Ritual und Sprache
Um einen religiösen rituellen Raum zu schaffen, bedarf es oft einer Methode, den Alltag oder allgemeiner das sogenannte Profane, sichtbar und spürbar vom Religiösen oder Rituellen zu trennen.

Diese Trennung kann mittels verschiedenster Mittel geschaffen werden - etwa besondere Zeiten auszuwählen, wie Vollmond oder Neumond, besondere Tage zu schaffen, die an saisonalen oder stellaren Begebenheiten festgemacht werden, wie zum Beispiel der Tag nach dem Einbringen der letzten Korngarbe oder der Wintersonnenwende.
Weiters kann das Anlegen besonderer Zeremonialkleidung einen solchen rituellen Zeitpunkt markieren, auch das mit sich Tragen von besonderen Schmuckstücken oder anderen Accessoirs, wie (Prunk-)Schwertern, Schilden oder Speeren. Rituelle Feuer, augenscheinlich hier die überlieferten „Not-Feuer“ oder „Zwing-Feuer“ kennzeichnen einen zeitlichen Ritualraum genauso wie besondere Räucherungen, Speisen, Fastenzeiten und vieles mehr.


Der Mensch, das sprachbegabte Wesen
Eines der wichtigsten Instrumente für die Schaffung einer rituellen Situation, die Abgrenzung eines (religiösen) Rituals vom Alltag, ist jedoch die Sprache. Nicht umsonst kennt man aus der christlichen Religion etwa den Begriff der Liturgie, welcher eine formelhafte Artikulierung religiöser oder ritueller Inhalte beschreibt. Wer schon einmal bei einer in Latein gehaltenen katholischen Messe teilgenommen hat, weiß, dass es nicht nur die Sprache selbst, sondern auch die Lautmodulation und die Gestik ist, die einen großen Einfluß auf die Schaffung jenes rituellen und religiösen Raumes hat, der ja den Alltag ausschließen soll.
Dieser Ausschluß wird offenbar grundlegend durch eine dem Menschen innewohnende Beurteilung von Sprache verursacht, die so alt zu sein scheint, wie die Entwicklung des Sprachvermögens selbst. In Berichten über native Stämme, in denen Personen die heute ethnologisch mit dem verwaschenen Begriff „Schamane“ subsummiert werden können - wobei ich auf die Definition dieses Begriffes hier nicht näher eingehen möchte - spielt Sprache und Sprachmodulation zur Schaffung eines rituellen Raumes oder religiösen Kontext eine große Rolle. Der so agierende Mensch spricht etwa mit „fremden Zungen“; d.h. er benutzt eine Sprache oder eine Sprachmodulation, welche von der Alltagssprache genau so weit entfernt ist, dass er die Aufmerksamkeit der Zuhörer fesseln kann. Er schafft quasi einen verbalen Kreis um sie, welcher das Profane ausschließt und nur noch den rituellen Raum oder den religiösen Kontext beschreibt.


Die Melodie der Sprache
Dieser Effekt läßt sich sehr gut in der heute konsumierten Musik, besonders in der Popmusik, wiederfinden. Wenn z.B. ein englischer Text ins Deutsche übersetzt, an das deutsche Versmaß angepaßt und mit der selben Melodie vorgesungen wird, so löst der englische Text bei deutschsprachigen Hörern eine andere Reaktion aus, als der deutsche Text. Letzterer wird vom Gehirn mit dem Profanen verbunden, während der englische Text - selbst wenn der Hörer diesen Text ohne Probleme ins Deutsche übersetzen kann - ein Gefühl des Herausgehobenseins aus dem Alltag erzeugt. Dies kann man auch bei anderssprachigen Texten und in anderen Kulturen nachweisen - wobei natürlich die Melodie als Trägermedium des Textes nicht außer Acht gelassen werden darf.

Bei religiösen und rituellen Anlässen ist also die gesprochene Sprache, die Tonmodulation und die Gestik von großer Wichtigkeit. Hierbei sollte man drauf hinweisen, das monoton gesprochene Texte, egal in welcher Sprache sie gesprochen werden, oft eine „einschläfernde“ Wirkung besitzen - d.h. diese Methode eignet sich sehr gut dafür, um mögliche meditative oder „einstimmende“ Zustände zu schaffen bzw. für Rituale, in welchen Menschen sich auf ihr „Inneres“ oder ihr „Selbst“ konzentrieren können.
Theatralisch vorgetragener Text, unterstützt von entsprechender Gestik, schaffen ebenfalls einen abgegrenzten Raum, welcher sich aber in diesem Fall um den Sprecher konzentriert und den Zu-Hörer auch zum Zu-Schauer macht.
Während also die erste Methodik im Prinzip eine Diffusion des menschlichen Bewußtseins in einen in sich selbst geschaffenen rituellen Kontext oder religiösen Raum bewirkt, verdichtet die andere Methode diesen Raum bzw. den Kontext um das Individuum. Spirituelle Erfahrungen innerhalb des diffusen Umfeldes werden daher als „von Innen kommend“ empfunden, während Erlebnisse in der verdichteten Atmosphäre als „von Außen kommend“ empfunden werden.

Noch intensiver scheinen diese Phänomene auf, wenn für die (Er-)Schaffung jener rituellen Sphäre bzw. des religiösen Rahmens eine andere Sprache wie die gesprochen wird, derer man sich im Alltag bedient. Kommt nun hinzu, dass man auch noch die in der Gesellschaft ständig gewöhnte Stimm-Modulation verändert, indem man Betonungen anders setzt, Sequenzendungen „falsch“ intoniert oder lautmalerisch ungewöhnlich ausformt, erzeugt man damit eine Form eines bewußt „herausgehobenem“ Aufmerksamkeitsfeldes, welches den Alltag völlig ausklammern kann, da man zwar prinzipiell in der Lage ist, das Gehörte zu verstehen, aber das Gehirn - so die Zuhörer sich in den rituellen Rahmen auf die Gegebenheiten einlassen - sich einer profanen Übersetzung verweigert und versucht, intuitiv den Inhalt des Gehörten zu erfassen und sich dabei viel mehr an Modulation und Gestik orientiert - und natürlich auch all jene Therme mit einbeziehen kann, die sonst im täglichen Geschehen vom Bewußtsein ausgeblendet werden.


Ein fiktives Beispiel
So:

Ey, Alter, wir ham jez wider voll die krasse Kälte,
weissu, wird voll Winter jez, Schnee und so, Glatteis, scheiß Scheibenkratzen.
Und meine fucking Alten hängen hier auch rum, die Toten und so,
die komische Vorhänge sin weggezogn, und die checken voll was hier los ist.
Lass ma ´n Bier hinstelln und so´n paar Kekse,
damit die uns hier die Hütte nich plattmachen oder irgendwie sonst aufn Wecker gehen.

Oder so:

Beannaich, a Thrianailt fhioir nach gann
Mi fein, mo cheile agus mo chlann,
mo chlann mhaoth am mathair chaomh ´n an ceann,
air chlar chubhr nan raon, air airidh chaon nam beann,
air chlar chubhr nan raon, air airidh chaon nam beam.
(aus einem irisch-gälischen Bealtainne-Ritual)

Experimente haben allerdings gezeigt, dass erfundene Kunstsprachen, also Sprachen, die nachweislich nicht aus einer etymologischen Entwicklung entstanden sind, sondern lediglich frei lautmalerisch gesprochen werden, diesen Effekt nicht oder nur in geringen Maße besitzen.
Zum anderen kann man zeigen, dass eine von der gesprochenen Muttersprache weit entfernte, aber innerhalb der soziokulturellen Entwicklung früher gesprochenen Sprache, entsprechende Phänomene hervorrufen kann. Je näher die Sprache zur Erschaffung eines rituellen Raumes oder eines religiösen Kontext an der verstehbaren Linguistik ist, um so schwieriger wird es für den Zuhörer, jenen rituellen Raum wahrzunehmen oder in sich selbst zu erschaffen.


Magister Botanicus


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