Nagualismus
Beinahe jeder in der Eso-Szene kennt die Bücher Carlos Castanedas, in denen er seine angeblichen Erfahrungen mit dem Yaqui-Indianer und Mann des Wissens Juan Matos beschreibt. Ich habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass wenige die Zusammenhänge der Lehre, der Juan Matos anhängt, begriffen haben und hatte Lust einmal eine etwas tiefere, zusammenhängendere Darstellung zu liefern.

Hintergründe zu Carlos Castanedas Leben findet man detailliert unter http://sustainedaction.org/ daher verzichte ich im Rahmen dieses Artikels auf eine nähere Einführung. Wörter sind Werkzeuge und Konvention über Unbegreifliches und niemand kann mehr besitzen als nur eine Meinung, daher ist meine Einschätzung dieser komplexen Lehre als rein persönlich und ungenügend einzuschätzen. Genug Unwichtiges.


Was ist Nagualismus?
Nagualismus lässt sich eigentlich nur als eine bestimmte Weltsicht beschreiben, mit dem einzig gültigen und absoluten Ziel der absoluten Freiheit des Selbsts. Auch wenn verschiedene Methoden der Zauberei überliefert und möglicherweise auch angewendet werden, sind sie im Endeffekt vollkommen irrelevant. Man muss kein erleuchteter Meister sein, um zu erkennen, dass Menschen die meiste Zeit mit absolutem Unsinn beschäftigt sind. In Angesicht der Unendlichkeit und Einzigartigkeit der Schöpfung und angesichts des sicheren Todes schaffen sie es doch tatsächlich sich über derartige Lächerlichkeiten wie Geld, Beleidigungen oder Eifersucht zu ergehen und auf diese Weise durch ihr Leben zu schlingern. Ich will nicht sagen, dass manche Handlungen sinnvoller wären als andere, darum geht es überhaupt nicht. Wir wissen weder um Grund noch Ziel der Schöpfung, jede Handlung ist angesichts dieser einfachen Tatsache gleichermaßen belanglos oder bedeutungsvoll. Worauf es jedoch ankommt, ist das Bewusstsein, in der man sie unternimmt. Nimmt man sich ernst und erkennt nicht den Unsinn jeglicher Handlung, wird man in einem teuflischen Strudel von Enttäuschung oder Belohnung (welche beide unsere Taten bestimmen werden) gerissen. Kraft der operanten Konditionierung werden wir mehr und mehr fixiert in unseren Taten und Gedanken, Wollen und Können, unsere Persönlichkeit kristallisiert immer mehr von reinem Potential zu einer ausdefiniertem Struktur. Der Unterschied zwischen Nagualismus und vielen anderen Weltsichten ist, dass Nagualismus nicht danach strebt bestimmte, als negativ empfundene Charakteraspekte in positive umzuwandeln, vielmehr strebt es die Auflösung des Ego mit all seinen kleinlichen Ängsten und Bedürfnissen an. Dahinter steht jedoch keineswegs die Absicht die eigene Identität zu verlieren oder gar in eine ominösen Godhead zurückzukehren, sondern sein wirkliches Selbst entfalten zu können, bar jeglicher von außen auferlegter Zwänge. Hierzu werden die folgenden 4 Techniken verwendet, nicht immer in dieser Reinform und Reihenfolge, durch die innere Logik des Prozesses der „Selbstwerdung“ (ein Oxymoron, wenn es je eins gab) werden sie sich jedoch beinahe zwangsläufig ergeben.


Die Rekapitulation
Hier müssen wir zuerst einen kurzen Exkurs in Sachen Wahrnehmung und Energie unternehmen. Im Nagualismus wird Wahrnehmung als ein aktiver Prozess gesehen, in dem wir unter Einsatz von Energie uns in eine Position bewegen, die uns eine bestimmte Wahrnehmung ermöglicht. Als Menschen besitzen wir jedoch nur eine beschränkte Menge an eigener Energie, die, wenn wir sie nicht bewusst aus dieser gewählten Position befreien, dort verbleibt und es nur mehr ermöglicht eben jene Wahrnehmung zu tätigen. Auf diese Weise werden Menschen mit dem Alter immer starrer in ihren Ansichten und Verhaltensweisen, was sich auch in ihren Körpern (als Instrument der Wahrnehmung) durch eine zunehmende Erstarrung manifestiert. Die Rekapitulation ist eben jener Prozess, bei dem man versucht seine Handlungsfreiheit zurück zu gewinnen, in dem man seine gesamte Vergangenheit Schritt für Schritt durchforscht, um dabei seine eigene Energie zurückzufordern und die Energie der anderen Menschen (die einen ebenfalls an seinem Platz fixiert hält, wie jeder, der nach einer signifikanten Veränderung zu alten Bekannten zurückkehrt, bezeugen kann) zurück zu geben. Dies kann ein sehr schmerzhafter Prozess sein, da sich das eigene Selbstmitleid („Die anderen Menschen sind zu dumm/unsensibel/oberflächlich und dergleichen“ – Entschuldigungen, die wir andauernd verwenden um die Verantwortung bloß nicht selber haben zu müssen.) immer mehr und mehr offenkundig als reine Lüge und Schutzmechanismus herausstellt. Immer mehr stellt sich das eigene Leben und die oftmals als misslich empfundene Situation als reine Konsequenz der eigenen Handlungen heraus ohne jedoch die Mittel zu haben, es an diesem Punkt zu verändern. Dies ist eine Stelle, an der Menschen, die sehr nachdenklich und kritisch sind, sich häufig wieder finden, sie empfinden vieles in ihrem Leben als schmerzhaft und unerträglich, wissen jedoch nicht, wie sie es ändern könnten und verlieren sich in impotenten Zynismus.


Ein Mittel hierzu ist das Pirschen

Der Nagualismus geht davon aus, dass zwar unsere Vergangenheit unsere Wahrnehmung und damit unsere Vergangenheit bestimmt, jedoch es unsere Handlungen sind, die unser Selbstbild bestimmen und den Großteil unserer Energie ständig erschöpfen. Ich denke, wir alle wissen, wie sehr sich unser Empfinden ändern kann, wenn wir uns in einer vollkommen neuen, ungewohnten Situation wieder finden, die andere Handlungen erfordert. Menschen sind absolute Gewohnheitstiere. Wir schlafen in einer bestimmten Position, stehen zur üblichen Uhrzeit auf, begeben uns zuerst ins Bad, putzen uns auf dieselbe Weise wie immer die Zähne, oder auch nicht, etc. Unser Leben besteht größtenteils aus Routine. Wir haben Redewendungen, Musik, die wir mögen, essen, die meiste Zeit bewegen wir uns von einem Programm ins nächste. Es kann sehr lehrreich sein, wirklich einmal zu versuchen einen Tag lang nichts wie sonst zu machen. Mit dem anderen Fuß zuerst zu einer unmöglichen Zeit aufzustehen, mit links zu schreiben, etc. Pirschen ist nichts anderes als die Anwendung dieses Prinzips auf das gesamte Leben. Da jedoch jegliches neue Verhaltensmuster nur den alten Mustern entspringen würde, wird im Idealfall jemand anders (traditionellerweise ein Lehrer) das neue Verhalten bestimmen. (Eine Farbe nicht zu tragen, sich an 10 merkwürdige Gebote zu halten, kein Fleisch zu essen, egal was.) Dies mag vielleicht an die selbstherrlichen Praktiken diverser Gurus und Eltern erinnern, der Unterschied besteht jedoch darin, das diese versuchen die neue Persönlichkeit als Teil ihrer Gruppe zu fixieren, im Nagualismus jedoch das neue Verhalten, sobald es anfängt automatisch zu werden, wiederum ersetzt wird, so dass die Möglichkeit zwischen verschiedenen Mustern zu wechseln (zu Recht „Stimmungen“ genannt) immer mehr zur Selbstverständlichkeit wird und wir unser gesamtes Leben bewusster verbringen. (Jenen, die es tatsächlich kurz einmal versuchen, ja, es ist verdammt anstrengend, aber nur weil unsere Energie noch in den alten Mustern verhaftet ist.)
Besonders schätze ich hier die Technik des/der „kleinen TyrannenInnen“, die wunderbar den tiefen Humor der SeherInnen demonstriert: Jeder von uns kennt sie, Menschen, die uns ständig aus der Fassung bringen, wütend machen und uns einfach mit jeder Handlung und jedem Wort unglaublich nerven. Die SeherInnen betrachten diese Menschen als das größte Geschenk, das einem Pirscher zuteil werden kann. Sie lassen ihn nicht ruhen und sie sind so starrköpfig, dass sie sich sicher nie ihm/ihr zuliebe ändern werden. Selten hat man so sehr die Möglichkeit einen derart großen Drang zu überwinden und wirklich einmal dezidiert anders zu handeln und selten erlebt man so große Freude und so viel Spaß, wenn man bemerkt, wie sehr sich das Ergebnis unterscheidet, als wenn man in seinem üblichen Ping-Pong-Reaktionsverhalten gefangen wäre, vor allem auch im eigenen Empfinden.
Eine hilfreiche Technik für diesen Abschnitt ist es, den eigenen Tod als Verbündeten zu verwenden. Relativ einfach, man handelt in dem Bewusstsein, dass jegliche Handlung die man setzt, auch die letzte sein könnte (durchaus korrekt) und ich denke, die wenigsten Leute wollen ihre letzten Minuten damit verbringen, sich darüber zu ärgern, dass sie schon wieder nicht so freundlich gegrüßt wurden, wie sie es verdienen würden. Durch die zunehmende Fähigkeit das Alltagsleben zu meistern, spart ein Krieger (Pirscher) genug Energie um immer mehr das Nagual (das Unendliche, der Urgrund, das Unbenennbare etc.) wahrzunehmen und vor allem ist er auch diszipliniert genug um die Erfahrung nicht im Irrenhaus zu beenden.

„If seers can hold their own in facing petty tyrants, they can certainly face the unknown with impunity, and then they can even stand the presence of the unknowable. The average man's reaction is to think that the order of the statement should be reversed...but that's not so.“
- Don Juan Matos in Carlos Castaneda‘s „Fire From Within“

Hier, bevor wir uns dem Unbekannten zuwenden, möchte ich den ersten Teil meines Artikels beenden und hoffe, dass die Leser bis hier durchgehalten haben. Bis bald...


PCP


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