durch ihren besonderen Zugang zur " Natur", dem "Göttlichen" oder dem "Spirituellen", auch in der Lage sein müßten, auf eine dem "normalen" Menschen nicht zugängliche Methodik, jene Natur, des Gottes, der Göttin oder den Göttern, zu kontaktieren und sie zu veranlassen, bestimmte Faktoren in positiver Weise für die Gemeinschaft zu verändern oder beeinflussen zu können.
Damit war der Stand des spirituellen Beraters und auch des spirituellen Heilers geschaffen, welcher sich noch heute in den verschiedensten Ausprägungen wiederfinden läßt - ob als Priester monotheistischer Religionen oder S´aman einer tungusischen Stammesgemeinschaft.

Und hier finden wir nun die religiöse bzw. spirituelle Initiation wieder - denn jener Mensch wurde von der Gemeinschaft dahingehend gefördert, sein Wissen um die positive Beeinflussung der Lebensumstände der spezifischen soziokulturellen Gruppierung - wozu oft auch die Hemmung oder negative Beeinflussung anderer, mit der Stammesgemeinschaft konkurrierender Gruppen gehörte - auch weiter zu geben.


Fähigkeiten und Alter
So entwickelten sich zwei nebeneinander liegende Initiationstränge, die sich auch überschneiden können, da eine spirituelle Initiation auch vom Lebensalter abhängig wurde. Zum einen also die Initiation in die Kultur, die Gesellschaft, vom Kind zum Mann oder zur Frau und zum anderen die Initation in einen Kultus, Ritus oder eine Religion bzw. in die Kommunikation mit den Göttern bzw. das, was wir allgemein als Natur beschreiben können.
Wie gezeigt, macht also der Begriff "Initation" nur dann einen Sinn, wenn es sich bei jener Einweihung oder Einführung um einen Prozeß handelt, welcher ein Individuum in eine bestehende soziokulturelle Gemeinschaft oder eine spezifische Gesellschaftsform integriert. Und weiters wird jene Sinnhaftigkeit nur dann nicht in Frage gestellt, wenn sich aus dieser Initiation verbindliche Rechte und Pflichten ergeben, die jenes Individuum für die Gemeinschaft konsequent wahrnimmt bzw. von ihr eingefordert werden kann.


Magister Botanicus


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