Betreut von Anufa
´Wer bin denn du´?? WAHRgenommenes und das Ich
Nils Holgersson fliegt auf dem Rücken seines Ganters durch die Welt. Zeus verwandelte sich in einen Stier und entführte Europa. Kafka´s Gregor existiert als Käfer. Morrighan erscheint auf dem Schlachtfeld als Rabe.

Die böse aber schöne Hexe bietet als hässliche alte Vettel Schneewittchen den Apfel an. Der nette Nachbar, der zu Vollmond zu einem Werwolf mutiert, ist eigentlich ein ganz netter Kerl. Ägyptische Gottheiten mit Ibis- und Schakalköpfen, afrikanische Senufo-Masken mit allerlei tierischen Attributen, mystische Verwandlungen von Menschen in Tiere, von Tieren in Menschen und Menschen in andere Menschen. In Ovids Metamorphosen ebenso wie im Weltbild vieler indigenen Völker - überall finden sich Verwandlung, Umwandlung, Auflösung und Neugestaltung des menschlichen Seins. Es gibt wohl keinen Kulturkreis auf dieser Erde, in dem es derartige Mythen, Sagen oder Märchen nicht gäbe.
Natürlich ist es dem modernen Skeptiker ein Anliegen heraus zu finden, was denn nun hinter diesen ganzen Geschichten stecken mag. Viele Erklärungen haben sich im Laufe der Zeiten entwickelt. Wurden derartige Vorgänge in der Frühzeit dem göttlichen Einfluss zugeschrieben, so wurden sie später auf den Bund mit Dämonen und heute auf den Gebrauch von Rauschdrogen zurück geführt. All das hatte zu seiner Zeit den Anspruch, die Wahrheit zu sein - für mich ist es schlicht und ergreifend persönliche Wahrnehmung. Deshalb möchte ich auch gerne das Thema der Gestaltwandlung aus meiner ganz persönlichen Sicht beleuchten. Ich will diesmal nur meine Wahrnehmung beschreiben und nicht über die Realität oder die mögliche Entstehung derartiger Erlebnisse diskutieren - eine wissenschaftliche Beweisführung auf der Suche nach der Wahrheit, wäre in meinen Augen ohnehin mehr als aussichtslos.
Für mich gibt es viele Möglichkeiten die Gestalt zu verändern, das hat mir die Vergangenheit mehr als deutlich gezeigt.


Eins, zwei, drei - blinde Kuh
An einem schönen Sommertag saß ich in Glendalough (eine frühchristliche Klosteranlage in Co. Wicklow in Irland) an einem kleinen Wasserfall. So seltsam es vielleicht anmuten mag, ich saß dort, gut sichtbar, auf einem großen Stein und sang für die Wesen, die diesen Wasserfall und seine Umgebung bevölkerten. Es war noch sehr früh am Morgen, aber trotzdem kamen schon die ersten Touristen die kleine Schlucht herauf.
Subjektiv betrachtet hatte ich das Gefühl, mit diesem bemoosten Stein, dem Blattwerk hinter mir, dem Vogelgezwitscher und dem Wasser rund um mich verwachsen und verwoben zu sein. Mein Singen floss in den Gesang der Vögel, mein Kleid verband sich mit dem Moos und ich löste mich, in meiner Wahrnehmung, förmlich auf. Nach, für mich, ungefähr einer halben Stunde, fand ich langsam wieder zu mir. Ich war mir bewusst, wo ich war, hatte aber immer noch nicht zu singen aufgehört. Da bemerkte ich, dass es am anderen Ufer des kleinen Baches nur so vor Leuten wimmelte. Aber sie schienen mich seltsamer Weise nicht zu sehen. Bei Erwachsenen wäre mir das unter Umständen nicht seltsam vorgekommen - die hätten mich ignorieren können, weil es ihnen eventuell peinlich gewesen sein könnte, eine am Stein sitzende und singende Frau anzustarren. Was mich wirklich auffällig war, dass mich sehr wohl die Hunde ansahen, die an Leinen mitgeführt wurden, nicht aber die Kinder, die zwischendurch herumtollten. Erst als ich darüber wirklich bewusst erstaunt war und darüber auch zu singen aufhörte - da trafen mich die ersten Blicke.
Mein Reisegefährte erzählte mir, nachdem ich wieder beim Reisemobil angekommen war, dass er dreimal die Schlucht rauf und runtergegangen wäre, um mich zum Frühstück zu holen, mich aber nicht gefunden hätte. Alles in allem war ich drei Stunden weg gewesen... Unsichtbarkeit, auch eine Form der Wandlung, ist nur eine Kunst, wenn mensch sie bewusst hervorrufen will. Dann erfordert sie ein gerüttelt Maß an Konzentration und Können.


'Schön groß', 'schön stark' und 'schön mächtig' muß nicht schön sein
In meiner Tradition des Wicca ist es bei bestimmten Riten üblich, Götter in die Priesterschaft zu rufen, zu invozieren. Es gibt viele unterschiedliche Möglichkeiten, diese Invokationen durchzuführen und jede Tradition hat dabei ihre eigenen Mittel und Wege. Vor fast zwanzig Jahren war ich mit einem Zufallsbekannten unterwegs im Wienerwald. Wir diskutieren über Glaubenssysteme und deren kultische Besonderheiten. Dabei kamen wir auch auf Invokationen zu sprechen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich damit noch kaum Erfahrungen gesammelt, wusste aber um die Theorie dahinter.
Auf einer Waldlichtung wurde ich dann gefragt, ob ich bereit wäre, etwas auszuprobieren. Von Natur aus neugierig stimmte ich zu, was retrospektiv betrachtet ebenso leichtsinnig wie blauäugig gewesen ist. Mit langsamen Schritten gingen wir auf dieser Lichtung im Uhrzeigersinn, in einem großen Kreis. Ich ging voran und sollte einfach nur im ausgezählten Rhythmus atmen - weiter nichts. Nachdem sich meine erste Aufregung gelegt hatte, mein Atemrhythmus sich dem meines Bekannten hinter mir angepasst hatte, geschah auf einmal etwas Seltsames. In meiner Wahrnehmung begann ich zu wachsen. Mein Körper wurde schwerer, größer, breiter und männlicher. Ich fühlte, wie meine Füße anders auf dem Boden auftraten, meine Oberschenkel stärker wurden, meine Oberarme vor Kraft strotzten, mein Brustkorb sich weitete und meine Schultern breiter wurden. Mein Kopf wurde schwer nach vorne gezogen, denn da wären plötzlich Hörner auf meiner Stirn, gewunden, wie eine Mischung aus Widder und Steinbock. Die Sinneseindrücke wurden übermächtig - die Luft roch nach Sommer, Pflanzen und Tieren, die Geräusche des Waldes wurden zu einer Sprache, die ich im Stande war zu verstehen und in mir fühlte ich eine übermächtige Kraft, die ich nicht einordnen konnte. Plötzlich drangen bei jedem Schritt, den ich machte, durch meine Fersen zwei Schlangen ein. Sie schlängelten sich um meine Knochen und bewegten sich so nach oben bis zur Wirbelsäule, auf der sie sich zu überkreuzen begannen, um dann am höchsten Punkt meines Kopfes, zwischen den Hörnern, wieder auszutreten und zu Boden fielen. Das wiederholte sich einige Male.
Erst als ich zwei Hände auf meinen Schultern bemerkte, wurde ich langsam wieder zu meinem gewohnten Selbst. Genauso wie ich gewachsen war und mich verändert hatte, kehrte ich wieder in meine vorherige "normale" Gestalt zurück. Der Kreis, den wir gegangen waren, war tief in die Wiese eingetreten - wie vom Reigentanz einer ganzen Menschengruppe. Mein Bekannter beschrieb mir bis ins kleinste Detail, was er gesehen hatte. Das Bild, das sich ihm geboten hatte, stimmte mit dem, meiner Selbstwahrnehmung vollends überein. Auch bei diesem Erlebnis war die Zeit im Flug vergangen, aber diesmal blieben eindeutige körperliche Andenken an dieses Erlebnis zurück. Tagelang schmerzten meine Muskeln, besonders im Nacken, im Bauch und in den Beinen. Heute würde ich derartige Experimente, ohne vorherige Absprache sicher nicht mehr unternehmen... Mag es eine archaische Gottform, eine neuheidnische Projektion oder Hypnose gewesen sein - in Hinblick auf die Gesunderhaltung von Persönlichkeit und Geist war mir dieses Erlebnis eine Lehre. Selbst heute schaudert es mich noch, wenn ich an meinen unvorbereiteten, naiven Zustand, dieses nachfolgende Gefühl der Allmacht zurückdenke und was diese Wahrnehmung unter Umständen in mir hätte auslösen können.


Unverhofft kommt oft
Beim Besuch eines Ritualplatzes stolperte ich auf dem Hinweg über etwas. Als ich mich bückte um dieses Etwas aufzuheben, stellte ich fest, dass es sich um einen Schädel handelte. Er war vollkommen blank, mit Erde gefüllt und mit vollständigem Gebiss im Oberkiefer. Am angestrebten Platz angekommen, wusch ich den Schädel im Bach aus und setzte mich auf einen Baumstamm am Bachufer, mit Blick über ein abgeerntetes Weizenfeld. Die Sonne blinzelte durch das Blätterdach und gedankenverloren hielt ich den Schädel in meinen Händen.
Plötzlich hatte ich das Gefühl zu rennen - auf vier Pfoten. Ich hatte Schnurrbarthaare, in denen der Wind spielte und die Luft schmeckte vollkommen anders. Das Weizenfeld breitete sich in einer ungewohnten Perspektive vor mir aus. Unendlich weit erstreckte es sich vor mir im hellen Licht. Mein Fell wehte im Luftzug, meine Rute war lang gestreckt und ich beeilte mich über das Feld zu kommen, um am anderen Ende wieder in den Wald einzutauchen. Die Sonne war warm auf meinem Rücken und meine Pfoten trommelten auf die Erde, eine nach der anderen. Ich konnte den Untergrund fühlen, die Erde und die Halme. Meine Nase gab die Richtung an, in die ich lief - zu einem ganz bestimmten Platz am Waldrand.
Da saß ich wieder auf meinem Baumstamm und fühlte noch das Echo des gerade Erlebten. Am nächsten Tag befragte ich einen befreundeten Jäger nach dem Schädel, den ich gefunden hatte. Seiner Meinung nach handelte es sich um eine jüngere Füchsin. Nachdem ich ihn auch noch ausfragte, wie denn ein Fuchs eigentlich laufen würde - erntete ich zwar einige seltsame Blicke, aber die Antwort deckte sich mit meiner Wahrnehmung. Seit diesem Erlebnis haben sich noch zwei andere Fuchsschädel zu diesem ersten gesellt. Wie immer, ist das alles purer Zufall.

Wenn ich nun nur diese drei Beispiele nehme und sie mit Mythen aus den unterschiedlichsten Gegenden vergleiche, dann erscheinen mir alte Märchen nicht mehr so märchenhaft, sondern fast eher wie eine Gebrauchsanleitung. Eine derartige Schilderung hätte mich wohl in Inquisitionszeiten, unter der Anschuldigung der Gestaltwandlerei, auf den Scheiterhaufen gebracht. Heute würde sie mich, in unseren Breitengraden unter schlechten Vorzeichen, in die Psychiatrie bringen, diagnostiziert als schizophren mit zeitweisem Realitätsverlust. Vielleicht wäre derartiges Erleben aber auch in einer indigenen Stammeskultur Anlass genug gewesen, mich bei einem Schamanen in die Lehre zu schicken.
Tatsache ist, dass ich als Priesterin und Wicca ein ganz gewöhnliches bürgerliches Leben führe, in dem ich mich auf den ersten Blick wohl kaum schwerwiegend vom "durchschnittlichen Normalbürger" unterscheide. Meine Weltsicht aber, die entspricht wohl kaum dem, was hinlänglich als Wahrheit propagiert wird. Meine Wahrnehmung ist eine andere und manchmal kann ich sie, in dem einen oder anderen Aspekt, mit anderen teilen...


Anufa


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